Gebrochene Lady von Nicole Siemer

Eine geniale Grusel Geschichte. Die Nicole Siemer bei uns veröffentlicht hat. Unsere Empfehlung: nicht nachts lesen.

Teaser:

Neele wünschte sich oft ein Einzelkind zu sein. Welche Siebzehnjährige wollte schon gerne einen zehn Jahre jüngeren Bruder in ihrer Nähe? Noch dazu, wenn er völlig durchgeknallt war? Seit Bennis Geburt hatten ihre Eltern nur noch Augen für ihn. Es ist ein Wunder, dass er lebt, sagten sie. Er ist unser Wonneproppen, sagten sie und tätschelten ihm das Haar. Gott, Eltern hatten ja so was von keine Ahnung …
ISBN: „978-3-96385-026-4“

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Neele wünschte sich oft ein Einzelkind zu sein. Welche Siebzehnjährige wollte schon gerne einen zehn Jahre jüngeren Bruder in ihrer Nähe? Noch dazu, wenn er völlig durchgeknallt war? Seit Bennis Geburt hatten ihre Eltern nur noch Augen für ihn. Es ist ein Wunder, dass er lebt, sagten sie. Er ist unser Wonneproppen, sagten sie und tätschelten ihm das Haar. Gott, Eltern hatten ja so was von keine Ahnung … Benni hier, Benni da; nur weil er beinahe von der Nabelschnur erdrosselt worden wäre. Und was war mit Neele? Sie fühlte sich in ihrem eigenen Haus wie ein Gespenst. Dabei wäre sie erst gestern beinahe selbst gestorben. André Hanson hatte sie vor der gesamten Klasse als Schlampe bezeichnet. Und das, weil Jessica Seibert überall herum erzählte, Neele spränge mit jedem Jungen ins Bett, der ihr über den Weg liefe. Das war eine glatte Lüge! Tatsächlich war Neele noch Jungfrau. Mit Tommy gab es bisher nur Geknutsche. Als die Klasse in Gelächter ausbrach, wäre Neele am liebsten gestorben. Pubertät ist nichts für Schwächlinge. In letzter Zeit schien jeder gegen Neele zu sein. Vor allemihre Eltern. Sie wusste genau, wessen Schuld das war. Und oft ertappte sie sich bei dem Gedanken, wie schön ihr Leben hätte sein können, wäre Benni damals tatsächlich erstickt. „Was willst du kleine Kröte?“ Benni stand in der Tür ihres Zimmers wie ein Vampir, der auf eine Aufforderung wartete, eintreten zu dürfen. Sofort stieg in Neele wieder der altbekannte Zorn auf. Ihr kleiner Bruder, die Unschuld in Person, mit den großen, feuchten Augen eines Welpens und dieser duckenden Körperhaltung, als erwartete er, jeden Augenblick erschlagen zu werden. Benni lullte jeden ein. Frauen quietschten, wenn sie ihn sahen; Männer tätschelten seine blonden Locken. Immer hieß es: „Du wirst mal ein Mann, nach dem sich Frauen die Finger lecken“ oder: „Du süßer kleiner Engel!“ Aber Benni war kein Engel. Neele sah, was ihr Bruder in Wirklichkeit war: ein Freak. Reif für die Irrenanstalt. Ein Fall für die Zwangsjacke. „I-Ich“, stammelte Benni. Er mied es, Neele in die Augen zu sehen, was sie nur noch mehr reizte. „Komm auf den Punkt, Wurm, oder hau ab!“, sagte Neele. „Mama sagt, d-du sollst mir bei den Hausaufgaben helfen.“ „Zisch ab, du Schabe!“ „Aber –“ „Hörst du nicht?“ Neele sprang auf und schoss auf Benni zu, der schreiend davonrannte. „Heul dich ruhig bei Mama aus, du Niete! Scheiß drauf!“ Neele kicherte, knallte ihre Zimmertür zu und sprang zurück auf das Bett. Wenig später saßen Neele und Benni am Wohnzimmertisch und bearbeiteten einen Lückentext über den Knochenaufbau eines Hundes. Nachdem Benni schreiend davon gerannt war, hatte Mama an die Tür geklopft und war eingetreten, ohne auf Bestätigung zu warten. Mit verquollenen Augen stand sie da, die Hände in die Hüften gestemmt. Sie sagte nichts, aber Neele kannte den Ausdruck, der sich hinter dem Tränenfilm verbarg. So war Neele dazu verdammt, diesen albernen Text zu bearbeiten und auch noch möglichst nett zu ihrem Bruder zu sein. So also fühlte sich die Hölle an. „Du musst schon wieder Überstunden machen“, hörte Neele ihre Mutter aus der Küche sprechen. „Wieso kann nicht mal einer deiner Kollegen Überstunden machen? Musst das wirklich immer du sein? Ja, ich weiß, Schatz. Ja! Ja, ich weiß. Nein –“ Neele seufzte. Papa war nie zu Hause. Vermutlich hatte er eine Affäre. Dieser Gedanke war gar nicht so abwegig. Seit Opas Tod weinte Mama ständig. Neele mochte ihren Opa auch, aber ihre Trauer hatte sich mit der Zeit verflüchtigt. Mama litt noch immer. Sicher verlor Papa nach und nach die Geduld, ständig den Tröster zu spielen. „Ja, ich verstehe. Wenn es sein muss. Ja, gut. Es ist nur …“ Mama hob eine Hand an den Hörer und flüsterte: „Die Kinder treiben mich noch in den Wahnsinn.“ „Hörst du? Du treibst sie in den Wahnsinn“, sagte Neele zu Benni. „Warum ich?“ „Wer sonst?“ Benni starrte seine Schwester an. Ihm lag ein Kommentar auf den Lippen – das sah sie deutlich –, den er sich jedoch verkniff, und er beugte sich wieder über den Lückentext . Neele ließ den Blick zur Küche schweifen. Ihre Mutter legte den Hörer auf und starrte ihn wie einen Liebhaber an, der gerade in einem Zug davonfuhr, um die Welt kennenzulernen. Im Schein der untergehenden Sonne wirkte ihre Mutter alt und eingefallen. Von der einstigen Sportlerin mit dem entwaffnenden Grinsen war nichts mehr zu erkennen. So möchte ich niemals enden. Neele besaß genaue Vorstellungen davon, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte. Sie würde eine erfolgreiche Schriftstellerin werden und einen jungen, attraktiven Millionär heiraten. Sie würden nach Berlin ziehen – eine große Stadt, für eine große Künstlerin –, ein Loft kaufen und dort alt werden. Und wenn es so weit war, würde sie zuerst sterben. So müsste sie nicht trauern, wenn ihr Mann dahin schied; denn Trauer machte hässlich. „Was bedeutet parteiisch“, fragte Benni und riss Neele damit aus ihren Gedanken. Und wenn ich in Berlin bin, bin ich dich ätzende Kröte los.  „Ich bin parteiisch, klar? Ich stehe auf Seiten aller, die nicht du sind.“ Benni starrte seine Schwester an. Neele gefiel dieser Blick nicht. Er hatte etwas Abwertendes. „Guck nicht so dämlich, du Floh, und bearbeite deine Aufgabe gefälligst weiter!“ Neele schrieb bereits, seit sie denken konnte. Als kleines Mädchen entwickelte sie fantastische Geschichten über Feen und Prinzessinnen in schillernden Welten. Mit zunehmendem Alter wurden ihre Geschichten düster und blutrünstig. Sie verbrachte viel Zeit vor dem Computer auf der Suche nach verwertbarem Material – Geistererscheinungen, Legenden und Sagen. Neulich erst hatte sie eine interessante Geschichte gelesen, die auf wahren Begebenheiten beruhen sollte. Von einer Frau, die biegsam war wie ein Strohhalm. Sie hieß: Die gebrochene Lady. „Hör mal, Benni.“ Neele beugte sich über den Tisch und senkte ihre Stimme, damit ihre Mutter nicht mithören konnte. „Willst du mal was Cooles hören?“ Benni hatte nur kurz aufgesehen und sich dann sofort wieder seinen Aufgaben zugewandt, doch Neele konnte einen Augenblick Neugierde in den Augen ihres Bruders erkennen. „Ich habe neulich eine interessante Geschichte gelesen.“ „Bei deiner letzten Geschichte hatte ich danach fünf Wochen Alpträume“, sagte Benni ohne aufzusehen. „Ja, aber diese ist wahr!“ Jetzt hatte sie ihn. Benni starrte seine Schwester mit großen Augen an. Was war schon dabei, seinen Bruder etwas zu necken? Ein paar Alpträume konnten nicht schaden, vielleicht würde er dann aufhören, ständig nur in seinen Fantasiewelten zu leben und sich der Realität stellen. „Ein Baby wurde in einem Weidenkorb vor ein Kloster gelegt. Von den Eltern fehlte jede Spur. Die Ordensbrüder zogen das Mädchen auf, um sie – wenn die Zeit reif dafür war – in ein Nonnenkloster zu übergeben. An einem Ort voller Männer war es natürlich eine Sensation, eine Frau, selbst wenn sie noch ein Kind war, in ihren Reihen zu haben. Sie weckte in ihnen Sehnsucht nach der Welt da draußen. Sie strömte etwas Exotisches aus und Verbotenes. Es hieß, einige vergriffen sich an ihr. Dies wurde aber weder bewiesen noch widerlegt. Als das Mädchen in die Pubertät kam und Gerüchte von sexuellem Missbrauch aufkamen, stellten die Brüder sich gegen es. Sie sagten, es sei der Hölle entsprungen und von Satan selbst vor ihre Tore gelegt worden, um die Saat des Bösen in ihrer aller Herzen zu pflanzen und um sie zu verführen, wie Eva damals Adam verführt hatte. Also mussten sie sich ihrer entledigen. Das Mädchen wurde erdrosselt – durch ein Zingulum, das Band, das Mönche um ihre Kutten tragen – und in einem Müllsack in der Erde verscharrt. Damit sie hineinpasste und die Beulen nicht zu verräterisch wirkten, wurden ihr zunächst alle Knochen gebrochen und die Gliedmaßen zur Unkenntlichkeit verbogen. Aber jetzt kommt das Beste: Kurze Zeit später waren alle Mönche des Ordens tot. In der Presse war von Genickbrüchen die Rede. In Wahrheit aber wurden ihnen sämtliche Knochen gebrochen. Das Genick gab ihnen nur den Rest. Für viele ist klar, dass der Geist des Mädchens Rache genommen hatte. Es heißt, wer an sie denkt oder nach ihr ruft, den wird sie holen. Sie wird ihm bei lebendigem Leib alle Knochen brechen, so wie man es einst mit ihr tat. Nähert sie sich, spürt man die elektrostatische Aufladung, wie es bei Poltergeisterscheinungen oft der Fall ist. Die Haut kribbelt, als liefen tausende von Ameisen über den Körper. Geräte, die ausgeschaltet sind, selbst wenn keine Stromquelle vorhanden ist, fangen plötzlich an, sich einzuschalten. Und dann dauert es nicht mehr lange, und du siehst sie über den Boden kriechen; sich windend wie eine Schlange, die Gliedmaßen in unnatürlichen Winkeln biegend und abstehend. Das schleifende Geräusch, wenn sie ihren Körper über den Boden mit sich zieht, raubt dir den Verstand. Und dann holt sie dich. Man nennt sie: Die gebrochene Lady.“ Neele und Benni starrten sich an. Hatte der kleine Scheißer ihr überhaupt zugehört? Warum fing er nicht an zu heulen? Was war nur los mit diesem Misthaufen? „Du lügst“, flüsterte Benni. Sein Gesicht zeigte keine Regung. Neele lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, griff sich einen Kugelschreiber und ließ ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger kreisen. „Denk was du willst, Made. Ich für meinen Teil wäre jedenfalls heute Nacht vorsichtig mit meinen Gedanken.“ Der Kugelschreiber wippte in ihrer Hand auf und ab, bis die Konturen verschwammen, als wäre er eine gefangene Libelle. Neele spürte noch immer Bennis Blick auf sich. „Du bist so gemein“, sagte Benni. Der Ton in seiner Stimme ließ Neele aufblicken. Sie lächelte, als sie Tränen in den Augen ihres Bruders bemerkte und die leicht geröteten Wangen. Das war die Reaktion, auf die sie gewartet hatte, yeah Baby, yeah. Benni stand auf und sein Stuhl gab ein schabendes [schleifendes] Geräusch von sich, ehe er auf den Teppich stürzte. Wenn jemand in Neeles Geschichten eintauchen konnte, dann Benni. Später würde sie einen Haufen Bennis als Leserschaft haben und alle würden vor ihr kriechen. Vor ihrem Genie und dem Talent, gute Horrorgeschichten zu erzählen. Sie konnte es kaum erwarten. Neele schlug die Augen auf. Eben noch stand sie mit einem ultraheißen Typen auf der Dachterrasse ihrer Wohnung und winkte einer Schar Fans zu (die seltsamerweise alle die Gesichter ihrer Eltern hatten), und plötzlich war da ein Knistern. Oder ein Summen. Irgendwie beides. Das Geräusch eines Radios ohne Empfang. Verfluchter, kleiner Sack voll Scheiße! Benni war wohl mal wieder eingeschlafen, bevor er sein Radio ausschalten konnte. Sieben Jahre alt und immer noch brauchte er eine Geräuschkulisse, um schlafen zu können. Warum konnte er nicht zumindest CDs hören wie jeder normale Mensch? Warum musste es ausgerechnet Radio sein? „Ich möchte nicht jede Nacht dasselbe hören“, hatte er mal gesagt. So ein Spinner. Vermutlich war die Antenne verrutscht. Mit noch halb geschlossenen Augen setzte Neele sich aufrecht hin. Die Bettdecke raschelte verführerisch und kleine blaue Funken tanzten über das Linon. Abwesend strich Neele sich durch das Haar. Wie Spinnweben blieben einzelne Strähnen an ihren Fingern haften. Sie bemerkte es kaum und fluchte leise vor sich hin. Neele wollte in ihren Traum zurück, zu den Fans, die wie ihre Eltern aussahen und zu dem süßen Typen. Kleine Brüder waren das Letzte. Neele ging zur Schlafzimmertür, berührte die Türklinge und hielt inne. Durch den Spalt unter der Tür drang ein pulsierendes Licht herein. An … Aus … An … Aus … Wie Morsezeichen. Zu schwach, um das Flurlicht zu sein. Aber was war es dann? Sachte, um möglichst keine Geräusche von sich zu geben, drückte Neele die Türklinge hinunter und trat in den Flur. Das Licht kam von unten. Bei jedem Schritt zuckte Neele zusammen. Ihre nackten Fußballen gaben auf dem Laminat ein Planschbecken-Platschen von sich, und bei jeder Stufe, die sie die Bogentreppe hinunter tippelte, glaubte sie, ein Hupen und Scheppern zu hören wie bei kollidierenden Autos. Neele blieb auf der letzten Stufe stehen. Der Flur trennte sie von Wohnzimmer und Küche. Aus dem Wohnzimmer drangen leise Stimmen zu ihr herüber. Der Fernseher. Entsetzen breitete sich in ihr aus, als sie auf das kleine Telefonschränkchen starrte. Opas Lichtsignalanlage arbeitete. Die Blitzlampe pulsierte im anhaltenden Rhythmus. Seit Opas Tod hatte Neele das Signallicht kein einziges Mal leuchten sehen. Mama hatte ihm den Stecker gezogen. Das Gerät konnte unmöglich eingeschaltet sein. Es sei denn … „Scheißer“, zischte sie. „Glaubst du, du kannst mir Angst machen, Benni? Komm raus, du Sack voll Knochen!“ Stille. „Benni!“ Ein Scharren ließ Neele herumfahren. Es kam von oben. Neele bemerkte, wie sich Gänsehaut auf ihrem Körper ausbreitete, und verschränkte die Arme, um es zu verbergen. Sie blickte nach oben. Durch das pulsierende Licht konnte sie nur phasenweise erkennen, ob sich oben jemand befand. Und dann sah sie es. Zunächst entdeckte sie am Treppenaufgang einen schwarzen Klumpen. Jedes Mal, wenn die Blitzlampe den Raum durchflutete, hatte das Ding sich weiter über die erste Stufe beugen können. Plötzlich schoss eine Hand hervor. Die Finger zu einer Art Klaue verbogen, wobei der Ringfinger in einem unnatürlichen Winkel emporragte. Neeles Lungen füllten sich mit Luft, doch statt zu schreien, brachte sie nur einen jämmerlich krächzenden Laut zustande. Ein Bein schoss an dem schwarzen Klumpen vorbei und landete neben der deformierten Hand. Dort, wo mal das Knie gewesen war, lugte ein Knochen hervor wie ein fauliger Zahnstumpf. Neele wich zurück. Sie stolperte und krachte gegen die Wand. Ein schleifendes Geräusch hallte in ihren Ohren wieder. Und Neele hörte sich in ihrem Kopf schreien. Die gebrochene Lady. Die gebrochene Lady. Wie eine Alarmanlage hallte ihr Schrei in ihrem Kopf wider. Mit jedem Zentimeter, den der schwarze Klumpen näher kroch, ebbte ein Schwall fauliger Luft zu Neele herüber. Der Gestank brannte sich in ihre Nase, setzte sich dort fest, und auch kräftiges Ausatmen konnte ihn nicht vertreiben. Der ganze Flur stank nach Verwesung. Nach Tod. Das Wesen drehte seinen Kopf, sodass schwarzes Haar sichtbar wurde. Das Ding verwandelte sich immer mehr in eine Frau. Sie trug ein Gewand, das durch Dreck und Blut schwarz geworden war. Vereinzelt ragten Knochen aus ihrem Körper, an denen Muskelfleisch und Sehnen baumelten. Immer wieder ließ sie erst die Hand, dann ein Bein vorschnellen und mit jeder Lichtphase kam sie näher. Neele stand da, steif und unfähig zu fliehen. Sie starrte auf den stinkenden Klumpen Fleisch, der auf sie zukroch, und weinte. Es war doch nur eine Geschichte gewesen. Eine blöde, kleine Geschichte, um ihrem Bruder Angst zu machen. Die gebrochene Lady hatte die unterste Stufe erreicht. Neele blickte in das eine verbliebene Auge, deren Pupille, wie die einer von grauem Star gezeichneten Greisin, in der dunkelroten Lederhaut schwamm. Das zweite Auge, klebte zusammen mit blutigem Brei und Knochensplittern dort, wo mal die linke Gesichtshälfte gewesen war. Aus dem verbliebenen Rest ihrer Nase gab sie schnaufende Laute von sich. Immer weiter schleifte sie ihren gebrochenen Körper hinter sich her. Neele atmete flach und schnell. Kurz bevor das kriechende Wesen ihre Hand ein letztes Mal nach ihr ausstreckte, betete Neele, es möge ihr die Knochen schnell brechen. Dann schrie die Stimme in ihrem Kopf erneut. Es tut mir leid! Ich will noch nicht sterben! Es tut mir – Plötzlich breitete sich ein gleißendes Licht aus. Neele kniff die Augen zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht. „Was tust du da?“ Neele ließ die Arme sinken, blinzelte und sah ihre Mutter auf der Treppe stehen. Hinter ihr klammerte sich Benni gähnend an ihrem Bein fest. „Mama?“ Panisch blickte Neele sich um. Von der gebrochenen Lady war nichts mehr zu sehen. Auch die Lichtsignalanlage blitzte nicht, und die Stimmen aus dem Fernseher waren verstummt. „Wir haben komische Geräusche gehört, und dann finden wir dich hier zusammengekauert vor der Wand hocken. Hast du geträumt, Neele?“ Neele schluckte. Beinahe wäre ihr herausgeplatzt, was sie erlebt hatte. Welche Angst sie gehabt hatte. Dass eine verfaulte Frau, die keinen heilen Knochen mehr im Leib besaß, auf sie zugeglibbert war. Stattdessen lächelte sie. „So muss es wohl sein. Entschuldige.“ „Ist alles in Ordnung?“, fragte Mama. Sorge schwang in ihrer Stimme mit. „Klar“, sagte Neele und erhob sich. Es kostete sie einige Mühe, da ihre Beine ein Eigenleben zu führen schienen, doch es gelang ihr einigermaßen grazil aufzustehen. „Gut. Dann ab ins Bett. Für einige von uns wird es höchste Zeit.“ Benni lächelte seine Mutter an, ehe er einen Blick auf Neele warf. Konnte sie da etwa Schadenfreude lesen? Hatte er eine Ahnung davon, was sie soeben erlebt hatte? Niemals! Oder? Neele kniff die Augen zusammen und schenkte ihm den bösen Blick. Benni erwiderte die Geste damit, ihr die Zunge herauszustrecken und dann nach oben zu rennen. Mama schüttelte den Kopf und seufzte. Dann ging auch sie die Stufen hoch. Neele blickte sich ein letzten Mal um. Es war wohl wirklich nur ein Traum gewesen. Aber Scheiße, das Ding hatte verflucht echt ausgesehenUnd es hatte auch verflucht echt gerochen.  Wieder in ihrem Bett wartete Neele darauf, dass sich ihr Herzschlag endlich normalisierte. Arme und Beine fühlten sich taub an, und ihre Lunge schmerzte. Sie lauschte ihrem eigenen Atem. Nach einer Weile drehte sie sich auf die Seite, um das Licht auszuschalten, als ihr Herzschlag einen Moment aussetzte. Auf dem Boden vor ihrem Bett lag ein Zingulum. Es war voll von getrocknetem Blut und strömte einen ekelerregenden Geruch aus.

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