Die Seeräuber von Odine Raven

Hochmut kommt vor dem Fall heißt es. In der Kurzgeschichte von Odine Raven finden wir dieses Klischee Bestätigt und auf sehr kreative weise umgesetzt.

Teaser:

Vor langer Zeit lebte in einem weit entfernten, heißen Land ein König in einem prunkvollen Schloss. Er besaß alles, was man zum Leben und zum Glücklichsein so brauchte, und noch viel, viel mehr. Das war das Problem – er konnte nie genug bekommen! Wenn er etwas sah, das ihm gefiel und das er noch nicht sein Eigen nennen konnte, so wollte er es unbedingt und um jeden Preis haben, wie ein kleines Kind...
ISBN: "978-3-96385-028-8"

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Die Seeräuber Eine Kurzgeschichte von Odine Raven, 2018 Vor langer Zeit lebte in einem weit entfernten, heißen Land ein König in einem prunkvollen Schloss. Er besaß alles, was man zum Leben und zum Glücklichsein so brauchte, und noch viel, viel mehr. Das war das Problem – er konnte nie genug bekommen! Wenn er etwas sah, das ihm gefiel und das er noch nicht sein Eigen nennen konnte, so wollte er es unbedingt und um jeden Preis haben, wie ein kleines Kind, welches aus Prinzip auf die sofortige Erfüllung seiner Wünsche pocht und nicht eher Ruhe gibt, bis man ihm entnervt nachgibt, wohl wissend, dass es das gewünschte Objekt gar nicht wirklich braucht und am Ende nur umso unausstehlicher wird, weil es doch nie recht zufrieden ist. Tja, so als König ... da ist man ja auch ziemlich reich und kann sich alles kaufen, und wenn das Geld verprasst ist, erhöht man eben die Steuern oder macht sonstigen Quatsch. Natürlich folgte auch unser besagter Landesherr diesem Prinzip, und das wäre gar nicht besonders erwähnenswert und die Geschichte hiermit bereits am Ende. Nur ... da gibt es eben auch Dinge, die man nicht so einfach kaufen kann. Den Ausblick vom Montblanc zum Beispiel. Oder den Duft der Pfingstrosen in der Maisonne nach einem leichten Regenschauer. Das Gefühl, wenn man den ganzen Tag geackert hat und dann eine heiße Dusche nimmt und danach Pizza bestellt und dazu ein großartiges Buch liest ... So was eben. Oder das hier: Freundschaft. Vertrauen. Zuneigung. Liebe ... Und für solche Sachen besaß der König eine ganz spezielle Einsatztruppe. Wann immer ihm ein Ding gar besonders gut gefiel und es mit Geld nicht zu erwerben war, rief er nach diesen unwirklichen Dienern, die ihm aufgrund längst in Vergessenheit geratener Übereinkünfte zu absolutem Gehorsam verpflichtet waren. Sie taten, was er von ihnen verlangte, ohne jede Gefühlsregung und scheinbar ohne den Sinn oder Unsinn seiner Wünsche zu hinterfragen, denn es war ihnen offen gesagt egal, was die Menschen in ihrem Größenwahn so alles trieben. Der König befahl, sie gehorchten, damit hatte sich die Sache für sie, Punkt. Nur – wer waren sie? Das ... ist nicht so ganz einfach. Sie waren keine Menschen, so viel steht fest. Sie kamen ehrlich gesagt noch nicht einmal aus unserer Welt. Woher sie stammten, ist bis heute ungewiss, denn niemand hat je berichten können, dass er ihre Heimat gefunden hätte, geschweige denn wie es dort zuging. Da sie von zarter Gestalt waren, mit wunderschönem, verklärten Antlitz, das von innen heraus leuchtete, und darüber hinaus den Erdboden nie mit ihren wohlgeformten Füßen zu betreten schienen, hatte man sie vor langer Zeit, in Ermangelung eines besseren Begriffs, Elfen genannt. Nun, das kam der Sache ziemlich nahe, denn sie waren wahrhaft magisch. Was sie nicht alles beischaffen konnten! An nichts hätte es dem Volk mangeln müssen, wenn der König ... ja wenn der König ihre Dienste weise einzusetzen vermocht hätte! Aber nein – ihm ging es lediglich um die Befriedigung seiner eigenen erbärmlichen Bedürfnisse! Und so begab es sich, dass ihm ein Bericht von einem wunderschönen, ertragreichen See hoch oben im Norden zu Ohren kam und unausweichlich Begehrlichkeiten in ihm weckte. Dieser See lag inmitten einer sandigen Heidelandschaft und ernährte und verwöhnte die Menschen ringsum mit seinem Fischreichtum und dem besonderen Mikroklima, das sich eben für gewöhnlich in der unmittelbaren Umgebung größerer Gewässer befindet. Ein wahrer Schatz also, und den musste der König unbedingt sein Eigen nennen! Es kam, wie es kommen musste: Er befahl seinen Elfen, gen Norden zu ziehen und ihm ebendiesen See herbeizuholen, koste es, was es wolle. Die Elfen runzelten die Stirn und zuckten mit den Schultern, doch sagten sie wie immer nichts dazu. Flugs zogen sie fort und erreichten das ferne Land mitten in der Nacht. Der See lag schwarz und ruhig an seinem Platz und ahnte von der drohenden Gefahr genauso wenig wie die schlafenden Leute im Dorf an seinem Ufer. Doch wo eine Heerschar von Übernatürlichen sich an das gewaltige Unterfangen macht, gleich einen ganzen See aus der Landschaft zu heben, bleibt eine gewisse Geräuschentwicklung nicht aus, und vom tosenden Lärm der aus ihrem Bett gerissenen Fluten erwachten auch die arglosen Anwohner. Entsetzt mussten sie feststellen, dass jemand im Begriff war, die kostbare Grundlage ihrer Existenz zu rauben! Das durften sie nicht einfach hinnehmen! Natürlich wehrten sie sich! Mit Fackeln, Äxten und Mistgabeln bewaffnet machten sich die Männer daran, die Räuber zu vertreiben. Allein – sie waren doch Fischer und keine Krieger, was sollten sie also ausrichten gegen diesen übermächtigen Gegner? Die Elfen wischten sie einfach mit Allmacht beiseite. Am Ende brannte das Dorf, und es gab keine Familie, die nicht mindestens einen Toten zu beklagen gehabt hätte! Ach, der Schmerz und die Trauer waren groß! Wer die Schlacht überlebt hatte, begrub nun die Gefallenen, und die Hinterbliebenen weinten bittere Tränen! Zu ihrem Verlust kam die schreckliche Erkenntnis, dass nichts und niemand sie nun mehr ernähren konnte. Der See war weg und die meisten Fischer tot! Doch dann passierte das eigentliche Wunder. Sie weinten so lange und so ausgiebig, dass nicht nur ihre Herzen davon leichter wurden, sondern, man glaubt es kaum, das Loch im trockenen Sand begann sich damit zu füllen, Liter für Liter. Und am Ende lag er erneut da, der See, den sie zum Leben so dringend brauchten, entstanden aus ihren gesammelten Tränen der Trauer und doch so blau wie der Himmel, aus dem die strahlende Sonne lachte. Wir dürfen beruhigt sein, dass bald alles wieder so war wie früher und die dankbaren Menschen ihr Leben in Frieden weiterführen konnten. Aber was geschah mit dem gestohlenen See? Nun, das liegt doch auf der Hand, oder? Die Elfen brachten ihn zum Schloss des Königs. Der erwartete sie bereits voller Ungeduld. Er hatte im Schlosspark eigens eine Senke ausheben lassen; dort sollte das Gewässer seinen Platz finden und ihn beim Spazieren gehen mit seinen glitzernden Wellen erfreuen. Gespannt harrte der Monarch dem Eintreffen seiner Vasallen entgegen. Endlich tauchten sie am Horizont auf, und mit ihnen die gewaltigen Wasser. Der König lachte und breitete die Arme aus, um sie willkommen zu heißen. Direkt über ihm hielten die Elfen inne. „Hier hast du deinen Begehr“, verkündeten sie schroff und entluden ihre Fracht. „Und von nun an befiehlst du uns nicht mehr.“ Mit diesen Worten ließen sie Abermillionen von Gallonen an Wasser auf den überraschten König hinab rauschen, der bald hilflos in den Fluten mit den Armen umher ruderte und nach Luft schnappte. Elendig sollte er in dem See der friedfertigen, unschuldigen Fischer ersaufen! Das Letzte, was er noch vom Leben mitbekam, bevor er ertrank, war der finstere Gesang der durch sein unbedachtes Verhalten von ihrem Schwur befreiten Elfen: Höret wohl was wir berichten – ein böser Wunsch kann euch vernichten!

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