Der verliebte alte kleine Junge von Jim Flagranti

Manchmal bleibt auch im Alter die liebe frisch und setzt sich gegen alle Widrigkeiten durch. Natürlich nur mit ein wenig Hilfe, derer die nach wie vor an die Liebe glauben.

Teaser:

Mein Ruhrgebiet der späten Achtziger des letzten Jahrtausends. Ich war als Zivi unterwegs mit meinem Ford-Transit-Seelenverkäufer voller lukrativer, aber schwer- bis unverdaulicher Rentner-Tiefkühlkost, die ich unter der auserwählten betagten Bevölkerung ausfahren durfte. Ich hasste das. Man bekam auf diesen Touren eine ganze Menge menschliches Elend zu sehen. Außerdem hatten unsere Fahrzeuge meist kein Radio, Handys waren noch nicht erfunden, also waren tödliche Monotonie und Langeweile vorprogrammiert und, da die Rentner selbst nix hatten, war auch in der Regel kein Trinkgeld zu erwarten. Apropos: Nach Dienstschluss verkaufte ich die Abendausgabe der „Rundschau“ in den Abschaumkaschemmen des Dortmunder Nordens. Gelegentlich auch Versicherungen ...
ISBN: "978-3-96385-017-2"

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Der verliebte, alte kleine Junge Mein Ruhrgebiet der späten Achtziger des letzten Jahrtausends. Ich war als Zivi unterwegs mit meinem Ford-Transit-Seelenverkäufer voller lukrativer, aber schwer- bis unverdaulicher Rentner-Tiefkühlkost, die ich unter der auserwählten betagten Bevölkerung ausfahren durfte. Ich hasste das. Man bekam auf diesen Touren eine ganze Menge menschliches Elend zu sehen. Außerdem hatten unsere Fahrzeuge meist kein Radio, Handys waren noch nicht erfunden, also waren tödliche Monotonie und Langeweile vorprogrammiert und, da die Rentner selbst nix hatten, war auch in der Regel kein Trinkgeld zu erwarten. Apropos: Nach Dienstschluss verkaufte ich die Abendausgabe der „Rundschau“ in den Abschaumkaschemmen des Dortmunder Nordens. Gelegentlich auch Versicherungen im Multilevelmarketing. Letzteres sorgte dafür, dass ich im lotterhaften Zivi-Alltag durch ein zivi-untypisch-zivilisiertes Äußeres auffiel. Mussten die Kollegen häufiger einmal an Hygiene und Ästhetik erinnert werden – à la: „Müller, gehense mal wieder zum Friseur!“ oder „Meier, Ihr Norweger hat wohl schon länger keine Waschmaschine mehr von innen gesehn?“ –, hiess es bei mir gelegentlich: „Seide, die Krawatte gehört aber nicht zur Standarduniform!“ Wie man‘s macht … An diesem Tag klapperte ich also auf meiner Futtertour Haushalt um Haushalt ab und brachte die bestellten Tiefkühlportionen an die betagte Kundschaft. Irgendwann am späteren Nachmittag, an der letzten Adresse meiner Tour, öffnete mir ein hagerer, strahlender Greis, reichlich Mitte siebzig, im obligatorischen Rentnerlook (Cordhose, kariertes Hemd, Hosenträger, Hornbrille) die Tür: „Gut, dass Sie da sind. Ich hab schon so auf Sie gewartet!“ (Hmpf? War doch das erste Mal hier?) Ich war irgendwie auf eine Nörgelattacke eingestellt. Viele unserer Kunden waren vollkommen vereinsamt und hatten nur noch uns Zivis, um gelegentlich Dampf abzulassen. Also machte ich mich innerlich bereit für die übliche „Ihr seid immer zu spät und das Essen ist sowieso ungenießbar“-Litanei und hoffte, dass es schnell vorbei geht. Aber es kam anders. Nachdem ich die Wochenration in des Rentners Tiefkühler verstaut hatte, fing der Alte, irgendwie immer noch ganz aus dem Häuschen, an zu erzählen: „Wissense, ich hab doch kein Auto. Könnte ich mir ja auch gar nicht mehr leisten. Da sitz ich also in Dortmund in der Straßenbahn und fahr so vor mich hin, da sitzt mir schräg gegenüber so eine schöne Frau, ungefähr mein Alter. Hätte ich zuerst fast gar nicht gesehen. Und die mich ja auch nicht. Aber dann ist die Bahn um die Kurve, und dann haben wir uns angesehn. Guckense mal, ungefähr so hatse geguckt. (Er machte mir grinsend vor, wie seine Schöne ihn angeguckt hat …) Ja, und dann hab ich halt zurück geguckt. Und in der nächsten Kurve hat SIE dann wieder MICH angesehn. (Er machte es mir wieder vor. Wieder mit einem breiten, zufriedenen Grinsen).“ Ich hörte mir seine Geschichte in einem Mix aus Faszination und Ratlosigkeit an – wobei aber die Faszination immer eine Nasenlänge führte. „Am Borsichplatz musstese dann aber aussteigen. Dann bleibt se aber kurz stehn, guckt mich an und sacht: ‘Wissense, wär doch schön, wenn wir uns nochma wiedersehn würden.‘ Dann hab ich ihr noch schnell meine Nummer gegeben, und dann war se auch schon wech.“ Es war beeindruckend: Ein Veteran, der vermutlich noch dem Kaiser zugejubelt hatte, gab mir soeben Nachhilfe in Ruhrpott-Romantik für Fortgeschrittene. Ich brachte nur noch heraus: „Klasse, und dann?“ „Na, das wollt ich doch ebent erzählen: Gestern hat die wirklich angerufen und mich für heute zu sich zum Tee eingeladen!“ „Hey, gratuliere!“ Aber dann schob sich auch gleich wieder eine Wolke vor des Rentners siebten Himmel: „Ich weiß nur nich, wie ich dahin komm soll.“ „Das ist natürlich blöd. Kann Sie nicht jemand aus der Familie hinfahren?“ „Ach, die wohnen doch alle schon lange nich mehr in der Gegend.“ „Ach so … Und schnell mit dem Taxi?“ „Wissensse, was DAS kostet? Ich krieg doch erst in 14 Tagen wieder Rente!“ Und dann rückte er kleinlaut raus: „Na ja, ich hab halt gedacht, dass SIE mich mitnehmen könnten. Sie müssen doch bestimmt wieder in die Stadt?“ Au weia … Etwas Verboteneres war schlicht nicht vorstellbar: einen Passagier mitnehmen, die festgelegte Strecke verlassen, am besten auch gleich noch ’nen zünftigen Unfall bauen … Das war praktisch Luftlinie von hier nach „Disziplinarverfahren“ mit anschließender Strafversetzung in die hintere Wallachei … Das kleine, verliebte, gebeugte Männlein baute sich tapfer vor mir auf: „Sie sind meine letzte Hoffnung. Ich weiß sonst nich, wat ich noch machen soll.“ Was hatte ich für eine Wahl? Amor war ich bis dahin noch nie gewesen. Das junge, alte Glück brauchte dringend eine Chance, und die hintere Wallachei hatte bestimmt auch irgendwo ihren Reiz. „Also schön, ich fahre Sie. Aber das bringt mich in Teufels Küche! Geben Sie mir schnell die Adresse, bevor ich es mir anders überlege!“ Der Alte freute sich wie ein kleiner Junge und hüpfte leichten Fußes zur Garderobe, holte den Zettel mit der Adresse und gab ihn mir: „Danke, danke, danke. Ich werde Sie auch lobend erwähnen!“ „Gern geschehen – aber Sie werden schön vergessen, dass es mich überhaupt gibt!“ Damit machte ich mich auf den Weg zu meiner Fahrerkabine, um die Adresse schon mal im Stadtplan nachzuschlagen (nein, Navigationsgeräte gab es auch noch nicht …), während der Senior sich in Schale warf, um für den Liebestee mit seiner Schönen angemessen gewandet zu sein. Es folgte die vorsichtigste Fahrt meines bisherigen mobilen Lebens. Den vorfreudigen, strahlenden Veteranen hatte ich rechts außen bei der B-Säule festgezurrt und angewiesen, angelehnt zu bleiben, damit man ihn von außen bloß nicht sieht. Wir kamen – trotz allem – ohne Komplikationen bei der Adresse an. Der Alte bedankte sich nochmal überschwänglich und wollte mir beim Aussteigen noch einen Fünfer zustecken. „Lassense mal. Kaufen Sie ihr dafür lieber Blumen!“ Der Alte verschwand leichtfüßig um die nächste Ecke und ward nie mehr gesehen. Meinereiner machte sich diskret wieder auf den Weg zurück zur Wache. Niemand hatte was von der Extratour bemerkt, sodass ich meine akribisch zurechtgezimmerten Notfallszenarien direkt wieder über Bord werfen konnte. Mal ehrlich: Ich habe bis heute keinen derart verliebten „alten“ Menschen mehr zu Gesicht bekommen. Und dass einem so etwas auch „auf der Zielgeraden“ noch so heftig passieren kann, hat mich seit damals mehr als einmal mit dem Leben versöhnt. Also: Sollte mir in zwanzig, dreißig Jahren mal selbst so etwas passieren, so hoffe ich inständig, dass auch ich dann an einen Zivi wie mich gerate.

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