Imagination von Edelgard Gründer

Die Vorstellungskraft eines Menschen ist ohne Grenzen nur was passiert, wenn diese Vorstellungskraft beginnt wirklich zu werden? Finden Sie es heraus.

Teaser:

Endlich hatte sie es geschafft. Alle Möbel und Kleidung, ihre gesamte Habe befand sich in der neuen Wohnung. Zufrieden sah sie sich um. Die Umzugsfirma hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Jeder Schrank, jeder Tisch, sogar die Stühle standen an ihrem Platz. Nun waren nur noch die Kartons auszuräumen. Aber damit würde sie morgen beginnen. Heute wollte sie nur noch ihr Bett bereiten und die Kaffeemaschine für das morgendliche Frühstück zurechtstellen.

Müde und zufrieden fiel …

ISBN: „978-3-96385-037-0“

Die Kurzgeschichten direkt hier lesen:

Endlich hatte sie es geschafft. Alle Möbel und Kleidung, ihre gesamte Habe befand sich in der neuen
Wohnung. Zufrieden sah sie sich um. Die Umzugsfirma hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Jeder
Schrank, jeder Tisch, sogar die Stühle standen an ihrem Platz. Nun waren nur noch die Kartons
auszuräumen. Aber damit würde sie morgen beginnen. Heute wollte sie nur noch ihr Bett bereiten
und die Kaffeemaschine für das morgendliche Frühstück zurechtstellen.
Müde und zufrieden fiel sie in die Federn. Noch einmal betrachtete sie die eigenartige Tapete in
diesem Raum. Weißer Untergrund, darauf wahllos Striche, Punkte, Kurven und Kreise. Dazwischen
kleine bunte Flecken. So etwas hatte sie vorher noch nie gesehen. Doch da sie gut zu ihrem schlichten
Mobiliar passte, hatte sie den Raum so belassen.
Noch während des Einschlafens begannen sich die Striche zu einem Bild zu fügen. Doch es drang
nicht mehr in ihr Bewusstsein. Ihr letzter Gedanke war noch die Redensart: Was man in der ersten
Nacht in einer neuen Wohnung träumt, das geht in Erfüllung.
Am nächsten Morgen musste sie darüber lächeln. Denn dann würde sie eine Katze bekommen. Ihr
hatte geträumt, ein kleines weißes Kätzchen mit einem schwarzen Punkt auf dem Rücken wäre zu
ihr ins Bett gekommen. Es hatte ganz dicht bei ihr gelegen und geschnurrt.
Wenn dies wahr werden würde, wäre es wohl nicht das Schlechteste.Gleich nach dem Frühstück
begann sie, die ersten Kartons auszuräumen. In zwei Tagen musste sie wieder arbeiten. Bis dahin
wollte sie damit fertig sein.
Zuallererst die Küche. Es ging gut voran. Nebenher schrieb sie sich auf, was sie noch einkaufen
wollte. Dann Kleider- und Wäscheschrank. Am späten Nachmittag war auch das geschafft.
Sie beschloss, noch einzukaufen und sich zur Belohnung etwas Besonderes zu gönnen.
Wieder zurück, schaltete sie das Radio an, putzte und würfelte Paprika, Tomaten, Zwiebeln und
hackte Kräuter. Als alles zu ihrer Zufriedenheit köchelte, trank sie einen Schluck Wein und deckte
den Tisch. Auch eine Kerze stellte sie dazu.
Nach dem Essen fühlte sie sich satt und zufrieden, aber auch müde. Was soll’s, dachte sie, dann
gehe ich eben heute mal früher schlafen.
Wohlig streckte sie ihre Glieder unter der warmen Decke aus und ließ im dämmrigen Licht ihren
Blick über die Tapete schweifen. An der linken Ecke über dem Türrahmen fügten sich die Linien in
ihrer Phantasie zu einem Schmetterling. Ein großes Exemplar, wie sie es als Kind im Tropenhaus
gesehen hatte. Schön geschwungene Flügel und ein schmaler, langgezogener Leib.
Mit diesem Bild und einem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein.
In der Nacht wachte sie auf und meinte, etwas habe ihr Gesicht gestreift. Sie blinzelte kurz, drehte
sich auf die andere Seite und war fast schon wieder eingeschlafen, als sich etwas auf ihr Haar setzte.
Erschrocken wedelte sie mit der Hand. Morgen muss ich sehen, wie ich diese Mücke aus dem
Schlafzimmer bekomme, dachte sie und schlief weiter.
Am nächsten Tag waren alle Kartons bis zum frühen Nachmittag ausgepackt. Entzückt ging sie
durch alle Räume und betrachtete ihr Werk. Ein, zwei Zimmerpflanzen sollte sie noch holen. Dann
wäre alles perfekt.
So ging sie los und fand in dem kleinen Blumenladen, nur ein Stück die Straße hinunter, genau das,
was sie suchte. Beinahe wäre sie an dem Geschäft vorbeigegangen. Nur zwei große Blumentöpfe,
rechts und links neben der Eingangstür gaben den einzigen Hinweis darauf, was hier angeboten
wurde.
Aber die Auswahl war erstaunlich. Sie erstand eine große Flamingoblume, deren Farbe ihr besonders
gut gefiel. Dazu noch einen Hibiskus. Stolz kehrte sie zurück und platzierte die Pflanzen
im Wohnzimmer. Anschließend wollte sie noch die Mücke aus ihrem Schlafzimmer entfernen. Sie
suchte, wedelte und suchte. Fand aber nichts. Trotzdem hoffte sie, diese Nacht ruhig durchschlafen
zu können, um am nächsten Morgen bei der Arbeit fit zu sein.
Mit dem Einschlafen war das so eine Sache. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Fast drei
Wochen war sie nicht mehr arbeiten gewesen. In dieser Zeit sollte ein neues Computerprogramm
eingeführt werden. Hoffentlich fand sie sich damit zurecht. Ob ihre Kollegin auch die Dinge erledigt
hatte, die sie ihr übertragen hatte? Falls nicht, hatte sie ein weiteres Problem.
Sie wälzte sich hin und her und schlief dann doch ein. Aber nur, um gegen zwei Uhr mit einem Gefühl
der Unruhe aufzuwachen.
Also stand sie auf, bereitete sich einen Kräutertee, trank ihn in kleinen Schlucken während sie der
leisen Musik aus dem Radio lauschte. Doch es half nicht. So legte sie sich mit einem Buch ins Bett
und hoffte, damit die entsprechende Müdigkeit zu erlangen. Aber die Worte ergaben keinen Sinn,
und nach der zweiten Seite gab sie auf. Ihr Blick irrte durch den Raum und blieb schließlich an der
linken oberen Ecke über dem Türrahmen hängen. Wieder fügten sich die Linien zu einem Schmetterling.
Gedankenverloren starrte sie dorthin und meinte schließlich, eine Bewegung wahrgenommen
zu haben. Als hätte der Schmetterling leicht die Flügel bewegt und sich ein Stück von der Wand
abgehoben. Sie blinzelte und wischte sich über die Augen. Was für ein Unsinn! Sie löschte das Licht
und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen wachte sie erst mit dem Klingeln des Weckers auf und fühlte sich matt und
unausgeruht. Doch mit einer Dusche und einer großen Tasse Kaffee würde es schon gehen.
Noch am Küchentisch dachte sie kurz an den Schmetterling und schüttelte unwillkürlich den Kopf.
Sie sollte sich mit so etwas nicht belasten, schalt sie sich innerlich und verließ nach einem kurzen
Blick in den Spiegel und einer gut gefüllten Essensbox in der Tasche ihre Wohnung.
Der Tag verlief besser als erwartet, und am Abend kam sie beschwingt zu Hause an. Sie erledigte
all die notwendigen Kleinigkeiten und setzte sich nach dem Abendessen noch etwas vor dem Fernseher.
Trotz der vielen Programme konnte sie sich nicht für eine Sendung begeistern.
Noch immer beschäftigte sie das eigenartige Schattenspiel des Schmetterlings an der Wand. Denn
was sonst, als eine optische Täuschung durch das Licht der kleinen Lampe auf dem Nachttisch,
konnte dies gewesen sein?
Auch wenn es dumm ist, dachte sie, ich werde mir Klarheit verschaffen. Sie setzte sich auf die Bettkante
und war froh, dass sie keinem ihr Verhalten erklären musste.
Sie starrte auf die Ecke, und schon erkannte sie ihren Schmetterling. Er sieht wirklich hübsch aus,
dachte sie. Mit kleinen blauen Punkten an den Flügelenden wäre er noch schöner. In ihrer Vorstellung
war er hellblau mit dunkelblauen Punkten und langen, schwarzen Fühlern. Der Leib glänzte
silbergrau. Gerade als sie aufstehen wollte, bewegte sich das Insekt, schlug mit den blauen Flügeln
und hob ab. Entsetzt drückte sie die Handflächen an den Mund und erstickte den spitzen Schrei, der
sich ihrer Kehle entrang. Mit weit aufgerissenen Augen folgte sie dem Flug des Schmetterlings. Der
segelte geradewegs zum Fenster, setzte sich an die Gardine und bewegte sanft die Flügel.
Das gab es doch gar nicht! So etwas konnte es nicht geben! Langsam erhob sie sich und stand
einen Moment völlig fassungslos da. Dann zwang sie sich, von dem blauen Wesen wegzusehen,
und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und goss sich ein Glas Wein ein. Langsam trank
sie und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
War es ein Tagtraum, ein Wunschtraum gewesen? Nun, dann musste sie nur zurückgehen und es
überprüfen. Aber was, wenn das Tier noch da war?
Ihr fiel ihr Traum der ersten Nacht wieder ein. War das Kätzchen genauso entstanden wie der
Schmetterling?
Deutlich hatte sie das Schnurren vernommen und die Wärme des Katzenkörpers gefühlt. Dann war
da noch die angebliche Mücke. Sie hatte eine Berührung auf ihrem Haar gespürt. Aber das charakteristische
Summen einer Mücke nicht gehört. Aber wo war sie und das Kätzchen geblieben?
Nach einiger Zeit fand sie das Geschehnis schon nicht mehr schlimm. Im Gegenteil, ein Kätzchen
hatte sie sich schon immer gewünscht. Gleich morgen würde sie Futter holen und das Experiment
wiederholen. Wenn sie das Tierchen fütterte und ihm ein warmes Plätzchen bereitete, würde es bestimmt
bleiben.
Was reicht man einem Schmetterling? Am besten wohl eine Orange. Da keine im Hause war, löste
sie etwas Zucker auf. Das würde sicher auch gehen, dachte sie und ging mit dem Tellerchen ins
Schlafzimmer. Der Schmetterling umflog gerade die Lampe, drehte noch eine Runde und kam direkt
auf sie zu. Unwillkürlich duckte sie sich, obwohl sie eigentlich den Teller hochhalten wollte. Schon
war er über ihren Kopf in den Flur geflogen. Sie drehte sich um und sah – nichts! Er war weg, einfach
in Luft aufgelöst. Was war denn das nun wieder? Gerade hatte sie sich damit abgefunden, in
ihrem Schlafzimmer Tiere aus dem Nichts entstehen lassen zu können – und jetzt das.
Obwohl sie sich sicher war, dass der Schmetterling nicht mehr herumflog, suchte sie doch den Flur
ab. Da keine weitere Tür offenstand, konnte er nur hier sein. Aber sie entdeckte nichts.
So brachte sie den Teller in die Küche zurück, löschte das Licht und tastete sich im Dunkeln bis ins
Bett. Sie schloss die Augen und zog die Bettdecke bis zur Nasenspitze hoch.
Was für ein Abend.
Am nächsten Tag war sie unkonzentriert und fahrig. Immer wieder gingen ihr die Geschehnisse der
letzten Nacht durch den Kopf. Sie war froh, als sie das Büro endlich verlassen konnte.
Neben den Dingen, die sie benötigte, kaufte sie zusätzlich Katzenfutter und ein großes, weiches
Körbchen. Dazu noch eine Orange und einen kleinen Ball.
Schnell lief sie nach Hause, räumte den Einkauf weg und ging mit Katzenfutter und Korb ins Schlafzimmer.
Das kleine Kätzchen auf der Tapete erkannte sie gleich wieder. Weiß, mit einem kleinen
schwarzen Punkt. Sie schaute und schaute, aber nichts tat sich. Das durfte doch nicht wahr sein!
Mit einem Seufzer erhob sie sich, ließ alles stehen und liegen und ging in die Küche. Dort werkelte
sie noch etwas, um sich anschließend vor dem Fernsehen niederzulassen. Aber sie konnte sich
nicht konzentrieren. Immer wieder dachte sie über das Geschehene nach. Schließlich meinte sie,
die Lösung gefunden zu haben, und ging ins Schlafzimmer. Sie schaltete das kleine Lämpchen auf
dem Nachttisch ein und betrachtete die Linien und Punkte bis sie sich zum Bild der Katze fügten.
Auch den schwarzen Punkt auf dem Rücken vergaß sie nicht. Und wirklich, nach kurzer Zeit löste
sich das Tier von der Wand, kam schnurrend näher und strich um ihre Beine. Also war der Effekt
frühestens zur Zeit der Dämmerung zu erzielen. Sie bückte sich und streichelte das weiche Fell.
Dann lockte sie das Kätzchen an den Futternapf und freute sich, wie es dem Tierchen schmeckte.
Nachdem es die Schale blitzeblank ausgeleckt hatte, legte es sich wie selbstverständlich in das
Körbchen und begann sich zu putzen. Wirklich wie eine ganz normale Katze, dachte sie und betrachtete
ihre Schöpfung. Ja, es war ihre Schöpfung – das war das richtige Wort. Die Imagination
war perfekt. Doch nur in diesem Zimmer. Außerhalb würde die Katze sich genauso schnell in Luft
auflösen wie der Schmetterling. Trotzdem wollte sie es überprüfen.
So öffnete sie nach einiger Zeit die Tür zum Flur, ging hinaus und lockte das Kätzchen zu sich.
Schließlich rollte sie den Ball hin und her. Sofort schaute das Tier gespannt; die Schwanzspitze
zuckte. Im gleichen Moment als es im Flur auf den Ball zusprang, war es verschwunden. Obwohl
sie genau das erwartet hatte, war sie doch erschrocken.
Aber nun hatte sie sich Klarheit verschafft, legte sich zufrieden ins Bett und löschte das Licht.
Sollte jemand ihre Fenster beobachten, so konnte er in den folgenden Nächten Licht bei ihr sehen,
was erst am frühen Morgen gelöscht wurde.
Denn jeden Abend saß sie auf der Bettkante und ließ Tiere entstehen. Sie lernte, wie wichtig es war,
sich zu konzentrieren, um jedes Detail perfekt zu erfassen. Der Kolibri der dritten Nacht war nicht
perfekt, da sie sich die etwas verdeckte Seite des rechten Flügels nicht vollständig vorgestellt hatte
und er so nicht richtig fliegen konnte. Sobald er los flatterte, kippte er zur Seite weg. Sie konnte
förmlich spüren, wie er alle Kraft aufbot, um das Gleichgewicht zu halten. Nur, um dann doch abzustürzen.
Nach seiner dritten Landung fing sie ihn mit einem Tuch und öffnete die Flurtür.
Zu ihrem weißen Kätzchen imaginierte sie ein zweites, graues dazu. Doch wie es im wirklichen
Leben auch geschehen kann, verstanden sich die beiden Tiere überhaupt nicht und fauchten sich
an. Sie nahm das weiße Kätzchen auf den Arm und war froh, als sich das andere schließlich in das
Körbchen legte um sich zu putzen.
Am nächsten Abend versuchte sie es mit Schmetterlingen und Faltern. Es war ihr möglich, sie in den
verschiedensten Farben entstehen zu lassen. Mit Punkten, sogar mit Würfeln auf den Flügeln. Mustern
und Farben schienen keine Grenzen gesetzt zu sein. Doch der Körper musste perfekt werden.
Das weiße Kätzchen konnte sie auch in Braun oder Schwarz entstehen lassen.
So war sie jede Nacht fast bis zum Morgengrauen auf und am Ende der Woche völlig erschöpft. Der
Schlafmangel hatte ihr dunkle Ringe unter den Augen gezeichnet, und ihre Kollegin riet ihr, zum Arzt
zu gehen. Sicher brüte sie etwas aus. Sie nickte nur, ja das würde sie tun. Sie musste sich ausruhen
und in ihrer Wohnung Ordnung schaffen.
Einmal war sie nahe daran gewesen, ihrer Kollegin alles zu erzählen. Aber die hätte ihr nicht geglaubt
und vielleicht dann nicht nur den Besuch des Hausarztes empfohlen.
Sie musste sich überlegen, wie es weitergehen sollte. Dieses Doppelleben konnte sie nicht ewig
durchhalten. Aber es war doch auch wie ein Geschenk. Wenn sie nur wüsste, wer vor ihr in der
Wohnung gelebt hatte. Vielleicht sollte sie das in Erfahrung bringen. Ja, sagte sie sich. Gleich am
Montag wollte sie sich erkundigen. Aber dieses Wochenende erst einmal ausruhen.
Sie verbrachte den Tag ganz normal, besorgte den Haushalt, kaufte ein, wusch und bügelte. Aber
eigentlich wartete sie nur auf die Dämmerung.
Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, sie verlegte ihr Leben ins Schlafzimmer. Das Radio
war schon dort. Dann rückte sie die Kommode in die Ecke, holte den kleinen Beistelltisch und einen
Stuhl und trug ihr Abendessen dort hin.
Zuerst ließ sie das Kätzchen entstehen und fütterte es. Dann saß sie bei leiser Radiomusik und aß,
das weiche Fellbündel auf den Knien haltend und streichelnd. Sie legte sich ins Bett, das Tierchen
kam schnurrend dazu. Nach einiger Zeit löschte sie das Licht und wusste, wenn sie Morgen die
Augen öffnete, wäre ihr Kätzchen fort. Sie hatte nichts gefunden, was es dableiben ließ. Aber am
Abend konnte sie es stets zurückholen.
Am Montag schaffte sie es erst am Nachmittag, zum Arzt zu gehen. Er untersuchte sie, schaute in
Mund und Ohren, maß den Blutdruck. Dann schrieb er sie für eine Woche krank und legte ihr ans
Herz, sich auszuruhen. Sie nickte, nahm den Schein an sich und beschloss, nun gleich noch zur
Hausverwaltung zu gehen, um nach ihrem Vormieter zu fragen. Geduldig wartete sie, bis sie aufgerufen
wurde. Die Frau hinter dem Schreibtisch sah sie nur skeptisch an und murmelte schließlich
etwas von Datenschutz. Schon im Aufstehen begriffen, hielt sie sie noch zurück. „Sind sie mit der
Wohnung nicht zufrieden? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“
Das konnte sie nur verneinen.
Die Angestellte sah sie eine Zeitlang wortlos an, erhob sich schließlich und reichte ihr zum Abschied
die Hand. „Ihre Vormieterin ist einfach gegangen. Sie hat nie gekündigt“, sagte sie noch, eh sie die
Tür hinter ihr Schloß.
Auf dem Heimweg irrten ihr die Worte durch den Kopf – einfach gegangen, nie gekündigt – einfach
gegangen. Sie würde nicht gehen. Zu schön, zu verführerisch war es, Geschöpfe nach ihrem Willen
entstehen zu lassen.
Nun hatte sie eine ganze Woche Zeit. Am Tag würde sie sich ausruhen, etwas schlafen, um den
Abend und die Nacht für sich und ihre Schöpfungen zu haben.
Weit vor der Dämmerung hatte sie alles ins Schlafzimmer gebracht. Ihr Essen, das Futter für die
Katze und eine Bürste lagen bereit. Auf dem Nachttisch standen eine kleine Flasche Likör und ein
Glas. Sie würde es sich mit dem Kätzchen und einem Buch gemütlich machen. Diese Woche würde
sie genießen. Alles Weitere sich schon finden. Nun war sie nicht mehr allein. Sie hatte Gesellschaft,
die sie sich selbst erschaffen konnte.
Immer mehr rutschte sie in ihre eigene Welt. Ihr Leben fand nur noch in der Nacht statt. Die Tage
waren für sie nur Übergangsphasen. Sie imaginierte Falter und Schmetterlinge in den unterschiedlichsten
Farben und Formen. Ihr Lieblingskätzchen meist in Weiß. Natürlich mit einem schwarzen
Punkt auf dem Rücken. Große und kleine Vögel bevölkerten ihre Schränke und die Lampe. Oft blieb
sie bis zum Morgengrauen auf und war immer wieder verblüfft, wie alle Tiere zur gleichen Sekunde
verschwanden.
Schon tagsüber lag sie auf dem Bett und ließ ihren Blick über sie Tapete schweifen. Immer neue
Stellen fand sie, die sich zu Insekten, Vögeln und anderem Kleingetier verbinden ließen. Schließlich
sah sie auf den Tisch, den sie erst heute früh mehr in die Mitte gerückt hatte, und gleich darüber
flossen die Linien, Punkte und Kurven der Tapete zu etwas Neuem, Einzigartigem zusammen. Sie
erblickte ein Kind, ein Baby. In eine Decke gehüllt, schaute nur das winzige Gesichtchen heraus.
Große Augen, eine kleine Stupsnase und ein winziger Mund, gleich einer Kirsche. Ihr Herz tat einen
Satz. Ob dies wohl auch ging? Ein Kind, nein ihr Kind, entstehen zu lassen? Aufgeregt erhob sie
sich, um sich, was sie seit vier Tagen nicht mehr getan hatte, anzukleiden. Sie musste einkaufen.
Unbedingt! Strampler, ein Fläschchen, eine Rassel. Das alles musste sie haben.
Noch auf dem Weg überlegte sie, was sie noch alles benötigen würde. Beschwingt schob sie den
Einkaufswagen durch die Gänge und lud ihn voll.
Bepackt kam sie zu Hause an und begann sofort, alles bereitzulegen. Als letztes noch das Fläschchen,
damit es noch schön warm war.
Sie schob den Tisch ganz nah an die Wand und legte sich ein Kissen bereit, um das Kind darin
aufzufangen. Mehrmals atmete sie tief durch, um sich zu beruhigen. Es durfte ihr kein Fehler unterlaufen.
Ihr Kind musste perfekt werden. Es galt, sich zu konzentrieren. Sie setzte sich bequem hin
und schloss für einen Moment die Augen. Dann betrachtete sie die Wand, und schon begann sich
das Bild zu formen. Zuerst das Gesicht mit den großen blauen Augen, den rosigen Wangen, dann
der kleine Mund mit den roten Lippen. Ein dunkles Haarbüschel schaute unter der schützenden
Decke hervor. Die winzigen Hände waren zu Fäustchen geballt. Der Körper drall und wohlgeformt.
Die Füße steckten in blauen Schuhen mit hellblauen Schleifen. Die Decke weiß und kuschelweich.
Ihr Geist ging methodisch vor und übertrug das Bild des inneren Auges eins zu eins auf die Wand.
Mit einem kleinen Seufzer löste sich ihr Baby endlich von der Tapete. In das weiche Kissen gebettet
drückte sie es an ihre Brust. Tränen liefen ihr unaufhaltsam aus den Augen, doch sie lächelte. Ein
unbeschreibliches Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer.
Vorsichtig legte sie das Kind auf das Bett und zog die Decke zurück. Es begann sofort zu strampeln
und streckte die Arme nach ihr aus. Sie legte ihren Finger in die kleine Hand und spürte wie das
Baby fest zugriff und versuchte, sich daran hochzuziehen. Sie umschloss die kleinen Fäustchen
mit ihren Händen und half etwas nach. Schon stand der kleine Bub und wippte in den Knien, wobei
er vor Freude krähte. Sie lachte mit ihm und meinte, noch nie so glücklich gewesen zu sein. Nach
einiger Zeit wurde das Kind ruhiger, und sie nahm es in den Arm, um es zu füttern. Gierig saugte es
an dem Fläschchen und schloss bald zufrieden die Augen. Vorsichtig, das Kind auf dem Arm, setzte
sie sich im Bett zurecht. Das Licht der Nachttischlampe zeichnete weiche Schatten, und verzückt
betrachtete sie das zarte Gesicht. Vorsichtig zog sie mit dem Finger die Konturen nach.
Erst nachdem ihre Arme von einem Moment auf dem nächsten leer geworden waren, legte sie sich
hin und schlief.
An den folgenden Abenden ließ sie immer wieder ihr Kind entstehen. Kaum, dass es dämmerte, fing
sie ihren Knaben mit sicheren Händen auf. Sie spielte mit ihm, bürstete das weiche Haar zu einem
Kämmchen und sang ihm vor. Für ihn imaginierte sie auch das weiße Kätzchen und kniete sich zu
ihm auf die Decke um zu beobachten, wie er vorsichtig das weiche Fell berührte. An einem anderen
Abend war das Zimmer bereits mit einigen Schmetterlingen bevölkert, ehe sie das Kind entstehen
ließ. Mit großen Augen betrachtete es die Tiere, folgte ihnen mit dem Blick und brabbelte vergnüg,t
während es auf dem Bett lag und vor Aufregung mit Armen und Beinen strampelte.
Wie viele Tage bereits vergangen waren bemerkte sie erst, als ihr Telefon klingelte. Ihre Kollegin erkundigte
sich voll Sorge, wie es ihr denn ginge. Nach einer ausweichenden Antwort versprach sie,
nochmals zum Arzt zu gehen und sich dann wieder bei ihr zu melden.
Dazu aufraffen konnte sie sich erst, nachdem weitere drei Tage vergangen waren. Ihr Arzt zog die
Augenbrauen in die Höhe, schrieb sie aber trotzdem rückwirkend krank. Bisher hatte er sie noch nie
so gesehen. Sie sah nicht nur müde, sondern auch ungepflegt aus. Als ob sie aus dem Bett gefallen
wäre, und dann angezogen hätte, was gerade greifbar gewesen war. Körperlich konnte er nichts
finden. Daher legte er ihr nahe, falls keine Besserung innerhalb der nächsten Woche einträte, sich
wieder bei ihm vorzustellen. Sie nickte nur und lächelte schwach.
Es zog sie nach Haus. In ihr kleines Reich, wo sie Königin war.
Trotzdem ging sie noch einkaufen. Auf diese Weise musste sie nicht noch einmal das Haus verlassen.
Kaum wieder in ihrem Schlafzimmer angekommen, setzte sie sich auf die Bettkante und sann darüber
nach, wieso es ihr bisher noch nie eingefallen war, Blumen für ihre Schmetterlinge und Falter
wachsen zu lassen. Wenn sie Tiere, sogar ein Baby hervorbringen konnte, dürften Pflanzen doch
kein Problem sein.
Systematisch suchte sie die Wände mit den Augen ab. Beginnend am Türrahmen. An der linken
oberen Ecke saß der Schmetterling. Sie ließ den Blick weitergleiten, rückte dazu Stuhl und Tisch
ein Stück von der Wand. Dann bis zur Ecke und weiter, die freie Fläche über der Kommode bis zum
Kopfende ihres Bettes. Nichts fügte sich zusammen. Also betrachtete sie die Wand über und unter
dem Fenster, bis zu Kleiderschrank. Dann das restliche Stück bis zur Zimmerecke. Was war das?
Sie beugte sich nach vorn und betrachtete die Striche und Kurven genauer. Da war ein Mann! Sie
sah ihn im Profil, gebückt, die Hand schien nach ihrem Kätzchen greifen zu wollen. Deutlich erkannte
sie sein Gesicht, mit einer schön geschwungenen Stirn, einer charaktervollen Nase, nicht allzu
vollen Lippen, die Mundwinkel leicht gehoben. Eine Locke seines schwarzen Haares fiel ihm in die
Stirn. Das Hemd mit einem altmodischen hohen Kragen und langen spitzen Ecken. Eine schwarze
Hose, die in Reitstiefeln endete. Er sah wie der Held aus einem alten Film aus. Ein Abenteurer mit
Charme und dem gewissen Funkeln in den Augen.
Nachdem sie das Bild lang betrachtet und sich jede Kleinigkeit eingeprägt hatte, begab sie sich
ins Bad. Sie duschte und richtete ihr Haar. Danach wählte sie nach reiflicher Überlegung Rock und
Bluse aus. Selbst die passenden Schuhe zog sie an. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegel
tuschte sie ihre Wimpern, trug etwas Rouge und zum Schluss noch einen Hauch Parfum auf. Nun
war sie mit dem Ergebnis zufrieden.
Zum Tisch im Schlafzimmer kam ein zweiter Stuhl. Darauf ein Kissen. Ihr Bett deckte sie mit der
Tagesdecke ab. Schließlich kochte sie Tee und bereitete einige Kleinigkeiten zu, die sie gekonnt auf
einem ovalen Teller anrichtete.
Gerade zur rechten Zeit fertig, besah sie noch einmal ihre Vorbereitungen. Alles perfekt!
Nun würde ihr Leben eine entscheidende Wendung nehmen, und endlich würde auch sie glücklich
sein. Dazu mit einem Mann nach ihrer Vorstellung, von ihr ins Leben gebracht.
Nur sie allein war dazu in der Lage.
Nur nichts überstürzen, vor Aufregung nichts vergessen oder verpatzen! Sie atmete mehrere Male
tief durch. Dann setzte sie sich gerade auf den Stuhl, direkt vor seinem Abbild.
Langsam glitt ihr Blick über Linien, Kurven, Striche und fügte sie zu einem Gesamtbild. Obwohl sie
sehr aufgewühlt war, nahm sie sich die Zeit, jedes Detail bis ins Kleinste von ihrem inneren Bild auf
die Wand zu übertragen. Selbst die kleinen Perlmuttknöpfe seines Hemdes waren perfekt rund, die
Manschetten in exakt der richtigen Länge. Die Hand kräftig, dennoch mit langen schmalen Fingern,
die Haut gebräunt. Die Hose endete ohne Falten in den hohen Stiefeln. Mit ihrem Werk zufrieden
streckte sie ihm lächelnd die Hand entgegen, als sich sein Körper von der Wand löste und er sich
aufrichtend ihr zuwandte.
„Guten Abend“, sagte er. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht.“
„Natürlich nicht, Adam“, antwortete sie und wusste in diesem Moment, dass nur dieser Name ihm
und der Situation angemessen war. „Möchtest du Tee mit mir trinken?“
Er nickte nur, setzte sich auf den Stuhl, den sie ihm auffordernd zurechtgestellt hatte und sah sich
kurz um.
„Wir wollten uns doch duzen“, sagte sie keck und lächelte ihn an.
„Gern doch.“
„Gern doch, Marie“, half sie ihm über die Hürde hinweg und schenkte Tee ein.
Er kostete, lobte das Aroma und nahm bereitwillig einen Happen. Währenddessen drehte sie am
Radio um einen Sender mit Musik zu finden. Kurz war Klaviermusik zu vernehmen. Schon bat er sie,
doch dieses Stück hören zu dürfen.
„Chopin mag ich besonders“, sagte er entschuldigend.
Sie nickte strahlend und gemeinsam lauschten sie. In ihrem Kopf formte sich ein Gedanke. Wenn er
dieses Musikstück erkannte, hatte er sicher noch andere Erinnerungen. Vielleicht an Bücher, Filme,
Bilder. Damit gab es Gesprächsthemen, die dazu angetan waren, sich näher zu kommen.
„Magst du auch Mozart? Ich habe eine Aufnahme der Zauberflöte.“
Er nickte und schaute sie forschend an. „Haben wir das schon einmal getan?“
„Was getan?“, gab sie zurück und spürte, wie Angst in ihr aufstieg.
„Uns hier, in diesem Zimmer getroffen?“, sagte er und sah sie weiter unverwandt an.
Sie konnte nicht lügen, es ging nicht. „Nein“, sagte sie und schlug die Augen nieder.
„Dann sollten wir es wiederholen. Es ist nett bei dir.“
Nach diesem Satz von ihm fühlte sie sich leicht und beschwingt. Sie gab sich alle Mühe, eine gute
Gastgeberin zu sein. Sie plauderten, hörten Musik und blätterten gemeinsam in den Bildbänden,
welche sie bereitgelegt hatte.
Wie schnell die Zeit vergangen war, wurde ihr erst in dem Moment klar, als sein Stuhl wieder leer
und verlassen dastand. Erschrocken zog sie ihre Schuhe aus und kroch in ihr Bett.
In den nächsten Tagen war sie damit beschäftigt, Musik, Bücher und Fotos auszuwählen. Er war an
vielen Dingen interessiert. Neben klassischer Musik liebte er Jazz. Billie Holiday, Chat Baker, Miles
Davis, Django Reinhardt, aber auch Sinatra zählten zu seinen Favoriten.
Noch nie hatte sie sich so wohl gefühlt, wie in seiner Nähe. Noch nie war es ihr so gut gegangen.
Mit seiner charmanten Art verstärkte er das Gefühl, ihn schon lange zu kennen. Viele Bücher, die sie
gelesen hatte, kannte er auch. An Gesprächsthemen mangelte es ihnen keinesfalls.
Am darauffolgenden Wochenende dachte sie einen Moment darüber nach, wieder zur Arbeit zu
gehen. Aber der Gedanke war nur flüchtig, kaum greifbar. Momentan rang sie noch mit sich, ob sie
Adam ihr Baby zeigen sollte. Ihr war nicht wirklich klar, wie er darauf reagieren würde. Vielleicht
war es das Beste, ihm zu zeigen, wie sie es entstehen ließ. Ihr Wunsch nach einer kleinen eigenen
Familie war allzu stark.
Also bereitet sie alles für das Baby vor. Legte Kissen, Decke und das Fläschchen bereit, bevor sie
Adam imaginierte.
Der winzige Augenblick der Verwirrung in seiner Mine war immer noch sichtbar, obwohl er sich ihr
sogleich zuwandte und sie mit ihrem Namen begrüßte. Umgehend herrschte Harmonie zwischen
ihnen, die fast mit Händen greifbar war. Sie spürten beide eine starke innere Verbindung. Er kannte
sie nach dieser kurzen Zeit schon gut. Wusste, in welcher Stimmung sie gern Musik hörte, oder
wann sie es schöner fand, wenn er ihr vorlas. Heute sah er sofort ihre Aufregung.
Nachdem er sie zur Begrüßung in den Arm genommen hatte, küsste er sie auf die Stirn. Ihr stiegen
Tränen in die Augen und für einen Augenblick schmiegte sie sich an ihn.
Er fasste sie bei den Schultern, schob sie sanft ein Stück von sich weg und sah ihr ins Gesicht. „Was
ist, Marie?“
„Ich freue mich so, dass du da bist“, sagte sie, und er mußte lächeln, als er sah, wie sie bei diesen
Worten leicht errötete.
Sie setzen sich an den Tisch. Er betrachtete die Kissen und Decke auf dem Bett, fragte aber nicht
danach. Eine Zeitlang saßen sie sich wortlos gegenüber.
Schließlich fragte sie ihn: „Es ist doch etwas Besonderes zwischen uns?“ Ohne eine Antwort abzuwarten
fuhr sie fort: „Ich empfinde es so. Einerseits treffen wir uns erst seit ein paar Tagen. Andererseits
habe ich das Gefühl, wir kennen uns schon lange. Von vielen Dinge, die ich mag, weißt du,
ohne dass ich je mit dir darüber gesprochen hätte.“
Er nickte lächelnd und wartete.
„Wo bist du, wenn du nicht bei mir bist?“, fragte sie ihn leise. Sie hatte sich über den Tisch hinweg
zu ihm gebeugt und ihre Hand in die seine gelegt. Er sah ihr lang in die Augen. Fast konnte sie körperlich
spüren, wie er in seinem Inneren nach etwas suchte. Etwas, was ihm eine Erklärung geben
könnte, Antwort auf eine Frage, die er sich schon oft selbst gestellt hatte.
„Ich kann es nicht sagen. Etwas geschieht, was ich nicht erklären kann. Manchmal habe ich Bilder
oder Worte im Kopf, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen. Als ob ich träumte und Teile daraus
mit in den Tag nehme.“ Dann lächelte er gequält. „Ich rede Unsinn. Doch“, setzte er hinzu, als
sie den Kopf schüttelte. „Aber“, dabei sah er sie forschend an. „Warum treffen wir uns immer erst
am späten Abend? Oder kannst du nicht in die Sonne? Möchtest du nicht mit mir gesehen werden?
Warum sind wir nur hier?“ Die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus.
„Weil du nur hier existieren kannst“, antwortete sie leise und senkte den Kopf.
„Was soll das heißen? Warum sollte ich nur hier leben können? Ich möchte mit dir nach draußen!
Den Himmel sehen, den Wolken Namen geben. Für dich Blumen pflücken.“ Er war aufgestanden,
hatte sie bei der Hand genommen und zum Fenster gezogen. „Dann sollten wir wenigstens die Sterne
betrachten und die frische Nachtluft genießen.“
Schon wollte er das Fenster öffnen, als sie erschrocken seine Hand wegschlug und sich vor das
Fenster stellte. „Nein! Das darfst du nicht.“ Sie sah ihn flehend an. „Bitte, tu das nicht.“
Verständnislos sah er sie einen Augenblick an, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus der
Tür. Sie schrie entsetzt, als er verschwand. Weinend fiel sie auf ihr Bett.
Am nächsten Morgen wachte sie mit Kopfschmerzen auf und fühlte sich elend und zerschlagen.
Vom Bett aus betrachtete sie Adams Umrisse, bis ihre Augen tränten. Sie zog die Decke über den
Kopf und wollte nur noch schlafen. Alles vergessen, nichts mehr hören und sehen. Doch er drängte
sich immer wieder in ihre Gedanken. Also stand sie auf, zog sich an und begann die Wohnung aufzuräumen.
Bis in die hintersten Ecken kroch sie, nur um tätig zu sein, um nicht wieder nachdenken
zu müssen. Sie schrubbte und schrubbte, bis sie schließlich kaputt ins Bett fiel. Heute würde sie
nicht ihr Baby, nicht das weiße Kätzchen, ja nicht einmal einen Schmetterling zum Leben erwecken.
Nur schlafen. Schlafen und vergessen.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie endlich aufwachte. Sie fühlte sich besser als erwartet.
Trotzdem blieb sie liegen, schaute aus dem Fenster und dachte an die wundervollen Abende
mit Adam. Sie gestand sich ein, nie vorher in der Nähe eines anderen Menschen so glücklich gewesen
zu sein. Dabei war ihr Zusammensein ganz natürlich, nie anstrengend. In Adams Gegenwart
konnte sie ganz sie selbst sein. Und doch hatte er recht. Ihr Leben konnte nicht nur hier, in diesem
einen Zimmer stattfinden. Wie nur sollte es weitergehen? Adam aufgeben? Das war ihr unmöglich.
Sie mussten eine Lösung finden.
Noch während sie einen Plan für den Abend entwickelte, klingelte das Telefon. Sie ignorierte es.
Nichts Wichtigeres gab es, als eine Lösung zu finden, um mit Adam glücklich zu werden.
Kurz vor der Dämmerung war sie bereit. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde ihm alles erklären und
darauf hoffen, er würde sie verstehen und nicht als Egoistin verachten.
Ehe sie Adam entstehen ließ, imaginierte sie zuerst das weiße Kätzchen. Es strich wie immer um
ihre Beine, legte sich dann in sein Körbchen und begann sich zu putzen.
Als Adam sich ihr zuwandte, bemerkte sie sofort seinen skeptischen Gesichtsausdruck. Sie aber
begrüßte ihn mit einem Lächeln. Schon lächelte er zurück und umarmte sie wie immer.
Er sah ihr ins Gesicht und fragte: „Haben wir uns beim letzten Treffen gestritten?“
Für einen Moment breitete sich Panik in ihr aus, aber auch eine Erkenntnis. Er konnte sich immer
besser erinnern. Sie schüttelte den Kopf. „Nur ein Missverständnis.“
„Geht es um das Kätzchen?“, fragte er sogleich, als er den Korb entdeckt hatte. „Ich glaube, die
hattest du letztes Mal noch nicht.“ Vorsichtig nahm er das Tier auf den Arm und kraulte es. „Wie es
schnurrt, so ein liebes Tierchen. Du möchtest es doch sicher behalten.“ Fragend blickte er sie an.
„Ja,“ sagte sie. „Aber es geht nicht.“
Er fragte sie wieso und setzte sich mit dem Tierchen auf dem Arm auf den Stuhl.
Sie holte den kleinen Ball und öffnete die Tür zum Flur. „Was jetzt auch immer geschieht; versprich
mir bitte, nicht in den Flur zu kommen. Bleib bitte einfach hier stehen.“
Sie forderte ihn auf, ihr die Katze zu geben und vor der Tür stehen zu bleiben. Dann setzte sie die
Katze auf den Boden, ging hinaus und lockte sie mit dem Ball. Sein Lächeln erstarb jäh in dem Moment,
als die Katze in den Flur sprang und sich in Luft auflöste. Fassungslos sah er Marie an, wie
sie langsam zurückkam und die Tür hinter sich schloss.
Sie nahm seine Hand und gemeinsam setzten sie sich aufs Bett. „Nun zeige ich dir, wie ich sie zurückhole.
Achte bitte auf die untere Ecke gleich neben der Tür“, sagte sie und behielt seine Hand in
der ihren. Ihm war anzusehen, dass er zunächst nichts erkennen konnte. Dann zeichneten sich an
der Wand die Umrisse ab, und mit einem Mal löste sich die Katze von der Wand und kam schnurrend
auf sie zu.
Er saß stumm neben ihr. Seine Erregung spürte sie nur am festen Druck seiner Finger. Endlich ließ
er ihre Hand los und sah sie an.
„Machst du das mit mir genauso?“
Stumm nickte sie. „Bitte sei mir nicht böse“, sagte sie leise, als er schwieg und schließlich begann,
im Zimmer auf und ab zu gehen. „Nie hätte ich vermutet, zu so etwas fähig zu sein. Aber ich glaube,
das ausschlaggebende Moment ist die Tapete in diesem Raum. Zuerst dachte ich, meine Phantasie
spielt mir einen Streich, aber dann.“
So erzählte sie Adam, wie alles begonnen hatte. Alles, vom Kätzchen, dem Schmetterling und dem
Baby.
Er setzte sich wieder neben sie. „Warum sollte ich dir böse sein, mein Schatz?“, fragte er zärtlich
und gab ihr einen leichten Kuss auf den Mund. „Ich bin doch froh. Vielleicht hätten wir uns sonst nie
kennengelernt. Und doch,“ fügte er hinzu. „Es bedeutet, wir können uns nur hier, in diesem Zimmer
treffen.“
Wieder nickte sie nur.
„Aber ich bin mir sicher, irgendwo ein anderes Leben zu haben. Nur weiß ich manchmal nicht, was
realer ist. Oder ob sich dazwischen Fetzen geträumter Ereignisse befinden. Doch ich weiß, wie es
sich anfühlt draußen zu sein. Den Wind auf der Haut zu spüren, frisch geschlagenes Holz zu riechen.
Es muss so sein. Ich existiere in der Welt da draußen genauso, wie auch du außerhalb dieses
Zimmers ein Leben hast.“
Sie schüttelte nur traurig den Kopf.
Er nahm ihre Hände in die seinen. Sah und fühlte ihre Hände, die viel gearbeitet, viel geschaffen
hatten. Sie wusste, dass er ihr Haus nicht sehen konnt, indem sie einst gewohnt hatte. Nicht die
vielen Stunden des Tapezierens, Schleifens und Streichens nach der Arbeit. Nicht die Bäume die
sie beschnitten, die Hecken die sie gestutzt, die Beete, die sie angelegt hatte. Nicht den Mann, für
den sie dies alles getan hatte, damit der weiter studieren konnte um den ersehnten Job zu erhalten.
Er wusste nicht, wie sie ihn eines Abends gemeinsam mit einer fremden Frau auf dem Sofa sitzend
Wein trinken sah. Wusste nicht, wie sie ging, um später, zur gewohnten Stunde, nach Haus zu kommen.
Sie stellte ihn nicht zur Rede, packte nur am nächsten Tag ihre Sachen, um still das Haus zu
verlassen, um nie wieder zurückzukehren. Sie arbeitete in Schichten und verdiente das Geld, um
aus dem möblierten Zimmer wieder ausziehen zu können.
Doch sie wusste, dass er in ihren Augen den Wunsch sah, endlich glücklich sein zu können.
„Wieso hast du kein Leben außerhalb?“
„Weil ich nur mit dir glücklich bin“, antwortete sie. „Aber dort, außerhalb des Zimmers, bin ich allein.“
„Du bist eine außergewöhnliche und starke Frau. Du kannst Leben aus dem Nichts erschaffen. Das
ist besonders, du bist besonders. Ich bitte dich, Marie, such mich. Such nach mir in der Welt da
draußen.“
Gedankenverloren starrte sie auf die Wand.
„Und das Baby“, sagte sie. „Es ist dort, gleich über dem Tisch. Ich wollte eine kleine, glückliche Familie.“
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, sah ihr in die Augen. „Wir werden ein Kind haben, Marie. Ein
richtiges Kind. Keines, was jeden Morgen verschwunden ist. Sondern ein Kind, das wir gemeinsam
aufwachsen sehen. Das ist es doch, was du möchtest.“
Sie sah in seine dunklen Augen und spürte, wie sich ihr Körper vor Entschlusskraft spannte. Diesmal
würde sie nicht aufgeben. Sie würde kämpfen. Für Adam und für sich. „Ich suche dich. Egal wie
lange es dauert. Ich werde nicht aufhören zu suchen, bis ich dich gefunden habe.“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie voller Leidenschaft. Diese Nacht lagen sie eng umschlungen
auf dem Bett. Sie spürte, wie Adam ihrem Atem lauschte und immer wieder ihr Gesicht betrachtete.
Wie er sich jede Einzelheit einprägen wollte. Die geschwungenen Augenbrauen, die graugrünen
Augen, das winzige Muttermal gleich neben dem Nasenflügel. Er strich über ihr Haar, atmete ihren
Duft und versicherte ihr immer wieder, sie niemals zu vergessen und auf sie zu warten. Was auch
immer geschehen würde, wenn sie vor im stand, würde er sie erkennen.
Mit diesem gegenseitigen Versprechen sahen sie sich ein letztes Mal tief in die Augen, besiegelten
ihren Schwur mit einem letzten Kuss. Als der Morgen graute und ihre Arme leer waren, erhob sie
sich, zog die Decke glatt und verließ den Raum, um nur noch einmal zurückzukehren. Sie nahm ihre
alte Reisetasche und packte. Obenauf kam das Wichtigste. Das Stück Tapete, das Adams Umrisse
zeigte. Vorsichtig löste sie den Teil der Bahn von der Wand und erinnerte sich dabei an das Stück
eingesetzte weiße Tapete hinter ihrem Kleiderschrank.
Behutsam rollte sie das Papier ein und legte es in die Tasche. Dann zog sie die Flurtür hinter sich
zu, und ohne sich auch nur einmal umzudrehen, ging sie. Ging die Straße hinunter, dahin wohin sie
ihre Füße trugen. Sie würde die Zeichen erkennen und ihnen folgen. Keinen Moment zögerte sie,
als sie geradewegs in den bereitstehenden Bus stieg.
Ihre Arbeitskollegin rief in den nächsten Tagen mehrmals an, ohne Erfolg. Schließlich ging sie nach
der Arbeit an Maries Wohnung vorbei. Keiner öffnete, nichts war zu erkennen. In der darauffolgenden
Woche hielt sie es nicht mehr aus. Sie malte sich die schlimmsten Dinge aus. Marie hilflos in
ihrer Wohnung, niemand der sie hörte. Sie musste endlich Klarheit haben.
Im Büro der Vermietungsgesellschaft saß dieselbe Dame wie vor Wochen hinter dem Schreibtisch.
Als sie das Anliegen ihrer Besucherin hört, nahm sie nach kurzem Zögern ein Schriftstück aus
dem Schreibtischfach und warf einen kurzen Blick darauf, ehe sie antwortete. „Wir sind dabei die
Wohnung zu räumen und alle Gegenstände einzulagern. Die Mieterin ist verschwunden, sie hat nie
gekündigt.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!