Die zweite Chance von Renate Behr

Um zu wissen was wirklich wichtig ist im Leben braucht es manchmal einen kleinen Anstoß und eine zweite Chance.

Teaser:

»Bin ich denn nur von unfähigen Schwachköpfen umgeben?«, brüllte Markus Schäfer und knallte die Tür seines Büros hinter sich zu. Seine Sekretärin zuckte zusammen und war wieder einmal den Tränen nahe. Sie hatte es versäumt, für ihren Chef einen Termin bei Dr. Braun zu machen. Cholerisch, wie er war, hatte er sofort losgebrüllt. Aber er hat ja auch sehr viel um die Ohren, fand sie sofort wieder die passende Entschuldigung. Neben Dr. Braun, einem Internisten und langjährigen Freund von Markus Schäfer, war Margitta Sommer die Einzige, die immer wieder versuchte, ihn zu entschuldigen und das Gute in ihm zu sehen. In seinem Büro stand Markus vor dem Spiegel ...
ISBN: "978-3-96385-019-6"

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Die zweite Chance

»Bin ich denn nur von unfähigen Schwachköpfen umgeben?«, brüllte Markus Schäfer und knallte die Tür seines Büros hinter sich zu. Seine Sekretärin zuckte zusammen und war wieder einmal den Tränen nahe. Sie hatte es versäumt, für ihren Chef einen Termin bei Dr. Braun zu machen. Cholerisch, wie er war, hatte er sofort losgebrüllt. Aber er hat ja auch sehr viel um die Ohren, fand sie sofort wieder die passende Entschuldigung. Neben Dr. Braun, einem Internisten und langjährigen Freund von Markus Schäfer, war Margitta Sommer die Einzige, die immer wieder versuchte, ihn zu entschuldigen und das Gute in ihm zu sehen. In seinem Büro stand Markus vor dem Spiegel und zupfte ein graues Haar aus seiner rechten Augenbraue. Da waren sie wieder, die Stiche in der Brust. Johannes Braun riet ihm schon seit langem, sein Leben zu ändern, kürzerzutreten und einmal richtig auszuspannen. Der hatte ja keine Ahnung. Wie sollte denn die Firma laufen, wenn er nicht da war? Frau Sommer hatte ja gerade wieder bewiesen, dass sie nicht einmal die kleinsten Aufgaben selbstständig übernehmen konnte. Er griff zum Telefon und verabredete persönlich den Termin zur Untersuchung mit Johannes Braun. »Also, mein Lieber«, Johannes Braun klopfte Markus Schäfer auf die Schulter, »das ist jetzt meine einzige und letzte Warnung an dich. Dein EKG ist äußerst beunruhigend, genau wie deine Blutwerte. Entweder nimmst du jetzt meinen Rat an und machst ein paar Tage Urlaub, und zwar richtig Urlaub, oder du liegst innerhalb der nächsten paar Wochen mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus.« Markus wurde blass. Krankenhaus, das war das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. In einem Schlafanzug im Bett, umgeben von fremden Menschen – niemals. »Was soll ich also deiner Meinung nach tun?«, fragte er brummig. Johannes Braun lachte. »Ich habe da genau das Passende für dich. Winterurlaub in Lappland.« »In Lappland? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Da ist ja gar nichts los.« »Eben, mein Freund, eben. Ich werde dir eine zehntägige Reise zusammenstellen lassen, mit genügend Komfort, aber genauso viel Ruhe. Du wirst ausspannen, wandern, in die Sauna gehen und einmal nicht an die Firma denken. Deine Frau Sommer ist eine kompetente Kraft, die schmeißt den Laden schon, solange du weg bist.« Markus sah ihn zweifelnd an, zuckte dann aber mit den Schultern. »Also schön, wenn ich dann endlich meine Ruhe habe, gib mir Bescheid, wann es losgeht.« Er verließ die Praxis. »Urlaub, wie die sich das alle vorstellen. Aber im Zeitalter der Elektronik kann ich auch von Lappland aus die Fäden in der Hand behalten. Die werden sich wundern. Von wegen – der Chef ist nicht da, und jetzt können wir tun und lassen, was wir wollen. Die werden sich noch wünschen, ich wäre nie in Urlaub gegangen.« Auf dem Flug nach Helsinki hatte Markus Schäfer bereits zwei Stewardessen zum Weinen gebracht. Er war außer sich. Der Service war in seinen Augen eine Katastrophe, und außerdem fragte er sich allen Ernstes, was er da in der Wildnis überhaupt solle. Aber er spürte, dass ihm die Aufregung wieder Stiche in der Brust verursachte, und er versuchte, sich zu beruhigen. In Helsinki musste er in eine kleine Maschine umsteigen, die ihn zum Kittilä Airport bringen sollte. Er hatte keinen Blick für die herrliche Landschaft, die sie überflog. Er hoffte nur, dass der Transfer in sein Hotel klappte. Irgendwie schien er in seinem Business-Anzug fehl am Platz zu sein in der Maschine. Er war umgeben von plappernden Touristen, alle deutlich jünger als er und sehr sportlich gekleidet. Markus hob eine Augenbraue. Na, er hatte sich ja schließlich auch ein passendes Winter-Outfit gekauft, natürlich nur vom Feinsten. Die würden Augen machen und ihn nicht mehr so schräg von der Seite ansehen. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel in Yiläs dauerte eine knappe Stunde. Sein Hotelzimmer war komfortabel, aber nicht luxuriös eingerichtet. Markus sah sich um. Na ja, für ein paar Tage würde es schon gehen. Er sah aus dem Fenster. So weit das Auge reichte, war alles weiß. In der Ferne sah er ein paar Langläufer, und auch Hundeschlitten waren unterwegs. Aber auch hier hatte Markus keinen Blick für die Schönheit, die sich vor den Augen des Betrachters auftat. Er fragte sich, wieso er sich überhaupt darauf eingelassen hatte. Er hätte nach Davos oder St. Moritz fahren können, und stattdessen war er hier oben in der Wildnis, wo er niemanden verstand. Das Mädchen an der Rezeption sprach zwar Englisch, aber ansonsten schienen sich im Hotel nur Skandinavier aufzuhalten. Doch er legte ja auch keinen Wert auf Urlaubsbekanntschaften. Jetzt, wo er einmal hier war, musste er sehen, wie er sich die Zeit vertreiben konnte. Er zog sich um. Sein Skianzug war der letzte Schrei, und in Davos wäre er damit sicher total gut angekommen. Handschuhe, Schal und Mütze waren aus reinem Kaschmir. Er sah aus, als wäre er eben einem Modejournal entsprungen. Entschlossen nahm er seine Sachen und verließ das Zimmer. Er ging zum Skiverleih und suchte sich ein paar passende Langlaufski heraus. Ein junger Finne sprach ihn an. »Bist du schon mal hier gewesen?« Markus schüttelte den Kopf. Der Blick, den er dem Finnen zuwarf, sprach Bände. Wie kam dieser Typ nur dazu, ihn zu duzen. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. »Dann solltest du die erste Tour besser mit einem Führer machen.« Der Finne war unbeeindruckt von Markus Unfreundlichkeit. »Ich brauche keinen Führer, ich stehe ja schließlich nicht das erste Mal auf Skiern. Gib mir einfach eine Karte der Umgebung mit und dann lass mich in Ruhe.« Sein Gegenüber zog die Augenbrauen hoch. »Das könnte gefährlich werden, du solltest dich nicht allzu weit von Yiläs entfernen.« »Ja, ja«, brummte Markus. Dann bezahlte er die Leihgebühr, nahm Skier, Stöcke und die Karte an sich und ging hinaus in den Schnee. »Was diese Menschen sich hier nur einbilden, ich weiß selbst am besten, was gut und richtig ist. Und wenn ich schon Erholungsurlaub hier machen muss, dann doch wenigstens allein und ohne diese ständig grinsenden, unverschämten Leute um mich herum.« Er schnallte die Skier unter und machte sich auf den Weg. Eine gut gespurte Loipe führte leicht bergan. Er sah sich um. Viel zu viele Menschen hier, dachte er. Er wollte mit niemandem reden und auch niemanden sehen. Er wollte einfach – schlecht gelaunt, wie er war – alleine sein. Nach einer halben Stunde erreichte er den Waldrand. Zu seiner Linken führte die Loipe am Waldrand entlang, aber Markus entschied sich, geradeaus in den Wald zu gehen. Hier war der Schnee tiefer und nicht gespurt, und das Laufen wurde zunehmend anstrengender. Schon nach relativ kurzer Zeit war er schweißgebadet. Vielleicht hatte der Finne ja doch recht gehabt, und er hätte für eine solche Tour einen Führer gebraucht. Markus faltete die Karte auseinander. Das Waldgebiet, in dem er sich befand, schien ziemlich groß zu sein. Er war bis jetzt stur geradeaus gelaufen, und nun sah er, dass ihn dieser Weg immer tiefer in den Wald führen würde. Er sah auf die Uhr. Er war jetzt seit ungefähr zwei Stunden unterwegs. Und natürlich hatte er außer einer kleinen Flasche Wasser und ein paar Pralinen keinerlei Verpflegung dabei. Er schob sich ein Stück Nougat in den Mund und überlegte. »Wenn ich mich jetzt rechts halte, jeweils für etwa eine halbe Stunde, müsste ich ein Quadrat laufen und wieder auf meine eigene Spur zurückfinden. Dann wäre ich fast wieder am Waldrand und hätte für heute eine ausreichend lange Tour hinter mich gebracht.« Entschlossen nahm er die Stöcke wieder zur Hand und wandte sich nach rechts. Der Schnee wurde immer tiefer und war an manchen Stellen so weich, dass Markus trotz der Skier ziemlich tief einsank. Das Laufen wurde immer mühsamer. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass der Wald weiter vorn zu Ende ging. Es wurde heller. Er mobilisierte neue Kräfte, und vergaß völlig, auf die Uhr zu sehen. Er war die ganze Zeit ständig bergan gegangen, und, wie erwartet, wurden die Bäume lichter. Vor sich sah Markus ein weites Schneefeld, auf das noch kein Mensch einen Fuß gesetzt hatte. Irgendwie war er froh, den Wald hinter sich lassen zu können. Es war inzwischen schon zwei Uhr nachmittags, und er bekam langsam Hunger. »Nicht schlapp machen, alter Junge«, sagte er sich. Er wollte eben wieder nach rechts abbiegen, als der Schnee unter ihm nachzugeben begann. Markus geriet ins Straucheln und fiel hin. Beim Versuch, sich wieder aufzurichten, geriet er nur noch mehr ins Rutschen. Er befand sich offensichtlich auf einem Abhang, den er aufgrund der Schneeverwehungen nicht erkannt hatte. Er versuchte erneut, sich aufzurichten, als plötzlich der Boden unter ihm nachgab. Markus stürzte. Die Schlucht, in die er fiel, war nicht besonders tief. Der Schnee milderte den Aufprall, aber Markus konnte sich zunächst einmal nicht bewegen. Nach und nach gelang es ihm, sich von dem Schnee zu befreien, der auf ihn gefallen war. Schal, Mütze und Handschuhe waren nass und durch seinen topmodischen, aber nicht unbedingt sportgerechten Skianzug kroch die Kälte. Er löste die Bindung der Skier und versuchte, seine Beine zu bewegen. Nichts. Er empfand keine Schmerzen, er fühlte eigentlich gar nichts. Panik breitete sich in ihm aus und dann wilder Zorn. »Wenn ich Johannes in die Finger bekomme, bringe ich ihn um. Wie konnte er mir das nur antun? In der Schweiz wäre mir so was nicht passiert.« Markus Schäfer saß allein in der finnischen Schneelandschaft, bewegungsunfähig, und brüllte seinen Zorn in die unendliche Weite. Dumm nur, dass niemand ihn hören konnte. Und schlagartig wurde ihm bewusst: Niemand wusste, wo er war. Wann würde es auffallen, dass ein Hotelgast fehlte? Morgen, vielleicht auch erst übermorgen. Er hatte ja sehr deutlich gesagt, dass er auf gar keinen Fall gestört werden möchte. Bis übermorgen wäre er wahrscheinlich schon erfroren. Markus stiegen vor lauter Selbstmitleid die Tränen in die Augen. Würde es überhaupt jemanden geben, der ihn vermisste? Gab es auf der Welt einen Menschen, dem er fehlen würde? Er schüttelte den Kopf. Wieso auch? Die Kälte war kaum zu ertragen, und inzwischen schmerzte jede Stelle an seinem Körper – jede, bis auf seine Beine. Die spürte er überhaupt nicht mehr. »Ich will noch nicht sterben«, jammerte er immer wieder. Aber tief in seinem Inneren wusste er, dass es sinnlos war. Niemand würde ihn vermissen, niemand würde ihn suchen. Außer dem jungen Finnen aus dem Skiverleih wusste ja noch nicht einmal jemand, dass er eine Tour auf eigene Faust hatte unternehmen wollen. Und zu diesem jungen Mann war er derart unfreundlich gewesen. Mikka, der Inhaber des Skiverleihs, saß abends mit Freunden an der Bar des Hotels Yiläsrinne, in dem auch Markus Schäfer wohnte. Er erzählte von dem Deutschen, der so ignorant und so abstoßend arrogant gewesen war. Kristina, seine Freundin, fragte: »Weißt du denn, ob er schon wieder zurück ist? Draußen ist es lange dunkel, hoffentlich hat er sich nicht verirrt.« »Mir doch egal«, brummte Mikka. »Der weiß doch sowieso alles besser, soll er doch sehen, wie er wieder zurückkommt.« »Das kannst du nicht machen«. Juri, einer der Gästeführer, stand auf. »Ich frage mal an der Rezeption, vielleicht ist er längst wieder da und hat nur eine Schau abgezogen, um dich zu ärgern.« Nach wenigen Minuten kam Juri mit gerunzelter Stirn zurück. »Er ist noch nicht zurück. Irgendwas ist da passiert. Wir müssen etwas unternehmen.« Mikka deutete nach draußen. »Jetzt noch? Es ist dunkel, da finden wir ihn nie.« »Egal«, sagte Juri, »wir versuchen es auf jeden Fall. Zieht euch an, ich hole die Motorschlitten, Lampen und Funkgeräte. Kristina, hol du bitte den Erste-Hilfe-Koffer.« Die drei jungen Leute standen auf. Mikka schimpfte noch immer leise vor sich hin. Erst muss man sich beleidigen lassen, und dann soll man auch noch helfen. Aber letztendlich wusste er, wenn der Deutsche wirklich einen Unfall gehabt hatte, dann brauchte er Hilfe, und zwar so schnell wie möglich. Schon nach kurzer Zeit hatten die drei jungen Finnen den Waldrand erreicht. Es hatte noch nicht wieder geschneit, und so sahen sie die Spuren, die sich im Wald verloren. »Dieser Trottel ist doch tatsächlich querfeldein gefahren. Mit den Motorschlitten kommen wir auf keinen Fall durch den Wald. Was sollen wir jetzt machen?« Juri sah die anderen beiden an. Kristina entgegnete: »Also, ich denke, ihr beide nehmt die Schneeschuhe und geht seiner Spur nach. Ich fahre mit dem Motorschlitten um den Wald herum Richtung Yiläsjärvi. Wenn er sich rechts gehalten hat, müsste ich an der Südseite des Fjälls seine Spuren finden.« Juri wurde blass. »Wenn er auf das Schneefeld geraten ist, könnte er in die Schlucht gestürzt sein. Da kriegst du ihn alleine nie raus. Wie lange brauchen wir mit den Schlitten bis dorthin?« Kristina überlegte. »Etwa eine Stunde«, sagte sie. »Das macht zwei Stunden Zeitverlust, wenn er nicht dort ist und wir wieder zurückmüssen zum Wald. Ich denke, wir sollten das riskieren. Im Wald ist es weniger kalt als in der Schlucht. Wenn ihm hier etwas zugestoßen ist, kann er länger überleben, als wenn er verletzt in der Schlucht liegt. Also los, sehen wir zu, dass wir zur Südseite des Fjälls kommen.« Die drei stiegen wieder auf die Motorschlitten und fuhren los. Markus zitterte am ganzen Körper. Er hatte furchtbare Angst, so allein und verlassen in der finnischen Wildnis sterben zu müssen. Wenn ich doch nur noch eine Chance hätte, ich würde mich wirklich ändern, dachte er. Ich habe immer nur an mich gedacht, ich habe mich niemals darum geschert, ob andere auch Probleme haben. Ich wollte immer nur, dass es mir gut geht, dass ich genug Geld habe, die neuesten Sachen, die schönsten Autos, und wenn ich einmal eine Frau wollte, habe ich sie gekauft. Und jetzt bin ich ganz allein auf der Welt und es gibt niemanden, der sich Sorgen macht um mich. Wahrscheinlich gibt es aber eine Menge Leute, die froh wären, wenn ich nicht zurückkommen würde. Ich möchte das alles wieder gut machen, ich will nicht sterben. Hier, ganz allein in der finnischen Winternacht, wurde aus Markus Schäfer ein neuer Mensch. Einer, dem plötzlich klar wurde, was das Leben lebenswert macht: nicht Geld oder Macht, nein, einen Menschen zu haben, der sich um einen sorgt. Und wie von selbst sah er das Gesicht von Margitta Sommer vor sich. Seine Sekretärin und der einzige Mensch, der ohne Murren all seine Launen ertrug. Warum tat sie das? Johannes hatte ihm einmal gesagt, Margitta sei in ihn verliebt. Konnte das wirklich wahr sein? War er so blind gewesen all die Jahre, die sie nun schon für ihn arbeitete? Sein Herz schlug schneller. Er konnte sich ein Leben ohne Margitta gar nicht mehr vorstellen. Er würde alles dafür geben, wenn sie jetzt hier bei ihm wäre, seine Hand halten und ihm Mut machen würde. Markus öffnete seinen Rucksack. Irgendwo waren ein Kugelschreiber und ein Stück Papier. Mit der linken Hand nahm er sein Feuerzeug, und mit vor Kälte schon fast erstarrten Fingern schrieb er den ersten Liebesbrief seines Lebens an Margitta. Er schloss mit den Worten: »Wenn ich wirklich hier sterben sollte, sollst du wissen, dass ich mit deinem Bild vor meinen Augen gestorben bin. Erst hier habe ich erkannt, wie viel du mir bedeutest und wie wertlos mein bisheriges Leben gewesen ist. Ich weiß, ich habe es nicht verdient, aber wenn ich noch eine Chance bekomme, dann möchte ich, dass du mit mir gemeinsam den Weg in mein neues Leben gehst. Ich liebe dich. Markus.« Er fühlte sich ungeheuer erleichtert und dachte: »Jetzt kann ich gehen. Ich werde meine Augen schließen und einschlafen, und wenn ich nie mehr aufwache, dann soll es eben so sein. Ich habe meinen Frieden gemacht.« Er lehnte sich zurück, und die Tränen, die er weinte, weinte er aus Reue um die verlorene Zeit. Aber es waren keine bitteren Tränen. Er hatte einfach nur erkannt, dass kein Mensch wirklich leben kann, ohne auf andere Rücksicht zu nehmen und ohne das Miteinander. Wenn er dies hier überleben sollte, würde er sich entschuldigen, bei dem jungen Finnen vom Skiverleih, bei dem Mädchen an der Hotelrezeption, bei den Stewardessen, ach was, bei der ganzen Welt, wenn es sein musste. Sein Unterbewusstsein registrierte Motorengeräusche, die schnell näher kamen. Bald sah er über sich das Leuchten von Scheinwerfer. »Hier, ich bin hier unten«, rief er verzweifelt. Da beugte sich das grinsende Gesicht des jungen Finnen über den Rand der Schlucht. »Können Sie aufstehen?« Markus schüttelte den Kopf. »Ich spüre meine Beine nicht.« Mikkas Gesicht verschwand. »Kristina, nimm das Funkgerät und fordere einen Hubschrauber an. Juri und ich, wir klettern runter und legen ihm die Gurte an, damit wir ihn hochziehen können.« »Und wenn er eine Wirbelsäulenverletzung hat?« »Wir versuchen, ihn so gut wie möglich zu stabilisieren, aber er muss auf jeden Fall da unten raus.« *** Es war Mittsommer in Lappland. Auf der Terrasse des Hotels Yiläsrinne war eine festliche Tafel gedeckt. Markus hatte sich von dem bei dem Unfall im Winter erlittenen Beckenbruch gut erholt. Margitta und er hatten geheiratet, und die Flitterwochen verbrachten sie in Lappland. Markus hob sein Glas: »Als ich im Winter hierher nach Yiläs gekommen bin, war ich ein egoistisches und egozentrisches Scheusal. Niemand konnte mich leiden, am wenigsten ich selbst. Aber hier, in diesem wunderschönen Land, habe ich erkannt, was wirklich wichtig ist im Leben. Und damals, allein in der dunklen, kalten Schlucht, habe ich mir geschworen: Wenn ich eine zweite Chance bekomme, werde ich mein Leben ändern und mich bei allen denen entschuldigen, die unter mir zu leiden hatten. Ganz besonders aber möchte ich Kristina, Juri und Mikka danken, die, obwohl sie mich nicht kannten und auch nicht mochten, trotzdem ihr Leben und ihre Gesundheit riskiert haben, um mich zu retten. Ich hoffe sehr, dass wir alle Freunde werden können, denn Margitta und ich, wir werden mindestens einmal im Jahr hier bei euch Urlaub machen.« Die drei jungen Finnen standen auf und schüttelten Markus und Margitta die Hände. Und Mikka fügte grinsend hinzu: »Aber wenn ihr im Winter kommt – keine Tour mehr ohne Führer, einverstanden?« Noch lange hörte man das Lachen der jungen Leute. In der Nacht standen Margitta und Markus auf dem Balkon ihres Hotelzimmers. »Aurora Boreales«, flüsterte Markus andächtig. »Nordlichter«. Er nahm seine Frau in die Arme, küsste sie und sagte: »Das Leben ist schön, ganz besonders hier oben in Lappland.«

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