Du bist das Ende meines Anfangs von Lisa Hellwig

Depressionen, Drogen und eine konstante Abwärtsspirale des Lebens ohne Aussicht auf Besserung und eine Möglichkeit sie zu stoppen. Das Beschreibt Lisa Hellwig in ihrer melancholischen Kurzgeschichte "Du bist das Ende meines Anfangs".

Teaser:

»Lass mich. Lass mich. Lass mich das. Lass mich das mit mir selbst regeln. Komm mir bloß nicht zu nahe. Ich würde dich mit meiner herzerwärmenden Kälte doch nur langsam töten. Ich hatte dich. Wir hatten uns. Und alles was wir gemacht haben, war, uns gegenseitig zu zerstören. Ich habe deine Schönheit mit meinen Worten langsam getötet. Jeder wunderschöne Gedanke, den ich an dich hatte. Die Art, wie deine Haare im kalten Januarnebel glänzten, trotz kalter Tage. Ich lösche alle Gedanken an dich aus. Und Koks ist mein stolzer Begleiter. Ich trage dich mit meinem Ego so weit oben, dass ich dich fallen lasse. Und sobald du am Boden bist, will ich dich wieder, liebe ich dich wieder. Wir sind zerstörerisch. Wir lieben uns so sehr, dass wir es nicht ertragen können...

ISBN "978-3-96385-015-8"

Die Kurzgeschichte direkt hier lesen:

Du bist das Ende meines Anfangs »Lass mich. Lass mich. Lass mich das. Lass mich das mit mir selbst regeln. Komm mir bloß nicht zu nahe. Ich würde dich mit meiner herzerwärmenden Kälte doch nur langsam töten. Ich hatte dich. Wir hatten uns. Und alles was wir gemacht haben, war, uns gegenseitig zu zerstören. Ich habe deine Schönheit mit meinen Worten langsam getötet. Jeder wunderschöne Gedanke, den ich an dich hatte. Die Art, wie deine Haare im kalten Januarnebel glänzten, trotz kalter Tage. Ich lösche alle Gedanken an dich aus. Und Koks ist mein stolzer Begleiter. Ich trage dich mit meinem Ego so weit oben, dass ich dich fallen lasse. Und sobald du am Boden bist, will ich dich wieder, liebe ich dich wieder. Wir sind zerstörerisch. Wir lieben uns so sehr, dass wir es nicht ertragen können, so sehr geliebt zu werden. So sehr, dass wir jeden Funken Magie zwischen uns in der Luft zerfetzen. Hass mich nicht, verlass mich nicht. Bitte geh. Und bleib gleichzeitig bitte immer ein Teil von mir. Das, was ich mit dir gespürt habe, war das Authentischste und das Ehrlichste, was ich jemals empfunden habe, etwas, das mich auf eine wundervolle Art langsam innerlich zerfressen hat. Mit jedem Male – je mehr du ein Stück weiter weg von mir bist, umso mehr habe ich dich geliebt. Gott ich liebe dich, ich liebe dich so.

Ich liebe jeden verfickten Zentimeter an dir, ich hasse jeden Zentimeter meines ambivalenten Daseins, warum kann ich nicht normal Liebe empfinden? Gebrannte Kinder lieben das Feuer. Ich will nur, dass du weißt, dass ich immer noch an dich denke, wenn ich masturbiere, und danach in eine tiefe Trauer sinke. Ich trinke wieder regelmäßig und feiere das Gefühl, wenn das Gras langsam von jedem negativen Gedanken Besitz ergreift. Ich kann dich nicht mehr haben, also zerstöre ich jeden Gedanken an dich. Ich will, dass du das weißt. Ich will, dass du mich umso mehr willst. Ich will dich an mich binden. Ich will, dass wir zusammen verfickte Psychos sind. Ich will endlich wieder das Gefühl haben, für jemanden zu brennen, ein Kribbeln, das ich lange vermisst habe. Zwischen bedeutungslosen Ficks, zwischen exzessiven Drogennächten, zwischen Panikattacken und meiner mich selbst belügenden Art. Oh glaube mir, das kann ich gut, das kann ich verdammt gut.« »Verdammt, sieh dich an, du Assi, du redest hier neben mir und dir klebt Speed an der Nase, deine Liebe zu den Drogen ist es, die dich irgendwann in den Ruin reißen wird ...«

»Lieber habe ich gar nichts, als dich zu verlieren.« Ich schwitze. Mir ist gleichzeitig heiß und kalt. Ich spüre, wie ich immer schwächer werde, und wie ich langsam abklappe, dieses langsam abfallende Körpergefühl, es ist mir wohl bekannt. Das ist nicht das erste Mal, dass ich die Tage durchzeche, dass ich die Sonne verachte und den Mond begrüße; Tage waren noch nie mein Ding. An Tagen bekommen Dinge eine Szene, werden Dinge beleuchtet und die Welt rennt so schnell. Auf den Straßen sieht man geschäftige Menschen, die alle ihren verkorksten Scheiß-40-Stunden-Jobs nachgehen, während sie verbittert sind und sich ein Leben voller Freiheit wünschen, abgefuckt sind, weil sie ihren Scheiß-Kindern scheiß mehr Liebe geben wollen. Wer braucht schon Liebe auf dieser Welt, wenn es reines Koks gibt? Oder zumindest billiges Speed. Ich will die Nacht zurück. Letzte Nacht war sie noch nah bei mir. Letzte Nacht lag sie nackt in meinem Bett mit der Scham der Nacht über ihrem verachtenswert schönen Körper. An manchen Tagen wünschte ich mir, sie niemals kennengelernt zu haben, weil ich nun etwas gefunden habe, das ich mehr liebe, als ich mich jemals lieben werde. Sie ist der Stoff aus dem Musik gemacht wurde. Sie ist eine der Frauen, über die man kitschige Texte schreibt. Eine der Frauen, der man seitenlange Adjektiv- Beschreibungen widmet, weil sie allein mit ihrer verdammt wunderbar abgefuckten Art die Welt kurz in Atem hält. In ihrem Blick ruht der Schmerz der Welt und das Glück eines Kindes, die Verbitterung einer alten Frau und die jugendliche Lust einer Frau, der alles genommen wurde, und die sich alles zurückgeholt hat. Ausgespuckt von ihrem Leben, gezeichnet. Und doch war sie in dieser Nacht das Schönste für mich. Wir waren bedeckt von meinen vier Wänden, der einzige Ort, an dem wir uns für unsere kranke Liebe nicht schämen mussten. Der einzige Ort, an dem die zerbrochenen Scherben unserer Streits größer waren als die unserer Selbst. Wie melodramatisch diese Scheiße klingt. Doch jedes Mal wenn ich sie ansehe, wird alles Ekelhafte in mir wunderbar. Es ist, als ob ich unten auf der Wiese vor ihrem Plattenbau-Balkon stehen und ihr Liebeslieder widmen möchte. Sie ist das Letzte. Das Letzte, was ich sehe, bevor die Lichter ausgehen. Ich klappe zur Seite. Bitterer Geschmack. Das Letzte was ich wahrnehme, ist, dass ich alles aus mir rauskotze. Ich zittere. Zusammenbruch. Die Drogen zeichnen dich, wenn du versuchst, mit ihnen zu konkurrieren. Ich bin stark, aber Amphetamin ist stärker. Ein Gefühl als ob ich über mir schweben würde. Als ob die letzten Minuten meines Lebens an mir vorbeiziehen. Ich dachte immer, dass man alle schönen Dinge des Lebens sieht, sobald die letzten Atemzüge getan werden. Aber es ist tatsächlich so, dass man all das, was man geliebt hat, vor sich sieht. Und ich sehe sie. Nur sie. Und danach Blackout. Ich wache auf. Gefesselt in einem Krankenhausbett. Fixiert wie ein Tier – ich hänge am Tropf. Ich höre nur leise das Ticken des Apparates, der langsam meinen Herzschlag mimt. Und ich frage mich: Ist das der verfickte Himmel? Bis mir bewusst wird, dass asoziale Junkies nicht in den Himmel kommen und dass es sicherlich nicht Jesus’ Idee war, den Himmel mit bärtigen Midlife-Crisis-Krankenschwestern zu besetzen. Ich komme langsam zu mir, benebelt. Mein Mund ist trocken. Ich kann nicht sprechen. In mir fühlt sich alles traurig an, wie ein Kind, das nachts allein vor der Tür wartet, in der Hoffnung, dass seine versoffene Mutter endlich nach Hause kommt. Das sich Sorgen macht. Ich spüre tief in mir, dass etwas nicht stimmt. Und mein erster Gedanke neben all diesen unnützen Gedanken ist: Wo ist sie? Ich versuche, mich zu lösen. Aber die Schwere meiner eigenen Gedanken gepaart mit meinem Übergewicht und der Fixierung hält mich zurück. Ich rüttele am Bett; es bewegt sich langsam. Ich mache Krach und hoffe, dass einer der überarbeiteten Leute hier meinem Aufmerksamkeitsdefizit nachgehen und mich endlich losmachen wird. Ich versuche, meine innerliche Leere und mein Gedankenchaos mit Schreien zu füllen. Denn ich weiß, ich habe sie heute verloren. Oder gestern. Ich weiß nicht einmal, welcher verfickter Tag heute ist. Sie hasst mich, wenn ich Drogen nehme, und ich nehme Drogen, weil sie mich hasst. Sie ist traurig, weil ich mich berausche, und ich berausche mich, weil ich es nicht ertragen kann, dass ich der Grund für ihre Traurigkeit bin. Zwei so gebrochene Menschen hätten niemals zueinanderfinden sollen. Sie war die Ambivalenz in allen schönen Dingen, sie hatte die schönsten Worte für meine widerlichsten Gedanken. Sie konnte mich auf einer Art und Weise schön sein lassen, wie es nur ein Mensch kann, der einen mit purer Liebe betrachtet. Sie war mein Morning After. Und ich hab es versaut. Yeah, genau das ist mein Ding. Ich versaue Dinge, bevor sie angefangen haben. Ich schaffe es mich zu lösen. Löse meine Arme langsam aus dem Krankenhausbett. Spätestens nach dem fünften Mal Fifty Shades of Grey-Glotzen weiß wohl jeder Trottel, wie man mit Fesseln umzugehen hat. Ich löse mich. Dabei bin ich viel zu schwach zum Laufen. Aber meine Gedanken an sie treiben mich voran, wie verrückt es ist, dass zwischen dem Nebel aller meiner Gedanken etwas so klar und rein und so verflucht schmerzhaft schön sein kann. Ich renne drauflos, ich weiß wie diese Klapsen ticken. Man kommt nicht rein und man kommt nicht raus. Besser gesichert als der Kühlschrank meiner Mutter, wenn sie Fressattacken hatte und versuchte, sich vor sich selbst zu bewahren. Ich renne nach draußen, sie versuchen mich zu packen. Ich schlage sie. Und es tut mir leid, aber ich muss hier raus, ich muss hier einfach raus. Ich klettere die Mauer hoch, was nicht so einfach ist, wenn man einen adipösen BMI hat, aber letzten Endes schaffe ich es. Beim Springen verletze ich mich. Es war zu erwarten. Ich habe nun rein gar nichts, kein Geld, kein Handy.. Nichts, woran es sich lohnt zu denken. Ich laufe drauf los. Irgendwas in mir sagt, dass ich weiß, wo sie sein könnte. Unser Place to Be. Der Ort, an dem wir uns versteckten, wenn die Realität uns versuchte zu finden. Unser kleines Stück vom Paradies. Hoch oben auf den Dächern. Es ist Nacht, was es nicht einfach macht, die Orientierung zu finden. Ich ziehe durch die Stadt, alles sieht gleich aus und alles sieht so anders aus. Dieser Moment, indem alles in mir vorbei zieht, löst etwas in mir aus. Ich muss zu ihr, mein Gott, ich muss es ihr sagen, dass sie der Moment war, bevor die Lichter ausgingen. Sie muss wissen, dass ich sie liebe. Und dieses Mal würde ich sie nicht verlieren. Dieses Mal musste sie mir zuhören. Denn wenn du jemandem auf diese eine Art deine Liebe gestehst, ist es etwas Vollkommenes, etwas Reines. Ich steige die Treppen hinauf. Ein alter abgefuckter 10-Stöcker. Ein abgeranztes Haus, was früher einmal als alte Klinik diente. Über uns ist nur der Mond. Und unter mir ist die Tiefe. Ich finde sie, wie erwartet sitzt sie da. Mit einer Seelenruhe, die ich niemals erwartet hätte. Als ob sie auf mich wartet. Ich gehe auf sie zu. Ich will sie umarmen, ich will sie einfach nur in meinem Arm halten und sie niemals loslassen, alle Differenzen, die wir haben, in einer Umarmung ersticken. Sie sieht so schön aus, so wunderschön. Selbst wenn sie weint und alle Last dieser Welt auf ihren Schultern liegt, ist sie für mich immer noch jene Definition der Perfektion, die ich niemals in der Musik finden werde. Ich wurde einmal von einer Freundin gefragt: »Wenn du dich entscheiden müsstest, Musik oder Liebe, wofür würdest du dich entscheiden?« Ich dachte, sie ist irre, mich das zu fragen. Ich würde mich am Ende doch für die Musik entscheiden. Für das Vehikel meiner Dämonen, für all das, was ich Schönes in mir habe. Ich kann den Menschen oft niemals sagen, wie ich bin oder wer ich bin, weil ich so viele Gesichter an mir habe. Ich weiß nicht, ob es krankhaft ist oder ob es daran liegt, dass Vielseitigkeit einfach schöner als krankhaft klingt. Aber wenn du hörst, was ich dir zeige, zeige ich dir den Zugang zu meinen Gedanken und Gefühlen, all das, wofür ich niemals Worte finde. Wenn ich höre, dann fühle ich nur. Und ich denke wenig. Als ob ich mein Herz auf den Beat lege. Wie anmaßend es also ist, diese Frage zu lesen. DIE MUSIK! Ganz klar. Und jetzt steht diese wunderschöne kleine gebrochene Frau vor mir, mit hängenden Lidern. Wir stehen voreinander. Wir sagen kein Wort. Jedes Wort dieser Welt würde doch nur zerstören, was wir haben. Oder nicht. Ich weiß nicht, was wir noch haben. Denn sie verließ mich. Ja verfickte Scheiße, das ist der Plot Twist in dieser Story. Sie hat mich verlassen, weil ich ein kaltes Stück Scheiße bin, weil sie meine Mauer zum Einbrechen gebracht hat und ich mit all dieser Nähe nicht zurechtkam. Wie merkwürdig es sich anfühlen kann, wenn dir ein Mensch sein Herz schenkt. Und wie sehr es mich überfordert hat. Und immer und immer wieder erkannte ich den Wert des Augenblicks erst, als ich ihn für meine immerwährende Melancholie eingetauscht habe. Ich seh sie an. Ich merke, wie mir die Tränen langsam die Wangen herunterlaufen. Sie fängt sie auf. Sie sieht mich an. Ihre blauen Augen. Zu sagen, sie wären so tief wie der Ozean, wäre verdammt noch mal viel zu pathetisch. Aber genau das war es. Wenn mir jemand jemals gesagt hätte, dass ich in etwas so versinken könnte, ich hätte es nicht geglaubt. Dämonen sitzen tief, und sie lernen zu schwimmen. Aber der Schimmer in ihren Augen, die Art wie sie mich ansieht, ist etwas Besonderes. Ihr Blick, der mir sagt, dass ich mit dem falschen Wort alles zerstören könnte, was ihre Illusion erbaut hat, packt mich immer wieder. Ich sehe in ihr all die Nächte, in denen wir in den Clubs wild tanzten; ich wusste niemals, wo sie ist, aber wenn jemand schrie: »Alter, schau dir die Gestörte an«, wusste ich: Ja, das ist meine Freundin. Ich sehe in ihr all die Nächte, in denen wir unsere Ängste teilten. Wie Kinder, die mit ihren Taschenlampen über all die Geister und Gruselgeschichten reden, die sie beschäftigen. Mit einer verschwörerischen Zweisamkeit und einer Verbundenheit, die nur Menschen teilen, die sie so tief in sich hinein lassen, dass jeder Versuch, dem zu entrinnen, alles zerstören könnte. Ich sehe in ihr all die Morgen, in denen sie mir versoffen Frühstück machte. Ich sehe in ihr die Kämpferin, die ihre Dämonen immer und immer wieder bekämpft. Ich sehe in ihrem Lächeln ein Spiegelbild unserer geschlossenen Hände, wenn ich sie stolz durch die Stadt trug. Und ihr mein Leben zeigte. Ich sehe in ihren Zügen all die Momente, in denen wir gemeinsam lachten. Und uns schworen, dass niemals etwas zwischen uns kommen könnte. Dieses Niemals waren wir. Diese erfundene Perfektion war der Makel unsere Geschichten. Aber in diesem Moment, in diesem Moment, zehn Stock über dem Asphalt dieser kalten Stadt, stehen wir nun. Ich versuche, in ihrem Gesicht abzulesen, was das hier zu bedeuten hat. Neben ihr sehe ich das Sammelsurium einiger Weinflaschen und Joints. Ich sorge mich. Aber was wäre ich für ein Apostel, der predigt und am Ende genau die gleichen Fehler macht?. Ich sehe sie an. Ich schweige. Wenn ich jetzt etwas sage, zerfetzen wir alles in der Luft. Sie bewegt ihre Lippen. »Erinnerst du dich an das Gedicht, was ich dir geschickt habe? An unseren Sommernachtstraum? An die Idee, dass wir an unserem Hochzeitstag unsere Kleider am Meer verbrennen als Zeichen dafür, dass das mit uns für immer bleibt? Weißt du noch, wie der Tag war, nachdem ich dir das geschickt habe, wie der Sex war? Wir wollten für immer bleiben. Ich hab in dir etwas gesehen. Aber etwas habe ich nicht gesehen. Wovor mich alle gewarnt hatten. Deine widerliche Intensität und die Unsicherheit darüber, wer du selbst bist. Deine Stimmungsschwankungen, die du darunter verbuchst, dass du Gedichte schreibst. Dass du kreativ bist. Du kotzt mich damit an. So sehr, dass ich dich gerne hassen möchte. Ich möchte dir jedes Gedicht, das du mir nach einem Streit auf mein verheultes Kissen gelegt hast, vor die Füße kotzen. Diese ganze emotionale Scheiße. Ich hab versucht, das alles hinter mir zu lassen, denn je mehr ich dich in mich hinein lasse, desto mehr muss ich mich zerstören. Du hast alle Wunden meiner Kindheit mit deiner Liebe wieder geöffnet. Ich hatte ständig immer wiederkehrend das Gefühl, als ob ich dir nicht ausreiche. Gott, du warst meine erste Frau, du hast mir gezeigt, was ich wirklich will. Du hast mich aus dieser Situation gerettet, in der ich auf einem falschen Weg war. Verdammt noch mal, ich wollte ein Kind, und ich hatte einen Freund. Und dann kamst du und hast mit deinen ach so großen Worten, von denen du kaum welche halten kannst, all die Träume wieder geholt, die ein kleines jugendliches Mädchen in ihr Tagebuch schreibt. Unsere nächtelangen Gespräche darüber, wie perfekt wir doch sind, und wie unperfekt alle anderen sind. Ich hab alles an dir zu lieben gelernt, selbst die Art, wie du deine Maskerade trägst. Deine Arroganz. Und das, was dahintersteckt. Und in dem Prozess, dich zu lieben, habe ich mich selbst gefunden, um mich am Ende zu verlieren.« Da stehe ich nun. Die Worte knallen auf mich ein, als ob jemand meinen Kopf mit einem Presslufthammer bearbeitet. Unfähig zu antworten und zu aufgewühlt, um zu schweigen. Ich trete einen Schritt nach vorn. Meine Hand liegt auf ihrer Wange. Und ich spüre ihre weiche Haut. Die Art, wie sie ihren Kopf schräg legt, wenn sie vor der Welt flüchten will, das Gewicht ihres Gesichtes in meinen Händen. Ich streiche über ihr Gesicht. So, als ob ich nach Antworten auf jedem Zentimeter und jeder Pore für das hier suche. Wir sind Gift füreinander. Und gleichzeitig war sie das Beste, was mir je passierte. Ich entdeckte durch sie diese Seite in mir, die mich dazu brachte, gedankenlos durch die Nacht zu ziehen. Kopfhörer auf, und die ganze Welt war stumm. Ich fühlte mich sicher, egal wo ich mit ihr war; das lag nicht etwa an ihren schwachen Armen oder daran, dass sie Angst in der Dunkelheit hatte. Sondern an der Gewissheit, dass, wenn jemals etwas passiert, ich sie mit ins Paradies nehme. Wenn es denn eins gibt. Wenn es denn für Menschen wie mich gemacht wurde. Die Christen nennen es Sünde. Ich nenne es Leben. Ich nenne es Eskapismus. Ich merke, wie meine Hand nass wird, Tränen rinnen ihr übers Gesicht. Sie weiß genau, dass ich sie nicht weinen sehen kann. Es ist, als ob die Unschuld der Welt plötzlich in sich zusammenfällt. Ich streiche ihr durchs Haar. Ich mag die Farbe. Bis heute versuche ich zu definieren, ob es eher ein Orange oder ein Rot ist. Ihr Blick ist voller Angst. Ich trete noch einen Schritt nach vorn. Ich versuche, sie zu küssen. Sie weicht aus. Und senkt ihren Blick nach unten. Ich halte inne. »,Hast du dir jemals darüber Gedanken gemacht, wie sich eine Depression anfühlt? Oder ist das überhaupt eine Depression? Wenn du morgens wach wirst und alles in dir drin schmerzt? Und du an manchen Tagen wie ein Roboter durch die Straßen gehst? Und bunte Straßen plötzlich zu einem widerlichen Grau in Grau werden? Und du eins wirst mit ihnen? Dass selbst die Blume, die es mit Kraft durch den Asphalt schafft, nicht deines Blickes würdig ist?« Ich habe nun ihre Aufmerksamkeit. Sie setzt sich auf den Boden. Ich trete ein Stück nach vorn. Richtung Abgrund. Ich sehe nun die Lichter der Stadt. Und die Menschen dahinter. Ich frage mich, wie oft in ihrem Leben sie sich einredeten, dass die Träume, die sie einst verfolgt hatten, nicht wahr wurden, weil sie sich änderten, oder ob sie einfach nur zu feige waren, ihr Ändern zu leben. Genauso wie ich ... Und meine Arroganz. Mein Kopf ist aus, und meine Lippen bewegen sich. »Als ich das erste Mal Harry Potter gesehen  und die Dementoren gesehen habe, ich schwöre dir, ich hätte niemandem jemals so gut erklären können, wie es sich anfühlt. Als ob eine Gestalt, eine undefinierbare schwarze Gestalt, alles Leben aus dir heraussaugt. Als ob man wie beim Schweigen der Lämmer in einem Brunnen gefangen ist. Ich versuche, mich hinauszukämpfen, aber anstatt mir selbst eine Chance zu geben, versenke ich den Schmerz in einer Ohnmacht aus Ignoranz und Drogen. Ich wäre gern das für dich, was deine Eltern sich gewünscht haben, ich will das für dich sein … Einfach DAS ...« Sie sieht mich an. Ich sehe sie an. Wir blicken zur Seite. Unsere Blicke treffen sich und fühlen sich so fern an, dass ich das Gefühl habe, eine Fremde für sie zu sein. Sie schluckt. Und versucht, Worte zu finden. Mit einem Moment überkommt mich ein Gefühl, … dass alles in mir aufschreit. Etwas in ihrem Blick ändert sich. Das Blau, in das ich mich immer fallen lassen konnte, verwandelt sich in etwas, das sie innerlich auffrisst. Die tobende See wird zu einem gefährlichen Ozean, der alles in ihr mitreißt. Ihr Gesicht verhärtet sich. Etwas in ihr fasst ein Entschluss. Sekunden fühlen sich plötzlich an wie Stunden. »Ich liebe dich, und ich will uns zusammen sehen und eine gemeinsame Zukunft mit dir.« Sie stellt sich neben mich. Zusammen schauen wir in die Tiefe. Von der Seite sehe ich die Schattierungen ihres unbeschreiblichen Gesichts. Ich habe selten einen Menschen mit so vielen Narben gesehen – ihr Gesicht strahlt ständig etwas aus, was innere Zufriedenheit und Selbstzweifel gegeneinander kämpfen ließ. Die schmalen Lippen, die sie manchmal zusammenpresst, wenn sie wieder einmal zu viel über das Leben nachdenkt. In diesem Moment fühle ich mich wohl und unwohl zugleich. Und doch lässt mich dieses Gefühl nicht los. Sie sieht mich an. Wieder sieht sie mich an. Sie weint immer mehr. Legt ihren Kopf zur Seite. Sie nimmt meine Hand … »Es wird unseren Ort geben, an dem das mit uns funktioniert; ich habe niemals daran geglaubt, dass ich etwas so sehr lieben und gleichzeitig hassen kann. Ich habe gedacht, ich schaffe es, ich habe gedacht, ich bekomme dich aus dem Kopf, und dann kommst du einfach wieder in mein Leben und wirfst alles um, was ich in letzter Zeit aufgebaut habe, und das allein mit der Art, wie du mich liebst. Mit deinen Worten. Das mit uns, das geht nicht, das mit dir, das kann ich nicht, und das mit mir selbst ist ein niemals endender Kampf. Ich habe versucht, dieses Gefühl aus mir herauszubekommen. Die Liebe zur Dunkelheit. Den Genuss, wenn die Klinge langsam in meine Haut eindringt, dieses Gefühl, dass ich mich am Lebendigsten fühle, wenn das Blut auf meiner Haut trocknet. Ich habe versucht, es zu vergessen, diesen Teil in mir zu verbergen, Gefallen daran zu finden, wenn ich immer tiefer sinke. Und bei dir, bei dir habe ich mich das erste Mal so lebendig gefühlt, du hast alles in mir in Frage gestellt. Und nun ist dieses Chaos da. Ich habe mir immer ersehnt, dass wir in diesem Hier und Jetzt zusammen sein können. Ich habe niemals diese ekelhaften Liebesschnulzen verstanden, in denen man füreinander blutet, und all diese dummen Dinge tut, nur um sich selbst besser zu gefallen. Ich hätte niemals gedacht, dass mich Liebe auf diese Art und Weise findet. Du warst der richtige Mensch zur falschen Zeit für mich; ich war der richtige Mensch zur falschen Zeit für dich ... Die Dinge, die ich tue, die tue ich immer wieder, und die Fehler für die ich innerlich blute, mache ich immer und immer wieder, ich rede mir ein, daraus stärker zu werden, aber in Wahrheit zehre ich davon. Der Schmerz macht mich exzentrisch. Mein Leben war ein Albtraum,. Meine Kindheit war ein Albtraum. Und dann kamst du, und mit dir kamen das erste Mal all die Vorstellungen von einem besseren Leben. Davon, dass ich nicht abartig bin. Du hast mir gezeigt, wie es ist, geliebt zu werden. Du hast an mich geglaubt, wenn ich vor dem Spiegel stand und mein Selbsthass in mir kochte, du hast mir die Unendlichkeit gezeigt, und wie wunderschön es sein kann, jemanden ein Versprechen zu geben. Du hast mir einmal gesagt, dass wir beide immer zusammen sein werden. Ich bin mir sicher, wir werden das schaffen.« »Ich glaube fest daran.« Meine Worte klingen halbherzig. Wir stehen nun hier. Am Abgrund … sie und ich. Wir sind gefangen in dem Gedanken, dass nur wir beide uns glücklich machen können. Und egal wie weit ich reise, welche Länder dieser Welt ich mir ansehe, sie wird immer bei mir bleiben. Egal wie weit ich vor mir selbst fliehe, sie wird wie der Schatten sein, der immer wieder anklopft und mich heimsucht, wenn ich versuche, den Gedanken an sie im Alk zu ertränken. Ich lache. Ich schaue sie an. Wir schauen abwechselnd nach unten. Schauen gleichzeitig nach oben. Ich nehme ihre Hand. In diesem Moment wissen wir beide, was wir tun sollen. 10 Sekunden. Ich: »Ich werde dich immer lieben.« 7 Sekunden. Sie: »Du und ich gegen den Rest der verfickten Welt.« 4 Sekunden. Ich: »Sei bitte für immer mein Mädchen und lass mich vollkommen fühlen.« 1 Sekunde. Sie: »Schließ deine Augen.« Unsere Körper. Schwerelos. Unsere Füße lösen sich. Unsere Hände krallen sich aneinander. Wir haben zusammen den Abgrund gesehen. Sie war meine paradiesische Hölle auf Erden. Jetzt nur noch sie und ich. Wir treten einen Schritt zurück. Schließ deine Augen, Kleines. Ich werde für immer dein sein.

Und wir springen.

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