Herr Meier von Sabine Heydel

Wer kennt es nicht, dass Gerede über den seltsamen Nachbarn und wie sich die Geschichten von mal zu mal übertrumpfen und abstruser werden. Beim guten Herrn Meier werden die Geschichten auf jeden Fall sehr interessant.

Teaser:

Der Meier ist ein Außerirdischer, das weiß ich genau.

Überrascht sehe ich meinen Nachbarn an. Der, die Arme verschränkt, in einer Beuge die unvermeidliche Bierflasche geklemmt, auf unsere gemeinsame Gartenmauer gestützt vor mir steht.»Wie kommst du denn darauf?«Also, komische Ideen...

ISBN: "978-3-96385-029-5"

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»Der Meier ist ein Außerirdischer, das weiß ich genau.«

Überrascht sehe ich meinen Nachbarn an. Der, die Arme verschränkt, in einer Beuge die unvermeidliche Bierflasche geklemmt, auf unsere gemeinsame Gartenmauer gestützt vor mir steht.

»Wie kommst du denn darauf?«

Also, komische Ideen hatte er schon einige. Zum Beispiel eine Stelle im Garten zu suchen, wo Erdwärme aufsteigt, um ein Gewächshaus darauf zu stellen. Sein Garten war danach gut umgegraben. Aber besagtes Erdwärmeloch hatte er nicht gefunden. Oder sein Haus zu unterhöhlen, um einen Bunker anzulegen. Zum Glück ließ der Fels, auf den er bald stieß, dies nicht zu. Unserem Hinweis, eine Bodenplatte sei nicht zum Aufhacken da, hatte er nur ein schwaches Grinsen und eine lässige Handbewegung entgegengesetzt. Aber jetzt das!

»Und?«, sage ich und bin mir sicher, in diesem Moment nicht gerade den intelligentesten Gesichtsausdruck zu zeigen. »Was hat er denn getan? Oder hat er eine Rakete in der Garage?«

Bedächtig schüttelt er den Kopf und antwortet mit einer Stimme, mit der man Begriffsstutzigen ein Problem zum x-ten Mal erklärt. »Er wird nicht kleiner, wenn er die Straße heruntergeht.«

Ich schlucke und lächle mild. »Aber kein Mensch schrumpft, nur weil er die Straße runtergeht.«

Seine Stimme wird noch eine Spur weicher, und es fehlt nur noch, dass er dem dummen Kind übers Haar streicht. »Also«, setzt er zu einer längeren Erklärung an, und mir wird klar, er hat sich vorab jedes Wort genau überlegt.

Das ist wirklich ein neuer Zug an ihm. Nun sind wir fast zwanzig Jahre lang Nachbarn, und er überrascht mich mit einer längeren, klar durchdachten Erklärung.

»Das ist alles eine Frage der Perspektive und der Entfernung. Je weiter entfernt, desto kleiner erscheint der Mensch. Oder das zu beobachtende Objekt«, setzt er stolz hinzu. »Wenn du bis zum Konsum gelaufen bist, erscheinst du nur noch halb so groß. Aber der Meier ist größer als die Ladentür und reicht fast bis zum ersten Stock.«

Die Strecke bis zu jenem Haus, in dem schon seit Jahren nichts mehr verkauft wird, das aber immer noch Der Konsum heißt, ist etwa zweihundertfünfzig Meter von unserem Standpunkt aus entfernt.

»Also, wenn der Meier bis dahin gegangen ist, ist er noch genauso groß wie hier?«

Ein bedächtiges Lächeln und ein Blick, der besagt: Endlich hast du es verstanden.

»Wenn er weitergeht, also dann den Berg runter, müsste man ihn oder seinen Kopf noch lang sehen können«, sinniere ich weiter.

Wieder ein zustimmendes Nicken. Er nimmt einen langen Schluck aus der Flasche, und ich frage mich unwillkürlich, wie viel er vor seiner Beobachtung getrunken hatte.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, schüttelt er den Kopf und sagt: »Brauchst gar nichts zu sagen. Ich war nicht betrunken. Habe mit dem Feierabendbierchen gewartet.«

»Hm«, mache ich, und versuche mir vorzustellen, wie der Meier wie ein Riese vor der Konsumtür steht. Dabei krame ich in meinen Erinnerungen. Der Meier wohnt seit fast drei Jahren nur drei Häuser weiter auf der anderen Straßenseite in der Kleinstvilla.

Den Namen hat das Häuschen erhalten, seit die wildesten Gerüchte kreisen, welchen Luxus der Meier dort angeblich eingebaut hat. Marmorfliesen, goldene Wasserhähne, Designermöbel und was weiß ich noch alles.

»Aber, ich habe den Meier auch schon einige Male die Straße runtergehen sehen. Mir ist dabei nichts aufgefallen. Und Lieselotte auch nicht. Sonst hätte sie es mir sicher erzählt.«

»Deine Frau hat da ihre eigenen Theorien.«

Erstaunt frage ich: »Du hast mit ihr darüber gesprochen?«

Er nickt nur, grinst, setzt die Flasche an die Lippen und lässt den Inhalt glucksend in seinen Hals laufen. Sein Adamsapfel hüpft dabei vor Freude. Dann wischt er sich mit dem Ärmel über den Mund und sagt: »Mach’s gut Nachbar. Die Hühner müssen rein.« Dreht sich um und lässt mich stehen.

Ich schlurfe durch den Garten zur Hintertür und schüttele gedanklich den Kopf. Mit meiner Lieselotte hat er gesprochen, und sie hat nichts gesagt. Wo wir uns doch immer alles sagen.

Kaum betrete ich das Haus, umfängt mich der Duft von Braten und frischem Rotkraut. Das besänftigt mein Gemüt, und frisch gewaschen betrete ich die Küche. Meine Liebste dreht sich zu mir und lächelt. Schmatzend gebe ich ihr einen Kuss auf den Mund.

»Setz dich schon mal, geht gleich los«, sagt sie und verteilt Fleisch, Rotkraut und Klöße auf den Tellern.

Zuerst essen wir schweigend, und ich gestehe mir ein, einer Frau, die so kocht, kann man nicht böse sein. Nach einigen Bissen frage ich sie schließlich, warum sie mir nichts von ihrem Gespräch mit unserem Nachbarn gesagt hat.

»Ich wollte, dass Eberhard dir selbst erzählt, was er beobachtet hat.«

Alle Welt nennt unseren Nachbarn Eb. Nur sie sagt immer Eberhard. Ebenso bin ich bei ihr nie Ger. Sondern immer Mein Liebster oder Gerhard. Wie ich sie dafür liebe.

»Und was hältst du von Eberhards Idee, unser Meier sei ein Außerirdischer?«

Sie legt ihr Besteck beiseite und sieht mich ernst an. »Ich habe mir auch schon so meine Gedanken gemacht. Ist dir nie aufgefallen, wie weiß seine Gardinen sind? Strahlend geradezu, all die Jahre. Aber ich habe nie gesehen, dass er sie gewaschen hätte.«

Verblüfft überlege ich einen Moment und werfe schließlich ein: »Nun, du konntest ja unmöglich die ganze Zeit auf seine Fenster starren. Er hat sie sicher gewaschen. Nur hast du es nicht gesehen.«

»Aber dann hat er die einzigen Gardinen, die jahrelang strahlend weiß bleiben und immer wieder in sechzehn Falten im Wohnzimmer und neun Falten in der Küche hängen. Wie in Beton gegossen.«

»Du hast die Falten gezählt? Wie kommt man denn auf so was?«

Für einen kurzen Augenblick schließt sie die Augen, als müsse sie sich vorab konzentrieren. Wie, wenn man sich erst wundert, dann beobachtet und schließlich stichhaltige Beweise sucht.

»Und du glaubst, sechzehn oder neun Falten in den Gardinen wären stichhaltige Beweise dafür, unseren Nachbarn als Alien zu entlarven?«

»Dies allein sicher nicht. Aber es ist eine weitere Merkwürdigkeit.«

Eine Zeitlang sitze ich nur am Küchentisch und wundere mich. Mein Lieschen, meine Lotte, zählt Falten in fremden Gardinen und meint, ein Alien entdeckt zu haben.

»Dass der Meier nicht kleiner wird, hast du auch gesehen?«

Sie schüttelt den Kopf. »Das passiert nicht immer, hat Eberhard gesagt. Nur ab und zu. Als wenn er manchmal vergessen würde, sich anzupassen.«

»Aha«, mache ich und blicke auf meinen Teller. Mit der Gabel ziehe ich Rillen in den Soßenrest. »Mir ist in der ganzen Zeit nichts aufgefallen«, sage ich schließlich und esse in aller Ruhe zu Ende.

Am nächsten Morgen, meine Liebste ist zum Friseur, blicke ich aus dem Küchenfenster und betrachte die Kleinstvilla. Die Haustür, nicht ganz mittig, eine Treppe hoch über dem Bürgersteig, genau wie immer. Links davon die Küche. Unwillkürlich zähle ich die Falten in der Gardine. Zur Sicherheit hole ich das Fernglas, und wieder zähle ich neun Falten. Nun gut, warum nicht?

Gedankenverloren starre ich auf das Wohnzimmerfenster im ersten Stock und kann mich nicht erinnern, je eine Bewegung hinter den Gardinen wahrgenommen zu haben. In einem so kleinen Ort wie dem unseren sind die Menschen mehr oder weniger neugierig. Auf jeden Fall kann man nicht die Straße entlanglaufen, ohne hier oder da jemanden hinter einem Vorhang hervorlugen zu sehen. Aber in der Kleinstvilla haben die Gardinen nie gewackelt.

Na ja, vielleicht ist er einfach nur nicht neugierig. Mit diesem Gedanken beschließe ich, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und gehe in den Garten.

Mein Nachbar wartet schon auf mich, wie immer auf die Mauer gestützt. Manchmal, wenn ich ihn so sehe, nur den Kopf mit dem unvermeidlichen verbeulten Hut, dem offenen Hemdkragen, die behaarten Arme auf die Mauer gelegt, erinnert er mich an eine uralte Fernsehserie. In der ist besagter Nachbar, in welcher Situation auch immer, nur bis zur Brust zu sehen. Aber Eberhards restlichen Körper kenne ich auch. Er steckt in einer ausgewaschenen, alten Arbeitshose. Die Füße in Turnschuhen mit Löchern.

»Nun«, ruft er und winkt mich heran. »Hast du mit Lieselotte gesprochen?«

Ich nicke bloß. »Und?«, fragt er weiter.

Ich zucke die Achseln. »Nichts, und. Für mich ist der Meier ein Mensch wie jeder andere auch.«

»Aber hast du denn nicht zugehört? Er wird nicht kleiner. Hast du nicht begriffen, was das bedeutet?«

Wieder zucke ich nur mit den Achseln.

»Und Lottes Beobachtungen? Was sagst du dazu?«

Ich wiege mit dem Kopf und ringe mich zu einer Antwort durch. »

Alles keine handfesten Beweise. Vielleicht sollten wir mal mit ihm reden?«

Nun war es an Eb, mit den Achseln zu zucken. »Er wohnt schon eine ganze Weile hier. Aber außer Guten Tag und Guten Weg haben wir bisher kein Wort mit ihm geredet.«

Eine Zeitlang starren wir aneinander vorbei und schweigen.

Schließlich haut Eb mir auf die Schulter und grinst. »Du hast recht. Wir rücken ihm auf die Pelle.«

»Aber wir können nicht einfach bei ihm auftauchen!«

»Sicher nicht«, stimmt Eb zu. »Aber«, grinst er wieder, »wir können an seiner Tür klingeln und nach Werkzeug fragen. Dann können wir vielleicht sogar einen Blick in seine Garage werfen. Wegen der Rakete, du weißt.«

Nach längerer Diskussion einigen wir uns, nach dem Abendessen zu Meier zu gehen.

Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache. Wieso sollte er uns reinlassen? Er bräuchte ja nur zu erklären, er habe das Gefragte nicht und schon stehen wir wie die Trottel vor seiner Tür.

Ich erzähle meinem Lottchen, was wir vorhaben. Ihr Lächeln und zustimmendes Nicken bringen mich dazu, voller Überzeugung bezüglich des Gelingens unseres Unterfangens mit Eberhard loszuziehen.

Der hat in jeder Hosentasche eine Flasche Bier stecken und noch drei an der Hand hängen.

»Ein kleines Dankeschön muss drin sein«, sagt er. »Außerdem redet es sich besser bei einem Bier.«

Schnell stehen wir vor der Kleinstvilla, und Eb haut auf den Klingelknopf. Nur ganz schwach vernehme ich den Ton im Inneren des Hauses. Sonst keine Bewegung. Noch einmal drückt Eb auf den Knopf. Wieder nichts. Kurzentschlossen geht er zur Garage nebenan, klopft an und zieht an der Klinke. Verschlossen.

Auch ohne Meiers Anwesenheit stehen wir wie die Trottel vor seiner Tür.

»Komm schon«, sage ich. »Gehen wir zurück und trinken ein Bierchen im Garten.«

Meine Lieselotte kommt auch dazu, und wir trinken und reden ein Weilchen. Dann verabschieden wir Eberhard. Aber erst, nachdem ich ihm hoch und heilig versprochen habe, gleich morgen früh mit ihm erneut zur Kleinstvilla zu gehen.

Am nächsten Tag, nach einem gemütlichen Frühstück, hole ich wie versprochen Eberhard ab, und wir trotten das kleine Stück zu Meiers Haus.

Schon auf dem kurzen Weg habe ich das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht. Bald erkenne ich auch, was da nicht stimmt. Die strahlend weißen, in neun Falten gelegten Gardinen sind weg. Auch im Wohnzimmer, ein leeres Fenster. Ich stoße Eb an und deute auf das Fenster neben der Haustür.

»Also«, setzt Eb an und stellt sich auf die Zehenspitzen, um ins Haus zu schauen. »Er ist weg!« Empört stößt er mir gegen die Brust. »Einfach weg. Gestern sah alles noch wie immer aus. Jetzt ist alles weg.«

Er rüttelt an der Haustür. Aber die ist verschlossen. Ebenso die Garage.

Er stemmt die Hände in die Hüften und sieht mich herausfordernd an. »Glaubst du mir jetzt?«

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