Eine unvorhersehbare Begegnung von Matthias Rische

Manche Begegnungen prägen einen ein Leben lang, und manche Begegnungen, die einen prägen, sind absolut unvorhersehbar. In der Kurzgeschichte von Matthias Rische ist beides der Fall.

Teaser:

Warum hatte er auch das Fahrrad nehmen müssen? Die Frage an sich war rein rhetorischer Natur. Er konnte sie sich direkt selber beantworten. Weil seine Mutter dienstags und freitags arbeiten ging, um die Haushaltskasse aufzubessern. Vor einem halben Jahr hatten seine Eltern das Zweifamilienhaus in Grunewald gekauft, und der Kredit musste abbezahlt ...
ISBN: "978-3-96385-020-2"

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Eine unvorhersehbare Begegnung Warum hatte er auch das Fahrrad nehmen müssen? Die Frage an sich war rein rhetorischer Natur. Er konnte sie sich direkt selber beantworten. Weil seine Mutter dienstags und freitags arbeiten ging, um die Haushaltskasse aufzubessern. Vor einem halben Jahr hatten seine Eltern das Zweifamilienhaus in Grunewald gekauft, und der Kredit musste abbezahlt werden. Den Lebensstandard einzuschränken kam überhaupt nicht in Frage. Und so arbeitete seine Mutter an zwei Tagen in der Woche in ihrem alten Beruf als Reiseverkehrskauffrau. Und heute war Dienstag. Als er am Morgen losgefahren war, war es nur leicht bewölkt, aber schon angenehm warm gewesen. Abgekühlt hatte es sich im Laufe des Tages nicht, aber eine regelrechte Wolkenfront war aufgezogen und entlud sich in anhaltendem Dauerregen. Unter der Überdachung des Fahrradständers auf dem Schulhof der Realschule auszuharren, schien keinen Sinn zu machen. Die herabfallenden Wassermassen würden so schnell keine Ruhe geben. Missmutig und genervt – nach sieben Stunden Unterricht – schob Kai Wessel sein neongelbes BMX-Rad durch das Schuleingangstor. Schon jetzt war er komplett durchnässt. Auf der kopfsteinbepflasterten Straße, die in eine Sackgasse direkt am Schulgelände mündete, musste er sehr vorsichtig fahren, um sein Fahrzeug unter Kontrolle zu halten. Schule als Sackgasse schoss es ihm durch den Kopf. Solche Gedanken überkamen ihn nur an schlimmen Tagen. Eigentlich ging er gern zur Schule. Speziell die Fächer, in denen Phantasie und Vorstellungskraft gefragt waren, spornten ihn an. Für ihn waren das Deutsch und Sozialkunde. Auch die Klassengemeinschaft war ganz ok. Sie hatten ihm den Schulwechsel in der achten Klasse nicht schwer gemacht und ihn ganz gut aufgenommen. Einige Idioten gab es überall. Die ignorierte der Junge oder ging ihnen – so gut es möglich war – aus dem Weg. Der Regen peitschte ihm unablässig und kraftvoll frontal ins Gesicht, sodass er den Kopf senkte und die Schultern hochzog. Dennoch musste Kai die Augen zusammenkneifen, um überhaupt sehen zu können. Nach wenigen hundert Metern entschloss sich der Jugendliche einen kleinen Umweg zu fahren. Er bog Richtung Grunewaldsee ab. Das Fortkommen war dort zwar auch nicht einfacher, aber er bildete sich ein, durch das Laub der Bäume besser geschützt zu sein. Selbst bei diesem Wetter traf er auf Menschen, die ihren Hunden den nötigen Auslauf nicht verweigern wollten. Der sandige Waldboden war aufgeweicht und streckenweise von ausufernden Pfützen bedeckt. Das Regenwasser hatte keine Chance mehr zu versickern, und hoch aufschießende Bäume fanden sich gespiegelt auf dem nassen Untergrund wieder. Dieser Zustand machte auf Dauer ein Vorankommen nahezu unmöglich, sodass Kai sein Rad zwischendurch schieben musste. Erst als er eine kleine Anhöhe erreicht hatte, saß er wieder auf, um es an einer schmalen Stelle des Gewässers – über eine schmale Holzbrücke – radelnd zu überqueren. Beim Verlassen der Brücke rutschte sein Hinterrad weg, er verlor das Gleichgewicht, stürzte vom Rad – einen kleinen Abhang hinab – und landete bäuchlings in stinkendem, durch Laub und Fäkalien verunreinigtem, beinahe zähflüssigem Seewasser. Fluchend schlug er mit der Faust auf dessen Oberfläche ein, ehe er sich mühsam aufrichtete. Dann hievte er unsanft sein BMX den Anstieg hinauf, bevor er selbst die rutschige Uferböschung erklomm. Wütend und fassungslos bemühte er sich, das Dreckwasser abzuschütteln und wischte seine verschmutzten Hände an der dreiviertellangen Bluejeans ab. Mit einem Mal begann der Junge zu frieren. Er musste dringend nach Hause ins Warme und eine heiße Dusche nehmen. Beim Gedanken an seinen körperlichen Zustand und den vor ihm liegenden Heimweg, verließen ihn jedoch abrupt der Mut und auch die letzte Kraft. Widerwillig umfasste Kai Wessel den gepolsterten Lenker seines Fahrrades, richtete es auf und schob es durch den Modder vorwärts. Zum Fahren mangelte es ihm an ausreichender Motivation. Nun war auch schon alles egal. Zeit spielte keine Rolle mehr, er war klitschnass und sah aus wie ein Schwein. Genauso fühlte er sich auch. Nur, dass sich Schweine im Schlamm suhlten und sich anschließend besser fühlten. Kurz nach der Brücke war der Weg zum Wasser durch einen Maschendrahtzaun abgesperrt. Wohl, weil sich dort die Brutstätten von Wasservögeln befanden. Eindeutig die falsche Stelle, dachte der Junge. Einige Meter weiter vorne, hätte ihn diese Barriere vor schlimmeren Folgen bewahren können. Der Waldweg machte an dieser Stelle eine Biegung. Durch das Geräusch des nach wie vor dauerhaft niederprasselnden Regens, der auf die Oberfläche des Sees aufschlug und das Laub an den Bäumen schwer machte, vernahm Kai einen Laut, der nicht in diese Gegend zu gehören schien. Er hielt an, um eigene erzeugte Töne auszuschalten, und lauschte. Nichts. Er versuchte, seine Konzentration nur auf versteckte Nebengeräusche zu lenken, und hielt für einen Moment die Luft an. Da war es wieder. Eine Art Stöhnen. Es klang, als versuche sich jemand mit aller Macht bemerkbar zu machen, jedoch nicht viel Kraft dafür aufbringen konnte. Auch konnte er die Richtung nicht orten, aus der der vermeintliche Hilferuf an seine Ohren drang. Kai Wessel schirmte seine Augen mit der flachen Hand ab und taxierte die Umgebung. Einige Meter vor ihm, auf der anderen Seite des eingezäunten Weges, schien der Maschendraht eingedrückt zu sein. Langsam setzte sich der Junge wieder in Bewegung und hatte die ausgemachte Stelle bald erreicht. Dort war beim Näherkommen ein Loch im Zaun zu entdecken, hinter dem ein Fahrrad mit Körbchen am Lenker auf dem Waldboden lag. Ein einfaches Herrenrad älteren Modells, da am Rahmen schon die ehemals weiße Farbe abgeblättert und die Stelle von Rostflecken übersät war. Nach kurzer Betrachtung des Gefährts, dessen Hinterreifen eine deutlich erkennbare Acht enthielt, richtete der Junge seinen Blick auf den Bäume dahinter. So wie die Uferböschung auf der anderen Seite leicht abfiel, stieg der Wald diesseits recht steil an. Sechs bis sieben Meter entfernt saß ein Mann an den Stamm einer kräftigen Eiche gelehnt. Er versuchte zu lächeln und winkte leicht mit der rechten Hand, zum Zeichen, dass er es war, der die Geräusche verursacht hatte. Kai Wessel legte sein BMX und seinen Rucksack ab, schob sich durch die neu entstandene Öffnung der Absperrung und ging langsam auf den Hilfebedürftigen zu. Der Jugendliche begab sich – gebührenden Abstand haltend – in die Hocke und betrachtete sein Gegenüber. Der Mann trug eine hellbraune Cordmütze, ein bordeauxfarbenes Poloshirt, eine dunkelgraue Stoffhose und hellbraune Slipper. Die Hose war in Kniehöhe aufgerissen und eine blutende Fleischwunde schimmerte durch das Loch. Kai Wessel erschrak beim Anblick des Gesichts des alten Mannes. Unzählige Falten durchfurchten schlaffe Haut. Die Wangen hingen tief herab, als würde es ihnen an Halt fehlen. Trübe, graue Augen lagen sehr tief, fast in den Höhlen verborgen. Das Auffälligste war aber die nach vorne immer breiter werdende Nase. Mehrere Kratzer überzogen das Gesicht, Hände und Oberarme. Als er sprach klang die Stimme rau und ein wenig gepresst, als koste es den Mann unendliche Mühe überhaupt einen Laut hervorzubringen. Der Junge fragte sich, was so ein alter Herr bei dem Wetter – noch dazu auf einem Fahrrad – hier zu suchen hatte. Gleichzeitig stellte er sich vor, niemals derart alt werden zu wollen. Seine Oma war knapp über sechzig, sah aber nur halb so alt aus wie der Greis, der hier vor ihm am Baumstamm lehnte. Der musste mindestens achtzig sein. „Schön, dass du aufmerksam geworden bist. Viele Menschen kommen hier ja nicht vorbei – bei dem Wetter.“ Der Alte hatte sich zu einem Platz empor gekämpft, der nahezu trocken war. Ausufernde, kräftige Äste und ein dichtes Blattwerk hielten den Regen fern. Allein dieser Umstand ließ den Jungen eine gewisse Sympathie für ihn empfinden, auch wenn er keine Idee hatte, was er antworten oder wie er helfen konnte. Ruhe und Gelassenheit strahlte der Mann zudem aus. Und das, obwohl dessen Situation doch weitaus unangenehmer und um Längen aussichtsloser erschien, als die des Jungen. Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden Gestrandeten. Verweilten ineinander. Kai Wessel beendete diesen Augenblick, indem er seine Augen den mageren Körper des alten Mannes hinab wandern ließ und auf dessen – auf dem Bauch ruhenden – knochigen und mit Altersflecken überzogenen Händen verharrten. Die Begegnung war nicht unangenehm. Er war lediglich überrascht davon, wie eindringlich und tief diese trüben Augen sehen konnten. Wie viel Kraft und Energie sie ausstrahlten. Als würden sie etwas in ihm erkennen, was er bislang selbst nicht wusste. Auch nicht erahnte. „Mach dir keine Sorgen. Du wirst deinen Weg gehen. Wenn du musst, dann jetzt sofort. Erledige, was zu erledigen ist. Du brauchst keine Rücksicht zu nehmen.“ Das war der Zeitpunkt, an dem der Jugendliche hätte gehen können. Die Chance nutzen. Fort von diesem fremden Menschen, der sich einbildete, gute Ratschläge erteilen zu dürfen. Zuvor jedoch musste er sich vergewissern. Vergewissern, ob der Alte tatsächlich zu ihm und über ihn sprach. Er erhob sich. Sah sich um.  Ein Eichhörnchen flüchtete geschmeidig einen Baumstamm hinauf. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen. Da war dieser kurze Moment aufflackernder Intimität, der ihn zurückhielt. Als existiere ein unsichtbares Band zwischen ihm und dem Alten. Dessen Worte mochten belanglos gewesen sein – aber sie trafen ihn. Berührten ihn. Waren klar und optimistisch. Dabei wurden sie mit solch innerer Sicherheit ausgesprochen, dass sie zum Nachdenken verführten. Zum Verweilen. Diese unverhoffte Begegnung hatte etwas Phantastisches, Unwirkliches. Der Junge kam sich vor wie der Protagonist in einem seiner Deutschaufsätze. Egal welche Themenvorgabe er bedienen sollte, schlussendlich landete er immer mit seinen Texten in einer Art Parallelwelt. Seine Geschichten schienen fremdartig und versponnen zu klingen, erklärten auf ihre Weise aber immer die realen Umstände, in denen er lebte – oder gaben daraus entwickelte Zukunftsperspektiven zum Besten. Er, Kai Wessel, musste nur eintauchen, sich fallen lassen. Mit dem Mann in Kontakt treten (noch immer hatte der Junge kein Wort gesagt), und der Rest der Geschichte würde sich von ganz alleine entwickeln. Die Entscheidung war gefallen. Kai Wessel würde nicht gehen.   Der Junge wandte sich um. Er nahm eine bequeme Sitzposition ein und betrachtete erneut den Greis. Der hatte seine Augen geschlossen und buschige Brauen wie eine Gardine darüber gehängt. Wirkte vollkommen entspannt. Als sauge er Geräusche der Natur in sich auf und würde in sich selbst hineinhorchen. Und als sei es ihm gleichgültig, wie sein junger Helfer sich entscheiden würde. „Du bleibst also. Das ist freundlich von dir.“ Als würde ein eiskalter Hauch seinen Körper umwehen, durchzuckte ein Schauer den Körper des Jugendlichen und ließ ihn am ganzen Leib erzittern. Der Mann musste seine Anwesenheit gespürt haben, oder er konnte Gedanken lesen. Als er weiter sprach, schien sein Kehlkopf, sein ausgeprägter Adamsapfel, mehr in Bewegung zu geraten als seine Lippen. „Die meisten Menschen meines Alters behaupten, die Welt heutzutage sei verrückt geworden. Auf die Idee könnte man sogar kommen, wenn man sich an Zeitungsberichten und Nachrichten orientiert. Alles voll mit Kriegen, Mord, Totschlag und Umweltkatastrophen. Aber das behaupten die nur, weil die vergesslich sind. So viel anders war das früher auch nicht. Als der Krieg ausbrach, war ich noch keine zwanzig Jahre alt. Bis dahin ging ich zur Schule. Saugte Wissen in mich auf, wie andere Kinder Sammelalben mit ihren Fußballidolen voll klebten. Ich verfügte über eine ausufernde Phantasie und ersann mir Welten, in denen vieles besser organisiert war, als in der Realität. So gab es keine hungernden Kinder mehr – Not leidende Erwachsene jedoch, gab es zuhauf. Ich hatte eine Idee von meiner Zukunft entwickelt. Schriftsteller oder Journalist wollte ich werden. Die Welt mit der Kraft der Worte und der Phantasie beschreiben und verändern. Aufrütteln, provozieren. Aber auch Visionen erschaffen von einem besseren Zusammenleben und gemeinschaftlichem Handeln. Einer für alle, alle für einen. Wie bei den drei Musketieren. Hast du die einmal gelesen?“ Die Frage beantwortete der alte Mann sich selber, ohne eine Reaktion des Jungen abzuwarten. Der hing inzwischen wie gebannt an den Lippen des Alten.  Die Erzählung schien doch mehr mit seinem persönlichen Erleben zu tun zu haben, als er zu Beginn vermutet hatte. Immer wieder streute der Mann Informationen ein, die Kai innerlich zu entwurzeln schienen, und ihm dem Berichterstatter dennoch näher brachten. „Ach Unsinn. Du bist noch zu jung. Das ist erst im nächsten Jahr dran.“ Der Alte öffnete die Augen und sah seinen Begleiter unverwandt an. Nicht, um zu kontrollieren, ob dieser ihm auch zuhörte. Sondern, um durch die Kontaktaufnahme die Wirkung seiner Worte zu verstärken. „Dieser Traum ist dann doch ziemlich schnell auf mehrfach grausame Weise geplatzt. Erst gab ich meiner Mutter mein erstes Romanmanuskript in die Hand, um mir ihren Beifall über so viel Kreativität ihres Sohnes abzuholen. Es war die Geschichte eines Jugendlichen meines Alters, dessen Mutter sich von einem gewalttätigen Ehemann trennte und mit ihrem Kind in ein fremdes Land zog, um dort ihr Glück zu suchen. Eine Geschichte voller Hoffnung und Poesie. Aber auch angefüllt mit Gewalt und schmerzlichen Erfahrungen. Handgeschrieben. Sie hat sie vor meinen Augen zerrissen. Zwei Jahre später brach der Krieg aus. Die Völker der südlichen Hemisphäre verlangten ihr Recht auf Gleichberechtigung. In erster Linie nach Getreide und Wasser. Jahrzehntelang hatten sie es über die politische Ebene versucht einzufordern. Doch die Industrieländer wichen immer aus und vertrösteten die armen Menschen mit unhaltbaren Versprechungen. Irgendwann standen die dann auf und marschierten los. Sich zu holen, was ihnen verwehrt wurde. Ich floh. Zuerst nach Libanon, dann nach Syrien. Vier Jahre dauerte die Auseinandersetzung. Eine Zeit, in der ich mich irgendwie durchschlagen musste – ohne meine Träume zu verraten. Ich habe ihn aufgeschoben. Begraben habe ich ihn nie. Das darf man nicht. Du darfst ihnen  nicht hinterherhecheln. Je schneller du hechelst, desto schneller laufen sie vor dir davon. Sieh zu, dass du sie nie aus den Augen oder dem Herzen verlierst ... Hast du zufällig eine Flasche Wasser dabei? Mein Mund ist ganz ausgetrocknet und du kommst doch soeben aus der Schule.“ Kai Wessel erhob sich wie ein Roboter, der den Eingabefehl ausführt. Automatisiert. Seine Ohren und Gedanken lechzten danach, dieser Erzählung weiter folgen zu dürfen. Während er sich entfernte (zurück zu dem Loch im Maschendrahtzaun) um seinen Rucksack mit der Brotbox und der Trinkflasche zu holen, hoffte er, dass der Faden nicht riss. Er wagte kaum, seinen Blick abzuwenden, aus Angst, wenn er sich wieder umdrehte, könnte der Greis verschwunden sein. Dann müsste er aufwachen und würde vielleicht in der Schule sitzen oder auf seiner französischen Liege zu Hause. Der Regen hatte indes vollkommen aufgehört. Lediglich vom Blattwerk tropfte es noch. Nun wäre Zeit und Möglichkeit gekommen, heimzugehen, und aus den nassen Klamotten zu schlüpfen. Der Junge ließ sie verstreichen. Er war von einer inneren Wärme durchströmt, die mit den äußeren Einflüssen nichts mehr zu tun hatte. Bei seiner Rückkehr reichte er Flasche und Box wortlos an den Mann weiter. Der bedankte sich nickend, schraubte den Verschluss ab und nahm einen kräftigen Schluck. Direkt nach dem Absetzen schüttelte er sich kurz. Das Himbeerwasser war ihm viel zu süß. Dann schienen Erinnerungen wiederzukehren und ein breites Lächeln zog sich durch das Gesicht, das die Anzahl seiner Falten noch zu vermehren schien. Auch die Augen bekamen wieder Farbe. Ein leuchtendes Blau. Sämtlicher trüber Schleier war wie weggewischt. Zum ersten Mal bekam der Junge eine Idee davon, wer ihm dort gegenüber saß. Diese Augen. Sie werden es auch gewesen sein, die ihn von Anfang an für diesen Menschen eingenommen hatten . Kai verscheuchte diesen Gedanken sofort wieder. Der war einfach zu phantastisch, zu weit entfernt von jeglicher Vorstellungskraft. „Weißt du, wie lange es her ist, dass ich dieses Getränk geschmeckt habe? Ich glaube, es müssen sechzig Jahre sein. Vor Kriegsausbruch. Inzwischen trinke ich nichts Süßes mehr. Der Geschmack verändert sich mit der Zeit. Schöne Erinnerungen bleiben ein Leben lang. Kommen wie nochmal zurück zum Beginn unseres Gesprächs: Die Leute behaupten auch, die Jugend sei so kriminell und verdorben. Alles Quatsch, und eine Frage der eigenen Einstellung. Sieh uns an. Friedlicher geht es doch nicht. Meinst du, ich würde mit dir hier sitzen, wenn ich Angst hätte, du würdest mir jeden Augenblick die Flasche über den Kopf ziehen und mir dann meine Geldbörse stehlen?“ Während er den Kopf schüttelte, fingerte er aus der weiten Tasche seiner Hose einen Tabakbeutel und ein Feuerzeug. Mit unglaublich flinken Fingern rollte er sich eine Zigarette und entzündete sie. Dann inhalierte er tief und blies den Rauch Richtung Baumkrone. Für einen Moment herrschte Schweigen. Von Ferne drang das Geräusch vorbeifahrender Autos herüber, deren Reifen literweise Wasser verdrängten, während sie sich vorwärts bewegten. Der Pferdehof auf der anderen Uferseite öffnete mit metallischem Quietschen seine Stalltüren. Das Abtauchen von Entenköpfen zur Nahrungssuche unter Wasser war zu vernehmen. Der Mann hatte recht. Es war unheimlich friedlich. Kai Wessel hatte viele Fragen, aber er wollte diese Ruhe nicht stören. „Und du glaubst wirklich daran, niemals so alt werden zu wollen?“ Die Frage kam wie aus dem Nichts. Und diesmal war sie direkt an den Jungen gerichtet, und der Mann erwartete auch eine Antwort. Kai wäre fast nach hinten übergekippt und den Abhang hinabgerollt. Die Lider seiner blauen Augen, die bislang nahezu reglos an den Lippen des Anderen geklebt hatten, begannen zu flattern. Alle Fragen waren verflogen. Er konzentrierte sich darauf, eine vernünftige Antwort zu geben. Ohne zu stottern. „Ich ... Ich bin noch jung, verstehen sie? Ich kann mir nicht vorstellen, mich nur noch sehr langsam bewegen zu müssen. Alles hinter mir zu haben und kaum noch etwas vor mir. Ich will schreiben, wie sie. Das tue ich jetzt schon. Aber wenn meine Hände zittrig werden, dann geht das nicht mehr. Wie haben sie die Zigarette so schnell gedreht?“ „Übung, mein Junge. Alt werden ist gar nicht so schlimm. Siehst du, ich vereine alles in mir. Die neugierige Unbeschwertheit der Kindheit. Die Kraft, Orientierungslosigkeit und den unbändigen Mut der Jugend, die Selbständigkeit, die Sinnsuche und die Eigenverantwortlichkeit des jungen Erwachsenen und die Gelassenheit des Alters. So bin ich zu mir geworden. Aber das war ich irgendwie schon immer. Ich. Du musst dich nur bemühen, es zu bewahren. Alles hat seine Zeit. Und seine Entwicklung. Ich wäre heute nicht der, der ich bin, wenn es die anderen Phasen so nicht gegeben hätte. Verstehst du? Das Alter ist nicht per se eine Bürde oder ein Geschenk. Auch kein Privileg. Es ist eine Aufgabe, die jeder Einzelne für sich lösen und bewältigen muss. Das tun die meisten Menschen so gut sie können. Und es hängt immer davon ab, wie du dein Leben und dein Alter zum jeweiligen Zeitpunkt betrachtest und was du daraus machst. Wie im Moment auch bei dir. Du hast dich entschieden hierzubleiben und mit mir zu reden. Das wäre nicht passiert, hättest du nicht die Entscheidung getroffen, den Umweg durch den Wald zu nehmen, um dich vor dem Unwetter zu schützen. Und erst recht wäre es nicht passiert, wenn heute Mittwoch wäre. Dann hätte dich deine Mutter nämlich von der Schule abgeholt – mit dem Auto.“ Kai vergaß, sich zu erschrecken. Eher fühlte er sich bestätigt. Die Augen. Dieselben strahlenden blauen Augen. Das Phantastische hatte sich in die Realität erhoben. Oder umgekehrt. Er saß sich selbst gegenüber. Es war angenehm. Aber war es nun auch gut oder schlecht seinem zukünftigen Leben begegnet zu sein? Zu wissen, wie es weiter geht? „Aber warum bin ich hier?“ „Das ist eine der vielen Fragen, die man sich nur selbst beantworten kann.“ Kai biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. „Aber du bist doch mein Spiegel, mein Leben. Du weißt!“ „Ich bin nur das, was du in mir siehst und aus mir machst. Für mich kann das etwas ganz Anderes bedeuten. Die Deutung liegt immer im Auge des Betrachters. Wenn es dir gelingt, dich selbst zu betrachten, hast du schon viel erreicht. Ich denke, du bist auf einem guten Weg.“ Der Junge fühlte sich nach wie vor geborgen im Beisein des Alten. Immer noch von angenehmer Wärme durchströmt, beinahe schon erhitzt. Vor Aufregung. Aufregung beim Bewusstwerden, was er gerade erlebte und mit wem er sprach. Vor lauter Informationen und aufkeimender Emotionen schwirrte ihm schon der Kopf. Die letzten Antworten seines Gegenübers fand er wunderschön, vermochte sie aber inhaltlich nicht zu begreifen. Er brauchte Ruhe. Kai Wessel sprang auf, packte seinen Rucksack und rutschte den Abhang mehr hinab, als dass er ihn kontrolliert bewältigte. Er musste fort von hier. Auch wenn das bedeuten konnte, dass er sich selbst so nie wieder begegnen würde. Als er sein Rad erreichte, merkte er, dass sich einige Sonnenstrahlen den Weg durch die leicht aufgerissene Wolkendecke bahnten. Der Wald duftete so intensiv, dass der Junge längst nicht alle Ingredienzien herauszufiltern vermochte. Er reduzierte sie auf frisch und erdig. Die Regentropfen auf den Blättern schimmerten wie kleine, glänzende Perlen. Bevor er in die Pedale trat, fiel ihm noch etwas ein. Er wandte sich ein letztes Mal dem Greis zu und rief: „Mein Handy hat hier im Wald keinen Empfang. Ich rufe einen Krankenwagen, sobald ich draußen bin!“ Der Mann hob seine rechte Hand und winkte sachte. Die Worte seiner dünnen Stimme erreichten den Jungen nur schwach. „Folge deinem Gefühl und befrage deinen Bauch. Das minimiert die Fehlerquote und bringt dich nochmal sehr weit. Schön, dir noch einmal begegnet zu sein.“ Kai grüßte zurück. Das Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht, bis er zu Hause ankam.

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