Der Fluch von Nupalaris von Udo Rottmann

Könige, Prinzessinnen, Flüche, Spionage und Intrigen. Die Kurzgeschichte "Der Fluch von Nupalaris" hat alles, was man sich von gutem Mittelalterfantasy erhoffen kann.

Teaser:

Die drückende Hitze der Augustsonne war verantwortlich für ausgedorrte Felder und herabfallende, orangefarbene Blätter der Bäume. Dort wo einst Flüsse und Seen Leben spendeten, sah man fingerbreite Risse in staubiger Erde. Die Menschen in den Regionen waren durstig und wurden zunehmend kraftlos. Die ehemals prunkvolle Stadt Nupalaris war von Armut und Trostlosigkeit gezeichnet, vertrocknete Gebüsche und kranke Menschen repräsentierten …

ISBN: „978-3-96385-034-9“

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Prolog

Die drückende Hitze der Augustsonne war verantwortlich für ausgedorrte Felder und herabfallende, orangefarbene Blätter der Bäume. Dort wo einst Flüsse und Seen Leben spendeten, sah man fingerbreite Risse in staubiger Erde. Die Menschen in den Regionen waren durstig und wurden zunehmend kraftlos. Die ehemals prunkvolle Stadt Nupalaris war von Armut und Trostlosigkeit gezeichnet, vertrocknete Gebüsche und kranke Menschen repräsentierten die Straßen. Knorrige Bäume vermochten es nicht mehr, ausreichend Schatten zu spenden. Eher wurden sie, besonders in dicht bebauten Gebieten, unter der tropischen Sonne zur Brandgefahr. Wegen des fehlenden Regens wurden vom König Rationierungsmaßnahmen getroffen. Kein Bewohner der Stadt konnte sich erinnern, je solch einen glühenden Sommer erlebt zu haben. Nicht weit entfernt floss in früheren Zeiten ein Wasserfall, und grüne, satte Bäume hatten sich zu einem idyllischen Wald verdichtet.

Was als brütend heißer Sommer begann, entflammte zur regelrechten Hölle. König Hesbarot kämpfte schwer mit den infernalen Temperaturen, die Nupalaris heimgesucht hatten. Von den vielen Beerensträuchern war nichts geblieben, außer brüchigen, nackten Ästen. Nicht einmal Vögel interessierten sich noch für das tote Gestrüpp, das noch vor einem Jahr endlos viele Früchte getragen hatte. Felder waren vertrocknet, als hätte ihnen irgendetwas alles Leben aus dem Boden gesaugt. Jäger fanden kaum noch Wildtiere, ohne die äußeren Grenzen zu heidnischen Stämmen zu passieren. In nächtlichen Schauergeschichten wurde erzählt, seit einiger Zeit würden dort Himmelsgötter besungen und mit Opferfesten geehrt.

Aus Sorge um die Zukunft seiner Stadt und des restlichen Landes entsandte der König seine Tochter, Prinzessin Isilda, um nach Herdang zu reisen. Dort sollte sie ihren Onkel, den jüngeren Bruder des Königs und Statthalter von Herdang, um Hilfe bitten. Schon in alten Zeiten stand er seinem älteren Bruder oft mit Rat und Tat zur Seite. Nur zu groß war die Hoffnung des Königs, auch in dieser bitteren Stunde einen Weg aus dieser aussichtslosen Lage zu finden.

Aufbruch nach Herdang

Seit Stunden saß die Prinzessin in der knarzenden Kutsche, auf dem Weg zu ihrem Onkel in Herdang. Begleitet wurde sie hierbei von ihrem Kutscher, vier berittenen Soldaten und einem geistlichen Gelehrten, der ihr Trost und Halt spenden sollte.

»Keine Sorge, meine Prinzessin, diese dunklen Tage werden vergehen und Nupalaris wird zu altem Glanz wiederfinden«, sprach der Gelehrte zur Prinzessin, während die Kutsche langsam durch den Wald holperte.

Der Weg schien ihr endlos in diesem Brutkasten und sie bereute es, nicht mehr Trinkwasser mitgenommen zu haben. Sie wollte sich erst gar nicht vorstellen, wie glühend heiß die Rüstungen der Soldaten wohl sein mussten.

»Das hoffe ich sehr. Es scheint mir nur immer noch unverständlich, dass es nur unser Königreich zu betreffen scheint. Als hätte die Sonne Spaß daran, unsere Natur zu verbrennen«, antwortete die Prinzessin. Sie schob den Vorhang der Kabine zur Seite und sah aus dem offenen Fenster. Sie erblickte kahle Bäume, sprödes Geäst und gelbes spärliches Gras. Vor einem alten ausgetrockneten Baumstamm erblickte sie ein totes Tier, das vermutlich einmal ein Eichhörnchen gewesen war.

»Jedenfalls hoffe ich sehr, dass mein Onkel in dieser dunklen Stunde Rat für uns hat«, fügte sie seufzend hinzu.

Die Prinzessin, die ihr zwanzigstes Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, besaß lange braune Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Ein helles beiges Kleid betonte ihre dunkle sonnengebräunte Haut. Eigentlich wollte sie sich hübsch machen, so wie es sich für eine Prinzessin gehörte. Doch irgendetwas störte sie. Sie konnte sich nicht erklären was, doch sie fühlte sich nicht wohl in der Gegenwart des Gelehrten. Wurde sie von dem Gelehrten hin und wieder angestarrt? Sie war sich nicht sicher, und immer wenn sie erwägte, seinen Blick zu erwidern, sah dieser aus dem Fenster. Das seltsame Gefühl stellte sich dadurch jedoch nicht ein.

Sie ritten und ratterten dahin, vorbei an kargen Wäldern, verbrannten Wiesen und eingetrockneten Gräben, die einst Flüsse gewesen waren. Mit dem Gelehrten wechselte die Prinzessin kaum ein Wort und auch wenn es ihr gutgetan hätte, mit jemandem zu reden, über diese Schweigsamkeit war sie nicht betrübt.

Am Abend desselben Tages erreichten sie das Ende des Waldes, der bereits zum Gebiet ihres Onkels gehörte. Prinzessin Isilda war froh, den Weg ohne Zwischenfälle erreicht zu haben. Barbarische Völker ergriffen immer mehr Besitz von den königlichen Ländereien und schlachteten Mensch und Tier gleichermaßen ab. Soweit sie sich erinnern konnte, war dies ihr erster Sommer, in dem sie sich nicht ohne Begleitschutz weiter als bis zum inneren Waldrand begeben durfte. Als Kind war das natürlich ähnlich gewesen, doch erst seit sie zu einer jungen Frau heranwuchs, war ihr es erlaubt, sich frei zu bewegen. Nun sah sie aus der Kutsche und erblickte die großen, weißen Mauern, die Herdang schützten. Sie waren bei ihrem Onkel angekommen. Die Dämmerung war längst hereingebrochen, doch das letzte bisschen Sonnenlicht reichte, um das eindrucksvolle Mauerwerk erstrahlen zu

lassen. Beiläufig, so als ob sie vergessen hätte, weshalb sie ursprünglich aufgebrochen war, stellte sie fest, wie harmonisch alles wirkte. Der Wald, der mittlerweile mehrere hundert Meter hinter ihnen lag, war von sattem Grün, und hochgewachsene, kräftige Bäume mit dichten Kronen präsentierten ihre Schönheit, und bunte Pflanzen zierten den Weg, den sie mit der Kutsche nahmen.

»Seht, Prinzessin. Wir sind angekommen. Morgen werden wir vielleicht erfahren, ob und wie uns Euer Onkel helfen kann«, sprach der Gelehrte, während er mit seinem Zeigefinger auf die Stadt vor ihnen wies.

»Ich hoffe sehr, wir werden heute noch erfahren, was unserer Stadt zuteilgeworden ist. Es hat sich Gott sei Dank noch nicht herumgesprochen, doch mir scheint es wie ein Fluch. Alte Menschen und Babys sterben. Nicht, weil ihre Zeitspanne beendet wäre. Sie sterben, weil ihre Körper den Temperaturen nicht gewachsen sind. Gottlose Völkergruppen belagern unsere Grenzen und töten wahllos unsere Tiere. Und anstatt diese zu verzehren, lassen sie diese einfach verwesen. Und wie durch einen Fluch vertrocknen unsere Wälder exakt innerhalb unserer Grenzen und kein Tier, das sich zu schlachten lohnt, verläuft sich freiwillig hinein. Nein, ich hoffe nicht, dass wir bis morgen warten müssen, um einen Rat zu bekommen«, entgegnete Prinzessin Isilda mit sorgenvoller Miene.

»Meint ihr denn, euer Onkel kann Euch diesbezüglich helfen?«, wollte der Gelehrte wissen.

Sie hätte schwören können, ein verstecktes, angriffslustiges Lächeln erkannt zu haben. Seine nahezu zusammengewachsenen Augenbrauen und die lange Hakennase verstärkten diesen Eindruck.

»Öffnet die Tore, Gesandte des Königs sind gekommen«, hörte sie Rufe von den Verteidigungsmauern erschallen.

Die Tore öffneten sich und die Prinzessin und ihre Begleiter passierten das Tor zu Herdang.

 

Ankunft in Herdang

Prinzessin Isilda saß und speiste zusammen mit ihren Begleitern und ihrem Onkel an einer reichhaltigen, schier überfüllten Tafel. Es gab Essen in allen erdenklichen Variationen: vom saftigen, dampfenden Schweinebraten über gekochte Kartoffeln, bishin zu Gemüse in verschiedensten Farben. Es gab Wasser, um den Durst zu stillen und Wein und Met, um die Kehle über alle Maße zu befeuchten. Kronleuchter hingen glanzvoll über dem Buffet, und edle Vorhänge mit religiösen Mustern zierten die eingerahmten Fenster. Fackeln hingen an den Wänden und spendeten, zusammen mit dem Feuer des Kamins Wärme und Licht.

»Ich hoffe, es schmeckt dir und entspricht deinen Erwartungen«, schmatzte der Onkel, während er zwinkernd und mit warmem Lächeln in die Richtung der Prinzessin blickte.

»Oh ja, es ist vorzüglich, wirklich ausgezeichnet. Bestellt Eurem Koch mein aufrichtiges Dankeschön«, antworte die Prinzessin, nicht weniger schmatzend und mit vollem Mund. Im Hause ihres Onkels hielt sie sich nicht immer an die Gepflogenheiten, die ihr als Prinzessin eigentlich auferlegt waren. Seit sie sich erinnern konnte, schätzte und liebte sie ihren Onkel. In früheren Zeiten war sie oft mit ihm und ihrem Vater in den Wäldern, als sie das Jagen erlernt hatte. Sie schwelgte sofort wieder in alten Zeiten und vergaß für eine Weile, wie dramatisch es um das eigene Königreich stand. Sie genoss es, wieder in freudige und volle Gesichter blicken zu können.

»Ich nehme an, du bist nicht umsonst hierhergekommen. Was verschafft mir also die Ehre, euch heute hier in Empfang nehmen zu dürfen?«, fragte ihr Onkel, während er sich eine Gänsekeule in seinen Mund steckte.

»Nun, um ganz ehrlich zu sein, Onkel ... Ich bin nicht ganz sicher, wie ich das sagen soll. Vielleicht ist es besser, es dir später zu erzählen. Wenn wir in Ruhe sprechen können«, gab sie mit betrübter Miene zurück.

Ihr Onkel zog eine Augenbraue hoch, erkannte aber die Ernsthaftigkeit ihrer Rede und nickte ihr verständnisvoll zu.

Nach dem Mahl ruhten ihre vier Soldaten und der Kutscher in bereitgestellten Zimmern auf Betten und erholten sich von der langen Reise. Prinzessin Isilda, ihr Onkel und des Prinzessin Berater saßen jedoch in einem kleinen Raum an einem hölzernen Tisch und sprachen über die Ereignisse der vergangenen Monate. Ein kleines Kaminfeuer knisterte und verbreitete den rußigen Geruch, der Behaglichkeit verspricht.

»Nun, was du mir hier erzählst, ist nicht gerade erfreulich. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, was zu tun ist. Doch so wie ich das sehe, ist das nichts, was ich mit meinen Vorräten oder meinen Streitkräften beheben könnte«, sprach ihr Onkel zur Prinzessin.

»Aber irgendetwas muss es doch geben? Irgendwie muss es doch einen Grund haben, wieso unser Land den Zorn der Natur auf sich gezogen hat?«, hakte sie nach. Ihre Stimme klang müde, schon fast hilflos.

»Entschuldigt, wenn ich mich einmische, Eure Hoheit, aber ich glaube, Euer Onkel hat recht. Vermutlich erleben wir gerade nur eine dunkle Zeit und müssen geduldig sein«, wandte der Gelehrte ein.

»Nein, ganz so habe ich das nicht gemeint«, erklärte ihr Onkel nun mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Isilda, du weißt, dass ich nie viel von Hexen, Magie oder Ähnlichem gehalten habe. Aber das, was du mir schilderst, erinnert mich sehr an meine jungen Tage, an denen ich von meinen Gelehrten unterrichtet wurde. Für mich war das nie groß von Belang, doch erinnere ich mich an eine ähnliche Geschichte, wie sie einem anderen Volk widerfahren sein soll. Damals passierte etwas erschreckend Gleichartiges in einem anderen Königreich. Wenn es wahr ist, was die Legenden besagen, und glaube mir, ich hoffe inbrünstig, dass das nicht der Fall ist, dann liegt ein uralter Fluch auf eurem Königreich«.

»Ein Fluch? Herr, das ist unmöglich. Es ist ja nicht so, als seien Ungeheuer in unseren Landen. Einzig die Sonne macht uns zu schaffen. So ist auch der ein oder andere einfältige Hitzkopf in unserer Stadt zu erklären, nämlich ...«

»Schweig!«, fauchte Prinzessin Isilda den Gelehrten an. »Ihr wisst genau so gut wie ich, dass das nicht alles ist. Dass das nicht alles sein kann!«

Ihr Gesicht bebte vor Zorn und und in ihren Augen loderte ein Feuer. Ihr Onkel sah sie verblüfft an, und selbst sie war geschockt. Derart zornig und herrisch hatte sie sich noch nie erlebt. Aber es stand auch noch nie so abgrundtief tragisch um ihres Vaters Volk.

»Meinem Vater geht es nicht gut. Er weilt seit Tagen in seinem Bett und krümmt sich dort vor Schmerzen. Er wird immer kraftloser, so als altere er in Windeseile. Ich kann und möchte nicht länger tatenlos zusehen. Etwas muss geschehen! Onkel, bitte, du musst uns helfen!«, flehte sie ihren Onkel an, während sie bereits die salzigen, warmen Tropfen spürte, die ihr aus ihren geröteten Augen liefen.

»Isilda, wenn es wahr ist, was die Geschichten besagen, dann ist dieser brütende Sommer erst der Anfang einer neuen Ära, wie es vor 1000 Jahren schon einmal geschehen ist. Es heißt, Geschöpfe aus der Unterwelt, ehemals Vertriebene durch den damaligen König Hudarius, wandeln seit ihrer Vertreibung im Exil als Untote im Dunkeln umher und versuchen zurück in die Welt der Lebenden zu kommen«, flüsterte ihr Onkel mit stets wachsamen Blick, so als hätte er Angst, beobachtet oder gehört zu werden.

»Ich hielt das immer für Humbug, den sich Leute erzählen, die sonst nichts zu berichten haben. Aber seit mehreren Wochen haben wir leider selbst erleben müssen, dass etwas...«, er stockte. »Dass etwas nicht stimmt, in unseren Wäldern«, fügte ihr Onkel mit gesenktem Blick hinzu.

»Aber wie sollten denn solche Untoten unbemerkt wieder an die Oberfläche kommen? Das sind doch nichts weiter als Sagen und Geschichten längst vergangener Tage. Ich finde, wir sollten nichts überstürzen und uns in unnötige Besorgnis begeben. Eine Panik, verursacht durch unhaltbare Spekulationen, hilft uns in dieser schweren Zeit nicht weiter«, gab der Gelehrte mit beschwichtigenden Handbewegungen zu bedenken.

Bildete sich Isilda das alles nur ein, oder wurde es in diesem Zimmer immer wärmer? Das Flackern des Feuers musste in den letzten Minuten in hoch

schlagende Flammen übergegangen sein. Trotz ihres luftigen Kleides spürte sie, wie ihr die Hitze die Röte ins Gesicht trieb. Auch ihr Onkel sah mit seinem roten Gesicht aus, als hätte er fünf Flaschen Wein geleert. Sicherlich hatte er sich zu ihrem Abendessen das ein oder andere Glas gegönnt, aber er erreichte mit seiner kräftigen Statur bestimmt nicht sofort einen Rauschzustand.

Sie fragte sich, woher dieses seltsame, kaum zu greifende Gefühl in ihr kam. Irgendetwas stimmte nicht, sie fühlte sich beobachtet, als sei eine Macht präsent, die hier nicht hätte sein dürfen. Sie blickte sich mehrmals um und war sich nicht mehr sicher, ob sie nicht selbst zu viel Alkohol abbekommen hatte.

»Nein, eine Panik darf auf gar keinen Fall riskiert werden. Wir müssen äußerst vorsichtig vorgehen, solange wir nicht genau wissen, was wirklich hinter all diesen Dingen steckt. Aber seit knapp vier Wochen vermissen wir einige Bürger unserer Stadt. Den letzten, den ein Händler zufällig gefunden hatte, fand er in zwei Hälften gerissen, auf einer Lichtung. Irgendetwas Seltsames geht vor, und ich bin nicht sicher, ob ich nicht doch langsam beginne, an die Sagen vergangener Tage zu glauben«, hörte sie ihren Onkel noch sagen.

Er sah im Schimmer des Feuers plötzlich verändert aus, irgendwie größer und älter als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Gesichtszüge waren weich, und dennoch lag eine Stärke in ihnen, die sie nicht beschreiben konnte. Ihr wurde schwindelig und sie wischte sich mit ihrem Ärmel den Schweiß von ihrer Stirn. Der Raum begann dunkler zu werden, und Gegenstände schienen ineinanderzufließen. Sie spürte die Gegenwart einer Macht, welche ihre menschlichen Sinne nicht zu greifen vermochten. Doch mit jedem Versuch der Prinzessin, sich zu beruhigen und dem Gespräch zu folgen, driftete sie mehr in einen nebulösen Zustand. Abrupt hörte ihr Herz für einen Moment auf zu schlagen. Der Gelehrte blickte sie plötzlich mit durchdringenden gelb leuchtenden Augen und einer Feindseligkeit an, die ihr den letzten Glauben an das Gute raubte. Sein Gesicht war nicht mehr das eines Menschen. Er hatte etwas zwischen seinen Schultern, das eher einem Schakals- oder Wolfskopf glich. Sie schloss die Augen, aus Angst weiterhin diese tierähnliche Fratze zu sehen. Als sie sie erneut öffnete, blickte sie in das Gesicht des Gelehrten, der sie schelmisch angriente. Sie schien den Verstand verloren zu haben. Womöglich doch zu viel Wein. Was auch immer es war, es war mehr, als sie ertrug, um bei Bewusstsein zu bleiben.

»Isilda! Um Gottes Willen, was ist mit dir?«, hörte sie ihren Onkel brüllen.

Während sie zu Boden kippte, sah sie noch verschwommen, wie die Tür aufgeschlagen wurde und ihre Soldaten hereinstürmten.

 

Herber Rückschlag

Als sie erwachte, lag sie in einem Bett mit Blick in Richtung Holztür. Der Raum war klein und spartanisch eingerichtet. Sie hatte ein kleines Nachtkästchen neben sich und spürte einen nassen Lappen auf ihrer Stirn. Als sie sich an den vergangenen Abend zu erinnern versuchte, meldete sich sofort ein stechender Schmerz in ihrem Kopf. Sie hatte Albträume gehabt. Anders konnte es nicht gewesen sein. Sie träumte von seltsamen Wesen, die sich aus dem Dunkeln in die Welt der Lebenden kämpften, aus der Tiefe an die Oberfläche. Sie träumte von alten Flüchen und praktizierenden Schamanen, von absonderlichen Gestalten. Druiden, die mit Schakalsmasken um Feuer tanzten und unverständliche Laute summten. Grotesk aussehende Dämonen, die aus dem Schatten emporstiegen, eingehüllt in haarige zottelige Körper. Der Gelehrte! Sie träumte von ihm. Die bruchstückhaften Ausschnitte des letzten Abends brannten sich erneut in ihrem Kopf ein.

Isilda nahm den Lappen von ihrer Stirn und richtete sich auf. Sie fühlte eine kleine Beule auf ihrer Stirn, ein Beweis dessen, dass sie zu tief ins Glas gesehen hatte und gestürzt war. Aber war es wirklich so gewesen? Die Tür ging auf.

»Prinzessin, seid Ihr in Ordnung? Entschuldigt die Störung, aber ich wollte nach Euch sehen. Ich habe veranlasst, dass man Euch gut versorgt und dass es Euch an nichts fehlt«, überraschte sie der Anführer ihrer Leibgarde.

»Ja, es geht mir gut. Danke. Was ist passiert? Wieso bin ich hier, und wo ist mein Onkel?«, fragte die Prinzessin, während sie sich die Decke von ihrem Körper streifen wollte. Gerade noch im letzten Moment bemerkte sie, dass sie, außer Unterwäsche gar nichts anhatte. Sichtlich errötet, starrte sie nun wieder zu dem Soldaten und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

»Prinzessin«, sprach der Soldat bewusst langsam und mit trauriger Miene. »Ihr Onkel … er … er erlag einer schlimmen Verletzung. Er wurde gestern tot im Wald aufgefunden«.

»Was? Aber? Aber wie ist das möglich? Gestern Abend waren wir doch noch … wir

saßen doch noch zusammen …?«, stotterte sie nun und verstand die Welt nicht mehr. Sie dachte schon daran, den Soldaten für seine unangebrachten Scherze zurechtzuweisen, hatte aber noch nicht genügend Kraft und Geistesgegenwart, sich voll und ganz zu artikulieren.

»Es tut mir leid, Eure Hoheit. Dieser Abend liegt nun bereits drei Tage zurück. In derselben Nacht ist der Gelehrte in die Wälder gegangen, weil er etwas Dringendes zu erledigen hatte. Ihr Onkel hatte offenbar eine wichtige Erkenntnis, weshalb er mit einer Truppe berittener Soldaten die Verfolgung aufnahm«, versuchte ihr der hochgewachsene, im Gesicht vernarbte Krieger schonend beizubringen.

»Nein!«, schrie die Prinzessin plötzlich aus Leibeskräften. »Das ist nicht wahr! Woher wollt ihr das wissen?«

Ihr schossen die Tränen aus den Augen, und jetzt war es auch egal, dass sich die Decke von ihrem Oberkörper als Sichtschutz verabschiedet hatte. Sie weinte so sehr, dass sie sich verkrampfte und Adern an ihrem Hals sichtbar herausquetschten.

Der Soldat, der sich höchstwahrscheinlich gewünscht hätte, nicht als Überbringer der Botschaft auserwählt worden zu sein, verließ den Raum und ließ die Türe sanft ins Schloss gleiten.

Isilda lag in ihrem neuen Bett und schluchzte, bis die letzte Träne versiegte. Ihr Hals schmerzte allmählich, und sie fühlte sich so leer und kraftlos wie seit langem nicht mehr. Sie versuchte, sich an alles zu erinnern, was an jenem letzten Abend – wenn es stimmte, was der Soldat ihr erzählt hatte – geschehen war. Sie sah das Festmahl, große Teller gefüllt mit warmen Speisen, kerzenbestückte Kronleuchter an der verzierten Decke und wuselndes Küchenpersonal. Mehr als sie erwartet hatte. Überhaupt war der Vergleich mit ihrer eigenen Stadt absurd. Während die Bewohner ihrer eigenen Stadt hungerten, gab es hier Nahrung im Überfluss. Sie fühlte sich schuldig. Trug sie vielleicht Schuld an ihrem leidenden Volk? Hätte sie schon früher etwas unternehmen sollen? War ihr Onkel womöglich nur ihretwegen hinaus in die Wälder und – ihr Atem stockte bei diesem Gedanken – war sie dann vielleicht für den Tod ihres Onkels verantwortlich?

Sie schüttelte den Gedanken ab, und versuchte sich zu besinnen. Noch immer wusste sie nicht genau, was wirklich vorgefallen war. Sie war hier in diesem Zimmer, ihr Kopf schmerzte, und sie wurde von ihrem besten Soldaten bewacht. Vermutlich hatte sie ihm Unrecht getan, ihn so anzuschreien. Noch dazu in dieser unangemessenen Lage. Sie sah an ihrem Körper hinunter und schämte sich. Doch bevor sie sich zu viele Überlegungen um die vermeintlichen Gedankengänge des Soldaten machen konnte, schoss ihr plötzlich ein anderer Impuls durch den Kopf, den sie bisher komplett ignoriert hatte. Der Gelehrte. Wieso war er alleine abgehauen? Und war ihr Onkel etwa seinetwegen in die Wälder?

Isilda stand auf, zog sich an und schritt zur Tür.

 

Die Suche nach dem Gelehrten

Nachdem sich Prinzessin Isilda die gesamte Situation erklären ließ und sich – etwas schüchtern – bei dem Soldatenführer für ihr aufgebrachtes Verhalten entschuldigt hatte, befahl sie ihren Begleitern, den plötzlich verschwundenen Gelehrten aufzusuchen. Sie war sich sicher, dass er irgendetwas mit dem Tod ihres Onkels zu tun hatte. Wie ihr berichtet wurde, hatte man den in Stücke gerissenen Leichnam ihres Onkels aufgelesen. Seine Leibgarde wurde ebenfalls zerfetzt an Bäume lehnend vorgefunden. Etwas Gigantisches musste über sie hergefallen sein.

So saß sie in ihrer Kutsche, während der Pferdelenker den vermeintlichen Weg – der schnellste aus der Stadt in den Wald – wählte, begleitet von ihren vier berittenen Soldaten. Sie blickte aus dem Fenster und sah den grünen Wald, die dicken Baumstämme und die farbenfrohe Pflanzenvielfalt. Das Zwitschern der Vögel beruhigte sie ein wenig und sie ließ den Abend, an dem ihr Onkel noch würdevoll an einem Stück war und lebte, Revue passieren.

Schon nach kurzer Zeit blendete ihr Hirn den Vogelgesang jedoch aus und schaffte Platz für andere, bösartigere Gedanken. Die absonderlichen Bilder des Gelehrten, diese unmenschliche Hülle und der todbringende Blick, mit dem er sie anstarrte, wollten ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. War es möglich, dass etwas an den Sagen und Erzählungen ihres Onkels Wirklichkeit war? Zumindest hatte sie keine andere Erklärung für die brenzlige Lage ihres Landes. Außerdem war sie doch nicht verrückt, oder? Vielmehr fragte sie sich immer öfter, ob ihr Onkel den Gelehrten genauso wahrgenommen hatte, wie sie an jenem Abend. Ob die Gestalt vielleicht nicht einem Fiebertraum geschuldet war, sondern einer neuen, wenn auch grotesken Wirklichkeit? Sie schüttelte diese Gedanken wieder ab und versuchte sich nicht noch weiter hinzusteigern.

Nachdem sie stundenlang gewundenen Wegen durch immer tiefer bewachsene Wälder gefolgt waren, hatte die Dämmerung eingesetzt, und ein blutroter Vollmond hüllte den Wald in gedämpftes Nachtlicht. Ein rauer Wind zog durch die Bäume, und kleine Tiere versteckten sich unter Gestrüpp und Unterholz. Auf eine beunruhigende Art verunsicherte sie das Verhalten dieser Geschöpfe. Kam es ihr nur so vor oder hatten sie nicht nur Angst vor dem aufkommenden Sturm? Nach einer weiteren Stunde der Trostlosigkeit stockte ihr plötzlich der Atem. Ein lautes Heulen von Wölfen durchbrach das Geräusch des Windes. Das Jaulen war so fern und doch so kräftig, als stünde einer der Wölfe direkt neben ihr. Die Pferde begannen wie vom Teufel besessen zu wiehern. Der Kutscher hatte alle Mühe damit, seine Gäule ruhig zu halten. Prinzessin Isilda sah aus dem Fenster, konnte jedoch kaum etwas mehr als dunkle Schatten erkennen. Bestimmt herumwirbelnde Blätter und verängstigte Tiere, die sich in Sicherheit bringen wollten. Die Bäume bogen sich gefährlich nah zum Boden und sahen aus wie knöcherige Finger, die sich ihrer im Schatten der Nacht bemächtigen wollten. Hatte sie bisher nicht an verwunschene Wälder geglaubt, so tat sie es spätestens jetzt. Durch den pfeifenden Wind konnte sie kaum noch etwas hören, aber sie spürte es.

Etwas Bedrohliches, das sie sich nicht erklären konnte. Sie hatte das Gefühl, etwas Urgewaltiges lauere in diesen Wäldern, etwas das seit Jahrtausenden hier in diese Welt gehörte, ebenso wie die Tiere und die Pflanzen, die sie kannte.

»Wir müssen fort von hier. Die Pferde drehen durch. Irgendetwas macht ihnen Angst«, rief der Hauptmann der Truppe.

Sie hörte die Panik, die sich in seiner Stimme widerspiegelte. Etwas Großes, Schwerfälliges bewegte sich in den Büschen neben ihnen und die Prinzessin hörte das Knacken von Holz. Sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie wirklich herausfinden wollte, wieso der Gelehrte aus der Stadt verschwunden war. Ihr Puls begann in die Höhe zu schießen und jetzt wurde auch sie von Panik gepackt. Plötzlich erscholl ein Gebrüll, wie sie es noch nie gehört hatte. Einer der Soldaten wurde nahezu von seinem Pferd geschleudert, als es sich vor Furcht aufbäumte.

»Um Himmels willen, was ist das für ein Monster!«, schrie einer der Soldaten, ehe das Ungetüm zum Sprung ansetzte und den Reiter samt Pferd mit einer seiner riesigen Pranken hinwegfegte. Während der Soldat in die Luft geschleudert wurde und einen schmerzhaften Schrei ausstieß, krachte der Gaul gegen einen Baum und ein lautes Knacken hallte durch den Wald. Ob es sich um die Knochen des Tieres oder um die Rinde des Baumes handelte, konnte die Prinzessin nicht sagen. Sie saß wie versteinert in ihrem Wagen und starrte ungläubig aus dem Fenster. Sie erstarrte beim Anblick dieser haarigen Bestie. Eine wolfsähnliche Gestalt mit der Masse von mindestens zwei ausgewachsenen Pferden und gigantischen Klauen stieß ein finsteres Grollen aus und entblößte dabei seine riesigen Zähne, die sie an tödliche Speerspitzen erinnerten.

Ehe die Truppe auch nur reagieren konnte, griff es erneut an. Blitzschnell sprang es auf den nächsten Soldaten und riss ihn von seinem Ross. Während das Pferd zu Boden fiel, wurde der eben noch darauf reitende Soldat heruntergeschleudert und von dem Höllengeschöpf zerfetzt. Das weit aufklaffende Maul des Monstrums schnappte zu und seine todbringenden Zähne bohrten sich in den Nacken des Kriegers. Nach nur wenigen Sekunden war der schmerzliche Todesschrei verhallt und eine Blutfontäne schoss aus dem Hals des Toten.

»Flieht, Prinzessin! Flieht«, brüllte der Hauptmann, zog Schwert und Schild und stürmte auf das Biest zu. Noch ehe er in dessen Reichweite kam, machte es ruckartig kehrt und rannte auf allen vieren ebenso auf den Soldaten zu. Die Pferde des Kutschers bäumten sich auf und begannen davon zu preschen. Die Prinzessin wurde darin hin und her geschleudert. Sie stieß sich die Ellenbogen und ihren Kopf an der hölzernen Innenverkleidung. Der Kutscher, der die Kontrolle über die Pferde völlig verloren hatte, machte jedoch keine Anstalten, die Tiere auch nur für eine einzige Sekunde zur Ruhe zu bewegen. Die Prinzessin hatte noch nie zuvor eine solche Angst wie in jenen Sekunden gespürt, nie zuvor hatte sie Grausameres gesehen. Sie waren jedoch kaum mehr als ein paar Steinwürfe entfernt, da verlor die Kutsche das Gleichgewicht und fiel um. Die Prinzessin wurde herumgerissen und traf mit ihrem Kopf auf einen Stein. Höllischer Schmerz durchzuckte sie und warmes Blut tropfte von ihrer Schläfe.

»Hilfeee!«, hörte sie noch den Pferdelenker schreien, bevor auch dieser Ruf schlagartig versiegte. Sie krabbelte aus dem Wagen und versuchte sich in all der Hektik zu verstecken. Sie wusste nicht, ob man sich vor diesem Ding überhaupt verstecken konnte, aber sie wollte es auf jeden Fall versuchen. Auf allen vieren kroch sie über den Weg und sah schützendes Unterholz, auf das sie, geblendet von Furcht, zusteuerte. Sie war noch nicht angekommen, da hörte sie langsame, sich nähernde Schritte auf sich zu bewegen. Panisch blickte sie nach links und sah der Teufelsgestalt nun direkt auf ihre blutverschmierte Schnauze. Irgendetwas tropfte von dem zotteligen Fell. Das Ungeheuer stierte sie mit todbringenden, zu engen Schlitzen verengten Augen an, bereit, sie ins Reich der Toten zu befördern. Das Monster begann zu rennen, sprang von seinen Hinterbeinen ab und öffnete sein geiferndes Maul. Doch bevor es die Prinzessin erwischte, stellte sich der Hauptmann in den Weg und streckte der Bestie sein Schwert entgegen. Der mutige Krieger stand mit seinem Rücken zur Prinzessin, und sie konnte sehen, wie ihm das Blut aus der Rüstung rann. Wie durch ein Wunder stieß der Hauptmann in dem Moment zu und duckte sich, gerade noch rechtzeitig, nach unten, sodass der Wolf über ihn hinwegflog, aufgeschlitzt vom Schwert des Kriegers. Ein schmerzhaftes Brüllen zerriss die Dunkelheit, und die Prinzessin spürte, wie sich die Welt um sie herum ein Stück weit veränderte. Sie stand zitternd und wie angewurzelt am Wegesrand und war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Ihr Gehirn befahl ihr, sofort zu fliehen, doch die Signale drangen nicht bis zu ihren Muskeln durch.

Die Bauchseite des Geschöpfes klaffte auf, nachdem sich das Schwert des Hauptmannes wie ein Pflug in das Fleisch des Wolfes gegraben hatte und Blut im Mondschein aufblitzte. Der Krieger stützte sich auf einem Knie ab und rang nach Atem. Er war ein erprobter Kämpfer, der schon etliche Schlachten geschlagen und viele Duelle für sich entschieden hatte, jedoch hatte er noch nie ein solches Monstrum zum Feind gehabt. Die Bestie schlug hin und schrie in einem solch gellenden Laut, dass sich alles in der Prinzessin zusammenzog. Der übergroße Wolf lag blutend im Dreck und war nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Das Ungetüm rappelte sich langsam auf und kroch wie ein verkrüppeltes Monster auf die Prinzessin zu. Sie war sich sicher, ihr Ende sei gekommen. Doch der Krieger hob sein Schwert erneut und stieß es von oben herab in den Rücken es Monsters. Wieder erscholl ein gewaltiger Laut durch den Wald. Dieses Mal war es der Todesschrei der Bestie, denn der Hauptmann drehte das Schwert im Fleisch des Wolfes, und die Prinzessin hörte Knochen und Knorpel knacken.

 

Rückkehr nach Nupalaris

Nachdem das Leben der Prinzessin durch den Hauptmann gerettet worden war, ritten die beiden – nachdem sie weitere zwei Wochen in Herdang genesen konnten – in Gefolgschaft weiterer Soldaten nach Nupalaris zurück, um von den Vorfällen zu berichten.

Bereits bei ihrer Anreise durch die Wälder bemerkte die Prinzessin den schlammigen Morast, die sprießenden Pilze, das satte Grün der Bäume und den Duft von frischem Tau. Die ehemals kargen Grasflecken verdichteten sich wieder zu Wiesen und Insekten flogen surrend umher.

Nupalaris selbst hatte sich ebenfalls verändert. Es war nicht mehr das leidvolle verdorrte Stück Land, das es gewesen war, als die Prinzessin es verlassen hatte. Es konnte noch nicht an die alten Zeiten anknüpfen, doch erinnerte es teilweise an die glanzvollen Tage, wie die Prinzessin sie kannte.

Auch der König war wieder wohlauf, und als er die Prinzessin im Empfang nahm, wollte er jedes Detail ihrer Reise wissen. Auch wenn es ihn sehr betrübte, über den Tod seines Bruders zu erfahren, so erfreute ihn die Nachricht des gebrochenen Fluches und der Aufschwung seines Landes.

»Oh Isilda, wie froh ich bin, dich wieder in meine Arme schließen zu können. Es gleicht einem Wunder, aber der Tag, an dem dieser Wolf getötet wurde, muss derselbe gewesen sein, an dem es bei uns wieder regnete«, sprach der Vater lächelnd und mit Tränen in den Augen, bevor er seine Tochter erneut in die Arme schloss.

»Ja, Vater. Es ist schön, dass es dir und den Menschen dieser Stadt wieder besser geht«, antwortete die Prinzessin, ebenfalls unter Tränen.

»Das Einzige, was sich mir nicht ganz erschließt, ist die Flucht meines Gelehrten. Du sagst, er sei grundlos aus der Stadt geflohen, doch das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Ich hatte ihn beauftragt, nachts in den Wald zu gehen und bestimmte Kräuter zu finden. In Pflanzenkunde war er sehr bewandert und ich befahl ihm, nachts unbemerkt die Stadt zu verlassen und ein Heilmittel gegen die schleichenden Krankheiten in unseren Landen zu finden. Dein Onkel und ich waren Brüder und zugleich die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Doch aus irgendeinem Grund misstraute ich ihm. Ich kann mir selbst nicht erklären, weshalb, doch fürchtete ich, er wollte mir meinen Thron streitig machen. Wenn es wahr ist, was du sagst, dann musste dein Onkel den Vorgang beobachtet und versucht haben, den Gelehrten zu beseitigen«, offenbarte ihr der König seine Vermutung mit leidvollem Gesichtsausdruck.

Die Prinzessin erstarrte in diesem Moment. Konnte es sein, dass sie nicht betrunken gewesen war, sondern jemand gezielt ihr Essen vergiftet hatte? Vielleicht, um auch sie der Thronnachfolge zu entledigen? Hatte der Gelehrte eventuell versucht, sie auf eine spezielle Art vor dem Feind in Wolfsgestalt zu warnen, während sie sich schon in einem lebensbedrohenden Zustand befand? Und standen die barbarischen Völker gegebenenfalls einfach nur unter dem Einfluss ihres Onkels und waren beauftragt

worden, die Stadt und die Landesgrenzen ihres Vaters bewusst von der Außenwelt abzuschneiden und zu manipulieren? War es wirklich ihr Onkel, der zerfetzt im Wald aufgefunden wurde?

Sie hat es nie erfahren, denn weder ihr Onkel noch der Gelehrte wurden jemals wieder gesehen.

 

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