Elyon von Odine Raven

Wie erklärt man einem Alien, was Liebe ist? Vielleicht gelingt das ja beim Shoppen im vorweihnachtlichen Einkaufszentrum ...

Teaser:

Im Einkaufszentrum herrschte geschäftiges Treiben, wie immer unmittelbar vor Heiligabend. Die Auslagen und Vitrinen lockten hübsch geschmückt mit bezaubernden Geschenkideen, alle fünf Meter zierte ein prachtvoll behängter und festlich illuminierter Weihnachtsbaum die Promenade durch diesen beeindruckenden Tempel des fröhlichen Konsums, und dazwischen irrten Heerscharen von Last-Minute-Shoppern mit gestressten, verkniffenen Mienen umher...
ISBN "978-3-96385-012-7"

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Im Einkaufszentrum herrschte geschäftiges Treiben, wie immer unmittelbar vor Heiligabend. Die Auslagen und Vitrinen lockten hübsch geschmückt mit bezaubernden Geschenkideen, alle fünf Meter zierte ein prachtvoll behängter und festlich illuminierter Weihnachtsbaum die Promenade durch diesen beeindruckenden Tempel des fröhlichen Konsums, und dazwischen irrten Heerscharen von Last-Minute-Shoppern mit gestressten, verkniffenen Mienen umher, vollbepackt mit Tüten und Taschen und offensichtlich alles andere als in erwartungsseliger Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Ich war ja so froh, dass Elyon mich begleitete. Sein zarter Körperbau täuschte darüber hinweg, dass es mir heute gerne als Lastesel diente. Es? Also, das ist nur, weil es sich bei ihm um ein außerirdisches Wesen handelt, weder Mann noch Frau, sondern einfach ein Neutrum, das vor anderthalb Jahren überraschend in mein Leben geschneit war, aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe es Elyon genannt – Elyon wie Alien, versteht ihr? –, weil das außergewöhnliche Ding einen Namen intoniert hatte, den man vielleicht in seiner fernen Heimat zwischen den Sternen problemlos aussprechen konnte, nicht jedoch hier bei uns auf der Erde. Ihm war es recht. Es war ohnehin ein superfreundlicher Begleiter, stets höflich und zuvorkommend, immer interessiert und darauf bedacht, nicht allzu sehr aufzufallen. Seine humanoide Gestalt bewegte sich grazil durch die Ströme gehetzter Kunden. Die hatten weder Zeit noch Lust, sich sein androgynes Antlitz näher anzuschauen, zum Glück, sonst hätten sie am Ende bemerkt, dass die verspiegelte Skibrille auf seiner flachen Nase in Wahrheit seine Augen waren! »Entschuldigung, hätten Sie einen Moment?«, quatschte mich eine Ökotussi von der Seite an und wartete gar nicht auf meine Antwort. »Wir sammeln Spenden für das Wohnheim in der Lessingstraße ... »Nee, sorry«, unterbrach ich unwirsch. Ausgerechnet Lessingstraße! Lauter besoffene Penner und Hartz-4-Muttis ...! Und diese Bettelei! Genauso nervig wie die Dauerbeschallung mit süßlichen Weihnachtsliedern hier! »Mir tut es auch leid«, rief Elyon der Dame zu, während ich es weiterzog. »Ich wünsche Ihnen aber viel Erfolg!« Mich plagten derweil ganz andere Probleme. Die meisten Geschenke hatte ich ja heute besorgen können, es fehlte nur noch eine Kleinigkeit für meine Schwester und noch irgendetwas, um das Buch für meine Oma aufzupimpen. Hoffentlich hatte ich niemanden vergessen! »Fröhliche Weihnacht überall ...«, summte Elyon unbekümmert den Gesang aus dem Lautsprecher über uns mit. So süß! »Und bist du dir sicher, dass du kein Geschenk von mir willst?«, erkundigte ich mich, nun wieder milde gestimmt »Nein, meine Liebe. Ich möchte wirklich nichts«, erklärte es zum wiederholten Male. »Ich hab doch das ganze Universum, mehr brauche ich nicht. Dass ich bei dir sein kann, genügt mir!« Ich lächelte. Elyon wusste, dass es für mich das Geschenk des Himmels war! »Ach, was ist es einfach mit dir«, sinnierte ich. »Wenn es doch bei allen so wäre!« »Es scheint mühsam, dieses Schenken. Warum machst du es?«, fragte es und nahm mir noch eine Tasche ab. »Na, es ist Weihnachten! Das Fest der Liebe! Da beschenkt man sich eben!«, erläuterte ich wichtig. »Liebe ...«, ließ sich Elyon das Wort verwundert durch den Mund gehen. »Was ist das?« »Also Liebe, das ist ... wenn man sich liebt.« »Und das heißt?« Es war mit dieser stümperhaften Definition nicht zufrieden. »Meine Eltern zum Beispiel. Die haben mich lieb und ich sie, und deshalb schenken wir uns was. Um dem anderen eine Freude zu machen.« »Und das ist Liebe?« »Morgen Kinder wird’s was geben ...«, quäkte der Kinderchor aus der Konserve. »Nein, das allein natürlich nicht. Liebe ist, wenn man füreinander ... also ...«, gingen mir die Worte aus. »Man tut alles für den Anderen und ist glücklich, wenn es ihm gutgeht, ohne Gegenleistung, für ein Lächeln. Und andersherum«, fiel mir nichts Besseres ein. »Ah! Dann ... dann liebe ich dich!«, meinte Elyon, mich verstanden zu haben. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Wir wanderten schweigend weiter, bis ich endlich dazu Stellung nehmen konnte. »Das mit dem Lieben, das ist auch so eine Sache zwischen Mann und Frau. Weiß nicht, ob du das jetzt nachvollziehen kannst. Eigentlich bloß Chemie im Hirn, damit die Spezies nicht ausstirbt, aber wenn du es fühlst ... dieses Band der Liebe ... diese Zugehörigkeit, diese Gewissheit, dein Gegenstück gefunden zu haben – das ist unbeschreiblich schön! Da läuft einem das Herz über!« Elyons Augen wurden immer größer. »Ein Band! Wie wunderbar!«, schwärmte es gleich, »Das ist ja fast wie zuhause!« »Last Christmas, I gave you my heart ...« Oh nein! Schon wieder diese Schnulze! Schnell weg von dem Laden, der es wohl darauf abgesehen hatte, seine Kundschaft damit zu foltern! »Warum ist Weihnachten das Fest der Liebe?«, fragte Elyon neugierig. »Also, wenn man religiös ist, dann ist das der Geburtstag von Jesus, Gottes Sohn. Der mit der Nächstenliebe, weißt du noch? Jedenfalls waren alle total happy, als das passierte, und die Engel verkündeten Frieden den Menschen auf Erden ...« »Toll! Das finde ich sehr lobenswert! Aber ... daraus wurde nichts, oder? Überall Krieg ...« »Ja, sag das mal der Waffenindustrie ... die Menschen sind leider zu gierig, und solange man Waffen kaufen kann, wird es wohl auch Krieg geben ...«, seufzte ich resigniert. »Mein Volk hat auch das Wissen, um Waffen zu bauen. Aber ich wüsste nicht, warum wir damit so etwas Schönes wie deine Welt zerstören sollten ... wo ihr doch die Liebe erfunden habt!«, entgegnete Elyon verträumt und begleitete gleich das nächste Weihnachtslied aus dem Lautsprecher. »Vom Himmel hoch da komm ich her ...«

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