Das Geschenk von Jim Flagranti

Geben ist Seeliger als nehmen. Besonders in der Weihnachtszeit. In dieser Geschichte steht ein Mann vor einer wichtigen Entscheidung. Helfen oder nicht helfen. Lest selbst nach, ob unser Protagonist die richtige Entscheidung getroffen hat.

Teaser:

Vorweihnachtszeit im ausklingenden vorigen Jahrtausend, in meinem Gebrauchtcomputerladen bei
Zürich. Kunden, die sich damals in diesen Shop begaben, weil ihnen der Elektrodiscounter gegenüber
immer noch zu teuer war, hatten in der Regel eine ganz spezielle Einstellung zum Einkaufen.
Einige drohten, andere jammerten, viele klauten ...

ISBN: "978-3-96385-035-6"

Die Kurzgeschichte direkt hier lesen:

Vorweihnachtszeit im ausklingenden vorigen Jahrtausend, in meinem Gebrauchtcomputerladen bei
Zürich. Kunden, die sich damals in diesen Shop begaben, weil ihnen der Elektrodiscounter gegenüber
immer noch zu teuer war, hatten in der Regel eine ganz spezielle Einstellung zum Einkaufen.
Einige drohten, andere jammerten, viele klauten – und praktisch alle nervten. Wenn auch zugegebenermaßen
auf wirklich lukrativem Niveau.
Durch ganz besondere Werbemaßnahmen von „oben“ setzte sich unsere Klientel damals zu einem
bemerkenswerten Anteil aus sozial Randständigen, Drogenabhängigen und Glücksrittern aus praktisch
allen, na ja, jedenfalls aus ziemlich vielen Nationen zusammen.
Ich war Manager, Techniker, Einkäufer, Animateur und Rausschmeißer in Personalunion.
Der Umsatz hatte sich nach meiner Übernahme innerhalb von wenigen Monaten verhundertfacht
(!), ich hatte wie ein Geisteskranker expandiert, umgebaut, Leute eingestellt und war zwar irgendwann
wohlhabend, aber seelisch nahezu bankrott.
Nach einem typischen 14–16-Stunden-Tag saß ich nicht selten hinter meinem Schreibtisch, tackerte
wie Ebenezer Scrooge’s böser Zwilling die Tageseinnahmen ins System und platzierte jeweils die
Bareinnahmen im Buchhaltungssafe.
So viel zum Alltag zwischen Januar und November.
Im Dezember schienen alle Menschen nochmal zusätzlich aufzudrehen. Als ob es darum ginge,
sich durch den rechtzeitigen Einkauf von Gebrauchtcomputern vorm Jüngsten Gericht in Sicherheit
bringen zu können. Es kam hinzu, dass wir in dieser Phase mit rudimentärem Onlineshopping begonnen
hatten, abgerundet durch massive Faxwerbung.
Der Laden war also permanent voller Geisteskranker, und die, die es nicht vor Ort schafften, nervten
so gut es ging per Telefon: Bestellungen, Sonderwünsche, Drohungen, Wehklagen, Preisdramen
und anschließend nicht selten trotzdem Stornos waren damals keine Seltenheit.
Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Aber ich habe damals niemanden umgebracht und auch
den Laden nicht angezündet. Auch wenn die Argumente für beides täglich erdrückender wurden.
Reibach bringende Vorweihnachtszeit …
Irgendwann in der letzten Vorweihnachtswoche 1999, die Lagerbestände neigten sich ihrem unerbittlichen
Ende vor den Feiertagen zu, rief ein Mann mit einem ungewöhnlichen dreiteiligen Namen
an. Er NERVTE. Aber er hätte auch genervt, wenn er Müller geheißen hätte. Mich hat damals
eigentlich alles genervt. Wer bekommt die letzten Computer des Jahres? Wem versaue ich durch
Nichtlieferung das Weihnachtsfest?
Was lassen sich die Leute noch alles einfallen, um ihre Rechnungen nicht zahlen zu müssen? Wo
geht mir zu allem Übel die Provision verloren, weil irgend so ein Spaßvogel die Nachnahme verweigert?
Dieser dreiteilig-namige Mann war ungewöhnlich ruhig und sprach gefasst und geerdet zu mir.
Trotzdem wirkte er gehetzt, als ob ihm irgendetwas im Nacken sitzen würde.
Der verliebte, alte kleine Junge
Es war damals bestimmt nicht die empathischste Woche meines Lebens, aber irgendetwas ließ
mich diesem Mann aufmerksam zuhören. Er wollte einen unserer allerletzten Verkaufsschlager-PCs
für seine Tochter bestellen. Er hatte es ihr zu Weihnachten versprochen und war nirgendwo mehr
fündig geworden.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gefühlte 5748 Lügen, Schmähungen, Erpressungsversuche und Fakebestellungen
hinter mir. Und nun rief jemand an, der einen der letzten, begehrten Computer „für
seine Tochter“ wollte. Er versprach, auch im Voraus zu bezahlen, wenn das nötig wäre. Er schickte
mir auch eine Ausweiskopie. Nur solle ich um Himmels willen diesen Computer rechtzeitig verschicken.
Er wäre zudem auch nicht mobil.
Ich weiß heute wirklich nicht mehr, warum. Aber ich nahm seine Bestellung auf, samt seinem ungewöhnlichen,
dreiteiligen Namen, seiner ebenfalls ungewöhnlichen Adresse und dem Namen seiner
Tochter. Dann sicherte ich ihm im Lager das letzte Exemplar, das ich ihm schließlich noch herrichten
und prüfen ließ, und machte es persönlich versandfertig.
Irgendetwas an der Art des Anrufers ließ mir damals keine andere Wahl.
Er rief anschließend noch zweimal an, um sich zu vergewissern, dass alles wie besprochen in Ordnung
ginge.
Wie sich zeigte, kam das Paket mit dem Weihnachtsgeschenk an die Tochter, allem Vorweihnachtsterror
zum Trotz, rechtzeitig und am Stück an.
Das Weihnachtsgeschäft 1999 beendete ich dann mit einem Rekordergebnis und beginnendem
Dachschaden, aber mein persönliches Weihnachtsfest im Ruhrgebiet bei meinen Lieben war zum
Glück über alle Maßen harmonisch und ließ mich fast alles im Vorfeld vergessen.
Anfang Januar öffneten wir dann wieder unsere Pforten. Die Computeranlage hatte wider Erwarten
den Sprung ins neue Jahrtausend unbeschadet überstanden, und auch neue Ware hatte uns wieder
erreicht.
Die Ruhe war trotzdem erstmal gespenstisch. Überhaupt kein Vergleich zur Vorweihnachtszeit. Als
ich sicher sein konnte, dass über die Feiertage keine Katastrophen entstanden waren, gönnte ich
mir eine Kaffeepause mit Gebäck und meiner Zürcher Tageszeitung.
Beim Weiterblättern bei den lokalen Todesanzeigen stolperte ich über einen ungewöhnlichen Namen,
der mir irgendwie bekannt vorkam …
Auch bei der Traueradresse klingelte es. Verdammt, auch der Name der trauernden Tochter war mir
vertraut. Das konnte doch nicht sein?
Sofort ging ich die Versandkopien der Vorweihnachtswoche durch, glich die Versandadresse mit der
Traueradresse ab und hatte schnell beklemmende Gewissheit: Der Mann mit dem ungewöhnlichen,
dreiteiligen Namen war offenbar schwer krank gewesen und musste kurz nach unserem letzten
Telefonat gestorben sein.
Und eine der letzten Handlungen seines ausklingenden Lebens bestand aus eben dieser Bestellung
eines Computers für seine Tochter, weil er es ihr versprochen hatte.
Hätte ich ihn „abgewimmelt“, wie es im Dezember eigentlich mein erster Impuls gewesen war, hätte
ich mir in diesem Moment selbst eine reingehauen.
Diese Erfahrung hat mich damals extrem berührt, aber auch nachdenklich gestimmt.
Ich begann darauf hin, meine Lebensweichen neu zu stellen, habe schließlich die hektische, wenn
auch lukrative IT Branche verlassen und den wichtigeren Dingen des Lebens anderen Raum gegeben.
Und so, wie ich vielleicht diesem mir unbekannten Mann in den letzten Momenten seines ausklingenden
Lebens helfen konnte, half er irgendwie auch mir bei den ersten Momenten meines neuen
Lebens.
Dies einen unerwarteten Pakt zu nennen, wäre vielleicht zu hoch gestochen. Aber in jedem Fall war
es ein Geschenk.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!