Blitzbesuch von Sabine Heydel

Teaser:

Ich liege unbequem. In der Eile konnte ich meine Flügel nicht richtig anlegen. Und er wusste es
sowieso nicht. Außerdem war er viel zu aufgeregt.
Die Bänder, mit denen er mich auf einer Art Tisch festgeschnallt hat, schneiden in meine Haut. Er
steht mit dem Rücken zu mir und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Aber die sind so wirr wie
seine Locken und ebenso ungebändigt.
Er hat mich nur kurz betrachtet...

ISBN: "978-3-96385-025-7"

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Ich liege unbequem. In der Eile konnte ich meine Flügel nicht richtig anlegen. Und er wusste es sowieso nicht. Außerdem war er viel zu aufgeregt.

Die Bänder, mit denen er mich auf einer Art Tisch festgeschnallt hat, schneiden in meine Haut. Er steht mit dem Rücken zu mir und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Aber die sind so wirr wie seine Locken und ebenso ungebändigt.

Er hat mich nur kurz betrachtet, nachdem er mich festgeschnallt hatte. Auch meinen Knöchel kurz berührt. Aber nur, um festzustellen, ob das, was ich trage, wirklich meine Kleidung und nicht meine Haut ist.

Kurze Zeit hat er überlegte, aus was der Stoff, den er befühlt hatte, wohl bestehen würde.

Dann hat er sich wieder seinen Geräten zugewandt. Ich habe keine Chance. Er ist nur mit sich und seinen Knöpfen beschäftigt. So konzentriere ich mich auf meine Fesseln und lasse sie dünner und dünner werden, bis ich sie mit Leichtigkeit zerreißen kann.

Vorsichtig setze ich mich auf und breite endliche meine Flügel aus. Nicht ganz, dazu ist der Raum viel zu klein. Ich kann es immer noch nicht fassen, wie jemand in so kleinen Räumen existieren kann. Sicherlich wäre er erstaunt, unsere Behausungen zu sehen. Oder den großen Saal, in dem wir uns versammeln. Natürlich muss er groß sein, um uns allen Platz zu bieten. Vor allem wenn wir, erregt durch Diskussionen, mit den Flügeln schlagen.

Auf dem kleinen Tisch neben mir entdecke ich meinen Haarring. Ich trage mein Haar immer zu einem Zopf zusammengebunden mitten auf dem Kopf, damit es ihn wie einen Helm umschließt.

Mein Haar ist rot. Ebenso wie bei meinen Geschlechtsgenossinnen. Nicht so leuchtend und schon gar nicht so lang, dicht und wundervoll gelockt wie bei den meisten von ihnen.

Dafür glänzt es leicht golden, wenn die Sonne es beleuchtet.

Plötzlich dreht er sich um. Als er mich aufrecht sitzen sieht, weiten sich seine Augen. Doch noch ehe er reagieren kann, hefte ich ihn an die Wand. Mein Wille lässt ihn, ein Stück über den Boden, flach an der Wand kleben. An dem einzigen freien, schmalen Stück zwischen all den Geräten mit unzähligen Knöpfen, Schaltern und bunten Lichtern. Auch seine Hände, die Flächen zur Wand, und jeder einzelne Finger scheinen fest mit den Untergrund verbunden.

Seine Augen sind noch immer vor Schreck weit offen. Auch Ungläubigkeit spiegelt sich darin, Schweiß steht ihm auf der Stirn.

Nun stehe ich vor ihm und kann ihm zum ersten Mal richtig ins Gesicht schauen. Seine Verwirrung steigt. langsam öffne ich ein wenig meine Flügel und fächle ihm Luft zu.

Seine Gedanken sind noch immer ein einziger Wirrwarr. Doch langsam wird er ruhiger.

Ich versuche, zu ihm vorzudringen. Es ist sehr schwierig. Er versteht nicht, was ich möchte, noch nicht.

Dann, ein winziger Moment des Erkennens und der Aufnahme. Nur ein Bild kann ich ihm schenken. Es erinnert ihn an einen Ort in seiner Heimat und gibt ihm ein Gefühl des Friedens. Bäume. Mächtige, riesige Bäume. Ein Wald, licht, wo das Sonnenlicht bis auf den Boden dringt und Moos und Gras saftig grün wachsen lässt. Ein Ort, am dem ich schon als Kind gern wandelte. Der mir Raum gibt und gleichzeitig Geborgenheit.

Er fühlt es ebenso. Ich kann es spüren.

Er möchte seine Hand bewegen. Ich gebe sie ihm frei. Vorsichtig hebt er den Arm. Mir scheint, er hat Angst, das Gleichgewicht zu verlieren. Doch er überwindet sich, und vorsichtig, ganz sacht berührt er meine Wange. Er öffnet den Mund, doch er vermag nicht zu sprechen.

Ich spüre seine Verwirrung, irgendwie zwischen Freude und der Angst vor dem Unbekanntem. Für einen kurzen Moment genieße ich die Wärme seiner Fingerspitzen auf meiner Haut. Wir sind eins – ein Geist.

Schnell, zu schnell ist dieser Augenblick vorbei. Ich registriere Bewegung im Schiff und reiße mich los.

Erst als ich an der Ausgangsluke stehe, lasse ich ihn von der Wand. langsam rutscht er nach unten. Bis er wieder fest auf dem Boden steht, habe ich bereits die erste Tür wieder hinter mir geschlossen und stehe schon vor dem Außenschott. Jetzt steht er an der Tür, die Stirn gegen die kleine Scheibe gepresst. Er hat Angst, Angst um mich.

In diesem Moment beschließe ich, ein weiteres Mal ungehorsam zu sein und wiederzukommen. Ich drücke den Knopf, welcher das Außenschott öffnet. Ein Signal ertönt. Nun muss ich mich aber beeilen. Nur kurz schaue ich zurück, lächle ihm zu. Er blickt ungläubig.

Seine Hände tauchen neben seinem Gesicht auf. So, als wolle er mich packen, mich zurückhalten. Aber schon bin ich seinen Blicken entschwunden.

Er muss mehrmals blinzeln um sich wieder an das Dämmerlicht der Station zu gewöhnen. Es war nur ein kurzer, intensiver Lichtblitz gewesen, und dieses Wesen war verschwunden, das Außenschott dicht.

Sie muss er nur einen Spalt geöffnet haben. Sonst hätte das Schließen länger gedauert.

Er steht noch immer an der inneren Tür, als sein Kamerad hereinkommt und ihn fragt, warum in aller Welt er denn die Außenluke geöffnet habe.

Er dreht sich nicht um, als er versichert, es wäre nur ein Fehlalarm gewesen. Die Luke habe sich nie geöffnet.

Kopfschüttelnd setzt sich der Andere ans Pult und beginnt, die Funktionen und Anzeigen zu überprüfen.

Ohne ein weiteres Wort verlässt er den Raum, noch immer den Lichtblitz vor Augen. Wie eingebrannt in die Netzhaut. In seinem Quartier legt er sich auf die Liege, den Blick ins All gerichtet.

Wie viele Sterne, denkt er. Doch nun sucht er den einen, den, auf dem sie zu Hause sein muss.

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