Gleis zwei von Udo Rottmann

Was alles in der Bahn oder an einem Bahnsteig passieren kann erfahren wir in der Kurzgeschichte Gleis zwei von Udo Rottmann

Teaser:

Gelangweilt sitzt er in einem Viererabteil der U-Bahn, sieht aus den milchigen Fenstern und lässt
sich durch seine Kopfhörer von düsteren Stimmen, untermalt mit noch viel düsterer Musik, anbrüllen.
Die Scheiben sind verschmiert, der Boden verklebt und die Sitze sind an mehreren Stellen
aufgeschlitzt worden. Manche der Risse wurden mit alten …

ISBN: „978-3-96385-038-7“

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Gelangweilt sitzt er in einem Viererabteil der U-Bahn, sieht aus den milchigen Fenstern und lässt sich durch seine Kopfhörer von düsteren Stimmen, untermalt mit noch viel düsterer Musik, anbrüllen. Die Scheiben sind verschmiert, der Boden verklebt und die Sitze sind an mehreren Stellen aufgeschlitzt worden. Manche der Risse wurden mit alten Kaugummis wieder zugeklebt. Verbotene Symbole und Initialen drittklassiger Möchtegernkünstler geben dem siffigen Gesamtbild dieses Wagons den letzten Schliff. Seine Nase ist gerümpft, denn der Gestank in dem Abteil raubt ihm die Luft zum Atmen, als umhülle ihn eine von Fäkalien geschwängerte Atmosphäre, die es einzig darauf abgesehen hat, seine Geruchs und Geschmacksnerven zu attackieren.

 

Eine Reihe weiter liegt ein betrunkener Penner mit einem durchnässten, von innen heraus, braungefärbten Hosenboden zwischen einem Abteil Vierersitzen. Eine Gruppe Jugendlicher zeigt belustigt mit dem Finger auf den Betrunkenen und unterhält sich offensichtlich abfällig über ihn. Bis auf einen großen, bleichen Mann mit langem Mantel und der seltsamen Angewohnheit, sich alle fünf Sekunden über die Lippen zu lecken und seine Augen aufzureißen, ist der Raum um den Schlafenden herum frei. Der Groß teil der Fahrgäste hat sich in den restlichen Wagons niedergelassen. Ab und an wagt sich ein Fahrgast in das Abteil, vermutlich verwundert über die vielen freien Sitzgele genheiten, nimmt eine Nase voll abgestandener Ekelluft und tritt schlagartig die Flucht nach hinten, in einen anderen Wagon, an.

 

Durch die Kopfhörer kann er das Gesprochene der Jugendlichen nicht verstehen. Er lässt sich von Texten über die Endzeit berieseln und zieht Parallelen dieser abgründigen Lieder und jener farblosen Welt, der er jeden Tag aufs Neue gegenübertreten muss.

Noch zwei Stationen und er kann aussteigen, raus aus dem nach Pisse und Alkohol stinkenden Wagon. Dann darf er heraustreten und die feinstaubbelastete Stadtluft genießen. Die grauen Wände der Haltestellen betrachten, die Bremsstaubablagerungen inhalieren, hoch an die Oberfläche und den Smog der Straßen bis tief in seine Lunge einsaugen. Er schaltet ein Lied weiter. Nun wird er von dunklen Stimmen mit Befehlston angeschrien. Seine Laune bessert sich dadurch zwar nicht, aber sie wird auch nicht schlechter. Letztlich ist es egal, wer oder was aus den Hörern brüllt. Die Außenwelt wird sich deshalb nicht verändern. Er wird immer noch in dieser dreckigen Stadt wohnen, weiterhin seiner von ihm gehassten Arbeit nachgehen und tagtäglich mit diesen wider lichen Untergrundbahnen fahren müssen. Auch die Kopfschmerzen werden ihn in Zukunft begleiten. Er schließt die Augen. Heute ist es genau ein Jahr her. Ihm wird flau im Magen und seine Gesichtsfarbe gleicht sich der des Junkies in der langen Leder jacke an. Leichter Schweiß bringt seine Stirn zum Glänzen und lässt ihn in seiner lege ren Körperhaltung selbst wie einen dieser räudigen Kriminellen aussehen, die er so ver abscheut.

 

Das Warten an der Haltestelle, die Gruppe Hooligans, die betrunken und laut grölend auf ihn zusteuern. Seine anfängliche Angst und die harten Schläge, mit denen sie ihn zu Boden geprügelt haben. Schläge und Tritte ohne jeden Grund. Er hatte noch nicht einmal ein Fußballtrikot angehabt. Dennoch war das für die Täter kein Grund, damit auf

 

zuhören, auf ihn einzutreten. Auch nicht, als er blutüberströmt und zusammengekauert an der Wand gelehnt lag, nicht einmal mehr fähig, die Hände schützend über seinen Kopf zu heben. Vorher hatte er das Bewusstsein verloren und war ihnen wie ein aus gesetzter Straßenköter ausgeliefert. Blanke Gewalt hatte ihn damals überrascht und sein Leben tiefer in Richtung Abwärtsspirale katapultiert. Ihm wird übel, als ihm diese Erinnerungen durch den Kopf schießen. Seither sitzt ihm eine Metallplatte in seinem Schädel und herausstechende Narben ziehen sich durch seine Haut wie Flüsse auf einer Landkarte. Sein Herz beginnt von innen gegen seine Brust zu hämmern und es fühlt sich an, als hielten seine Rippen gegen die harten Stöße nicht mehr lange stand.

 

Er hat noch eine Station zu fahren, bis er sich stellen muss. Eine Station, bis er die UBahn verlässt. Die Türen gehen auf und die Gruppe Jugendlicher verlässt das Abteil. Der Gestank und die triste Farblosigkeit bleiben. Eigentlich hatte er sich auf den heuti gen Tag gefreut, aber jetzt rückt die Stunde immer näher und er bekommt es mit der Angst zu tun. Noch ist er nicht panisch aber eine innere Unruhe zerfrisst ihn. Er kaut an seinen Fingernägeln und blickt auf die sich schließenden Türen. In einer halben Stunde wird die Verhandlung starten und er muss seinen Peinigern erneut in die Augen sehen. Er ist alleine unterwegs und hat Angst, dass sie ohne Strafe davonkommen könnten. Er malt sich allerdings ebenso aus, was sie nach der Verurteilung alles mit ihm anstellen könnten. Sie werden vermutlich seinen Wohnort kennen, ihn bedrohen oder möglicher weise Schlimmeres vorhaben. Sie haben schließlich auch nicht gezögert, einen unbetei ligten Fahrgast halb tot zu prügeln. Er hat Angst davor, dass sie eine mögliche Strafe mit Selbstjustiz vergelten könnten. Ihm wird flau im Magen und er wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht.

Er macht sich Vorwürfe und schämt sich für seine Schwäche. Er hätte die fliegende Bierflasche damals sehen und ihr ausweichen müssen. Er hätte sich im Vorfeld schon an andere Personen wenden sollen. Doch als es passierte, war er plötzlich alleine. Wie schon sein ganzes Leben lang. Sein Puls rast nun und seine Pumpe prügelt von innen gegen seine Brust, so als drohe sein Körper gleich auseinanderzureißen.

 

„Nächste Station, Friedenheimer Platz, Ausstieg auf der linken Seite in Fahrtrichtung“, dröhnt die Stimme aus den Lautsprechern. Seine Kopfhörer hat er mittlerweile heraus genommen und packt sie gerade in seine Tasche. Er steht auf und blickt während des Laufens zur Wagontüre, zu dem zwischen den Sitzen liegenden Penner. Armes Leben, denkt er sich. Doch eine leise Stimme fragt ihn, ob seines besser sei. Nach kurzem Überlegen schüttelt er diesen Gedanken wieder ab, kommt jedoch zu dem Entschluss, dass seines eher einer bloßen Existenz gleicht. Die Türen gehen auf und er verlässt das Abteil. Er tritt aus dem Wagon und tauscht den Gestank von altem Urin gegen den von Bremsstaub und Zigarettenrauch. Er stellt sich neben einen Abfalleimer und sieht auf einen Berg Erbrochenes. Der saure Gestank stößt ihm auf und er humpelt schnellen Schrittes weiter. Seine Beine Schmerzen noch immer und nie mehr wird er ein gesun des Paar haben. Sein linkes Bein wurde sechs mal gebrochen. Seit seinem Kranken hausaufenthalt stecken ein Dutzend Schrauben in seinen Beinen.

 

Noch 25 Minuten bis zu der Verhandlung. Er sieht auf sein Handy und wundert sich nicht, dass er keine einzige SMS erhalten hat, die ihm Glück dafür wünscht. Er lässt den Kopf senken und schlürft weiter in Richtung des Ausganges. Als er kurz vor den Fahrtreppen steht und sein Leben noch einmal Revue passieren lässt, beschleicht ihn eine leise Stimme in seinem Kopf. Seit Monaten hatte er versucht, diese zu ignorieren, doch nun wird sie stärker, sie ergreift Besitz von seinem Verstand. Die  Anzeigetafel lässt ihn wissen, dass in weniger als einer Minute ein Zug auf dem Gegengleis, Gleis 2 einfährt. Die Stimme wird befehlend. Sie fordert ihn auf, es endlich hinter sich zu brin gen. Er blickt erneut auf die Uhr. Er hört den einfahrenden Zug. Er sucht nach einem Ausweg, doch es scheint zu spät. Er ergibt sich der Stimme und springt auf die Gleise, auf denen der einfahrende Zug mit lautem Gehupe über ihn hinwegrollen wird.

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