Der Himmelsclub von Sybille Sturm

Was passiert nach dem Tot und wie verbringt man die Ewigkeit ohne in absolute Langeweile zu verfallen? Die Autorin Sybille Sturm hat uns in Ihrer Kurzgeschichte "Der Himmelsclub" eine sehr kreative Antwort auf diese Frage gegeben.

Teaser:

Ich, Emmi, wurde im Jahr 2009 mit 87 Jahren hier abgeliefert. Hier, das ist der Himmel. Genau jenes Gefilde, wonach sich jeder noch lebende Mensch sehnt. Von diesen Unwissenden möchte doch keiner in die Hölle. Aber ich kann euch sagen, auch der sogenannte Himmel kann manchmal die Hölle sein. So kam es mir jedenfalls kurz nach meiner Ankunft hier vor. Es war zwar alles hell, sauber und ruhig. Ich war in meinem Leben aber eher Chaos und Geselligkeit gewöhnt. Wäre ich nicht schon tot, so wäre ich hier vor Langeweile gestorben. Das alltägliche Harfestimmen...
ISBN "978-3-96385-014-1"

Die Kurzgeschichte direkt hier lesen:

Ich, Emmi, wurde im Jahr 2009 mit 87 Jahren hier abgeliefert. Hier, das ist der Himmel. Genau jenes Gefilde, wonach sich jeder noch lebende Mensch sehnt. Von diesen Unwissenden möchte doch keiner in die Hölle. Aber ich kann euch sagen, auch der sogenannte Himmel kann manchmal die Hölle sein. So kam es mir jedenfalls kurz nach meiner Ankunft hier vor. Es war zwar alles hell, sauber und ruhig. Ich war in meinem Leben aber eher Chaos und Geselligkeit gewöhnt. Wäre ich nicht schon tot, so wäre ich hier vor Langeweile gestorben. Das alltägliche Harfestimmen und Flügeltraining, das zwar in Gemeinschaft stattfand, belebte das allgemeine Geschehen nun auch nicht wirklich. Meist schwirrte ich allein und einsam durch diese, ach so begehrte, Gegend. Mann, war mir langweilig. Hier gab es kein Bier, sondern nur leise Freude. Ein lautes Lachen erschallte nie. Es gab ja auch nicht wirklich was zu lachen. Ich hörte niemanden einen Witz erzählen. Und traf man doch einmal jemand Redseligen, so drehte sich der Gesprächsstoff doch nur um dessen Ableben. Ein glückliches Totsein sah für mich eindeutig anders aus. Etwas Positives hatte mein Tod für mich doch. Endlich hatte ich keine Probleme mit meinen schmerzenden Knochen mehr. Meine Augen sahen gestochen scharf. Die Finger konnten die kleinste Stecknadel der Welt mühelos aufheben. Meine Ohren dachten, nicht nur eine Fliege husten zu hören, nein sie hörten jeden leisen Flügelschlag der anderen Engel. Aber was hatte ich von meiner wiedererlangten Jugend? Sie denken richtig. Nichts! Dies sollte mir nun ewig bevorstehen. Ich hätte mich ohrfeigen können, dass ich in meinem Leben immer so ehrfürchtig gewesen war. Ich hatte immer alles versucht, um nur ja nicht in die böse Hölle zu kommen. Hätte ich dies alles nur vorher gewusst. Man darf es ja im Himmel nicht laut sagen, aber irgendwie glaubte ich, in der Hölle besser aufgehoben zu sein. Dort gab es sicher Skatbrüder. Ach, endlich mal wieder einen vernünftigen Skat klopfen. Was gäbe ich darum. Aber egal wie sehr ich mein jetzt wieder taufrisches Hirn anstrengte, mir fiel nichts ein, um hier oben weg und tief nach unten zu kommen. Doch dann gab es Aufregung im sonst so ruhigen Himmel. Ein Mann, welcher auf Erden ein Star war, kam hier an. Kurz überlegte ich, wer dies sein könnte. Enrico Caruso musste meiner Meinung nach in einem anderen Bereich des Himmels leben. Ihn hatte ich noch nicht getroffen. Und das war ein Star. Wer sollte das dann sein? Plötzlich hörte ich den Namen „Michael Jackson“. Ach der. Nun gut, er war zwar nicht „mein“ Enrico, aber besser als nichts. Vielleicht würde der ja mal ein bisschen Leben in die Bude bringen! So ein Popstar war ja sicher auch nicht das sehr ruhige Leben hier gewöhnt. Ich muss jetzt vielleicht noch kurz erwähnen, dass es hier bei uns im Himmel auch kein Alter gibt. Ich war nun genauso ein Engel wie er. Also konnte er nicht aus allen Wolken fallen, wenn ich ihn ansprach. Gut, er konnte auch so nicht aus allen Wolken fallen. Wir waren ja im Himmel. Und wir waren hier quasi festgenagelt. Also flog ich zu ihm hin und fragte ihn, ob er nicht Lust auf ein kleines Kartenspielchen hätte. Ja, sie haben es richtig bemerkt, im Himmel gibt es auch keinerlei Sprachbarrieren. Man spricht nur himmlisch. Etwas müde schaute er mich an. Der arme Kerl hatte ja auch gerade erst seinen letzten langen Weg gemacht. Und sicher war ihm hier viel zu viel Stille. Mit seinen Flügeln konnte er auch noch nicht richtig umgehen. Er nahm aber mein Angebot an. Also flogen wir in meinen kleinen Himmelsbereich und spielten Mau-Mau. Wir spielten Streitpatience. Wir spielten wieder Mau-Mau. Und wir spielten wieder Streitpatience. Michael sang ab und an einen seiner Hits auf Erden. Doch egal was wir taten, es wurde irgendwann langweilig. Ich sehnte mich nach einem dritten Mensch zum Skatspielen. Michael sehnte sich zusätzlich nach einem Musiker, welcher Gitarre spielen, und vielleicht auch singen konnte. Es sollte nicht lange dauern, und unsere Wünsche wurden erfüllt. Ein begnadeter Gitarre-Spieler, er konnte es beidhändig, und ein guter Sänger kamen im Himmel an. Es war klar, dass wir zwei den Gitarristen sofort zu uns holten. Es brach eine gar lustige Zeit an. Wir spielten nicht mehr Mau-Mau. Wir spielten ab und an Rommé. Manchmal spielten wir auch Canasta. Aber meistens klopften wir einen zünftigen Skat. Michael sang. Carsten spielte Gitarre. Und manchmal sangen beide im Duett. Die für uns endlose Zeit verging wie im Flug. Dann bekamen die zwei irgendwie eine künstlerische Krise. Sie wollten nach fast vier Jahren, welche sie schon hier mit mir verbrachten, nicht immer nur die alten Lieder singen. Komponieren und damit neue Melodien erfinden konnten beide. Es fehlte ihnen jedoch an neuen Texten. Also was tun? Dann fiel mir ein: Johann Wolfgang von Goethe musste hier doch auch irgendwo herumschwirren. So weit, so gut. Es gab da nur ein Problem. Der Himmel ist unendlich. Wir befanden uns noch nah an der Eingangszone, die auch wir nach und nach verlassen würden. Herr Goethe jedoch war schon weit weg von dieser. Immer ruhiger wurden unsere Spielrunden. Immer seltener wurde gesungen. Ich war verzweifelt. Sollte alles auseinander brechen, so stände ich wie am Anfang da. Allein. Ich flog immer und immer wieder zur Eingangspforte. Als ich eines Tages an der Himmelspforte angekommen war, vernahm ich Stimmen. „Er ist Sprachwissenschaftler. Er schreibt aus dem Handgelenk Gedichte. Er musste überraschend gehen. Er ist noch gar nicht eingeplant. Was machen wir jetzt mit ihm?“ Da ergriff ich meine Chance. Ich sprach ihn an. Sprachgewandt wie er war, hatte ich das Gefühl, dass genau er unser Retter sein könnte. Ich fragte ihn, ob er auch Skat könne. Ja, aus meiner Lebenserfahrung heraus hätte ich wissen müssen, dass fast 100 Prozent der Männer Skat spielen und dies auch gern tun. Aber irgendein Lockmittel zu unserer kleinen verschworenen Gemeinschaft brauchte ich ja. Und da das Lieblingsgetränk der Männer, nämlich Bier, hier ja ausfiel, versuchte ich es so. Frank, so hieß der sympathische Neuankömmling, stimmte natürlich erfreut zu. Also stellte ich den dritten Mann in unserer Runde meinen anderen beiden Männern vor. Schnell war klar – wir drei, Michael, Carsten und Emmi, wir nehmen ihn in unserem Club auf. Unserem Himmelsclub. Wir brauchen genau solch einen Engel. Und seither ging es richtig lustig zu. Wir verstanden uns prächtig. Wir spielten ohne Ende. Wir philosophierten, diskutierten über Gott und die Welt. Ja, auch im Himmel muss man ab und an über den Chef reden. Wir spielten nicht mehr nur Skat. Frank textete für Michael und Carsten immer neue Lieder. Beide sind jetzt eifrig beim Proben. Bald haben sie ihren ersten großen Auftritt mit unserem Himmelschor. Nun gefällt es mir hier sehr gut. Ich könnte wirklich ewig hier bleiben. Ich bleibe es ja auch. Ein Hoch auf unseren Himmelsclub (Bier gibt es immer noch nicht)! Aber ich bin mir sicher, irgendwann verirrt sich auch ein Bierbrauer in unsere Gefilde. Dann geht es bei uns im Himmel richtig rund. Versprochen! »Vom Himmel hoch da komm ich her ...«

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