Die Einfahrt von Jim Flagranti

Es gibt Geschichten, die gehören einfach niedergeschrieben. Wenn nicht für andere dann zumindest für einen selbst und falls man Sie dann doch anderen zugänglich macht dann kann jeder der Ähnliches erlebt hat sofort nachvollziehen, was den Autoren bewegt hat. Die Einfahrt ist eine solche Geschichte.

Teaser:

Einer dieser Familienanlässe ...
Aber dieses Mal irgendwie in einer völlig anderen Liga. Hektisches familiäres Treiben vor unserem
Elternhaus. Man mochte fast sagen, eigentlich wie üblich – und dieses Mal doch vollkommen anders,
farblos und reichlich unerbittlich.
Erzwungene familiäre Anlässe waren mir eigentlich schon immer ein Graus. Ganz besonders an
diesem Tag.
Mein erster TV-Auftritt stand gleichzeitig an. Und ich gebe zu, ich habe einen kurzen Moment lang
überlegt, diesen Familienanlass einfach abzusagen, um mir „in aller Ruhe“ meinen Auftritt als trauernd-
verzweifelten Apotheker beim „Hartz IV-Strafgericht“ ansehen zu können ...

ISBN: "978-3-96385-023-3"

Die Kurzgeschichte direkt hier lesen:

Die Einfahrt

Einer dieser Familienanlässe ...

Aber dieses Mal irgendwie in einer völlig anderen Liga. Hektisches familiäres Treiben vor unserem Elternhaus. Man mochte fast sagen, eigentlich wie üblich – und dieses Mal doch vollkommen anders, farblos und reichlich unerbittlich.

Erzwungene familiäre Anlässe waren mir eigentlich schon immer ein Graus. Ganz besonders an diesem Tag.

Mein erster TV-Auftritt stand gleichzeitig an. Und ich gebe zu, ich habe einen kurzen Moment lang überlegt, diesen Familienanlass einfach abzusagen, um mir „in aller Ruhe“ meinen Auftritt als trauernd-verzweifelten Apotheker beim „Hartz IV-Strafgericht“ ansehen zu können ...

Aber selbstverständlich, heute allen Göttern dankend, habe ich damals nicht abgesagt.

Unser Clan stand jetzt, jeder in ungewohnt seriösen Zwirn gekleidet, wartend in der Einfahrt – dieser Einfahrt, die schon in der Vergangenheit Zeuge war von Jubiläen, Geburtstagen, Abschieden, Hochzeiten, diesem und jenem, aber auch meines furchtbar missglückten allerersten Einparkversuchs mit meinem allerersten rostigen Polo in Bhagwan-Orange, einschließlich Ruinierung des Zwischenrasens und anschließender „energetisch ausgesprochen reich gestalteter“ Diskussion mit meinem Vater, gipfelnd in neanderthalermäßigem Krach, aber dann auch ausklingend mit lächelnd-verzeihendem Vaterhändedruck, nach meinem Versprechen, den Schaden zu beheben und mich beim nächsten Mal besser vorzusehen.

So waren wir – so sind wir.

Und ich gehe inzwischen davon aus, so bleiben wir wohl auch. Gleichzeitig beruhigend und erschreckend …

Es sollte nie wieder vorkommen, es ist auch nie wieder vorgekommen.

Aber auf eine Art wünschte ich mir in diesem Moment den rostigen Polo, den ruinierten Rasen und den verzeihenden Vaterhändedruck zurück.

Nur, danach sah es beileibe nicht aus. Wir standen unruhig, teils mit der unkorrekten Hand in der Anzughosentasche herum, warteten, fluchten unruhig auf Mutter, die wieder mal nicht fertig wurde und die sich „doch wenigstens heute mal hätte zusammen reißen“ können ...

Wir waren bald eine halbe Stunde über den Termin. Meine Schwester meinte irgendwann, dass sie es langsam leid wäre und dass ihr bald alle mal den Buckel runter rutschen könnten.

Die Stimmung war tatsächlich schon mal besser – unsere in jahrzehntelangem, hartem Training perfektionierten Verdrängungskünste allerdings nicht.

Schwesterlein ..., dachte ich mir, ... was haben wir denn für Alternativen? Tanzen gehen? Verschieben? Die Beteiligten auswechseln? – Ich dachte das noch mal und noch mal, hielt dann aber ausnahmsweise den Mund.

Sogar das Wetter war grausam ... Im Grunde war das auch gar kein Wetter, sondern irgendetwas, das in Ermangelung von Wetter in die Bresche gesprungen war und dabei kläglich versagt zu haben schien ...

Irgendwann, die Stimmung war längst an einem ausgedehnten, vertrauten Nullpunkt angekommen, erschien Mutter dann doch noch – wie üblich geerdet wie ein frisch geköpftes Huhn.

Sie schleppte, geübt-hektisch an ihrer Garderobe zupfend und alle drei Schritte kurzatmig hüstelnd, ihr Wohlfühl-Übergewicht in kleinen Schritten zum Auto:

„Ach Kinder, ich hab den richtigen Schal nicht gefunden.“ – Wir verdrehten kollektiv die Augen, hielten aber alle den Mund.

So fuhren wir dann mit zu wenigen, zu kleinen Autos los, sehnten uns dabei, mit den Knien an den Ohren, nach der Beinfreiheit von Büchsensardinen und hofften, jeder einzelne für sich und auf seine Art, dass dieser Familienanlass möglichst schnell vorbeigehen würde.

Irgendwann kamen wir dann endlich an der Location an, die wir bis dato nur aus Fremderfahrung heraus kannten.

Wenigstens Parkplätze waren zum Glück genügend vorhanden (das hätte auch gerade noch gefehlt ...).

Die letzten Meter mussten wir trotzdem zu Fuß gehen.

Mutter wurde, immer noch ächzend tippelnd und sich fleißig nervös räuspernd, von uns gestützt.

Wenn man sich übrigens jemals fragen sollte, wie man eine ohnehin ungeliebte Situation zusätzlich gründlich verschlimmern kann: Ich empfehle Zeitdruck!

Ist kinderleicht in der Anschaffung und wirkt sofort und nachhaltig!

War zudem früher aus irgendeinem Grund mal kein Zeitdruck zur Situationsverschlimmerung möglich, halfen jeweils auch Vaters situationsfremde Kriegsgeschichten immer zuverlässig. Aber heute blieben selbst die aus – und ich war mir nicht sicher, in welchem Maß ich sie vermissen sollte.

Heute schwieg Vater ohrenbetäubend.

Schön, das Ganze konnte ja nicht ohne uns anfangen. Aber trotzdem ...

Wir betraten das Hauptgebäude.

Der Bedienstete empfing uns, mühsam beherrscht, mit einem Händedruck und einem schlecht kodierten Hinweis auf unsere massive Verspätung.

Aber das tat Mutters Nervosität gerade heute keinen Abbruch. „Ich hab doch den Schal nicht gefunden“ –

Dann neigte sie sich dem Bediensteten zu und äußerte ihren Wunsch. Er riss etwas ratlos die Augen auf und meinte dann: „DAS wird schwierig. Wenn Sie nur etwas pünktlicher gewesen wären ... Aber jetzt ist mein Gehilfe schon weg, und alleine schaffe ich das nicht ...“

Ohne vorher auch nur eine Sekunde zu überlegen, hörte ich mich zu ihm sagen: „Dann machen wir beide das jetzt eben! Es ist der Wunsch meiner Mutter, und wir haben keine Zeit für Diskussionen!“

– Er sah mich einen Moment lang fragend an und nickte dann etwas zögerlich: „Also schön ... Aber wir haben wirklich nicht viel Zeit“

Wir machten uns an die Arbeit, und mir war nicht eine Sekunde bewusst, wie grotesk die Situation eigentlich war. Wäre es mir nur ein klein wenig bewusster gewesen, hätte ich wohl laut schreiend das Gelände verlassen.

Wir lösten also Flügelschraube um Flügelschraube, wobei mir gegen meinen Willen deren Ästhetik auffiel. Normalerweise achtet man doch gar nicht auf so was ... Damals, in den Achtzigern, während meiner Stahlwerkerausbildung, hätte mir so was bestimmt auch Spaß gemacht …

Verdammt!

Denken kommt jetzt nicht in Frage!

Fühlen bitte, bitte auch nicht. Die Schrauben sind klasse, und dieser Tag wird irgendwann vorbei sein. Und damit Punkt! Bitte, bitte PUNKT!

Irgendwann hatten wir alle Schrauben gelöst, und ich schaffte es sogar, nicht daran zu denken, was nun zwangsläufig folgen sollte ...

Der Bestatter und ich nickten uns kurz zu wie ein alt eingespieltes Team, dann hoben wir den Sargdeckel behutsam zur Seite.

Vater lag in einer untypischen Körperhaltung und einer vollkommen unerwarteten Hautfarbe da … Seine absurd gefalteten Hände zeugten eher von kreativem Spieltrieb des Balsamierers als von seiner Kenntnis des Wesens meines Vaters, dessen Gesichtsausdruck uns zu sagen schien:

„Nun lasst mich doch wenigstens jetzt in Ruhe! Ich bin so unendlich müde!"

Mutter beugte sich über den nun offenen Sarg, streichelte ihrem Mann das kalte, fahle Gesicht und schluchzte: „Ach, Leo, mein Leo ...“

– Dann, leicht verlegen zum Bestatter: „Schön haben sie ihn zurechtgemacht“-

Dann wieder zu ihrem Gefährten: „Ach Leo, alles Gute, mein lieber Mann!“

Ein letztes Mal streichelte sie ihm mit Tränen in den Augen sanft seinen leblosen Kopf, dann hoben der Bestatter und ich den Deckel wieder auf den Sarg.

Diesen gnadenlosen, nicht mehr verhandelbaren Deckel endgültig über meinen Vater zu stülpen, der mich selbst mit geschlossenen Augen noch anzusehen schien, fühlte sich in jenem Moment an wie ein Akt tiefster Barbarei.

Und überhaupt: Wie jetzt? Das soll es jetzt gewesen sein?

Keine letzten weisen Worte, kein alles heilendes, gegenseitiges Verständnis auf der Zielgeraden?

Nur ein Deckel, der jetzt mühsam, aber zügig wieder zugeschraubt werden musste, weil des Bestatters Zeit drängte?

Obwohl man weiß, dass er da drin liegt und anschließend nicht mehr raus kann? Nie wieder???

Aber irgendwann war der Sarg wieder verschlossen, und die Dinge konnten wieder ihren geplanten Lauf nehmen.

Die Trauergesellschaft bestand aus einigen wenigen, tendenziell bereits dementen, persönlichen Weggefährten meines Vaters und dazu erdrückend vielen Religionsfreunden meiner Mutter, die sie extra hatte ankarren lassen, obwohl er die meisten von ihnen weder gekannt hatte noch gemocht hätte, und die es sich auch dieses Mal nicht verkneifen konnten, den Abschied von meinem Vater vor ihren persönlichen Glaubenskarren zu spannen ...

Eigentlich eine massive Störung der Toten- aber im Grunde auch der Lebendenruhe ... Aber letztlich ertrugen alle die Abschiedszeremonie, so gut es jedem möglich war.

Dann fuhren wir wieder zurück zu diesem Haus, das jetzt keine sture, laute, polternde, rast- und ruhelose, herzliche Seele mehr hatte, und parkten unbehelligt, aber auch unerfüllt, in der letzten Einfahrt, der nun jedes Leben, jedes Verzeihen, jede Liebe verloren gegangen schien.

In Gedenken an meinen Vater Leopold Seide, 02.11.1924 – 22.04.2007, und an meine Mutter Alma Seide, 03.10.1929 – 24.07.2007.

Ihr Miteinander war schwer – ihr Ohneeinander unmöglich.

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