Der Liliengarten von Christiane Maria Fischer

Fantasy in seiner schönsten Form. Zauberer, Feen, Lokalkolorit aus dem schönen Meißen und eine schöne Maid in Nöten. Alles, was man zu einer guten Geschichte benötigt, findet sich hier auf wenigen Seiten. Was will man mehr?

Teaser:

In einer Zeit voller Liebe, Harmonie und Traurigkeit zogen weiße Schneeflocken über die Wälder, Felder und Dörfer. Ein friedlicher Teppich legte sich im Meißener Land zur vorangegangener Vergangenheit. Die kalte Jahreszeit begann, und ein Mantel aus weißen Pulverflocken bedeckte die Grausamkeit des Herbstes durch die Machenschaften der Böhmer. Wieder mal wurde das Meißener Land von den Böhmern geplündert …
ISBN: 978-3-96385-005-9

Die Kurzgeschichte direkt hier lesen:

Der Liliengarten

In einer Zeit voller Liebe, Harmonie und Traurigkeit zogen weiße Schneeflocken über die Wälder, Felder und Dörfer des Meißener Landes. Ein friedlicher Teppich legte sich über die Albrechtsburg. Die eisige Kälte hatte Besitz von ihr ergriffen, und ein Mantel aus weißen Pulverflocken bedeckte die Grausamkeit des Herbstes im Jahre 998. Die erbitterten Kämpfe um Meißen und die Albrechtsburg hielten an. Die Machenschaften der Böhmer in Sachsen forderten ihren Tribut. Boleslaw II. von Böhmen und Ekkehard waren gewillt, das Stückchen Heiligtum zu beschützen oder es zu erobern. Keiner wusste mehr, wie der Krieg angefangen hatte. Die beiden Herrscher pochten darauf, das Anrecht über die Albrechtsburg zu haben und somit ein Teil der Markgrafschaft zu Meißen zu sein. Viele Slawen und Siedler fielen in einer der schrecklichsten Auseinandersetzungen in Sachsen an den Hängen der Albrechtsburg. Wieder einmal wurde das Meißener Land von Böhmen geplündert und im Chaos zurückgelassen. In einem Dorf, nicht weit von der Burg entfernt, an einem mit stuckverzierten Dorfbrunnen hörte Tallus zum ersten Mal die Geschichte des Liliengartens und der Prinzessin Adriana. In einem Schloss, nahe der Mulde, wo vornehme Damen und Herren ihren Geschäften nachgingen, lebte der Markgraf Ekkehard. Unter der Herrschaft Ekkehards (985 – 1046), verstummten aber nicht nur viele Seelen. Ekkehard wollte sein Land unter Heinrich II. nicht nur beschützen, sondern voranbringen. Ein Friedenspakt zwischen den Ländern sollte dabei behilflich sein, der aber von Boleslaw II. unterwandert wurde und letztlich den Tod Ekkehard I. forderte. Ekkehards Bruder kam an die Macht – und mit ihm Ehrgeiz und Gier. Viele Städte unter der Herrschaft, unter anderem auch Annaberg-Buchenholz, entstanden. Unter den immer wiederkehrenden Angriffen der Piasten war es eine der stürmischsten Zeiten in der Vergangenheit für ein Kind, doch Ekkehard I. wurde eine Tochter geboren. Eine Tochter als Zeichen gesegneter Zuversicht in den mit Sicherheit blutigsten Zeiten von Sachsen. Großes Pech kehrte mit dem dreizehnten Geburtstag der Tochter ins Land. Bei einem Ausflug mit dem sächsisch-thüringischen Heer hatten sie unbemerkt Piasten begleitet und bei Naumburg in der Heimatstadt ihres Vaters eine riesige Verwüstung hinterlassen. Der Krieg nahm sich viele Opfer. Die Bilder ließen Adriana nicht mehr los, und ein Schockzustand hemmte sie in ihrer Bewegung. Ihr freundliches und gütiges Lächeln verschwand. Sie trat ab, in die geistige Welt. Die anhaltende Traurigkeit ihres Fleisches und Blutes machten dem Markgraf großen Kummer. Die Eltern litten fürchterlich unter den zurückgezogenen, traurigen Augen des Mädchens. Ihr zuvor lebhaftes Kind verstummte, und zurück blieb ein stilles, erstarrtes Mädchen. Ihre Beine wollten nicht mehr gehen, und ihr Leib zitterte. Wadenwickel, Gespräche und Hofnarr halfen nichts bei Adriana, und so kam es, dass Ekkehard I. einen Aufruf ins Umland versandte. »Gold, Edelsteine und die Hand meiner Tochter – dem Manne, der Adriana zum Lachen bringe.« Es brauchte nicht lange, da stürmten Gefolgsleute, Herren und Knechte herbei. Sie brachten Gaben, wunderschöne Bilder, Charme und lustige Reime mit. Lächeln tat Adriana dennoch nicht. Monate vergingen, aber niemand schaffte es, den Frohsinn zu wecken. Aus Traurigkeit entwickelte sich eine Krankheit. Eine Seuche brach aus. Ekkehard ließ alle Tore schließen. Er verkündigte eine Besuchssperre der Albrechtsburg. Stillstand … Etwas weiter entfernt bei Jena, lief Tallus, ein Zauberlehrling, beschwerlich durch Kälte und Frost. Der Winter meinte es in diesem Jahr nicht gut mit den Menschen. Seit Tagen fror er. So manche Gaststube im Meißener Land erfreute Tallus in diesem Jahr. In seinen Taschen fand der Zauberer kaum Geld, daher war ein warmer Aufenthalt eher selten. Tallus bedankte sich für jede gütige Einladung. Er reiste von Dorf zu Dorf, um die Welt mit seinen Geschichten und Künsten der Magie zu begeistern. Die Menschen waren derzeit aber zu schwierig. Sie träumten nicht mehr wegen der anhaltenden Angriffe der Piasten. Die Hoffnung war mit Schnee bedeckt und wurde zur eisigen Angst. Die Menschen verschlossen ihre Herzen, ihren Hof und beteten verzweifelt um Ruhe und Frieden. Tallus sah Trauer, Krankheit und Verachtung. In einer Schmiede bei Leisnig fragte er nach einem Unterschlupf für ein paar Nächte. Als Gegenleistung liefere er saubere Arbeit, egal welche es sei. Der Schmied nickte und gab ihm für vier Tage eine Unterkunft. Ein geeigneter Lohn, Speis und Trank sollten ihn erwarten. »Mach dir keine Sorgen, mein Freund! Der Winter hat uns hart getroffen. Bei guter Arbeit kannst du solange bleiben, bis die Maiglöckchen blühen.« Der Schmied bat aber um vier Tage Probe. Sein Schmähbauch ragte hervor, als er die Tür öffnete und lachend erklärte: »Man kauft doch nicht die Katze im Sack.« Der Zauberlehrling legte Sack und Jacke ab, klatschte in die Hände. »Was gibt es zu tun Schmied?« Der Meister zeigte aufs Schmiedeeisen und ging mit Tallus hinüber. Es formten sich die Hufe des Gestüts von Mildenstein. Es vergingen Wochen, bis ein Edelherr der Meißener Markgrafen durch das Schneechaos kam. Diese bestellten Hufe für ihre Pferde und Schwerter und boten Lohn für saubere Arbeit. Viele Schmiede wurden enthauptet, ermordet oder entführt. Das Ziel der Böhmer war es, das Heer zu schwächen. Der Ritter klopfte an die Tür, und der Bierbauch des Schmiedes begrüßte den Hofherren als Erstes. »So so…., sind die Meißener Markgrafen unterwegs? Was führt sie des Weges?« Der Hofherr begrüßte den Schmied. »Guten Tag, Schmied! Ich freue mich, Sie so lebendig zu sehen. Wir brauchen Schwerter für unser Heer gegen den Kampf der böhmischen Besetzung. Könnt ihr binnen zwei Woche etwas bereitstellen? » Der Mann auf dem Pferd rieb die Finger und betonte damit, dass der Erlös groß wäre. Der Schmied nickte erneut, doch wunderte er sich über die Kürze der Zeit. »Der Schnee wird selbst die Böhmer erreichen. Warum die Eile?« Der Ekkehardiner beruhigte sein unruhiges Pferd, und gab ihm ein Stückchen Zucker. »Zu Ungunsten des Gefolges erließ der Markgraf ein Hof- und Platzverbot auf der Albrechtsburg, weil seine Tochter eine schwere Krankheit hat. Die Ärzte sind ratlos. Nun wird die Botschaft des Haus- und Hofverbotes schon bis in den Norden vorgedrungen sein und somit auch die Krankheit Adrianas. Das erhöht die Angriffsgefahr für das Meißener Burgenland. Die Böhmer fechten ihre Kämpfe grausam im Denken und Handeln aus. Sie würden eine derartige Chance nutzen und angreifen. Schmiede wurden ermordet. Wir waren geschwächt. Dann hörten wir von Ihnen.« Der Ritter stieg vom Pferd, wurde unruhig und bat um Einlass. Nervös ging er in die Schmiede. Der Meister folgte und schloss die Tür. »Ihr solltet vorsichtig sein, Schmied. Nehmt euer Schild draußen ab. Ein Wunder, dass die Piasten euch noch nicht gefangen haben. Die Prinzessin ist auf dem Weg Richtung Naumburg überfallen wurden, nun schwebt sie in Lebensgefahr. Die Niedergeschlagenheit lässt ihre Seele erfrieren und nimmt so ihren Tribut, heißt es.« Der Schmied überlegte nicht lang, gab dem Hofknecht nickend die Hand und sah dankend zu Tallus. Es wäre ihm ein fürstliches Vergnügen, die Schwerter zu richten, die dem Hof im Widerstand gegen das böhmische Heer zur Seite stünden. Nur eine Frage bliebe noch im Raum. »Was ist der Wunsch der Tochter?« Schweißgedrängt liege sie nun in ihrem Gemach. Die Ärzte wären ratlos. Mit Verlassen der Schmiede bedankte sich der Ekkehardiner freundlich beim Meister. Tallus erstarrte. Er als Philosoph müsste ihr doch helfen können. In einem Monat würde er es versuchen. Nun erst einmal mit anpacken, damit der Schmied kräftig mit Dank und Lohn bezahlt würde. Der Zauberer stellte sich nur eine Frage. Wie wollte er trotz der Hofsperre in die Albrechtsburg gelangen? Die Funken sprangen in alle Richtungen, als der Hammer auf das Eisen fiel. Er benötigte einen Geheimzugang. Ekkehards Heer und die Piasten verstanden es, sich zu verteidigen, daher war er ohne Planung in Lebensgefahr. Er konzentrierte sich gedanklich auf eine Tanne. Sie stand an einem fließenden Fluss. Mit jedem Schlag auf das Eisen, mit jedem Feuerfunken mehr. Er ritzte in Gedanken mit einem Messer eine Tür in die Rinde des Baumes. Über der Tür ein geheimes Siegel in Form eines Leuchtkäfers. Der Baum stand am Fuße der Meißener Mark bei Döbeln. Eine Felswand erschwerte den Aufstieg. An ihm ein reißender Fluss, die Mulde. Es war sein Geheimnis, nur er kannte die richtige Tanne. Gedanken wurden realisiert und zur Wirklichkeit. Ein unterirdischer Gang sollte ihn zu Adriana führen. Mit Mühe und Not schafften Tallus und der Schmied die Anforderung der Markgrafen, und so kam zwei Wochen später eine außerordentliche Belohnung zum Schmied, welche er freudestrahlend mit Tallus teilte. Die Belohnung war üppiger als gedacht und besprochen. Unverhofft kommt eben oft. Lachend strich sich der Meister über seinen Bierbauch. Er hätte Tallus sehr gern richtig in das Handwerk eingeführt. Die Enttäuschung ließ ihn aber nicht aufhalten. Der junge Zauberer benötigte die Flügel der Freiheit für seinen Freigeist. Großmütig und stolz ließ er Tallus ein Zeugnis in die Hände fallen. Der wünschte sich, dass er auch zukünftig mit offenen Armen empfangen werden würde. Was auch immer sei. In der Schmiede fände er immer Lohn und Brot zum Überleben. Ein erneut einsetzender Schneesturm machte es Tallus schwerer als geahnt, zu dem unterirdischen Durchgang zu gelangen. Noch eine bittersüße Stunde verging, und Tallus erreichte den Tannenhain bei Döbeln und den Baum mit Siegel über der eingeritzten Tür. Er stand etwas höher als die anderen. Davon angezogen, berührte er den Leuchtkäfer im Dunkel. Sein Licht erhellte das Anthrazit der Nacht. Es war magisch, als sich die Türe in die Unterführung öffnete. Ein Stückchen Rinde verschob sich nach innen. Die Tanne war hohl, und in ihr führte zunächst eine Treppe nach unten, dann steil hinauf, um den Felsen zur Burg zu erklimmen. Tallus sah sich um. Er war allein. Mit schnellen Schritten huschte er durch die Tür ins warme Dunkel. Im Inneren sah er die eigenen Hände nicht vor seinen Augen, ein Schrei ertönte, und der Zauberer erkannte eine Eule. Tallus schnippte mit dem Fingern und der Gang erleuchtete. Inmitten des Ganges ragte ein Ast aus der Steinwand, und auf ihm saß ein Waldohrkauz. »Zeige mir den Weg, mein Licht in der Dunkelheit.« Tallus freute sich. Die Eule öffnete ihr Gefieder und hob ab in die dunklen Flure der Unterwelt. Der Gang wurde mit jedem Schritt erleuchtet. Jedoch hinter Tallus verlöschten die Fackeln wieder. So setzte er Fuß um Fuß im Lichtkegel der Finsternis. Am anderen Ende erwartete Tallus eine Holztür. Nachdem er sie geöffnet hatte, trat Tallus mitten in ungewohntes grelles Licht. Es stach in seiner Netzhaut. Er schloss seine Augen. Vorsichtig öffnete er sie ein zweites Mal. Er wurde von den winterlichen Sonnenstrahlen geblendet. Wie lang war er gelaufen? In welcher Zeit lebte er? Orientierung suchend, schaute er sich um und stellte fest, dass er mitten im Gelände der Albrechtsburg herausgekommen war. Direkt neben dem Eingang der Ekkehardiner. Alles war still. Man konnte eine Nadel auf den Pflastersteinen fallen hören, dachte er sich und schritt weiter zu einer Holztür, die ihm den Weg versperrte. »Allgegenwärtig seiest du und öffnest mir die Tore. Darachna.« Die Schlösser krachten. Nicht lang gewartet, da waren sie schon geöffnet. Der starre Blick von Tallus war beängstigend. Er war voller Macht, Kraft und Energie. Gebündelt waren die Energien so kräftig, dass selbst Wind und Wasser sich in Bewegung setzten. Er schnippte mit dem Fingern und erfüllte die Menschen auf der Burg mit Leichtigkeit. Plötzlich sangen sie das Lied der Ekkehardiner und tanzten auf dem Burgplatz. Die Stände auf dem Markt öffneten und die Meißner Puppenspieler erzählten von Adriana und dem Wunsch nach Frieden, aber auch von dem kämpferischen Geist des Markgrafen zu Meißen. Kinder tobten um den Wasserbrunnen. Der Bäcker klatschte in die Mehlhände, um den Teig zu kneten. Tallus schnellte durch das Tor. Als sich die Tür hinter ihm schloss, sprangen die Menschen auf dem Hofplatz, immer noch tanzend, umher. Der Bäcker machte den Steinofen an und pfiff ein Lied, welches ihm gerade in den Sinn kam, und ein Schuster umarmte seine Frau, nur um sie einfach so zu halten. Die Kaninchen im Stall vor dem Gaststübl klopften gegen die Holzkästen und überschlugen sich. Ein dunkler und spürbar, zauberhaften Gang umgab Tallus. Er schnippte, doch diesmal zündete das Licht nicht. In diesem Moment fiel Tallus die Kerze in seinem Rucksack ein. Er hatte sie zur Sicherheit mitgenommen. Mit dem Anzünden wurde ein Wunsch frei und so lief er im hellen Kerzenschein. Er dachte an einen Lehrbrief und an einen Meister bei Leipzig, der ihm stets zu sagen pflegte: »Um Ziele zu schaffen, musst du träumen. Um Lösungen zu finden, musst du träumen. Nur du bist der Leser deines eigenen Traumes. So war es schon in der Vergangenheit und wird es ewig sein.« Noch in der Schmiede beim Meister bei Leisnig warTallus eines Nachts eine Fee im Traum begegnet. Im blauen Licht hatte sie kristallklar geschimmert und ihm ins Ohr geflüstert: »Folge uns.« Es wunderte Tallus daher nicht, als sein Kerzenschein erlosch und ein blaues Licht ihm im Tunnel entgegenflog. In ihm befand sich die Fee aus seinem Traum. Ein blaues, sonderbares Licht im Dunkel führte ihn und war sein Wegweiser. Er hatte keine Angst. Sein Gefühl verriet ihm, dass er auf dem richtigen Weg war. Sicher lief er ihr nach, bis sie verschwand und von einem roten Licht abgelöst wurde. Dann folgte ein lila funkelndes und letztlich ein grünes Licht. Jede Fee besaß eine andere Farbe und andere Fähigkeiten, die ihm zur Seite standen. Sie gaben dem Magier jeweils etwas in seinen Zaubersack. Ein Schmetterling aus Papier, im richtigen Moment wird der Lebensgeist in ihm geweckt. Eine Lilie in Lila, auf dass sie zur schönsten im ganzen Garten würde. Ein Eiszapfen aus einem Kristall, auf dass sein Wasser wieder fließe, und einen Schlüssel, der den Weg zum Herzen der Prinzessin findet. Langsam stieß zunehmendes Licht in die dunklen Gewölbe. Etliche Stufen und ein steiler Aufstieg führten Tallus zu einem Weinkeller und zum Schluss zu einer rostigen Metalltür. Sie hatte eiserne Rosen und viele Löcher. Durch sie hindurch sah man direkt ins Schloss hinein. Man konnte gut erkennen, ob jemand die Flure der Residenz durchquerte. Immer wenn er Schritte hörte, versteckte sich der Zauberer hinter Mauern oder Gehängen an den Fenstern zu Hofe. Er folgte seinem Gefühl. Noch einen kleinen Moment verweilte er vor dem Schlafgemach der Ekkehardinerin Adriana. Sie schlief tief und fest und bemerkte nicht, dass Tallus zu ihr ins Gemach schlüpfte und vorsichtig die Türe wieder schloss. Behutsam ließ er sich im Schlafgemach der Prinzessin auf einem Stuhl nieder. Der Schweiß lief ihr die Stirn hinunter. Sie war fiebrig, wirkte zerbrechlich und gläsern. Tallus legte seine Hand auf ihre Stirn. Das Fieber verschwand. Seine Anwesenheit ließ sie erwachen aus ihrem Schlaf. Sie sah in seine Augen. Sie wusste nicht, wer er war, aber fühlte sich in seiner Gegenwart wohl. Alles war ewig in diesem Moment, als ob sie sich seit Jahren kannten, ein erwartetes Band der Geborgenheit. Tallus öffnete seinen Beutel. Die Ekkehardinerin erblickte die Kostbarkeiten und erfreute sich an ihrer Seltenheit. Er setzte sich neben sie und fing an, eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte des Liliengartens. »Die Alten erzählen noch bis heute: Jeder Lilie sagt man einen Schmetterling nach, und jedem Schmetterling ein Kind der Verborgenheit. Es sind Kinder der anderen Seite. Von einem Liliengarten zu träumen bedeutet, einen Garten voller Geheimnisse zu hüten. Auch sagt man, wenn eine Lilie lila scheint, sie in ihrem Unglück weint. Man muss sie hegen und pflegen mit Balsam und Ölen.« Tallus machte eine kleine Pause. »In regelmäßigen Abständen besuche auch ich meinen Liliengarten. Ich hege und pflege jedes kleinste Geheimnis. Wenn ich meinen Garten besuche, gehe ich durch einen breiten Lilienbogen. Inmitten wunderschöner weißer Lilien. Es sind auch vereinzelt Rosen gesteckt. Ein Pfad führt mich von Busch zu Busch und am Ende steht ein Haus mit fliederfarbenen Fensterläden. Sie stehen konsequent offen. Eine Lilie, die weint, habe ich noch nicht gefunden, aber ein unendliches, sanftes Gefühl. Traumboten verkünden, dass in deinem Liliengarten einige Lilien weinen, möchtest du sie mir zeigen?« Adriana sah Tallus verblüfft an, eine solche Geschichte hatte sie noch nie gehört. Ihr Mund öffnete sich nach einiger Zeit, und sie erzählte vom Überfall und der Verwüstung der Heimatstadt ihres Vaters. Mit jedem Bild voller Angst löste sich eine Träne. Sie verstand nicht, warum die Menschen so über ihren Vater sprachen. Er war der gütigste Mensch, den sie kannte. Die Wut in den Herzen der Siedler und die Klagen der Slawen mussten ein Missverständnis gewesen sein. Adriana setzte sich auf die Bettkante, und Tallus legte den Schlüssel in ihre Hand. Mit der Berührung wurde es kalt. Alle Farben des Regenbogens begrüßten die zwei. Traum wurde zur Wirklichkeit und verband sich mit ihr. Adriana stand auf, steckte den Schlüssel ins Türschloss, und ein Gespann von Liebe und Neugier zogen nun die Kutsche von Raum zu Raum. Der Flur war geschmückt mit Blumen aller Art an den Wänden. Adriana und Tallus gingen gemeinsam den Gang hinunter. Ein Lilienbogen führte sie aus der Albrechtsburg und zeigte der Prinzessin den Weg in ihren Garten. Die Sonne warf ihre Wärme zu Boden und direkt in Adrianas Gesicht. Alles war noch gefroren und schlief. Ein Wasserbrunnen verlangte nach einem anderen Schlüssel. Adriana steckte den Kristall in den Brunnen, und alle Flüsse und Wasser erwachten aus dem gefrorenen Winterschlaf. Die Mulde füllte sich mit Lebendigkeit. Alles funkelte um Adriana, und Tallus übergab den Schmetterling aus Papier. Mit dem Absetzen auf ein schönes Blatt wurde auch dieser lebendig, und alle Blumenerwachten zum Leben, und fünfzig Schmetterlinge sausten um Adriana herum. Die lila Lilie sollte aber einen besonderen Platz bekommen. Beide gingen in das Häuschen hinter dem Wasserbrunnen. Auf dem Kaminsims legte Adriana die Lilie in Lila ab und verspürte Lust zu lachen. Ein unvergesslicher Moment machte die Sekunde ewig. Tallus und Adriana lagen sich in den Armen. Sie fühlten, was ihr Gegenüber fühlte, und wenn sie nicht gestorben sind, dann geistern sie noch heute als Liebende durch die Albrechtsburg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!