Die Expedition von Joseph James

Für einen jungen Studenten ist es der größte Traum mit seinem Professor auf eine Expedition zu gehen. Nur was ist, wenn aus dem Traum ein Albtraum wird?

Teaser:

Das Klingeln eines Weckers gehört wahrscheinlich zu den nervigsten Geräuschen, die je existiert haben. So dachte zumindest Christian Woetz, als er ihn um sieben Uhr morgens hörte. Widerwilliger weise öffnete er seine Augen, starrte ungläubig seinen Lärm verursachenden Wecker an und schlug
dann mit der Faust auf ihn, um ihn auszuschalten.


Endlich Stille, dachte er. Mühselig erhob er sich aus …

ISBN: „978-3-96385-039-4“

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Kapitel I

Das Klingeln eines Weckers gehört wahrscheinlich zu den nervigsten Geräuschen, die je existiert haben. So dachte zumindest Christian Woetz, als er ihn um sieben Uhr morgens hörte. Widerwilliger weise öffnete er seine Augen, starrte ungläubig seinen Lärm verursachenden Wecker an und schlug dann mit der Faust auf ihn, um ihn auszuschalten.

Endlich Stille, dachte er. Mühselig erhob er sich aus seinem Bett und machte sich auf dem Weg zum Badezimmer. Er sah in den Spiegel und erblickte ein müdes Gesicht, kein hässliches, ganz und gar nicht. Christian war jung, hatte keinerlei Falten im leicht rundlichen Gesicht, volles schwarzes Haar, alles recht ansehnlich.

Was ihn allerdings störte, war der wiedereinmal sprießende rostbraune Bart. Er zückte seine Rasierklinge, schmierte sich das Gesicht mit Rasierschaum voll und begann sein Werk. Nachdem es vollbracht war, kümmerte Christian sich um die restlichen hygienischen Angelegenheiten. Zum Schluss kämmte er sich noch die Haare und begab sich dann zu seinen Ankleideschrank.

Sein Blick fiel auf die Uhr, schon sieben Uhr dreißig, bemerkte er. Er sollte sich langsam mal beeilen, wenn er nicht wieder zu spät zur Uni kommen möchte. Wenn er wieder in die Vorlesung von Professor Roel hereinplatzt, dann kann er sich eine hitzige Standpauke vom altem Akademiker anhören lassen. Christian schaute in seinen Schrank, überlegte kurz und nahm sein liebstes weißes Hemd und eine schwarze Hose. Er bindet sich noch eine blaue Krawatte und begab sich dann in die Küche.

Wieder ein Blick auf die Uhr, sieben Uhr fünfundvierzig. Jetzt ist nur noch Zeit für ein kleines Frühstück, ein kleines Marmeladenbrötchen. Er schnappte sich noch seine Arbeitsmaterialien, zog seinen schwarzen Mantel und Filzhut an und ging zur Tür. Ein letzter Blick auf die Uhr, sieben Uhr fünfundfünfzig. Jepp, dachte er mit einem gequälten Lächeln im Gesicht, ich komme definitiv wieder zu spät.

Er schloss die Tür hinter sich zu und machte sich auf dem Weg zur Kevin-Jähns-Universität. Auf den Weg nach unten traf er noch den alten Schimanski, der ihn, wie immer, einen feindseligen Blick zuwarf. Doch Christian war gut erzogen, er hob seinen Hut wie jeden Morgen und sagte mit freudigen Ton: »Angenehmen Morgen, Sir«. Der Alte grummelte und schnaubte nur verächtlich vor sich hin.

Was habe ich ihn bloß getan?, fragte sich Christian. Doch er machte, wie immer, sich nichts weiter daraus und begab sich auf seinem Weg. Er schnappte sich sein doch recht altmodisches Fahrrad  und raste zur Universität.

Die Wege waren zum Glück einigermaßen leer, sodass Christian keinerlei Probleme hatte sich in den Straßen Lorgon-Citys fortzubewegen. Nach ungefähr zwanzig Minuten erreichte er endlich sein Ziel, die Kevin-Jähns-Universität, ein wahrlich imposantes Gebäude, geformt aus weißem Marmor, kunstvoll gefertigt, eine architektonische Meisterleistung. Die Universität war eines der ersten großen Bauprojekte der Weltregierung, sie sollte als Sinnbild für Freiheit, Demokratie und Bildung gelten, weshalb sie auch den Namen eines, aus Carolia stammenden, großen Denkers und Mitgestalter der Verfassung der Weltregierung erhielt, den des berühmten Philosophen und Staatstheoretikers Kevin Jähns. Sie war die größte und beste Bildungseinrichtung Lorgons, hier studieren die zukünftigen Eliten von Morgen. Wer hier seinen Abschluss schaffte, konnte es bis ganz nach oben schaffen.

Das war auch Christian sein Traum, die Spitze des Turms zu erreichen, berühmt zu werden, einen Namen in der großen Geschichte zu hinterlassen und nicht nur zu einer Fußnote oder Randnotiz zu verkommen. Er hatte Großes im Leben vor, seine Ziele waren hoch. Doch Erwartungen und Realität sind selten deckungsgleich, Christian wäre sehr gerne erfolgreich, er wäre gerne hoch oben auf der Spitze, doch die echte Welt ist hart, hart und grausam.

Als er es schaffte an der Uni angenommen zu werden, dachte er, es wäre ein leichtes Spiel, etwas was man nebenbei macht, doch da täuschte er sich gewaltig, das Studium für Altertümliche Geschichte war alles andere als ein Kinderspiel, der Stoff war gewaltig, die Inhalte auf hohem Niveau. Er musste dafür hart arbeiten, härter als er für etwas gearbeitet hat. Hinzu kam der immense Konkurrenzdruck, die Kurse waren gut besucht, von Leuten, welche extremst ehrgeizig und skrupellos waren. Christian war auch ehrgeizig, doch ihm fehlte der Granit zerschmetternde Biss der anderen Studenten.

Christian war weich und mitfühlend, er hatte keine Kälte in seinem Herzen, er war nicht skrupellos. Die anderen Studenten waren völlig gegenteiliger Natur, sie waren rücksichtslos und nur auf den eigenen Erfolg erpicht, hier wurde denunziert, verraten, geschleimt, Verschwörungen gewoben, Allianzen gebaut und zunichte gemacht, es wurden Gerüchte in die Welt gesetzt, üble Nachrede begangen, Verrat und gesellschaftlicher Mord standen hier an der Tagesordnung, und zwar nicht nur im Studiengang Altertümliche Geschichte, nein, der galt noch als relativ harmlos, nein, in anderen Richtungen wie Jura und Wirtschaftliche Lehre war die Sache weitaus extremer. Christian traf des Öfteren Studenten solcher Fakultäten, in seinen Augen waren sie immer hochnäsig und kaltblütig. Es waren oft Kinder von reichen oder adligen Familien, Kinder von Eltern, die in der Politik tätig oder in der Gesellschaft hoch angesehen waren. Er konnte zwar verstehen, wenn man ehrgeizig war oder hoch hinaus mochte, doch gab es auch für ihn eine Grenze, welche man nie überschreiten sollte.

Er mochte den Großteil der anderen Studenten nicht, er mochte die Kinder der hoch angesehenen Familien nicht, er verabscheute ihre Methoden und ihre Skrupellosigkeit. Er verabscheute es, dass sie nicht durch Arbeit und Können so weit gekommen sind, sondern durch ihre gewaltigen Vermögen und den Einfluss ihrer Eltern.

Als er durch die Gänge der Universität schritt, kam er einen solchen Studenten entgegen, Linus von Luther. Ein Abkömmling einer alten Adelsfamilie, welche schon Könige und Präsidenten, Minister, Senatoren und Bürgermeister hervorgebracht hatte. Damals in den alten Tagen Lorgons regierten sie gemeinsam mit den Von Lorgons und Von Regenfelds über die Ländereien. Sie hatten schon Macht, als Lorgon noch eine konstitutionelle Monarchie war und sie besaßen sie immer noch als Lorgon zur Demokratie wurde.

Linus war ein hochgewachsener junger Mann mit eher kindlichen Gesicht und ruhiger Stimme, welcher Biologie studierte. Christian wurde nicht so recht schlau aus diesen Menschen, auf der einen Seite hatte er dieses harmlose Aussehen, doch auf der anderen Seite stimmte irgendetwas nicht mit ihm, es schien so, als wäre er von irgendeiner Aura dunkler Natur umgeben, als würde etwas tief in seinem Inneren schlummern, etwas Gewaltiges, Finsteres. Es war ihn immer unangenehm in der Nähe von Linus zu stehen, er wollte so wenig Zeit, wie möglich mit ihm verbringen, er war einfach nur … unheimlich.

Linus warf einen freundlichen Blick auf Christian und sprach mit freundlicher Stimme: »Ahh, Herr Woetz! Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich ihnen! Sie sollten sich langsam beeilen, die Stunde hat schon längst angefangen«.

Christian nuschelte eine Begrüßung und ging seines Weges weiter, diesmal mit etwas mehr Tempo. Er war nur noch wenige Schritte vom Hörsaal entfernt und erreichte ihn dann schlussendlich. Er öffnete die Holztür und trat in den Raum hinein. Prof. Jonathan Roel hielt gerade wieder eine seiner flammenden Vorlesungen über den Verlauf des Letzten Kreuzzuges, als er plötzlich stoppte und zu Christian hinauf sah.

Der alte Professor wurde leicht rot im Gesicht und sprach mit fast donnernder Stimme: »Herr Woetz! Da haben Sie es ja endlich mal hierher geschafft! Gratulation! Wahrlich, ich gratuliere Ihnen! Jetzt stehen Sie da nicht so bescheuert herum, setzten Sie sich gefälligst! Wir sprechen uns nach dem Unterricht!«

Christian stammelte irgendetwas und suchte sich dann einen freien Platz, was sich als etwas schwierig gestaltete, der Hörsaal war nämlich voll. Er erspähte aber dennoch einen Platz und setzte sich dorthin.

Nachdem sich Prof. Roel wieder beruhigt hatte, fuhr er mit seinem Unterricht weiter. Christian hörte nur mit halben Ohr mit, der Letzte Kreuzzug, in der breiten Bevölkerung besser bekannt als der Todeskrieg, hatte ihn noch nie mit echten Interesse gefüllt, ganz anders sah es bei seinem Banknachbarn Dominique Schulz aus, der eifrig mitschrieb und jedes Wort des Professors gierig aufsaugte.

Dominique war jemand den Christian als Freund bezeichnen konnte. Er mag zwar seine Macken haben, trotz alledem war er weitaus sympathischer als der Rest der Studenten.

Die Stunde verging und Prof. Roel beendete endlich seinen Unterricht, zumindest für den Großteil der Schüler, denn Christian durfte noch bleiben. Er schlurfte langsam zu seinem Dozenten, der ihn schon einen bösen Blick zu warf.

Er begutachtete Christian und sagte: »In mein Büro. Sofort!«

Sie gingen gemeinsam die Gänge entlang, Christian mit gesenkten Blick, Roel mit erhobenen Haupt. Als sie das Büro erreichten, öffnete er die Tür und befahl seinem Schüler hineinzutreten. Christian setzte sich auf dem Stuhl vor dem guten, alten Eichenholztisches des Professors. Der Dozent bewegte sich mit Leichtigkeit zu der anderes Seite des Raumes und setzte sich auf seinen gepolsterten Stuhl und sah Christian direkt in die Augen. Christian mochte das alte, mit Falten besetzte Gesicht nicht, er mochte nicht die hellblauen Augen, die hinter der Nickelbrille ihn anstarrten. Es machte ihn nervös, versetzte ihn in Schrecken.

»Sie wissen ja bereits warum Sie hier sind, oder?«

»Sie haben es indirekt ja schon angedeutet. Ich bin … mal wieder … zu spät gekommen.«

»Sie sind nicht mal wieder zu spät gekommen, Sie sind schon das siebente Mal innerhalb von zwei Wochen zu spät gekommen! Was sagen Sie dazu?«

»Na ja, es kann … doch mal … passiert doch mal …« Der Professor lachte trocken.

»Das stimmt … es kann mal passieren, aber nicht mit dieser Häufigkeit! Ich dulde keine Studenten in meinem Hörsaal, die nicht in der Lage sind die Regeln einzuhalten! Und eine der Regeln lautet: Nicht zu spät zur Vorlesung kommen! So etwas kann ich nicht tolerieren! Und es tut mir im Herzen weh, wenn ein so vielversprechender Schüler es tut, es tut wirklich weh! Sie enttäuschen mich!« Christian schluckte.

»Es tut mir … es tut mir leid. Es kommt nicht mehr vor, ich verspreche es!«

»Das will ich auch hoffen! Sonst muss ich mit Disziplinarverfahren drohen und das möchte ich ehrlich gesagt nicht. Aber nun gut wechseln wir mal das Thema. Eigentlich wollte ich nicht mit Ihnen sprechen, um eine Predigt zu halten, es geht um etwas anderes.«

»Und das wäre, Herr Professor?«

»Es geht um eine … Expedition. Man hat nämlich eine geradezu sensationelle Entdeckung gemacht und uns gefragt, ob wir die Expedition durchführen wollen.«

»Eine Entdeckung? Was denn?«

»Gemach, gemach, die Details kommen erst später. Nur soviel: Das Mistarkonic-Institut aus Regiis, das kennen Sie ja sicher, hat bei Rektor Roglin angefragt, ob die Kevin-Jähns-Universität die Forschungen durchführen möchte, da wir eine so exzellente Geschichtsfakultät haben. Der Rektor hat sich dann mit mir auseinandergesetzt und wir haben beide zugestimmt. Nun liegt es an mir ein Team zusammenzustellen und eines der Mitglieder sollen Sie sein.«

»Ohh, wirklich?«

»Ja, ich hasse es zwar das Sie ständig in meinen Vorlesungen hereinplatzen, aber sie sind ein sehr intelligenter Student ohne Zweifel, mit etwas mehr Disziplin wären Sie hervorragend.«

»Oh, oh, ich … ich danke Ihnen … das … das Sie mir diese Chance geben, Sir!«

»Vermasseln Sie es nur nicht. Sie sollten nicht zu spät zum Flug kommen.«

»Wann fliegen wir?«

»In genau zwei Tagen. Bereiten Sie sich auf alles vor, nehmen sie Papier, Zeichengeräte und Ähnliches mit. Der Rest wird vom Historischen Museum Lorgons und dem Institut bereitgestellt. Und nun zurück zu ihren Vorlesungen!«

»Sehr wohl, Herr Professor.«

Christian verließ mit einem großen Lächeln im Gesicht das Büro von Prof. Roel. Endlich, dachte er, geht es bergauf mit mir.

Kapitel II

Nachdem Christian einen weiteren Tag an der Uni geschafft hatte, wollte er sich so schnell wie möglich nach Hause begeben, um endlich etwas Ruhe zu haben. Doch bevor er das Gebäude überhaupt verlassen konnte, stellte sich Dominique ihn in den Weg.

»Hey Chris! Wollen wir noch `ne Runde in der Kneipe was trinken gehen?«

Eigentlich hatte Christian keinerlei Lust dazu, er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt und wollte sich eigentlich nur noch zu Hause hinlegen, doch irgendwie konnte er Dominique selten etwas abschlagen, war er doch immerhin einer seiner engeren Freunde.

Er stimmte mit gespielten Lächeln zu.

»Großartig!«, rief Dominique freudestrahlend, »Dann lass uns keine Zeit verlieren!«

Die beiden gingen durch die Eingangshalle der Universität, vorbei an zahlreichen Büsten, darunter die von zwei Studenten, welche vor drei Jahren bei einer Reise zur Verfluchten Insel verschwanden. Christian schaute sich für einen kurzen Augenblick die beiden Steinköpfe an, dabei bekam er ein seltsames Gefühl in der Magengegend, welches er nicht so recht einzuschätzen vermochte. War es Nervosität? Angst? Er wusste es nicht, er hatte doch nichts zu befürchten.

Und doch … blieb dieses seltsame Gefühl beim Anblick der Büsten bestehen. Christian schüttelte den Kopf, wandte sich ab und versuchte die dunklen Gedanken aus sein Bewusstsein zu vertreiben, was ihn ansatzweise gelang. Er dachte nicht mehr an das Schicksal der beiden Studenten, sondern konzentrierte sich nun auf den Abend mit Dominique.

Nach einem kurzen Fußmarsch gelangten sie zur berühmt-berüchtigten Studentenkneipe Dichterbräu, die Adresse für trinkfeste Akademiker. Als sie das kleine Gebäude betraten, war die Stimmung im Lokal noch relativ ruhig und gelassen. Hier und da tummelten sich einige Studentengruppen, die sich leise unterhielten und dabei kleine Mengen Alkohol zu sich nahmen. Für die Musik war eine Band von Skeletten verantwortlich, welche sanften Jazz spielten.

Christian und Dominique suchten sich einen freien Platz, sogleich kam schon ein Kellner.

»Was darfs sein, Jungs?«

»Ich hätt gern ein Lorgonisches Bier, bitte«, erwiderte Dominique.

»Für mich darf es ein Gonzzolischer Wein sein«, fügte Christian hinzu. Nach einer kurzen Zeit brachte der Kellner die gewünschten Getränke.

Dominique trank einen Schluck und fragte dann: »Wie war dein Gespräch mit dem Professor? Hat er dir ordentlich die Leviten gelesen?«

»Ach, er hat seine übliche Standpauke abgehalten, doch das Gespräch nahm eine … sagen wir …

interessante Wendung.«

Dominique hob seine rechte Augenbraue: »Wirklich?«

»Ja, er wollte mich nämlich so oder so sprechen, es ging um eine … Anfrage.«

»Eine Anfrage? Christian, mach es nicht so spannend.«

»Okay, okay … Prof. Roel stellt momentan ein Team für eine Expedition zusammen und er möchte mich mitnehmen! Kannst du das glauben? Eine echte Expedition und ich darf Teil davon sein!« Dominique lächelte, seine Augen begannen zu funkeln: »Wirklich? Was für ein Zufall, der Professor hat mich ebenfalls in sein Team eingeladen.«

»Ohh …«

Dominique begann lauthals zu lachen, das Lachen war so stark, dass er regelrecht Tränen in die Augen bekam und anfing mit der rechten Hand auf den Tisch zu schlagen. Nachdem die Verwunderung bei Christian verflogen war, begann er ebenfalls zu lachen. Das Gelächter wurde so laut, dass der Kellner vorbeikommen und zur Ruhe ermahnen musste. Danach kam so allmählich Ruhe ein. Dominique richtete seinen Blick wieder auf Christian.

»Tut … tut mir … Hohoho … tut mir echt leid. Huch, das ist mir jetzt aber unangenehm, aber … hihi … du hättest mal deinen Gesichtsausdruck sehen sollen! Einfach köstlich!«

Nachdem sie sich endgültig beruhigt hatten, fragte Christian: »Und was weißt du über diese Expedition?«

»Wahrscheinlich genauso viel wie du, ich weiß nur wer sie finanziert und wann der Flug losgeht.«

»Das ist wirklich nicht viel mehr … Hast du vielleicht eine Vermutung, wo es hingehen könnte, oder um was es sich handelt?«

»Ehrlich gesagt, nein. Aber wie ich das Mistarkonic-Institut kenne, handelt es sich bei dieser Expedition um keine kleine Angelegenheit. Ich mein, die finanzieren nicht spaßeshalber mal eine Reise, es muss sich schon um etwas Großes handeln, etwas Bedeutendes, etwas für das sie unsere Universität brauchen.«

»Der Professor sprach von einer sensationellen Entdeckung. Vielleicht hat man ja etwas entdeckt, was sämtliche Geschichtsbücher umschreiben wird!«

»Das glaub ich eher nicht«, widersprach Dominique, »Ich meine, unsere Universität ist zwar bedeutend, äußerst bedeutend sogar, aber solch eine Entdeckung wäre, glaube ich, eine Nummer zu groß für uns, da würde man sicher andere Institute anfragen, die echte Wissenschaftler haben.«

»Hach, Spaßverderber.«

»Eher Realist. Wahrscheinlich hat man irgendwo einen kleinen Magier-Tempel aus der Zeit des

Letzten Kreuzzuges zur Tage gefördert oder dergleichen.«

»Das wäre aber keine Sensation, aber obwohl, wie ich Prof. Roel kenne, wäre schon eine Gabel aus der DMT-Ära für ihn eine sensationelle Entdeckung

»Da muss ich dir recht geben« , Dominique lachte.

Die beiden bestellten noch weitere Getränke und der Abend verlief heiter und fröhlich. Nach und nach strömten weitere Gäste in das kleine Lokal, bald war jeder Platz besetzt. Die Skelettband wurde durch eine andere Truppe ersetzt, eine Gruppe von Schwarzmenschen, welche einen gehörigen Takt anlegten. Der Sänger der Band gab sich zum Besten, seine Stimme schwang zwischen den Tönen hin und her, nie gab sein Gesangsorgan auf. Er sang mit voller Brust und forderte die Gäste auf zu tanzen und mitzuschwingen und natürlich kamen die Gäste dieser Aufforderung mit dem größten Vergnügen nach. Schnell hatte man die Tische und Stühle beiseite geräumt und eh man sich versehen konnte, schwang jeder sein Tanzbein, selbst Christian, welcher bei solchen Sachen recht zurückhaltend war, konnte nicht anders, als sich zu den rhythmischen Tönen zu bewegen. Und wie er sich bewegte!

Die Saxofone und die Trompeten und der Gesang vereinten sich zu einem wahrhaft wunderschönen Klang, die gesamte Stimmung im Lokal war einfach wunderbar, jeder hatte eine gute Zeit.

Die Getränke und wahrscheinlich auch andere Flüssigkeiten, flossen in Litern. Die Party ging noch bis spät in die Nacht hinein, doch alles Gute muss auch mal ein Ende haben.

Christian verabschiedete sich von seinem Freund und begann zu seinem Fahrrad zu torkeln, wobei er ein-, zweimal hinfiel, doch schlussendlich schaffte er es. Er schwang sich auf seinen Drahtesel und fuhr nach Hause. Zum Glück für Christian war keine Polizei in der Nähe, das hätte sonst ziemlichen Ärger gegeben.

An sein Ziel angekommen, versuchte er möglichst leise in seine Wohnung zu gelangen, schließlich wollte er niemanden aufwecken, und ganz besonders nicht den alten Schimanski. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte er es endlich die Tür aufzuschließen und begab sich hinein. Er schloss noch die Tür hinter sich und wollte sich sogleich in sein Bett, doch weit kam er nicht. Er fiel einfach auf dem Teppich und schlief augenblicklich ein.

Nach einer sehr langen Zeit wachte er mit sehr schweren Kopf auf. Sein gequälter Blick fiel auf die Uhr, es war elf. Schlagartig richtete Christian sich auf. Scheiße, dachte er, ich hab verschlafen!

Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit raste er zum Bad, mit einer ähnlichen Geschwindigkeit rannte er zu seinem Kleiderschrank. Für Frühstück war diesmal keine Zeit! Er schnappte sich seine Utensilien und sprang regelrecht aus seiner Wohnung. Auf seinem Weg nach unten kam er an den alten Schimanski vorbei, der ihn einen äußerst bösen Blick zuwarf. Doch Christian hatte diesmal keine Zeit dafür. Prof. Roel wird mir diesmal alle Höllen heiß machen, fuhr es ihm durch den Kopf. Er sprang auf sein Fahrrad und fuhr mit Lichtgeschwindigkeit zur Universität.

Einige Beinahe-Unfälle später hatte er die Bildungseinrichtung erreicht, wo er mit immenser Erleichterung feststellte, dass Prof. Roel den ganzen Tag mit der Planung der Expedition beschäftigt war und somit keine Vorlesungen geben konnte.

Christian atmete auf.

Vielleicht wird er Tag doch nicht so übel, dachte er.

Kapitel III

Endlich war der große Tag gekommen, der Tag der Expedition und diesmal war Christian überpünktlich aufgestanden, schließlich wollte er es sich nicht versauen.

Wie immer ging er ins Bad, dann zum Kleiderschrank und schließlich machte er sich noch einen Happen zu essen. Er schnappte sich seinen Mantel, seinen Hut und seine Tasche und begab sich fröhlich aus seiner Wohnung. Auf dem Weg nach unten pfiff er eine heitere Melodie, was dazu führte, das Herr Schimanski ihm einen irritierten Blick zuwarf, doch das war Christian völlig egal. Er hob seinen Hut und begrüßte den Alten freundlich.

Christian stieg auf sein Fahrrad und raste zum Flughafen, wo nach gestriger Aussage, die anderen Mitglieder der Expedition warten würden. Als er ankam, sah er, wie eine Person ihn zuwinkte, er konnte mit Leichtigkeit erkennen, dass es sich um Dominique handelte.

Neben Dominique stand Prof. Roel, gekleidet in einem karierten Hemd und einfachen Jeans. Christian sah das noch zwei weitere Personen bei ihnen standen. Es waren zu einem Linus von Luther, mit dem Christian überhaupt nicht gerechnet hatte, und Pascal Veß, Professor für Archäologie, den Christian nur vom Sehen kannte. Als er zur Gruppe stieß, bemerkte er, dass alle einfache, schlichte Sachen trugen. Christian fühlte sich mit seinem Mantel und dem Hut recht fehl am Platz, doch er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen.

»Sie mal einer an, Herr Woetz ist zum ersten Mal zu etwas pünktlich anwesend. Das ich das nochmal erleben darf!«, spöttelte Prof. Roel.

»Nun seien Sie doch nicht immer so, Jonathan!«, wies Prof. Veß seinen Kollegen zurecht.

Er reichte Christian die Hand: »Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Pascal Veß, Professor für

Archäologie, ich werde euch auf dieser einmaligen Expedition begleiten.«

»Freut mich Sie kennenzulernen, Herr Professor. Ich bin Christian Woetz, Student der

Altertümlichen Geschichte.« Er schüttelte die Hand mit großer Freude.

»Prof. Roel«, fing Linus an, »erzählen Sie uns nun wo es hingeht?«

»Haben Sie Geduld, Herr von Luther. Ich werde ihnen alles im Flugzeug erzählen, alles was Sie wissen müssen.«

Das Flugzeug war eine große, grüne Transportmaschine, welche schon einige Tage zählte. Es sah aus wie ein Relikt aus der Zeit des Imperiums, übersät mit Rostflecken und abblätternder Farbe. An einer Seite prangte das Logo des Mistarkonic-Institutes: Ein grüner Kopffüßler, auf dessen Stirn sich eine hell erleuchtete Fackel befand.

Christian betrachtete das Symbol mit äußerster Faszination, es hatte eine Art Anziehung auf ihn, die er sich einfach nicht entziehen konnte. Es war ein Zeichen, welches man nicht alle Tage sah, es schien mehr dahinter zu stecken, irgendeine uralte Bedeutung, mehr als nur schlichte Symbolik. Dominique schnippte mit den Fingern nah an seinem Gesicht und holte ihn somit aus seiner Trance.

»Hey Chris! Nicht träumen, wir wollen endlich losfliegen.«

Christian konnte sich nur schwer vom Anblick des Logos lösen, doch er folgte schlussendlich Dominique ins Flugzeug. Die drei Studenten und die beiden Professoren saßen sich auf ihre Plätze, kurze Zeit später erhob sich die Maschine mit einem brummenden, stöhnenden Laut gen Himmel. Christian schaute aus seinem Fenster und sah wie sich der Boden immer weiter und weiter entfernte. Er wandte sich zu Prof. Roel: »Nun, Herr Professor, lüften Sie nun endlich dieses mysteriöse Geheimnis, welches an uns alle nagt?«

Er seufzte kurz: »Geduld ist Ihnen ein Fremdwort, nicht wahr? Aber na gut, ich habe es ja schließlich versprochen und an den Ausdrücken in euren Gesichtern kann ich erkennen, dass ihr es alle endlich wissen wollt. Nun gut, unser Ziel … ist Antarctica.«

Die Studenten schauten ihren Professor erstaunt an, unfähig irgendeinen Laut von sich zu geben. Alle hatten große Augen, die Kinnladen hingen tief herunter.

Schließlich fand Linus einige Worte: »Antarctica? Die Ewige Eiswüste? Was … Was gibt es denn da von Bedeutung? Außer Schnee, Robben und Nordmenschen?«

»Mein Junge, es gibt dort weitaus mehr als nur Schnee, Robben und Nordmenschen«, antwortete der Professor, »unsere geschätzten Freunde vom Mistarkonic-Institut haben nämlich vor einigen Wochen eine grandiose Entdeckung aus der Luft machen können!«

»Jetzt spannen Sie die jungen Leute nicht so auf die Folter, sondern spucken Sie es endlich aus«, mischte sich Veß ein.

Der andere Gelehrte gab ihn einen genervten Seitenblick und fuhr dann mit seinen Ausführungen fort: »Man hat eine riesige oberirdische Festung der Großen Erbauer gefunden, in einen bemerkenswerten Zustand.«

Die Studenten waren erstaunt, kannten sie die Erbauer doch nur aus Lehrbüchern und aus alten Geschichten und jetzt haben sie das Privileg, die einmalige Chance, eine solche Behausung mit eigenen Augen zu sehen! Durch die uralten Gänge zu wandern, die fantastischen Apparaturen zu Gesicht zu bekommen und Zeugnisse einer längst ausgestorben Hochkultur in die Finger zu bekommen!

»Eine Festung der Großen Erbauer … Das ist ja … un… unglaublich. Ich … ich kann … es kaum fassen«, stammelte Dominique.

Christian war völlig hin und weg, er fühlte sich wie in einen Traum, einen sehr schönen sogar. Man gab ihm die Chance, die Vorreiter der menschlichen Rasse, und wahrscheinlich auch aller anderen Rassen, zu sehen und zu bestaunen, einer Rasse, die bis zum heutigen Tag als die fortschrittlichste von ganz Terra galt. Welche Wunder würden wohl dort auf ihn warten? Er war so aufgeregt, er fühlte sich fast schon wie ein kleines Kind in einem großen Spielzeugladen.

»Wie wird denn unsere Vorgehensweise dort sein, meine Herren?«, fragte Linus.

Diesmal war Professor Veß an der Reihe, um zu erklären: »Wir werden in der Nähe von Karstak landen, dort schlagen wir auch unser Basislager auf. Von dort aus steigen wir in ein kleineres Aufklärungsflugzeug um und fliegen in die Nähe der Ruine, wo wir ein zweites Lager aufbauen werden und von dort aus unternehmen wir dann unsere Forschungen.«

»Wie weit weg von der Festung werden wir unser Lager aufschlagen?«, fragte Christian neugierig.

»Nicht sehr weit«, antwortete Roel, bevor Veß es konnte, »ungefähr ein bis zwei Kilometer.«

»Das hört sich doch recht weit an«, warf Dominique ein.

»Vorgabe des Institutes, sie meinten, es wäre die optimale Entfernung«, erklärte Roel.

„Zwei Kilometer klingen für mich nicht nach optimaler Entfernung“, murmelte Christian.

»Genug davon! Es sind nun mal Vorgaben, an denen wir uns halten müssen«, antwortete Roel harsch.

Die drei Studenten waren schon von den Gedanken erschöpft, zwei volle Kilometer im Schnee, bei extremst eisiger Kälte, im schlimmsten Fall sogar im Sturm, laufen zu müssen. Christian schlotterte allein schon, wenn er an die dortigen Temperaturen nur dachte.

Hoffentlich halten die Pelzmäntel schön warm, sprach er gedanklich zu sich.

Christian schaute wieder aus seinem Fenster, unter ihnen war nichts als endlose blaue Massen an Wasser. Welche Geheimnisse sich wohl unter den tosenden Wellen versteckt hielten? Welche uralten Ruinen, welche längst vergessenen Königreiche dort wohl existieren? Das Meer war ein faszinierender Ort, der seine Mysterien selten freiwillig preisgab. Nicht wenige starben bei dem Versuch sie an die Oberfläche zu bringen, sie dem Tageslicht zu präsentieren. Nun war der Ozean ihr kaltes, ewiges Grab, nun waren all die Helden, Abenteurer und Schatzjäger, welche es versucht hatten, ein Teil des urzeitlichen Wassers, Futter für die abscheulichen Kreaturen der Tiefe. Jene Kreaturen, von denen man an der Oberfläche nur mit flüsternder Stimme und vorgehaltener Hand spricht. Jene Kreaturen, von denen die alten Seemänner berichten, wenn sie von ihren langen  Reisen wiederkamen. Das Meer ist uralt und so sind seine Geheimnisse und diese Geheimnisse wollen auch weiterhin verborgen bleiben, um jeden Preis.

Christian starrte weiter auf die unendlich blauen Weiten, bis seine Lider immer schwerer und schwerer wurden und er letztendlich in einen tiefen Schlaf fiel. Es dauerte auch nicht lange, da bildete sich ein Traum in seinem Kopf.

In ihm sank Christian, er sank ihn die Tiefe des Ozeans. Er öffnete die Augen, er fühlte keinerlei Panik, sondern Ruhe, Gelassenheit, Ausgeglichenheit, inneren Frieden. Er sank tiefer und tiefer, bis er schlussendlich den Grund des Meeres erreichte. Vor ihm bildete sich aus dem Nichts ein gewaltiges Schloss, geformt aus Stein und Korallen. Dutzende riesige Türme erhoben sich meilenweit nach oben, bis man ihre Spitzen nicht mehr erkennen konnte. Das Schloss nahm Dimensionen an, welche jede Stadt Terras übertrafen, Stein um Stein, Koralle um Koralle wuchs es. Gigantische Fenster öffneten sich in den Türmen und Burgen, Buntglas wuchs aus ihnen, bildete wunderschöne Verzierungen, wahre Kunstwerke, welche kein normaler Sterblicher anfertigen könnte. Immense Wehrgänge und Mauern erhoben sich aus dem Schlamm, überwuchert mit Seetang und Muscheln, die Größe übertraf alles, was je erbaut wurde und je erbaut werden wird.

Rechts und links von Christian krochen Statuen aus dem Sand. Wem oder was stellen sie dar?

Waren es Sardonier? Nein.

Nein, sie sind etwas Älteres. Etwas … Uraltes.

Älter als die Menschheit. Älter als alle Nichtmenschen.

Älter als die Großen Erbauer selbst, denn sie selbst waren machtvolle Erbauer. Sie waren es, welche das wunderschöne Schloss erschufen in all seiner Pracht. Sie waren Titanen, sterbliche Götter.

Christian betrachtete ihre kolossalen Statuen, doch konnte er sich keinen Reim aus ihnen machen, glichen sie doch keiner ihm bekannten Lebensform. Sie waren majestätisch und anmutig, zeitgleich aber auch einschüchternd und wild. Ihr Körperbau war perfekt für die dunklen Tiefen des Ozeans angepasst, alles an ihnen schien perfekt.

Auf einmal kam ein helles Leuchten aus dem Inneren des Schlosses, wodurch Christians Aufmerksamkeit darauf gelenkt wurde. Er schritt näher heran, betrachtete es nun aus vollster Nähe. Erst jetzt wurde ihm diese Größe wirklich bewusst, es stellte alles ihn Bekannte in den Schatten. Der Ratstempel des Magier-Ordens, die Große Bibliothek, die Festung Nilfgaards, all diese Bauwerke waren winzig im Vergleich zu diesem Schloss. Wenn die Großen Erbauer Jahrhunderttausende lang regiert hatten, so hatten diese Titanen Jahrmillionen regiert, erkannte Christian. Er trat noch näher an das ominöse Leuchten und vernahm einen lieblichen, gar wunderschönen Gesang. Nun stand sein Entschluss fest, er wollte dort hinein, nein, er musste dort hinein. Er musste diese fleischlichen Götter in all ihrer lebendigen Pracht sehen, er musste ein Auge auf ihren Glanz werfen.

Er rannte, er rannte so schnell er konnte, immer in Richtung Licht, immer in Richtung des Gesanges, immer den lieblichen Stimmen nach. Er hatte es auch beinahe geschafft, er war nur noch wenige Zentimeter vom heiligen Licht entfernt, doch kurz bevor er es berühren konnte, tat sich der Boden auf und er fiel.

Er fiel in einen bodenlosen Abgrund.

Er begann zu schreien, er hoffte, er wache bald auf. Doch leider war es ihm nicht vergönnt.

Noch nicht.

Es fühlte sich an, als würde er Äonen lang fallen. Schlussendlich schlug er am Boden auf.

Schnee und Kälte waren das, was er fühlte, der Traum verwandelte sich in einem Alptraum. Christian schaute sich um und sah, dass er sich mitten in einem Schneesturm, mitten in einer Eiswüste befand. Er blickte nach vorn und sah eine gigantische, von eisbedeckte, Festung. Er wusste nicht warum, doch er marschierte einfach darauf zu. Seine Beine gehorchten ihn nun nicht mehr, sie hatten ihren eigenen Willen, besser gesagt, sie wurden von jemand anderem kontrolliert. Christian ging durch das Tor der Festung hinein in die Dunkelheit. Der Zahn der Zeit hatte lange an diesem Gebäude genagt, viele Gänge waren verschüttet und von Eis bedeckt. Er durchschritt große Räume, in deren seltsame Apparaturen lagerten, vorbei an kuriosen, senkrechten Glassärgen, gefüllt mit großen, zyklopenäugigen Skeletten. Christian kamen die Überreste bekannt vor, er hatte sie schon einmal irgendwo gesehen.

Er marschierte Treppen hoch, ging durch lange Korridore, bis er schließlich im obersten Geschoss, in eine Art Kuppelraum ankam. In der Mitte des Raumes stand ein kleines Podest aus Stein, auf dem sich eine Art Gegenstand zu befinden schien. Christian schritt zielgerichtet darauf zu und erkannte, dass es sich beim besagten Gegenstand um ein braunes Buch handelte. Sobald er näher herantrat, konnte er eine Stimme flüstern hören:

Finde es. Suche es.

Christian versuchte den Titel zu lesen, doch es misslingt ihm, die Schrift des Titels war zu verschwommen. Er konzentrierte sich, ging noch näher an das Buch heran. Während er näher herankam, schwoll die Stimme zu einem Chor von Stimmen heran.

Finde es. Finde es. Such es. Nimm es. Nimm es. Du willst es. Nimm es dir.

Du brauchst es. Du willst es.

Es gehört dir.

Christian streckte seine Hände aus und versuchte mit aller Kraft das Buch zu umgreifen. Währenddessen wurde der flüsternde Chor immer lauter und lauter. Die Stimmen wurden immer herrischer, immer befehlender, immer disharmonischer, immer schneller.

Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es.

NIMM ES.

Christian bekam das Buch endlich zu packen, er hob es hoch, fühlte den alten Ledereinband. Er konzentrierte seinen Blick auf das Buch. Der Raum fing sogleich an zu schmelzen, alles zerfiel, die Realität selbst schien sich zu krümmen und zu zersplittern. Dunkelheit konsumierte die Bruchstücke und der Chor sang siegreich in voller Harmonie. Dann … plötzliche Stille.

Alles war dunkel. Christian war allein.

Er schaute sich den Titel des Buches an und konnte nun endlich lesen was dort in großen, schwungvollen Buchstaben stand:

Immatericon.

Kapitel IV

Mit einem Schrecken erwachte Christian aus seinem tiefen Schlaf. Völlig verwirrt schaute er sich um, um sich zu vergewissern, dass er wieder im Flugzeug sitzt und nicht immer noch in diesen Traum gefangen war. Wenn man es einen Traum nennen konnte, Christian war sich da nicht so sicher. Alles schien so echt gewesen zu sein, alles schien so … real.

Nein, das kann nicht sein.

In Gedanken versuchte Christian zu rekapitulieren, was im Traum genau geschehen war.

Das Schloss … Die Titanen … Die Festung … Das Buch …

Das Buch. Wie hieß es doch gleich? Christian versuchte nachzudenken, als ihn plötzlich ein Bild vor Augen schoss. Es war das Buch! Das kostbare Buch! Das Immatericon! Immatericon? Christian hatte noch nie ein solches Buch gesehen oder jemals davon gehört, dass so etwas überhaupt existiert. Christian wusste nur, dass es äußerst mächtig war und das es ihm gehörte, ganz allein ihm.

»Hey Chris! Du bist ja endlich wach!«, schallte eine Stimme.

Christian schrak aus seinen Gedanken hoch und blickte zur Seite. Es war Dominique, er stand neben ihn und schaute ihn an.

»Ähm … Ja … Ja … Ich bin … Ich bin … Ich bin wohl … Ich bin wohl eingeschlafen«, stammelte Christian vor sich hin, während er sich den Schlaf aus den Augen rieb. Dominique lachte herzlich.

»Nicht so tragisch, ist den anderen auch schon passiert.«

»Hab ich irgendetwas Wichtiges verpasst?«, fragte Christian.

»Nur das hier«, Dominique reichte ihm ein paar Schwarz-Weiß-Fotos, »Die hier sind von Prof. Veß, es sind Aufnahmen aus der Luft, das Mistarkonic-Institut hat sie vor ein paar Tagen gemacht.« Christian nahm die Fotografien in die Hand und begutachtete sie gründlich, als ihn die Erkenntnis plötzlich und mit aller Macht traf. Die Aufnahmen … zeigten die Festung aus seinem Traum! Es war das gleiche Gebäude, die gleiche Struktur, die Architektur, dieselbe Beschaffenheit der Umgebung. Alles war haargenau dasselbe! Alles war wie in seinem Traum!

»Chris? Alles in Ordnung? Geht es dir gut?«, fragte Dominique besorgt.

Christians Gesicht war kreidebleich geworden, er hatte einen völlig schockierten Ausdruck angenommen. Nun war alles wirklich glasklar, nun stand seine Mission fest, nun gab es wirklich keinerlei Zweifel mehr. Es war kein Traum, es war definitiv kein Traum, es war eine Vision. Es gab einen Grund, warum er mit auf diese Reise kam und weiß er ihn nun. Er muss dieses Buch in die Hände bekommen, koste es, was es wolle, niemand darf ihn daran hindern. Deswegen muss er vorerst Stillschweigen bewahren, außerdem möchte er die anderen nicht mit seinem Traum beunruhigen. Sie dürfen nichts merken.

Er musste das Buch bekommen, er musste darin lesen, er wollte die Geheimnisse, welche sich hinter dem braunen Ledereinband verbargen, unbedingt erfahren.

Es war seine Bestimmung! Sein Schicksal!

Seine Mission!

Dominique berührte ihn an der Schulter.

»Chris? Chris! Hallo? Chris, du bist so weiß! Geht es dir gut? Alles okay?« Christian schüttelte seinen Kopf, befreite sich so aus der Trance.

»Ja … Ja … Alles in bester Ordnung. Mir war nur … Mir war nur kurz echt übel. Muss wohl der Flug sein.«

Dominique schaute ihn misstrauisch an, doch bevor er weiter darauf eingehen konnte, platzte Linus mit einem geradezu freudestrahlenden hinein.

»Leute, Leute, Leute! Wir landen gleich! Wir landen gleich!«

Kurz nachdem er die freudige Nachricht überbracht hatte, begab sich das Flugzeug auch schon in den Landeanflug. Die Kabine rüttelte und schüttelte sich, Christian wurde ein wenig unwohl Magengegend, doch schon nach wenigen Augenblicken war es wieder vorbei, die Maschine war sicher und heil gelandet.

Nach der Landung kam Prof. Roel in die Kabine und sagte zu seinen drei Schützlingen: »Meine Herren, wir sind nun in Karstak angekommen. Bevor wir das Flugzeug verlassen, sollten sie sich die Pelzmäntel anziehen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, es sei verflixt kalt hier. Ziemlich kalt sogar.« Mit diesen Worten verließ Roel die Kabine wieder.

Linus, Christian und Dominique zogen sich auf der Stelle die dicken Pelzmäntel und die restliche Ausrüstung an. Sofort fühlten sie eine immense Wärme, die im Flugzeug äußerst unangenehm war, doch draußen ihr Überleben sicherte. Sie stiegen alle gemeinsam aus der Transportmaschine und kurzerhand kam ihnen schon ein kalter Wind entgegen. Die Gruppe stand auf einen asphaltierten Flughafen nur wenige hundert Meter von Karstak entfernt.

Die Festungsstadt Karstak war eine der Größten ihrer Art in Antarctica und wahrscheinlich auch eine der Ältesten, datiert sie doch zurück bis zur Zeit von Katarina der Eisigen und sogar bis zur Zeit des Großen Gonzzolischen Reiches. Sie war eine beeindruckende Stadt, umringt von großen, schwarzen Mauern, ein Meisterwerk uralter Städtebaukunst.

Der Gruppe näherte sich eine Person, gekleidet in einen grünen, dicken Mantel. Als sie in ausreichender Sichtweite war, konnte Christian erkennen, dass es sich um einen Mann in mittlerem Alter handelte, glatt rasiert, mit dicken Brillengläsern im Gesicht.

»Seid gegrüßt, meine wissbegierigen Akademiker. Wenn ich mich so vorstellen darf, mein Name ist Herbert Mistarkonic, Enkel des Gründers unseres berühmten Institutes. Ich bin der Organisator dieser … geschichtsträchtigen … Expedition.«

Er reichte jedem die Hand, hörte sich von jedem den Namen an und fuhr dann fort: »Wir werden hier unser Basislager aufschlagen und mit dieser Maschine«, er zeigte auf ein weitaus kleineres Flugzeug, nur wenige Meter von der Transportmaschine entfernt, »werden wir dann zum zweiten Lager hinfliegen, viele Kilometer ins Landesinnere. Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung zum Ziel.«

»Wird uns einer der Eingeborenen begleiten?«, fragte Veß neugierig.

»Leider nein. Die Nordmenschen meiden das Innere von Antarctica wie die Pestiria. Sie sagen, diese Gebiete seien für Menschen verbotenes Territorium. Dort sollen angeblich grausame Teufel leben, die jeden, der es wagt durch ihre heiligen Reviere zu streifen, auffressen. Man hat hier einen Namen für diese Wesen, aber … leider ist mir dieser entfallen. Jedenfalls, die Eingeborenen haben zu viel Angst, um uns zu begleiten. Sie weigern sich konsequent daran teilzunehmen, aus Furcht vor dem Zorn der Wesen.«

»Abergläubische Narren«, murmelte Roel.

»Aber das soll uns nicht abhalten«, fuhr Herbert unbehelligt fort, »kommt mit, wir bereiten alles für euren nächsten Abflug vor.«

»Kommen Sie mit, Herr Mistarkonic?«, fragte Linus.

»Nein, nein. Ich muss leider hier bleiben im Basislager. Es gibt hier noch eine Menge zu tun. Aber ich werde im stetigen Funkkontakt mit euch bleiben, da verlasst euch drauf.«

Als sie am Flugzeug ankamen, sprach er weiter: »Die gesamte Ausrüstung wie Zelte, Untersuchungsgeräte, Rucksäcke, Nahrung und Funkapparate befinden sich bereits in der Maschine. Sie müssen nur noch das Lager aufbauen, das dürfte ja kein Problem sein, oder? Dachte ich mir auch schon, sie sind doch alle kluge Köpfe, dann dürfte es ja keinerlei Schwierigkeiten geben. Großartig.« Er räusperte sich, woraufhin ein Mann in voller Uniform aus dem Zelt schritt.

»Dieser Mann wird ihr heutiger Pilot sein, er hört auf den Namen Cooper Seery.« Cooper nickte der Gruppe zu.

»Wundern sie sich nicht, er ist keine redselige Person, eher einer von der schweigenden Sorte. Er wird sie sicher zum nächsten Ziel bringen, sie dort absetzen und dann wieder zum Basislager zurückkehren. Sie sind dann auf sich alleine gestellt, wir bleiben aber in stetigen Funkkontakt«, er zeigte dabei auf das Basislager.

»Noch irgendwelche letzten Fragen?« Alle schüttelten mit dem Kopf.

»Dann kann es ja losgehen!«

Die drei Studenten und ihre zwei Professoren begaben sich in das relativ kleine Flugzeug, Cooper folgte ihnen. Kurze Zeit später hob die Maschine auch ab, es dauerte nicht lange, da ließen sie auch schon Karstak hinter sich, unter ihnen nichts als weiße Leere. Christian versuchte diesmal nicht zu lange aus dem Fenster zu starren, er wollte nicht wieder einen Traum auslösen, nicht hier, nicht bei so vielen Leuten auf so engen Raum.

»Und«, fragte Linus in die Runde, »was haltet ihr von den angeblichen Teufeln, die hier hausen sollen?«

»Humbug!«, antwortete Roel schnell, »Nichts als Legenden, nichts weiter als Mythen!«

»Was für Mythen, verehrter Kollege?«, fragte Veß.

»Herr Mistarkonic redete von Wendigos, diese sogenannten Teufel werden hier Wendigos genannt.«

»Wendigos? Noch nie davon gehört«, sagte Dominique.

»Woher denn auch? Sie gehören zu den örtlichen Legenden, zu Ammenmärchen, die die Nordmenschen ihren Kindern erzählen, um ihnen Angst zu machen. Es handelt sich bei ihnen um Geschöpfe des Eises und der Kälte, die angeblich in der Lage sind das Wetter zu manipulieren, um Schneestürme heraufzubeschwören. Sie sollen Reisende erbarmungslos jagen, um sie zu verspeisen, dabei stoßen sie ein Todesgeheul aus, was einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wortwörtlich

»Klingt für mich nach einer existierenden Kreatur«, warf Christian ein.

Roel machte einen absolut fassungslosen Gesichtsausdruck, dabei schaute er Christian an, als hätte dieser den Verstand verloren: »Sie glauben doch auch an Schlangenmenschen, die in den Minen von Gonzzoles leben, oder?«

»Ich wollte damit nur sagen, dass doch die Möglichkeit bestehen könnte, das solche Wesen hier existieren könnte«, rechtfertigte er sich.

»Das Einzige was in dieser Einöde lebt, sind ein paar Robben, Eisbären und eventuell noch ein, zwei noch lebende Drachen. Mehr auch nicht.«

»Denken Sie doch nur mal an die anderen fantastischen Wesen, welche auf diesen Planeten existieren. Gargoyles, Drachenschlangen, Riesenspinnen, Hirgel, Wolpartenger, Jackellopas, die Liste ist riesig. Was ist mit diesen wunderbaren Wesen?«, konterte Christian.

»Für diese Lebensformen gibt es Beweise, Augenzeugenberichte, mehr als nur Märchen und Sagen und Legenden.«

»In jeder Legende steckt auch ein Körnchen Wahrheit«, warf Dominique ein.

»Mag sein, doch bis heute konnte niemand die Existenz von Wendigos beweisen. Man hat weder lebende Exemplare gefunden, noch die Gebeine, noch irgendwelche anderen Spuren.«

»Und woher kommen diese Legenden, Herr Professor«, mischte sich Veß mit ein.

»Ganz einfach, mein hochgeachteter Kollege, wahrscheinlich basieren sie auf irgendeinen Barbarenstamm, der vor vielen Jahrtausenden die Nordmenschen terrorisierte. Und, man kennt das ja, werden solche Gestalten oft dämonisiert und zu grausamen Monstern gemacht. Eigentliche Fakten werden übertrieben, es wird gelogen, die Wahrheit zu Recht gebogen, nur um diese Barbaren noch schlechter darstehen zu lassen. Und im Laufe der Zeit vergisst man die Herkunft der Legende und man hält sie fortan nur noch für wahr, als wäre sie schon immer so gewesen, als hätte es schon immer solche Monster gegeben. So ist es immer, so ist es immer gewesen, so wird es auch bleiben. Menschen wie Nichtmenschen machen ihre Feinde immer zu grässlichen Monstern, das macht es einfacher das Feindbild aufrechtzuerhalten und später wird es einfacher diesen besagten Feind umzubringen, weil ist ja nur ein Monster, nur ein Ungeheuer. Ungeheuer kann man ohne Gewissenskonflikte töten, man braucht danach kein schlechtes Gewissen zu haben, man hat schließlich ein Monster erschlagen, die verdienen es ja schließlich getötet zu werden. So … Punkt. Fertig. Aus.«

Die Anderen schauten sich gegenseitig in die Gesichter, gegen diese Argumente können sie nicht wirklich viel ausrichten. Siegessicher lehnt sich Professor Roel und krönt sich, mal wieder, zum König der Debatten.

Kapitel V

Das Flugzeug landete sicher am Boden, die Gruppe stieg aus und sah sich um. Nichts als weiße Einöde, so weit das Auge reichte, mit Ausnahme der großen, von Eis und Schnee verwehten Festungsruine am Horizont.

»Na dann wollen wir mal das Lager aufbauen, bevor noch ein Schneesturm kommt oder es dunkel wird, nicht wahr Leute?«, rief Veß.

Gesagt, getan. Jeder schnappte sich irgendein Teil, jeder packte mit an. Christian nahm sich die Funkausrüstung und Schlafsäcke, Dominique die Rucksäcke und die technischen Geräte, wie Generatoren und Scheinwerfer, Linus die Laborutensilien, Roel das Proviant und Veß die Zelte. Nachdem alles aus der Maschine ausgeladen war, salutierte Cooper, startete die Maschine und flog schweigend davon. Nun war die Gruppe vollständig auf sich allein gestellt, fast vollständig abgeschnitten von der Außenwelt.

Zuerst machten sie sich an den Aufbau der Zelte, was leichter gesagt, als getan war, denn um ehrlich zu sein, niemand hatte so wirklich Erfahrung darin. Doch nach einigem Herumprobieren hatten sie den Dreh raus und das Lager stand, mehr oder weniger. Danach ging es an die Verkabelung der Scheinwerfer, Generatoren und Funkgeräte, dies nahm weitaus weniger Zeit im Anspruch, da Dominique und Prof. Veß gewisse Kenntnisse mitbrachten. Bald war auch die Funkverbindung zum Basislager hergestellt und man übermittelte erste Statusberichte.

Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu, man aß noch eine Kleinigkeit, bevor man sich dann schlafen legte, um für den nächsten anstrengenden Tag ausgeruht zu sein. Christian lag zusammen mit Linus und Dominique in einem Zelt, während die Professoren ihre eigenen hatten. Draußen begann allmählich ein Schneesturm aufzuziehen, wie Christian mitbekam. Hoffentlich passiert der Ausrüstung und dem Lager nichts, dachte Christian, bevor er in einen tiefen Schlaf verfiel.

Und schon fingen die Träume wieder an.

Wieder befand er sich in der Festung, wieder wurde ihm die Kontrolle über seine Beine entrissen, doch diesmal war das Gefühl noch stärker, noch zerrender. Wieder schritt er durch die dunklen Gänge der Ruine, vorbei an Skeletten und merkwürdigen Gerätschaften. Wieder stand er im Kuppelraum, wieder war dort das Podest mit dem Immatericon, wieder flüsterte eine Stimme.

Nimm es. Nimm es. Nimm es. Nimm es. Hole es dir. Es gehört dir. Finde es.

Finde es. Finde es.

Es ist dein rechtmäßiger Besitz.

Ja, ja ich weiß, flüsterte Christian zurück. Er schritt näher heran.

Ich bin bald bei dir, bald bekomme ich dich in die Hände, bald gehörst du mir, sprach er leise.

Gut. Gut. Gut.

Folge meiner Stimme. Folge mir.

Und Christian tat, was ihm befohlen wurde, er schritt näher und näher an das Buch heran, dieses Mal konnte er die Schrift klar und deutlich erkennen, diesmal war alles klar und deutlich. Er konnte auch mysteriöse Symbole erkennen, die im Buch eingraviert waren. Symbole, die er nicht beschreiben könnte, Symbole, deren Bedeutung er, oder sonst ein Sterblicher, nie begreifen oder verstehen würde. In seinen Augen waren es nur wirre Linien, gezackte Kurven, seltsame Flammen und Sterne. Er wusste nicht, was sie bedeuten mögen, doch er ahnte, dass die Antwort sich im Buch befinden würde. Er streckte seine Hände nach dem Buch aus, wieder fing der Chor an lieblich zu singen in voller Harmonie. Seine Hände hatten ihr Ziel fast erreicht.

Halt!, rief eine laute Stimme hinter ihm.

Nur widerwillig drehte Christian sich um, doch er wollte sehen, wer sich hinter ihm befand, wer es wagte ihm zu stören bei seinem Tun.

Es war eine große, dürre Gestalt in seltsamer, schlichter Kleidung. Es war auf keinen Fall menschlicher Natur, noch glich es irgendeiner anderen humanoiden Lebensform. Auffällig war das große, einzelne Auge, welches unendliche Weisheit ausstrahlte. Die Haut des Störers war grünlicher Natur, ein schmaler, langer Mund und zwei kleine Schlitzlöcher unter dem Zyklopenauge zierten das Gesicht. Ohren waren keine am Kopf zu kennen, der außerordentlich rund war. Das Wesen hatte eine sechs-fingrige Hand erhoben, mit der es auf Christian zeigte.

Tu es nicht Fremder, mach nicht den gleichen Fehler wie ich! Was bist du?

Wer oder was ich bin, spielt jetzt keine Rolle mehr! Du darfst das Buch nicht an dich nehmen! Tu es nicht, es ist eine Gefahr für das gesamte Universum!

Aber es ruft nach mir.

Es hat nach mir auch gerufen, es hat nach uns alle gerufen! Ich bitte dich, mach nicht den gleichen Fehler!

Fehler?

Ich hätte es nie benutzen sollen, doch ich wollte helfen! Ich wollte doch nur helfen, ich wollte unser Ende verhindern! Stattdessen habe ich alle hier verdammt. Hör nicht auf seine Lügen! Es verspricht Gutes, doch es bringt nur schlechtes!

Glaube ihn nicht, höre auf mich, mischte sich die Stimme mit ein.

Hör nicht auf das Gift!

Ich glaube dir nicht, du bist derjenige der lügt, sagte Christian. In dem Auge spiegelte sich absolute Traurigkeit wider.

Nein, nein, nein, nein, nein, nein. Nein! Tu es nicht! Es ist dein Untergang!

Auf einmal fingen die Stimmen an zu kreischen, es war das grässlichste Geräusch, welches Christian je vernahm, auch das Wesen hielt sich die Hände an den Kopf und beugte sich vor Schmerzen. Christian taumelte und schlug auf den Boden auf, der gesamte Raum begann zu vibrieren, als würde ein Erdbeben stattfinden. Teile der Decke fielen herunter, krachten in kleine Einzelstücke, Risse im Boden wurden sichtbar, die Kuppel brach auseinander, entblößte einen Himmel, welcher in verschiedenen unbekannten Farben erstrahlte. Ein Grollen, wie aus tausend Kanonen war zu hören, ein gewaltiger Schatten beugte sich über den Raum. Christian schaute nach oben.

Ein ungeheuerlicher Riese befand sich über ihnen und schaute auf sie herab. Es war eine Abscheulichkeit, ein Verbrechen gegen die Natur, es war eine weiße Kreatur, überzogen mit ekelhaften schwarzen, hervortretenden Venen. Sein Gesicht, wenn man es so nennen darf, war geschmückt mit hunderttausend eitergelben Augen, schreiende, leere Gesichter zierten sein Haupt. Es streckte seine widerwärtige Pranke aus, um ihn den Raum irgendetwas zu greifen.

Das Buch!, rief Christian, Ich muss retten! Ich muss beschützen!

Christian sprintete zum Podest und schnappte sich dabei das Immatericon. Er rannte zum Ausgang des Kuppelraumes und drehte sich noch einmal um. Er sah, wie der Riese sich den Eindringling schnappte und mit nach oben zog. Dabei kreischte er wie am Spieß, er schrie sich die Seele aus dem Leib, er bettelte um Hilfe, flehte um Gnade, doch es war vergebens, denn das Monster kannte solche Begriffe nicht, auch ließ es nicht mit sich reden. Der Eindringling schrie weiter hilflos, Tränen flossen aus seinem Auge.

Nein! Bitte nicht! Gnade, ich bitte nur um Gnade! Gnade! Gnade! Hilfe!

Nichts half, der Riese verschwand mit seiner Beute in der Hand, verschwand mit ihm in unbekannte Gefilde. Die Schreie und das Grollen entfernten sich immer weiter, bis sie schließlich nicht mehr zu hören waren.

Christian atmete erleichtert auf, das Buch war in Sicherheit, er war in Sicherheit, niemand konnte ihn oder das Buch mehr schaden. Er fühlte das Leder, berührte die Symbole, er roch den wunderbaren Geruch, diesen einzigartigen Geruch.

Du bist würdig, flüsterte die Stimme.

Würdig.

Würdig, Träger dieses Buches zu sein. Würdig, seine Geheimnisse zu erfahren.

Würdig, die Mysterien des unendlichen Kosmos zu ergründen. Würdig, diese Macht zu erhalten.

Der Chor sang und wie er sang, er sang noch herrlicher, noch wunderschöner als vorher. Noch nie hatte Christian solch einen wunderbaren Gesang vernommen. Er fühlte, wie sich sein Körper mit Glück füllte, mit einem Glück, welches absolut einzigartig war.

Christian lächelte.

Er öffnete das Buch und gleißendes Licht erstrahlte ihn, erhellte den gesamten Raum.

Christian wachte aus seinem wunderbaren Traum auf, er saß aufrecht in seinem Schlafsack. Noch immer war er von Glücksgefühlen übermannt, noch immer lächelte er. Doch dieses Gefühl verschwand schnell wieder. Draußen tobte noch immer der Schneesturm und er konnte den Wind heulen hören. Doch war das wirklich der Wind? Dieses Geräusch … klang anders. Dieses Heulen, klang wie der Tod. Christian merkte, wie ihn immer kälter wurde, plötzlich hörte er ein Geräusch von draußen und da blickte er zur Seite. Er hätte schreien können, doch es war gut, dass er es nicht tat.

Draußen stand etwas. Etwas Großes.

Dünnes.

Es hatte lange Beine und genauso lange Arme, welche bis zum Boden reichten. Sein schlanker Kopf schien von einer Art Geweih gekrönt zu sein.

Christian sah, wie sich der Schatten um das Zelt schlich, wie es sich streckte und schnüffelte Es umrandete das gesamte Zelt, schlich umher, schnüffelte, lauschte. Doch genauso schnell wie es erschienen ist, so verschwand es auch wieder.

Christian saß noch eine Weile und lauschte, doch er konnte nur den Wind hören.

Er legte sich wieder hin und hoffte, dass das alles nur ein schlimmer Alptraum war, dass das nicht wirklich geschehen war, dass nichts passieren wird.

Christian schloss die Augen und schlief ein.

Kapitel VI

Als Christian aufwachte, war der Schrecken der Nacht wieder vergessen, versteckt im hinteren Teil seines Unterbewusstseins.

Er sah sich um und bemerkte, dass seine beiden Kommilitonen schon ihre Betten verlassen hatten. Er tat es ihnen gleich und begab sich nach draußen. Noch immer schneite es, doch war es nicht mehr so stark wie in der Nacht. Christian begab sich in das dritte Zelt, dort wo die gesamte Ausrüstung untergebracht war.

Roel stand an den Funkgeräten, während Dominique, Linus und Veß die Rucksäcke reisefertig machten. Christian schnappte sich auch einen und befüllte ihn mit all den nützlichen Gegenständen, welche sie für ihren unbedingt Ausflug brauchten.

Nach einer knappen halben Stunde war alles soweit, Roel untersuchte noch einmal die Funkverbindung und gab wieder ein paar Statusberichte aus, bevor er sich verabschiedete.

»Sollte nicht jemand im Lager bleiben? Nur um sicher zu gehen«, fragte Dominique.

»Und wozu, Herr Schulz? Wer sollte schon unser Lager plündern wollen, ein Wendigo etwa?«, antwortete Roel mit einem höhnischen Grinsen.

Christian lief es kalt den Rücken herunter, er erinnerte sich wieder an die Begegnung von letzter Nacht. War ein Traum gewesen? War es keiner? Er wusste es nicht, er war sich nicht sicher. Sollte er den anderen Bescheid sagen? Aber würden sie ihm glauben? Nein, nein das würden sie nicht. Vielleicht irrte er sich ja, vielleicht war da kein Wendigo, vielleicht hat sein Verstand ja nur einen Streich gespielt. Ja, ja das muss es gewesen sein. Nichts weiter als ein Alptraum, ausgelöst durch den Stress, ausgelöst durch die Vision, die er hatte. Ja, ja das muss gewesen sein.  Stress. Nicht mehr, nicht weniger. Einfach nur Druck und Stress.

Dominique schaute mit einem Achselzucken zur Seite. Da es keine weiteren Einwände gab, machte sich die Gruppe auf Richtung Festung.

Nur wenige hundert Meter vom Lager entfernt, nahm die Masse an herunterfallenden Schnee wieder zu, die Gruppe war gezwungen Schutzbrillen aufzusetzen, um überhaupt irgendetwas zu sehen. Christian drehte sich nochmal um zum Lager und bekam fast einen Herzinfarkt. Dort standen drei große identifizierbare Schatten im Schneesturm, doch er wusste ganz genau, was sie waren. Christian machte die Augen zu, schüttelte einmal seinen Kopf und schaute nochmal hin: Die Schatten waren wieder verschwunden.

Ich glaub, ich drehe langsam durch, dachte er.

»Herr Woetz! Jetzt bleiben Sie doch nicht stehen oder wollen Sie verloren gehen?«, rief Roel.

Christian drehte sich um und versuchte die Mannschaft wieder einzuholen.

Nach einiger Zeit hatten sie dann endlich ihr Ziel erreicht, die gewaltige Festungsruine der Großen Erbauer. Endlich konnten sie dieses erstaunliche Bauwerk von Nahen sehen, auch wenn es einen großen Teil seiner einstigen Pracht über die Jahrtausende leider verloren hatte. Das Wort Ruine, passte außerordentlich gut zu diesem Gebäude. Ruine.

Denn das war es letzten Endes, eine Ruine, ein Schatten seiner Selbst. Wenn man nicht gerade Ahnung von der Materie hatte, konnte man schwer sagen, was das für eine Art Gebäude war oder von wem es erbaut wurde. Viele Teile lagen zerstört dar, waren eingeschlossen von Schnee und Eis, Türme waren eingestürzt, Gänge verschüttet, Skulpturen unkenntlich gemacht.

Von Weitem konnte man glauben, es handelte sich nur um einen riesigen Hügel voll mit Steinen. Trotzdem waren die Professoren und die Studenten mehr als nur begeistert, noch nie hatten sie so etwas aus der Nähe gesehen. Mit Ausnahme von Christian, er wusste was ihn da drinnen erwartete, er wusste schon, wie es im Innerem aussah.

Jeder schnappte sich eine Taschenlampe und begab sich in die Ruine. Dort konnten sie dann auch endlich ihre Schutzbrille abnehmen. Das Vorankommen gestaltete sich schwieriger als gedacht, da in den Gängen überall Eis- und Gesteinsbrocken lagen. Zum Teil mussten sie sogar kriechen, da an einigen Stellen die Decke runtergekommen war.

Doch nach einigen Strapazen konnte die Gruppe den ersten großen Raum erreichten, dort erwartete sie auch schon das erste große Wunder, in Form eines gewaltigen Riesen! Er kniete in der Mitte des Raumes, in der rechten Hand hielt er, so schien es, eine Art Speer. Zusätzlich war er von Kopf bis Fuß komplett in eiserner Rüstung gekleidet, in der verschiedene Symbole eingraviert waren. Der Helm des Giganten war besonders kunstvoll angefertigt, verziert mit den unterschiedlichsten Details.

»Was wohl mit dem armen Kerl passiert ist?«, fragte sich Dominique.

»Er muss wohl erfroren sein. Seht doch! Überall hängen Eiszapfen an ihm, er muss genauso kalt sein, wie die Umgebung hier. An einigen Stellen ist er sogar vollständig mit Eis bedeckt!«, antwortete Roel.

»Das ist äußerst faszinierend«, erfreute sich Linus, »Er muss, im aufrechten Gang, mindestens fünf, wenn nicht sogar sieben Meter groß sein! Ob es wohl ein lebender Organismus war, vielleicht sogar eine völlig unbekannte Art?«

»Ich bezweifle dies«, warf Veß ein, »Es handelt sich höchstwahrscheinlich um ein Uraltes Konstrukt der Großen Erbauer, eine Art von … Apparatur. Ich habe schon des Öfteren welche ausgegraben … zumindest Teile davon. Aber noch nie habe ich es … im Ganzen gesehen.«

»Professor Veß, was vermuten Sie war sein Zweck?«, fragte Christian neugierig.

»Hmm, schwer zu sagen. Er könnte eine Art Baudrohne gewesen sein. Oder ein Wächter. Oder eine neue Form von Kriegsmaschine. Ja, ja, ja das könnte am wahrscheinlichsten sein. Ein Kriegsgerät. Ein Krieger. Jemand, der seine Feinde gnadenlos aufspießen würde. Ein haushoher Gigant des Krieges, für das Kämpfen geschaffen und nur für das Kämpfen.«

»Seien Sie nicht lächerlich, Herr Kollege. Oder haben Sie im Unterricht etwa nicht aufgepasst? Jeder Historiker weiß, dass die Großen Erbauer Pazifisten, überaus hochintelligente Gelehrte waren, welche sich mit solchen Nichtigkeiten wie Krieg niemals abgegeben hätten!«, erwiderte Roel erbost.

»Und doch, Herr Kollege, steht vor unseren Augen ein waschechtes Konstrukt, welches augenscheinlich für den Kampf erschaffen worden ist. Oder glauben Sie, dass das Teil hier nur herumstand und Däumchen drehte? Vielleicht müssen wir unser bisheriges Wissen über die Großen Erbauer nochmal überdenken.«

»Das … Das ist doch … Das kann doch nicht … Sie!«, setzte Roel an.

»Vielleicht sollten wir erst mal weitergehen, die Daten können wir schließlich später noch ausarbeiten«, schlug Dominique vor.

Jeder war mit diesen Vorschlag mehr als nur einverstanden, doch bevor sie gingen, schabte Veß noch etwas von dem Riesen ab, um es später noch zu untersuchen.

Auch die anderen Gänge erwiesen sich als schwer zugänglich, Christian wurde auch langsam nervös, musste das Buch doch ganz in der Nähe sein, er überlegte sich auch schon eine Ausrede, um von der Gruppe zu verschwinden, als sie plötzlich in den nächsten großen Raum ankamen. Zwar nicht so groß wie der Raum zuvor, doch immer noch beachtlich. Christian kam der Raum bekannt vor, es war der Ort, wo die ganzen seltsamen Apparaturen lagerten!

»Was das wohl für Gerätschaften sind?«, fragte sich Dominique.

»Das werden wir bald herausfinden. Los, nehmt ein paar von ihnen mit!«, befahl Roel.

Sogleich leisteten sie Folge und stopften sich die Apparaturen in die Rucksäcke. Es waren viele seltsame Gegenstände, bei allen konnte man die Verwendung nur vermuten.

»Das wird unseren Wissensstand auf ein neues Hoch heben! Das Institut wird äußerst erfreut sein!«, sagte Veß mit einem Lächeln auf den Lippen.

Als sie die Gerätschaften eingesackt hatten, begaben sie sich weiter. Die Gruppe kam in einer Art Halle an. Dort lagerten Glassärge in senkrechten Positionen an den Wänden entlang. Viele von ihnen wiesen Schäden auf, einige waren absolut leer, doch die meisten beinhalteten Skelette. Große, einäugige Skelette. Christian kannte sie schon, doch erst jetzt stellte er die Verbindung her. Natürlich! Warum ist er nicht gleich darauf gekommen? Es handelte sich um Skelette der Großen Erbauer! Es waren ihre Särge! Handelte sich dann um eine Leichenhalle hier?

»Das wird ja immer besser!«, rief Linus, »So viele Überreste hatten wir noch nie! Dieser Ort ist eine wahre Schatzkammer!«

»Okay, okay, okay. Dieser Ort scheint ziemlich groß zu sein und es scheint so, als gäbe es hier eine Menge zu entdecken. Wir sollten uns aufteilen, damit wir effizienter erkunden können. Herr Schulz, Sie kommen mit mir mit, wir suchen gemeinsam das Erdgeschoss ab. Herr Woetz und Herr von Luther, sie gehen mit Professor Veß, die oberen Stockwerke erforschen! Wir treffen uns in ungefähr, sagen wir mal, drei Stunden wieder! Irgendwelche Einwände? Nein? Na dann, Herr Schulz kommen Sie mit«, kommandierte Roel.

Und so trennte sich die Gruppe, die eine Hälfte unten, die andere oben. Natürlich war die momentane Situation perfekt für Christian, jetzt wäre es noch einfacher sich von der Gruppe zu trennen, er muss nur den richtigen Moment abpassen.

Die kleine Gruppe hatte Schwierigkeiten den Weg nach oben zu finden, waren doch viele Gänge vollkommen verschüttet, Treppen zerstört und Böden mit abgrundtiefen Löchern übersät. Mehr als nur einmal mussten sie umkehren und einen neuen Weg suchen, nur um dann wieder enttäuscht zu werden. Doch nach einiger Zeit und mit einer gehörigen Portion Glück, fanden sie endlich eine unversehrte und stabile Treppe nach oben. Auch wenn unversehrt vielleicht das falsche Wort ist, auch hier lagen Brocken aus Eis und Fels herum, doch der Weg war trotz alledem passabel und schon nach wenigen Minuten hatten sie eine höhere Ebene erreicht.

Auch hier fanden sie viele Räume, in einigen lagen die Überreste von Großen Erbauern verstreut auf dem Boden, so als wären sie an Ort und Stelle einfach so gestorben. Christian bemerkte, dass an vielen Schädelknochen tiefe Kratz- und Bissspuren zu sehen waren, was ihn zutiefst beunruhigte, doch er schwieg vorerst darüber. Er wollte die anderen nicht Angst einjagen oder sie mit seinem Hirngespinsten nerven. Vielleicht wurden die Erbauer ja wahnsinnig und haben sich alle gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Wer würden denn an einen solchen Ort nicht den Wahnsinn verfallen.

Ja, das muss es gewesen sein. Für Christian klang das einleuchtend. Einleuchtend und besser, als die grausame und furchterregende Alternative.

Kurze Zeit später kamen sie in einen fast vollständig verschütteten Raum an, doch dieser Raum war etwas ganz besonderes, denn es etwas fing die Aufmerksamkeit der Gruppe ein. Etwas, was halb im Schnee vergraben lag. Veß trat näher an das Objekt heran und staunte ganz und gar nicht schlecht, als er sah, was dort lag. Ein weiteres Konstrukt! Zwar weitaus kleiner, als das Vorherige und weitaus humanoider, aber ohne jede Zweifel ein Konstrukt!

Es sah … gewissermaßen dem Skelett eines Großen Erbauers sehr ähnlich. Es hatte einen grauen, metallenen Körper, dünne Arme, welche in Klauen endeten, einen eher rechteckigen Kopf, mit einer großen, roten Leuchte als Auge. Im Brustkorbs des Konstruktes schien eine Art Kristall eingepflanzt worden zu sein, wahrscheinlich eine Form von Energiequelle.

Alle hielten den Atem vor Staunen an, nur Veß beugte sich nach vorne und flüsterte: »Faszinierend, noch nie hab solch ein Konstrukt gesehen, es ist … Es ist … Einzigartig, so wunderbar.«

Seine Finger berührten die metallene Haut der Apparatur, da begann das Auge wie aus dem Nichts zu leuchten. Die Arme, der Körper begannen wild zu zucken, sich zu verkrampfen, die Krallen versuchten zu greifen. Geräusche kamen aus dem Inneren der Maschine, knirschende, zerreißende Geräusche, als würden sich tausende von Jahre alte Getriebe widerwillig wieder in Gang setzen. Hustende, klickende Geräusche kamen aus dem Kopf, das Trio sprang zusammen gleichzeitig vor Schreck zurück, mit so etwas hatten sie nicht gerechnet.

Das Konstrukt versuchte sich aufzurichten, merkte aber das seine untere Hälfte im Eis gefangen war. Es probierte sich zu befreien, doch es war zwecklos, also gab es nach wenigen Versuchen wieder auf.

Die Gruppe war immer noch schockiert.

»Was ist es?«

»Was macht es da?«

»Bessere Frage: Was will es?«

»Ich habe keine Ahnung!«

»Meinen Sie, wir haben welche?«

Das Konstrukt schien die Stimmen wahrzunehmen und richtete sein rot glühendes Auge auf das Trio. Es neigte seinen Kopf, so als versuche es zu verstehen, wer, oder besser gesagt was, da vor ihm steht. Es folgte ein kurzes Rattern.

Dann … sprach es mit rauer, metallischer Stimme: »Fürchtet … euch nicht … meine Kinder.« Christian fand als erstes Worte: »Es … Es spricht … Es spricht mit uns. Es versteht uns. Es spricht unsere Sprache!«

»Ja … Mein Kind … Dies tue … ich. Ich bin …«, kurzes Knacken der Getriebe, »Ich bin … auf diese … Eventualitäten … vorbereitet … Die Welt … ist ja … ständig im …. Wandel … Ihr könnt euch ja … gar nicht vorstellen … wie glücklich ich … bin … euch zu sehen … Dann haben … es die anderen …. Teams … doch geschafft … Dann gab … es doch noch … Hoffnung … dann gab es

… doch eine Zukunft … Ich bin … Ich bin ja so …. glücklich!«, wieder war ein Knirschen der Zahnräder zu hören, »Entschuldigt … meine Kinder … aber meine … Servomotoren … sind etwas beschädigt … nach all den Jahren.«

Veß stand den Tränen nahe, schluchzend sagte er: »Wie … Wie lange … Wie lange habe ich auf solche einen Moment gewartet? Ich habe, ich habe, ich habe so viele Fragen, so viele Fragen, die ich stellen muss!«

»Es … tut mir … leid … aber für Fragen … gibt es nicht mehr … viel Zeit … schätze ich … Meine

… läuft ab … ich kann nicht … mehr … ich kann nicht mehr … so lange … schon zu lange … bin ich hier … aber wenigstens … durfte ich euch … sehen.«

»Lasst mir nur eine Frage stellen!«, flehte Veß.

Das Konstrukt schaute ihn an, mit schwachen Leuchten, es erwartete diese eine Frage.

»Warum seid ihr verschwunden? Was ist mit eurem Volk passiert?«

Das Konstrukt drehte den Kopf hin und her, es ratterte und knirschte im Inneren. Es versuchte sich zu erinnern, doch diese Erinnerung war schmerzhaft … äußerst schmerzhaft. Schließlich fand es Worte: »Der Krieg … Ja, dieser furchtbare Krieg … So viele Tote … Sie kamen eines Tages … von oben, vom Himmel herab … Ein gigantisches Schiff …. Wie ein riesiger Speer … Sie kamen … Sie kamen mit ihren Sklavenarmeen … Diese armen Seelen! … Wir versuchten alles … So viele Lösungsvorschläge … so viele Forschungen … jeder hatte eine andere Lösung … Wir forschten … wir bauten … wir erschufen … wir nutzten … düstere Praktiken … Doch es schien … hoffnungslos

… sie zerstörten unsere Städte … fegten unsere Maschinen weg … wir gaben nicht auf … kämpften tapfer weiter … doch es war vergebens … wir waren letzten Endes … dem Untergang geweiht … unsere Geschöpfe und Konstrukte erhoben sich gegen uns … einer nach dem anderen verschwand

… die Kommunikation zerbrach … bald nur noch Stille … Keiner mehr … da … niemand … niemand … niemand … versagt … letztendlich nahmen sie uns doch … mit … trotz Sieg … gingen wir unter … hätten wir doch nur … früher … früher … früher gehandelt … Doch … anscheinend

… lebt ihr … unser Erbe besteht … doch weiter.«

Das Leuchten des Auges verschwand, das Konstrukt sackte in sich zusammen. Es war tot, nur noch eine leblose Hülle.

Tiefe Trauer erfüllte die Gruppe, Veß trat näher heran, kniete sich neben die einst lebendige Maschine. Er flüsterte: »Geht schon mal weiter, Jungs. Ich … ich möchte noch einige … Forschungen hier … anstellen.«

Christian und Linus drehten sich um und gingen.

»Komm«, sagte Christian nach einen kurzen Fußmarsch, »Ich weiß ganz genau wo es lang geht.« Christian wusste, was er zu tun hatte. War es verwerflich? Ja, ja das war es. Doch es war notwendig und im Auge des großen Ganzen war es nur ein kleines Opfer.

Kapitel VII

Christian stand kurz davor sein Ziel zu verwirklichen, kurz davor … das Buch in den Händen zu halten. Er wusste ganz genau, wo der Weg war, wo sich sein Schatz befand. Natürlich war da ja noch Linus, doch der sollte kein Problem darstellen. Ihm ist halt ein tragischer Unfall geschehen, kann an diesem Ort sehr leicht passieren. Da kommt es schon mal vor, dass die Decke herunterfällt und einem den Kopf einschlägt, oder das man in ein Loch stürzt, oder das man einen Abhang runterrutscht, all das kann hier passieren, all das ist möglich. Jeder kannte die Risiken beim Erkunden von Ruinen. Unfälle und Missgeschicke passieren halt, besonders hier.

Doch … etwas behagte Christian nicht. Es hatte mit Linus zu tun. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht, irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Christian bekam langsam ein ungutes Gefühl bei der Sache.

Wusste Linus etwa, was er vorhatte? Ahnte er es?

Wusste er Bescheid?

Wusste er … was für ein Schatz hier versteckt war?

Christian war sich nicht sicher, doch er wollte nichts dem Zufall überlassen, er musste wachsam bleiben, sonst könnte er am Ende noch überrumpelt werden und das wollte er unbedingt vermeiden. Er war schließlich so kurz vor dem Ziel, so kurz davor seine Mission zu beenden. Nichts darf schiefgehen, nichts darf missglücken. Alles muss klappen.

Sie gingen eine der vielen Treppen hoch, bis zum Kuppelraum war es nicht mehr weit, ganz und gar nicht. Christian merkte, wie er nervöser und nervöser wurde, seine Hände wurden feucht vom Schweiß, sein Mund staubtrocken. Und die ganze Zeit über hatte Linus dieses absurde, völlig bescheuerte Grinsen im Gesicht.

Wie er es hasste! Wie er ihn hasste!

Wie er ihn zutiefst verabscheute!

Wie er alles … wirklich alles … an ihn hasste!

Mit Freude wird er dieses rundliche, kindische Gesicht zerschlagen wie einen Spiegel. Und wenn auch nur, damit dieses verdammte Grinsen verschwindet! Er wird ihn das Gesicht zertrümmern, die Zähne rausschlagen, die Augen aus ihren Höhlen raus reißen. Er wird ihn erwürgen, erwürgen bis seine Haut sich lila verfärbt, erwürgen bis er das süße Knacken des Genickes hört. Er wird ihn aufschlitzen, aufschlitzen, aufschlitzen, aufschlitzen, aufschlitzen, ihn seine Gedärme entnehmen, sie überall verteilen, sich in seinen warmen, jungfräulichen Blut baden. Ohhh, es wird ihn eine Freude sein dieses bedauernswerte Geschöpf auszulöschen, ihn sein Lebenslicht auszupusten. Es wird schön sein, befreiend, es wird ihn von all seinen Stress und Druck befreien.

Jegliche Nervosität in Christian war nun vollständig verschwunden, stattdessen war da nur noch Mordlust, brennende, gierige Mordlust. Er konnte es kaum noch erwarten.

Die beiden kamen nach einiger Zeit endlich im Kuppelraum an. Christian schaute sich um, vieles war wie in seinem Traum, alles nahezu identisch. Die Kuppel, das Podest, das Buch. Ein Unterschied war, dass am anderen Ende des Raumes das Skelett eines Großen Erbauers saß. Aber sonst … alles identisch. Christian schritt zur Mitte des Raumes, dort wo das Podest stand.

Endlich … Endlich … Endlich hatte er es geschafft, er hat es geschafft, bis zum Buch zu kommen, endlich konnte er die wunderbaren verborgenen Geheimnisse erfahren und sie waren nur für ihn bestimmt, nur für ihn, für niemand sonst.

Niemand.

Er ging immer näher heran, war nur noch einen einzigen Schritt von seinem Traum entfernt. Nur noch ein kleiner, winzig kleiner Schritt, nur noch ein Schritt davon entfernt, die Geheimnisse des Kosmos in den Händen zu halten. Nur noch einer.

Er würde sich das Buch schnappen und danach den dummen Narren hinter ihm loswerden, dabei wird er sich schön Zeit lassen, der erste Mord ist schließlich etwas Besonderes, so etwas sollte man genießen. Er muss nur noch seine Hände ausstrecken und den dummen Narren umbringen.

Der dumme Narr. Dummer Narr.

»Dachtest du wirklich, du kannst dir so einfach das Buch krallen?«, ertönte eine Stimme von hinten.

»Dachtest du wirklich, ich weiß nicht was du vorhattest? Oder was das für ein Buch ist?« Doch kein so dummer Narr, wie er dachte.

Christian drehte sich langsam um: »Das Buch … gehört mir! Es hat nach mir gerufen! Es ist mein Besitz! Mein Recht!«

Linus lachte verächtlich: »Nein, nein, nein, nein, oh nein. Es gehört mir. Es hat nach meinem Namen gerufen! Es ist mein rechtmäßiger Besitz! Und ich werde es mir holen!«

»Dann musst du erst an mir vorbei«, provozierte Christian.

»So soll es sein … Dummkopf.«

Linus stürmte voller Wut auf Christian zu, doch dieser blieb davon völlig unbeeindruckt. Er holte mit seiner Faust aus und schlug den Angreifer mit enormer Wucht ins Gesicht. Linus taumelte nach hinten, völlig benommen, währenddessen ließ Christian ihn keine Verschnaufpause, er sprintete auf ihn zu und setzte zum nächsten Schlag an. Auch dieser saß. Er traf ihn tief in der Magengegend. Sofort war Linus die Luft weg und er krümmte sich vor Schmerzen. Doch schon vielen die nächsten Schläge auf ihn ein. Viele Kopftreffer waren darunter. Linus schwankte, fiel auf die Knie, Christian stürzte sich auf gnadenlos auf ihn, seine Fäuste flogen auf seinen Schädel zu, prasselten auf ihn ein. Wie Geschosse flogen sie auf seinen Körper, zertrümmerten Knochen, zerstörten das rundliche Gesicht. Nachdem Christian fertig war, glich Linus sein Gesicht der einer Mondlandschaft, so zertrümmert war es, einer lila gefleckten Mondlandschaft. Doch er lebte noch, deshalb brach Christian einen Eiszapfen ab und rammte ihn in die Kehle seines Kontrahenten. Dieser gab ein widerwärtiges Röcheln ab, gurgelte, als das Blut sich in seiner Lunge füllte.

Roter Lebenssaft verteilte sich auf den umliegenden Boden, tränkte seinen Pelzmantel und die Handschuhe Christians. Linus gab noch ein paar Zuckungen von sich, letzte bemitleidende Versuche sich zu wehren, doch Christian zeigte keinerlei Gnade, stattdessen drückte er den Eiszapfen noch tiefer hinein. Nun wurde das Röcheln zu einem Todesröcheln, seine Augen drehten sich nach oben, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Dann gab es ein letztes Aufbäumen, bis schließlich sein Lebenslicht erlosch, wie eine Kerze im Wind. Linus war tot. Christian hatte ihn umgebracht, ihn ermordet, seinen ersten Mord begangen.

Christian ließ erst von ihm ab, als er sich ganz war, dass er auch wirklich tot war. Christian rollte  zur Seite und streckte sich auf den Boden aus, er fühlte sich vollkommen erschöpft, er war völlig außer Atem. Keuchend setzte er sich aufrecht hin, nie hätte er gedacht, dass es so anstrengend sein kann jemanden das Leben zu nehmen. Er drehte den Kopf zur Seite und begutachtete sein Werk, nicht einmal Linus seine Mutter hätte ihren Sohn in solch einen Zustand identifizieren können. Er war nur noch ein bedauernswerter Haufen, sein Gesicht nichts weiter als eine rote Masse. Christian war zufrieden mit sich. Er hatte es geschafft, er hatte den Rivalen ausgeschaltet. Nicht für den Bruchteil einer Sekunde kam Christian so etwas wie Bedauern oder Reue im Sinn. Er hatte nur noch Gedanken für das Buch, es nahm sein Denken vollständig ein, da blieb kein Platz für irgendwelche anderen Gedanken.

Er richtete sich auf, klopfte den Schnee von seinem Schoß und begab sich zum Podest. Ich bin würdig, ich bin würdig dieses Buch zu besitzen, ich bin sein rechtmäßiger Besitzer, dachte er.

Dieses Mal wird ihn niemand daran hindern, das Immatericon an sich zu reißen. Absolut.

Niemand.

Er stand vor dem Podest, streckte seine Hände aus und umklammerte endlich das Buch. Es fühlte sich so gut an! Noch besser als im Traum. Er konnte das jahrtausende alte Leder spüren, dieses wunderbare Gefühl! Für ihn war es herrlich. Er spürte die eingravierten Linien, welche das mysteriöse Symbol bildeten. Er spürte einfach jedes noch so kleine Detail.

Göttlich!

Er schlug das Buch auf, die Buchstaben auf den vergilbten Papier begannen sich sogleich zu bewegen, sie formatierten sich neu. Waren sie zunächst im Form einer unbekannten Sprache, bildeten sie nun etwas für Christian verständliches. Selbst ihr Aussehen änderte sich, von undeutsamen Symbolen hin zu moderneren Buchstaben.

Christian blätterte durch die Seiten des Immatericons.

Ja, ja, ja alles was er je wissen wollte, war dort enthalten. Die geheimen Strukturen und Mächte des Kosmos und Multikosmos, alles war dort enthalten, alles war hier niedergeschrieben und nun in seinen Händen!

Die Götter des Immateriums.

Dea-Lo-Soth.

Das Gleißende Licht.

Höhere Wesen aus anderen Dimensionen. Götter aus anderen Universen.

Die Immateriellen.

Das Immaterium.

Alle Beschwörungsformeln und -rituale. Der Bau und die Aktivierung von Portalen. Alles.

Wirklich alles war hier enthalten. Die gesamten Geheimnisse.

Christian wurde von einer regelrechten Glückshormonwelle übermannt, so glücklich hatte er sich noch nie gefühlt, noch nie in seinen gesamten Leben. Er konnte sogar den lieblichen Chor in seinem Kopf singen hören, er hörte, wie er triumphal sang. Doch wieder einmal wurde sein Hochgefühl unterbrochen, diesmal von einem scharrenden, knurrende Geräusch hinter ihm. War Linus doch nicht tot? Nein. Nein, das kann nicht sein. Völlig unmöglich. Er war tot, mausetot, mehr als tot, toter als tot. Das kann es doch nicht sein. Nein. Vielleicht sind die anderen wieder zurückgekommen? Vielleicht haben sie sich gewundert, wo die beiden stecken. Vielleicht ist es Professor Veß, der nach dem Rechten schauen wollte. Wenn es nur Veß ist, war das kein Problem. Veß könnte er überwältigen, dann muss halt noch ein weiterer daran glauben. Er hatte heute schon jemanden umgebracht, er wird auch diese umbringen, wenn es sein muss. Sollten es aber Dominique, Roel und Veß sein, dann könnte es zum Problem werden. Wie er soll er diese Situation sinnvoll erklären? Die Indizien sind eindeutig, er hat Linus kaltblütig ermordet. Wie soll er das nur erklären? Sie würden ihn überwältigen, sie würden ihn sein Buch wegnehmen! Sein Buch! Was er sich so hart erarbeitet hatte! Das würde er nicht zulassen! Auf keinen Fall! Egal was kommt, er kämpft!

Christian drehte sich um, bereit zum Angriff, als er vor Schock erstarrte. Vor ihm standen nicht sein Kommilitone und seine beiden Professoren. Nein.

Vor ihm stand sein schlimmster Alptraum, ein Alptraum der ihn schon die ganze Zeit über folgt. Knurrend und hungrig starrte er ihn an, eine Chimäre aus Mensch, Wolf und Hirsch. Es bleckte seine scharfen, spitzen Zähne. Christian konnte erkennen, dass das weiße Fell und die Zähne mit Blut befleckt waren. Frischem Blut. Es hatte anscheinend schon Beute geschnappt, doch es war noch nicht befriedigt. Es wollte mehr, viel mehr. Es wollte den Feind bestrafen, der es unerlaubt wagte, sein Territorium zu betreten. Jeder, ohne irgendeine Ausnahme, wird dafür bestraft. So war es schon immer, so wird es auch immer bleiben.

Der Wendigo kam näher, seine Krallen kratzen am Boden. Christian wusste keinen Ausweg, er saß in der Falle. Sollte es wirklich so enden? Nach all den Strapazen? Nach all den Opfern? Zerfleischt werden von einem grausamen Jäger? Das ist nicht das Schicksal, welches Christian sich erhofft hatte. Es gab auch keinerlei Rettung mehr für ihn, niemand würde kommen, niemand konnte kommen.

Er war allein.

Vollkommen allein.

Allein.

Niemand wird ihn retten.

Niemand.

Der Wendigo kam immer näher, es schien ihn eine Freude zu machen, sein Opfer so zu sehen. So voller Angst und Furcht. Völlig erstarrt, fast schon zu einfach.

Doch was sein muss, muss ein.

Das Monster hob seine Klauen und wollte nach Christian greifen. Dieser hob im letzten Moment das Buch in seiner Hand hoch, als wäre es ein Schutzschild.

Christian schloss die Augen und hoffte auf das Beste.

Kapitel VIII

Nichts geschah. Christian öffnete die Augen, wunderte sich, warum er überhaupt noch am Leben war. Doch nach genaueren hinsehen, erkannte er den Grund. Der Wendigo. Er kauerte vor Christian, winselte, verdeckte sein Gesicht. Er schien … Angst zu haben. Aber wovor? Christian schaute den Gegenstand in seiner Hand an … Natürlich! Das Buch! Er hatte Angst vor dem Buch! Christian trat näher an die furchtsame Kreatur, wobei er immer daran dachte, dass Buch vor sich zu halten. Der Wendigo winselte noch mehr, geriet langsam in Panik. Als Christian ihn drohte mit dem Buch zu schlagen, nahm die Bestie reiß aus, sie hetzte die Gänge und Treppen hinunter und gab dabei quietschende Geräusche ab. Auf den Lippen Christians bildete sich ein zufriedenes Lächeln, wusste er doch, dass dieses Buch überaus mächtig ist. Selbst die wilden Kreaturen wussten es und sie fürchteten es. Das gefiel ihn. Er wollte gefürchtet werden. Jetzt hatte er die Macht dazu, jetzt konnte er sich all den Respekt und Anerkennung holen, die er schon so lange gefordert hat, jetzt kann er, bis nach ganz oben gelangen, jetzt war der Weg frei.

Sich auf die Suche nach den anderen zu machen, schenkte sich Christian. Sie waren tot, da war er sich sicher. Zerfleischt, zerfetzt, nur noch Überreste ihrer früheren Selbst. Warum sollte er Leichen suchen, es gab jetzt Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, zurück ins Lager zu kommen. Er ging den gleichen Weg zurück, welchen er gekommen war, es war relativ einfach, wusste er doch, wo es lang ging. Nach kurzer Zeit fand er den Ausgang der Ruine, nun war es nur noch ein kleiner Fußmarsch bis zum Lager. Von den Wendigos war keine Spur zu sehen, auch der Schneesturm hatte sich gelegt. Stimmte es doch, dass diese beiden Dinge miteinander in Verbindung standen? Christian war es egal, für ihn zählte nur noch das Ziel.

Nach ungefähr einer dreiviertel Stunde Fußmarsch war er wieder im Lager. Er atmete erleichtert auf, nichts war zerstört, die Wendigos hatten das Equipment in Ruhe gelassen. Christian setzte sich ans Funkgerät und sprach hinein: »Hallo? Hallo? Hallo, kann mich jemand hören? Ist da jemand? Könnt ihr mich hören?«

Eine knisternde Stimme meldete sich: »Hier ist das Basislager. Was gibt es? Wer spricht da? Professor Roel, sind sie das?«

»Nein ich bin Christian Woetz, Professor Roel ist … Sie sind alle tot!« Stille, nur Rauschen war zu hören.

»Tot? Wie … Wie kann das sein? Was ist passiert?«

»Wir … Wir wurden … Wir wurden überfallen!«

»Über… fallen? Hast du gesagt: überfallen?«

»Ja, überfallen.«

»Wie … Das ist doch … Das kann doch gar nicht sein … Wie ist es denn … Egal, das klären wir später. Halte durch, wir kommen so schnell wir möglich, dann holen wir dich da raus!«

Und sie hielten ihr Wort.

Nach relativ kurzer Zeit erschien das kleine Aufklärungsflugzeug am Himmel, kreiste ein paar mal und landete dann in der Nähe des Lagers. Christian ging langsam hin, er sah, wie sich die Türen der Maschine öffneten und zu sein Erstaunen, stieg nicht nur der Pilot Cooper aus, sondern auch noch Herbert Mistarkonic höchstpersönlich. Wieder trug er seinen dicken, grünen Pelzmantel. Erst jetzt fiel Christian auf, dass die beiden an ihren Jacken, beziehungsweise Mänteln, das Symbol des Institutes trugen.

»Herr Mistarkonic, Sie hier?«, fragte Christian.

»Ja, als ich von der Tragödie hier gehört hatte, musste ich … musste ich einfach mitkommen, verstehen Sie?«

Sein Blick fiel auf den merkwürdigen Gegenstand, den Christian schon die ganze Zeit über krampfhaft in der Hand hielt. Seine Augen begannen hinter der Brille wie wild zu funkeln.

»Wie ich sehe … haben Sie etwas Interessantes in der Ruine gefunden.«

Christian hielt das Buch vor seiner Brust, umklammerte es fest, auch der Titel wurde sichtbar. Nun wurde das Funkeln noch stärker.

»Das Immatericon, wie? Äußerst interessant, wirklich interessant. Keine Angst mein Junge, wir werden es dir nicht wegnehmen, ganz und gar nicht.«

»Wirklich nicht?«

»Versprochen. Schließlich … haben wir ja bereits eins.« Christians Augen weiteten sich vor Erstaunen.

»Ha, warum das erstaunte Gesicht? Dachtest du etwas, das Ding in deiner Hand wäre ein Einzelexemplar? Nein, nein. Du musst wissen, mein Großvater beschäftigt sich … ich meinte … hatte sich mit solchen … Dingen ausgiebig beschäftigt. Auf seinen unzähligen Reisen fand er eins und nahm es an sich. Und er stellte Nachforschungen an, viele Nachforschungen«, das Gesicht Herberts wurde ernst, »Du solltest wissen, du hältst da kein gewöhnliches Buch in den Händen, nein, oh nein, dass … ist ein ganz besonderes Buch, ein eigenwilliges kann man so sagen. Es gibt nicht nur ein paar Exemplare, sondern womöglich sogar tausende, alle auf Terra verstreut. Wahrscheinlich ist sein Aufenthaltsort nicht einmal auf Terra beschränkt, wenn du verstehst was ich meine. Das Buch zeigt sich aber auch nicht jeden, weißt du, es zeigt sich nur bestimmten Leuten und erscheint auch nur an bestimmten Orten, manchmal wechselt es sie sogar. Doch das ist noch nicht alles, oh nein, nein, nein, … Es kann auch jegliche Schriftform und jegliche Sprache darstellen, immer die, die der Leser am besten versteht, als ob es sicher gehen möchte, dass du es auch verstehst. Dieses Buch … ist mächtig, absolut mächtig. Und in den falschen Händen auch äußerst gefährlich. Deshalb haben schon viele Gruppierungen und Organisationen es versucht zu zerstören, wie die Ritter des Gleißenden Lichts, wenn ich mich recht entsinne, und auch der Magier- Orden. Doch keiner hatte Erfolg darin, niemand konnte es vernichten. Verbrennt man es, taucht es am nächsten Tag wieder auf. Zerschneidet man es, fügt es sich wieder zusammen. Es verwittert nicht, verfault nicht, es schimmelt nicht. Man könnte es in die verdammte Sonne katapultieren und es würde trotzdem unbeeindruckt wiederkommen. Nichts kann es etwas anhaben, weder Waffen, noch die Elemente, noch Magie, noch die Zeit. Es ist einfach … zeitlos. Es existiert einfach und nichts und niemand kann etwas daran ändern, verstehst du das? Es ist nicht einfach irgendein Buch, es ist das Buch. Das mächtigste Buch überhaupt. Doch … die Sache hat einen Harken. Das Buch, welches du in der Hand hältst, ist zwar mächtig und voller Informationen, doch … es ist … nutzlos.«

Christian starrte den Mann ungläubig an.

»Ja, du hast mich schon richtig verstanden. Nutzlos. Vollkommen nutzlos. Es sei denn … Es sei denn, du hast einen Magier zu Hand, dann entfaltet sich das gesamte Potenzial dieses Buches.«

»Und Sie kennen einen?« Er lachte.

»Nicht nur einen, mein Junge. Komm mit mir, gemeinsam können wir Großes erreichen. Wahrlich Großes.«

»Ich hätte nur eine einzige … kleine … Forderung.«

»Und die wäre?«

»Ich möchte die Titanen sehen.«

»Titanen, sagst du? Hmm, das lässt sich sicher einrichten. Komm, wir verschwinden aus diesen … eisigen Land. Ich werde nachher einige andere Teams losschicken, die sollen … sich die Ruine mal genauer ansehen. Team Eins ist ja anscheinend gescheitert. Komm. Wir gehen.«

Christian stieg gemeinsam mit Herbert und Cooper ins Flugzeug, welches ihn zu einem neuen Horizont bringen soll. Er fühlte sich aufgeregt, er konnte es kaum noch erwarten. Jetzt, wo er mächtige Verbündete an seiner Seite hat, kann ihn nichts mehr aufhalten.

Kapitel IX

Einige Monate sind vergangen, die Mitglieder der ersten Expedition zur Festungsruine in Antarctica wurden alle als tot erklärt. Offizielle Ursache: Absturz des Aufklärungsflugzeuges aufgrund eines unvorhergesehenen Schneesturms.

Die Kevin-Jähns-Universität vollzog eine Trauerwoche, die Seminare fielen dementsprechend aus. Es wurden Büsten von den mutigen Studenten und Professoren angefertigt, die ihr Leben im Namen der Wissenschaft und der Universität hergaben. Auch wurden fünf leere Gräber im Lorgoner-City Friedhof ausgehoben, der Bürgermeister der Hauptstadt kündigte einen Trauertag an, den selbst Lorgons Präsident beiwohnte.

Christians Eltern waren in voller Trauer um ihren einzigen, geliebten Sohn, den sie nun verloren hatten. Sie wollten nicht wahrhaben, dass er von ihnen gegangen sei. Sie stellten Nachforschungen an, sie stellten Fragen, an die Universität, an das Institut, an die Polizei. Doch es war vergebens, jegliche Spur verlief im Sand. Jede Frage wurde entweder abgeblockt oder mit derselben Aussage beantwortet. Irgendwann gaben sie es auf und akzeptierten die grausame, unvorstellbare Realität, dass ihr geliebter Sohn niemals wiederkäme, dass er niemals sein Abschluss schaffen würde und das sie nie wieder mit ihm sprechen könnten.

Doch natürlich entsprach das nicht ganz der Wahrheit. Wie wir wissen, war Christian nicht gestorben, er ist nicht tot, ganz und gar nicht. Er ist sogar mehr als lebendig.

Das Institut hielt seine Versprechen, sie nahmen Christian in ihren engeren Kreisen auf. Sie gaben ihn eine neue Identität, einen neuen Namen, eine neue Vergangenheit, ein völlig neues Leben. Christian Woetz gab es nun nicht mehr, Christian Woetz war nun tot, endgültig.

Er bekam ein vollkommen neues Zuhause, ein kleines Fischerdorf am Meer, fernab von all den neugierigen Augen und Ohren. Fernab von jeglicher Zivilisation. Hier konnte er tun und lassen was er will, hier konnte er seine Forschungen betreiben, seelenruhig die Geheimnisse des Kosmos nach und nach entschlüsseln. Niemand würde sich hier einmischen, niemand würde einschreiten, dafür sorgte das Institut schon, sie legten ihre schützende Hand über das kleine, abgelegene Dorf.

Er blickte der untergehenden, wunderschönen roten Sonne hinterher, welche am Horizont verschwand und begab sich dann ins Innere seines stattlichen Hauses. Es war gefüllt mit allerhand Artefakten, welche das Institut aufgetrieben hatte. Dabei handelte es sich um die verschiedensten Gegenstände aus längst vergessenen Zeitaltern, Dingen, die einst den Großen Erbauern, den Titanen, den Dämonen, den Frühen Menschen, den Primus Magi, und vielen anderen gehörten.

Er war auf all diese Dinge hier stolz, doch sein größter Schatz verbarg sich hinter einer abgeschlossenen Steintür, welche das Symbol des Institutes, der grüne Kopffüßler mit der Fackel auf der Stirn, trug. Er liebte dieses Symbol, er liebte es einfach vom ganzen Herzen. Hinter der massiven Tür führte eine lange Treppe in das dunkle Kellergewölbe des Hauses. Dort war es, versteckt und sicher. Versteckt vor neugierigen Augen. Die Konstruktion war noch nicht ganz abgeschlossen, doch es dauert nicht mehr lange, dann war es vollendet. Die Konstrukteure arbeiteten ohne Unterlass daran.

Das Portal.

Das Portal, welches ihn eine direkte Verbindung zu den Göttern ermöglichen wird. Direkt ins Immaterium.

Genauso, wie das Buch es ihn gesagt hatte.

Es flüstert zu ihm, es flüstert ihn im Schlaf Dinge zu. Schöne Dinge.

Es sagt, dass etwas sich auf den Weg hierher macht. Etwas Altes.

Etwas Mächtiges.

Es macht sich auf den Weg hierher und nichts wird es aufhalten, es wird erst stoppen, wenn es sein endgültiges Ziel erreicht hat. Und wenn es endlich angekommen ist, das wusste er, wird Terra in ein neues Zeitalter geführt. Ein glorreiches, goldenes Zeitalter. Doch nur für diejenigen, welche würdig sind. Er war würdig. Bis dahin dauerte es aber noch eine Zeit lang, solange müssen Vorkehrungen getroffen werden, andere Ziele erreicht werden.

Er lächelte zufrieden, alles verlief ganz genau nach Plan. Doch man darf jetzt nicht unachtsam werden, das wäre fatal, fatal für den Großen Plan.

Er verließ das Kellergewölbe wieder und stieg die Treppe nach oben. Jetzt war noch die Zeit für ein kurzes Abendgebet, bevor er schlafen gehen würde. Er gab sich in die Kirche des kleinen Dorfes. Ein imposantes Gebäude, noch größer als das seine, das größte im gesamten Dorf. Ein Wunderwerk der Architektur, bestehend aus weißen Marmor, auferstanden aus seinen Visionen. Vor dem Tore stand William, ehemals bekannt als Cooper, in seiner grünen Uniform. Sein getreuer Leibwächter.

William salutierte: »Mein Herr, ich wünsche Ihnen einen guten Abend und ein gutes Gebet. Mögen die sterblichen Götter der Tiefe Sie erhören. Mögen Sie ihren Ruf folgen und uns in ein neues Zeitalter führen.«

Er nickte zufrieden und ging hinein.

Die Kirche war relativ leer, die meisten seiner Anhänger waren schon fertig mit ihren Gebeten und sind ins Bett gegangen. Nur wenige saßen auf den hölzernen Bänken und waren im Gemurmel vertieft.

Er saß sich zu ihnen und erstaunte sich wieder an das großartige Kunstwerk, welches sich über den Altar befand, bevor er sich auch ins Gebet begab.

Das Kunstwerk war ein wundervolles Gemälde, das die nächste Etappe des Großen Plans offenbarte. Es zeigte einen Menschen und einen Titanen, welche sich Hand in Hand hielten in göttlichen Einklang. Es zeigte den nächsten großen Schritt.

Die Vereinigung.

Die Vereinigung zwischen Mensch und Titan.

Bald ist es soweit, es ist nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Gedanke zu „Die Expedition von Joseph James

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