Bis an die Grenze von Janina Maier

Es heißt zwar alt werden ist nichts für Weicheier aber auch die zeit zwischen jung und alt hat es in sich. Man kommt mit sich selbst seiner Umwelt und allem manchmal nur schwer klar. Eine dieser schweren Zeiten beschreibt Janina Maier in ihrer Kurzgeschichte "Bis an die Grenze".

Teaser:

Sie liegt vor ihm. Macht an ihrem Zopf herum, schaut an die Decke, beißt auf ihre Unterlippe. Er schaut sie nachdenklich an. Weiß nicht, womit er anfangen soll, möchte es jedoch wissen. Schließlich holt er tief Luft und traut sich: »Was geht dir durch den Kopf?« Er denkt, dass dies eine äußerst lockere Frage ist. Für sie ist das jedoch nicht so. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Langsam dreht sie ihm ihren Kopf zu, dann ihren Körper und runzelt die Stirn. Hat eine undurchdringliche Miene, die aber weich wird, als sie zu reden beginnt: »Ich weiß es nicht. Also, ich weiß es doch. Aber es ist so viel. Ich weiß nicht, woher das alles so schnell kommen soll. In meinem Kopf ist es wie eine … Achterbahnfahrt, weißt du. Und sie hört nicht auf. Achterbahn, nur ungefähr fünf Millionen Mal schneller. Da sind Bilder, weißt du. Und Wörter. Und ganze Abschnitte. Und Gefühle.« Sie schließt kurz die Augen, öffnet sie dann wieder, um nachdenklich an die Decke zu blicken. Ihren Zopf löst sie langsam auf. »Wobei, Gefühle sind ja nicht im Kopf. Oder denke ich darüber nach, wie ich fühle?« Sie fährt sich mit der Hand durch ihr Gesicht. Ihr schönes …

ISBN: „978-3-96385-032-5“

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Bis an die Grenze

Sie liegt vor ihm. Macht an ihrem Zopf herum, schaut an die Decke, beißt auf ihre Unterlippe. Er schaut sie nachdenklich an. Weiß nicht, womit er anfangen soll, möchte es jedoch wissen. Schließlich holt er tief Luft und traut sich: »Was geht dir durch den Kopf?« Er denkt, dass dies eine äußerst lockere Frage ist. Für sie ist das jedoch nicht so. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Langsam dreht sie ihm ihren Kopf zu, dann ihren Körper und runzelt die Stirn. Hat eine undurchdringliche Miene, die aber weich wird, als sie zu reden beginnt: »Ich weiß es nicht. Also, ich weiß es doch. Aber es ist so viel. Ich weiß nicht, woher das alles so schnell kommen soll. In meinem Kopf ist es wie eine … Achterbahnfahrt, weißt du. Und sie hört nicht auf. Achterbahn, nur ungefähr fünf Millionen Mal schneller. Da sind Bilder, weißt du. Und Wörter. Und ganze Abschnitte. Und Gefühle.« Sie schließt kurz die Augen, öffnet sie dann wieder, um nachdenklich an die Decke zu blicken. Ihren Zopf löst sie langsam auf. »Wobei, Gefühle sind ja nicht im Kopf. Oder denke ich darüber nach, wie ich fühle?« Sie fährt sich mit der Hand durch ihr Gesicht. Ihr schönes Gesicht. Alles an ihr ist schön. Er weiß das, er hat aber auch schon ein Gespür dafür, dass sie kein oberflächlicher Mensch ist. Sie denkt zu viel. Viel zu viel über nichts, überlegt er. Und doch muss er weiterfragen: »Was sind das denn für Gefühle und Gedanken, die du hast?« Starr schaut sie wieder an die Decke. Blickt ihn schüchtern an. Sie weiß nicht, was sie mir sagen kann und was nicht, geht ihm durch den Kopf. Sie denkt, dass sie verrückt sei. Aber das ist sie nicht. »Na ja … ich denke, das ist zu viel für dich.« Sie lächelt schwach und wendet sich ab. Rasch streckt er seine Hand aus und berührt ihr Bein, sie zuckt zurück und schaut ihn an, eine Mischung aus Angst und Verwirrung in ihren Augen. Er räuspert sich und rutscht unauffällig ein Stück von ihr ab. Oh Gott, ist das kompliziert, denkt er. »Du kannst es mir sagen.« Er fixiert sie mit seinen Augen. Sie schaut zurück. Er hat das Gefühl, in ihrem Gesicht wie in einem Buch lesen zu können. Zumindest dort kann sie ihre Emotionen schlecht verbergen. Auch wenn sie das am liebsten möchte. Unter seinem bohrenden Blick scheint sie vor ihm zusammenzusacken. Und dann beginnt sie: »Na ja. Ich habe meistens Angst. Und diese Angst lähmt mich, fesselt mich ans Bett. Es macht mich ganz krank. Er weiß das. Er weiß genau, wie es mir geht, und damals ist er sogar daheim geblieben bei all diesen Partys, nur wegen mir. Aber das ist nicht richtig. So soll das nicht sein. Ich bin keine Freundin, die deswegen total ausrastet … das will ich zumindest nicht sein. Aber er kann es nicht nachvollziehen. Wie es mir dann geht. Und dann ist er doch feiern gegangen. Immer wieder. Um weg von mir und meinem Geheule zu kommen. Und ich denke mir, ist das fair? Ist das wirklich fair, dass ich mich so fühle und im Bett liege, während er Spaß hat? Denn ich will mir das natürlich am liebsten nicht anmerken lassen. Es geht aber meistens nicht, denn nun ja, es funktioniert ja auch nicht.« Ihre Stimme bricht, und er bemerkt Tränen in ihren Augen, was ihm einen schmerzhaften Stich in sein Herz versetzt. »Er entfernt sich von mir. Zumindest wird er das bald tun. Am Anfang war ich so selbstbewusst, so cool, keiner konnte mir was anhaben. Und jetzt bin ich schwach, ängstlich und – ich vertraue ihm nicht. Also, gar nicht. Aber ich vertraue nie jemandem. Vor allem Männern nicht.« Ihr Blick wandert über seine Decke, sein Fenster, sein Bett und schweift dann zu ihm. Sie scheint durch ihn hindurch zu blicken, nicht mehr mit ihm zu sprechen. »Er ist so rational denkend, und ich habe so viel in meinem Kopf, ich überlege die ganze Zeit, was er tun könnte, was mich verletzt. Ich habe deswegen schon oft Schluss gemacht. Um meinem Schmerz zu entkommen. Auch in meinen früheren Beziehungen. Wie scheiße die alle geendet haben. So übel.« Sie seufzt leise und verbirgt ihr Gesicht in ihren Händen. »Umso mehr ich weine, bettle, dass er bei mir bleibt, umso weniger wird er das tun. Und es wird nicht aufhören. Es wird immer schlimmer, je mehr er mir bedeutet«, flüstert sie in ihre Hände. Ihm wird bewusst, dass sie weint. Er ergreift ihre Hände und zieht sie langsam von ihrem Gesicht. »Ich kann dich verstehen«, sagt er mit der sanftesten Stimme, die er aufbringen kann. Er weiß genau, wie beruhigend sie wirkt. Das ist seine Chance. »Ich würde es verstehen. Ich würde bei dir bleiben.« Sie schaut spöttisch zu ihm auf, ihre Augen immer noch feucht. »Ich weiß genau, wieso du es sagst, und ich weiß, dass du es verstehst«, sagt sie ernst, aber ein sarkastisches Lächeln spielt um ihre Mundwinkel. Er richtet sich auf und fixiert sie weiterhin. Berührt leicht ihr Bein. Sie sagt nichts. Er kommt näher. Sie versteift sich. »Wieso bist du dann hier?«, flüstert er heiser in ihr Ohr. Rasch setzt sie sich auf, steht vom Bett auf und greift zur Weinflasche, die auf dem Nachttisch steht. Trinkt, ohne abzusetzen. Schaut ihm in die Augen, während sie das tut. Dann setzt sie die Weinflasche ab. »Ich weiß es nicht.« Sie rauft ihre Haare. »Er liebt mich, und ich bin zu dumm, um es zu verstehen. Ich liebe ihn auch – glaube ich. Ich habe so oft versucht, mir einzureden, dass ich es nicht tue, damit es nicht so wehtut, wenn er weggeht.« Sie nimmt einen weiteren Schluck aus der Weinflasche, wischt ihren Mund ab und setzt sich wieder aufs Bett.

Charlotte

Ich gucke ihn an, gleichgültig. ER hat sich seit mehreren Tagen nicht mehr gemeldet, seitdem ich noch mehr in unserer Wohnung geschrottet habe. Ihm gesagt habe, wie scheißegal er mir ist, wie sehr ich ihn hasse. Obwohl er alles für mich ist. Und dieser Typ, der vor mir sitzt – ich habe ihm alles erzählt. Eine tiefe Scham kommt in mir auf, die der Wein jedoch unterdrückt. Auch er trinkt nun aus der Weinflasche und schaut aus dem Fenster. Meine Gedanken kreisen um das letzte Wochenende, welches einigermaßen schön war. Er hatte seinen Abschluss gefeiert, und ich war dabei gewesen, hatte getanzt, gefeiert und so getan, als würde es mir blendend gehen. Nun, das muss ich jetzt nicht mehr. Ich nehme dem Typ neben mir die Weinflasche aus der Hand. Er beginnt, von sich zu erzählen. Seiner Vergangenheit. Ich höre mit halbem Ohr zu. Ich weiß, wieso ich hier bin. Ich weiß, wieso ER sich nicht mehr gemeldet hat. ER ist weggegangen. Ich habe SEINE Nachrichten gelesen und weiß, was er eventuell vorhat. Ich habe ihm geantwortet, ihn angefleht, es doch bitte bleiben zu lassen. Auch wenn er immer meinte, dass das, was er mache, kein Betrügen sei. Ich linse zu meiner Jackentasche hinüber, in der mein Handy liegt. Überlege, ob er vielleicht geantwortet hat. Ob das, was ich hier tue, überhaupt Sinn ergibt. Mir wird übel. Ob vor Angst oder Wut, ich weiß es nicht. Ich ertrage es nicht. In mir brodelt es.

Sven

Sie saß die ganze Zeit still da, als ich ihr mein Herz ausschüttete. Hörte sie mir zu oder nicht? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass sie plötzlich näher zu mir rückte, mich zu sich hinzog und ihren Mund auf meinen presste. Ich war überrascht. Wieso tut sie das?, denke ich mir. Aber ich lasse es geschehen. Natürlich lasse ich mir das nicht entgehen. Wenn es ihr hilft, denke ich mir. 

Charlotte

Als ich mich in die Bahn setze, habe ich ein schlechtes Gefühl im Bauch. Ich checke mein Handy, sehe keine Nachrichten von IHM, aber eine Facebook-Benachrichtigung, dass er mit ein paar Freunden wieder irgendwo feiern ist. Ich bin ziemlich betrunken. Ohne Alkohol hätte ich das wohl nicht getan, aber ich muss mich ja irgendwie selbst schützen. Wieso schreibt ER mir nicht endlich?, frage ich mich. Ist es wieder eine dieser Nächte, in der er sich gar nicht melden wird, erst wieder gegen Vormittag? Ich kann mir ausmalen, wieso dem so ist. Aber ich bin wirklich viel zu schwach, um darüber noch mehr nachzudenken. Nichts von IHM. Der Typ hat mir dafür geschrieben. Dass es schön war und wir uns doch wieder treffen sollen. Ich mache mein Handy aus und schaue aus dem verschmierten Fenster. Erblicke den Sonnenaufgang, der meine müden Augen blendet. Kurz bevor ich einnicke, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht bin ich nun gar nicht mehr besser als er. Das, was mich so wütend gemacht hat, habe ich selbst getan. Was für einen Menschen macht das aus mir? Dann kann ich meine Augen nicht mehr offenhalten. Ich schlafe ein, mit der Wärme der Sonne auf meinem Gesicht.

Als ich aus der Bahn steige, laufe ich zu unserer Wohnung. Es ist inzwischen wirklich heiß geworden, die Sonne knallt vom Himmel. Ich habe Kopfschmerzen und meine Augen brennen, doch ich bemerke es kaum. Die Treppen hinaufhastend, krame ich den Schlüssel aus meiner Tasche. Ich schließe die Tür auf, meine Augen streifen hektisch durch die Räume. Er ist nicht da, das Bett ist gemacht. Ich ziehe meinen Koffer darunter hervor und beginne, die Schubladen meiner Kommode zu öffnen und Kleider herauszuziehen. Danach packe ich meinen Kulturbeutel. Eins nach dem anderen. Als ich fertig bin, wandere ich noch einmal durch die Räume. Auf dem Esstisch stehen die roten Rosen, die er mir letztes Mal gekauft hat, nachdem er sich zwei Tage nicht gemeldet hat. Ich drehe mich auf dem Absatz um und laufe zur Tür, Leere in mir.

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