Kurzgeschichten-Sammlung von Sabine Janz

Eine Kurzgeschichten-Sammlung vom Feinsten, geschrieben von der Autorin Sabine Janz.

Teaser:

Nach ein paar Youtube-Videos fühlte ich mich bereit, die Arbeit anzutreten, die vor mir lag. Ich holte die Festplatte raus, stöpselte das Netzteil an die USB-Verbindung und wartete. Nichts tat sich. Hm. Wie jetzt? Was kaputt? Vielleicht das Kabel, das seinen Geist aufgab. Ich tauschte das Kabel aus. Nichts. Ich dachte an das Netzteil. Nichts. Ich versuchte einen anderen Computer. Nichts. Wie jetzt? Nichts? Gar nichts??? Nein, das darf nicht wahr sein! Lass mich jetzt nicht im Stich! Ich überlegte. Kurzentschlossen holte ich meine kleine zweite Festplatte raus und schaute mir an, ob denn diese wenigstens funktionierte. Ja, in der Tat. Welche Daten hatte ich denn überhaupt gespeichert? Und waren sie von Belang? An welchen Projekten saß ich denn zuletzt? Hatte ich nicht doch alles auf diese eine Festplatte gespeichert, die jetzt scheinbar nicht mehr ging? Oh je …
ISBN: 978-3-96385-007-3

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Träume von Kirschen

Nach ein paar Youtube Videos fühlte ich mich bereit die Arbeit an zu treten, die vor mir lag. Ich holte die Festplatte raus, stöpselte das Netzteil an und die USB-Verbindung und wartete. Nichts tat sich. Hm. Wie jetzt? Was kaputt? Vielleicht das Kabel, was seinen Geist aufgab. Ich tauschte das Kabel aus. Nichts. Ich dachte an das Netzteil. Nichts. Ich versuchte einen anderen Computer. Nichts. Wie jetzt? Nichts? Gar nichts??? Nein, das darf nicht war sein! Lass mich jetzt nicht im Stich! Ich überlegte. Kurzentschlossen holte ich meine kleine zweite Festplatte raus und schaute mir an, ob den diese wenigstens funktionierte. Ja, in der Tat. Welche Daten hatte ich den überhaupt gespeichert? Und waren sie von belang? An welchen Projekten saß ich den zuletzt? Hatte ich nicht doch alles auf diese eine Festplatte gespeichert, die jetzt scheinbar nicht mehr ging? Oh je – Ich schaute auf meinem Computer nach. Was hatte ich gespeichert? Was war wirklich vorhan-den. Was hatte ich ins Internet gestellt? Was per E-mail versandt? Wo überall hatte ich meine Datenspuren hinterlassen. Hatte ich doch nicht nachgedacht? Oh je – Vielleicht kann man das ja ganz schnell reparieren. Vielleicht ist das alles ja ne Kurzschluss-reaktion. Und wenn nicht? Was hatte ich nicht alles gemacht? Die letzten Jahre, Monate, Wochen, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden? Lief sie nicht noch gestern wie ne Eins? – Was war passiert? Hatte ich sie nicht immer ordentlich gepflegt, sie eingepackt wie ein Geschenk an mich selbst, ein Objekt mit Vergangenheit und Zukunft, das digitale Medium des Hier und Jetzt der Datenspeiche- rung? Und was nun? Ist denn alles digitale Leben jetzt futsch? Mein ganzes digitalisiertes Leben futsch? Oh je – Eigentlich träumte ich gerade von Sommer und Kirschen. Jetzt sitz ich fest. Mein Blick fiel auf die Klorolle neben mir, die ich eben erst aus der Toilette geklaut hatte, da ich die Taschentücher vergessen hatte. Oh ja, wie die Rolle fühl ich mich jetzt. Ein weisse, sanftes Etwas ohne Vergangenheit und Zukunft. Ein Objekt, dessen Sinn im Vordergrund steht als die Schönheit seiner selbst. Die Klorolle, welche viel zu schnell alle wird, wenn man sie am Nötigsten braucht; genau wie der Platz auf einer Festplatte. Ja, ich träumte von Kirschen und nahm die Klorolle vors Auge. Schaute durchs Loch und dachte nach. – Spock auf Tuchfühlung –

Der Ansager

Heute bin ich mal wieder mit dem Bus unterwegs. Ich schätze die Bahn zwar, wegen ihres Komforts, dass man sich mal in den Gängen bewegen kann, die Beinfreiheit größer ist und die Fahrt eigentlich sehr ruhig und gleichmäßig ist, aber – der Bus ist einfach unschlagbar billig. Seitdem diese ganzen neuen privaten Buslinien in deutschen Landen kursieren und auch darüber hinaus, habe ich be- merkt, wie praktisch und preiswert das sein kann. Meistens ist man aber irgendwie an seinen Sitz gekettet und kriegt, wie im Flieger, ein ähnliches Gefühl der Thrombose. Nichtsdesdotrotz! Für den schmalen Geldbeutel lohnt es sich immer wieder. Gleich bei Fahrtantritt wird man nett begrüßt: „Bitte anschnallen, denn das ist Pflicht – wenn denn Gurte vorhanden sind…“ Wenn Gurte vorhanden sind? Hm… Erinnert mich irgendwie an meine Kindheit in der DDR. Im Trabi gab’s auch nie Gurte auf der Rückbank. Und außerdem war das Pappmaschéemobil auch immer so vollgestopft mit Kind, Kegel und Co., dass man gar keine Frei- heit hatte (Thrombose garantiert). Wenn es denn wirklich durch einen dummen Zufall einen Unfall hätte geben können, wären die Kinder auf der Hinterbank wahrscheinlich auch nicht mal nach vorne geschleudert worden, da sie so eingekeilt saßen, dass nur ein sehr heftiger Aufprall ein nach vorne schnellen hervorgerufen hätte. Oh je, die armen Kinder. Ein Glück ist mir das nie passiert. So ohne Gurt. So ohne Sicherheit. So sorgenlos im Pappmaschéemobil der Geschichte. Naja, eigentlich hatte ich sehr schöne Erinnerungen an unseren Trabi. Eine Fahrt nach Ungarn beispielsweise. Ein ganz anderes Gefühl der Freiheit mit 80km/h über die Landstraße zu brettern. Das fast betäubend laute Geräusch des Motors in den Ohren zu haben, der alles gab. Was für ein Gefühl. Unbeschreiblich. Ein Mal hatte ich das Glück nach dem bestandenen Führerschein auch mal so nen Trabi zu fahren, denn meine Oma ist immer noch stolze Besitzerin dieser Ossitrophäe. Oh ja, mit Oma Trabi fahren. Das war ein Spaß! Erstmal den Schock ziehen, oder so, damit der 2Takter überhaupt startet, dann das 4-‐Gängesystem verstehen und rauf auf die Landstraße. Und immer schön Kurbeln, ist ja alles ohne Servolenkung. Nach der Spritztour hat mir meine Oma erzählt, dass sie sogar immer spezielles Öl dabeihaben müssen, da es ja keine „Gemischt“-Zapfsäulen mehr an den Tankstellen gibt. Wie krass ist das denn? Das Öl selbermischen, damit die Kiste fährt? Hört sich ja fast so an, als ob ich da auch nen hochprozentigen Alkohol reinkippen könnte, und dann fährt das Auto schon?! (Machen die das nicht sogar manchmal in Ungarn?) Gibt ja schließlich auch Züge, die mit Rapsöl fahren, und Autos mit Hybridantrieb sind auch in Planung. Jaja, die Ressourcen werden knapp. Und wenn man da noch so eine Ossitriumphäe fahren möchte, aus Nostalgie oder anderem, muss man halt sein eigenes Öl mischen. „Wir haben auch eine Toilette an Bord, für den Notfall, aber leider geht seit Freitag die Spülung nicht mehr richtig. Am Wochenende haben bekanntlich alle Werkstätten zu und ich konnte den Bus nicht zur Reparatur bringen. Dies werde ich heute Abend natürlich nachholen. Falls Sie also ein Geschäft verrichten müssen, bitte ich Sie darum, das nur im Notfall zu tun. Ich habe mich zwar bemüht, das Spülsystem notdürftig zu reparieren, aber bitte benutzen sie die Toilette nur im Notfall.“ – Repariert? Notdürftig? Benutzen oder nicht? Was denn nu? Soll ich das jetzt mal so „notgedrungen“ ausprobieren und mal schaun, ob mir der eigene Urin ent- gegenrinnt oder ich gleich vom Gestank in Ohnmacht falle, bevor ich meine Notdurft erledigt habe? Ich ertappe mich bereits beim Schnüffeln. „Ach ja, und die Herren der Schöpfung bitte ich auch, falls sie unbedingt zur Toilette müssen, dass sie sich hinsetzen. Ich bin zwar ein geübter Busfahrer, aber auch ich kann nicht dafür garantieren, das ich immer um alle Schlaglöcher und Dellen der Fahrbahn fahren kann, ohne das der Bus nicht ins Schaukeln gerät. Falls Sie sich also gerade dann auf Toilette befinden sollten, möchte ich somit nicht ihre Pinkelspuren beseitigen müssen. Darum setzen sie sich bitte hin. – Auch die Frauen wer- den es ihnen danken.“ – Wo er recht hat, hat er recht. „Ach ja, nur noch ein letztes Wort zur Toilettenbenutzung: Falls Sie eine Schuhgröße größer als 43 haben sollten, bitte ich Sie die Toilette doch bitte gleich rückwärts zu betreten, da ein Wenderadius innerhalb der Toilette dann nicht mehr möglich ist. – Vielen Dank und gute Fahrt.“ Ich glaube mittlerweile hab ich ein ziemlich genaues Bild von dieser Toilette bekommen, dass ich sie mir wohl nicht mehr unbedingt von Ihnen ansehen muss. Es ist herrlichster Sonnenschein draußen. Eigentlich ein perfektes Wetter um einen Spaziergang an der Luft zu machen, statt in einem Bus zu sitzen. Neben mir wird gegessen. Mir läuft das Wasser im Munde schon zusammen, wenn ich nur die Backwarentüte sehe. Hunger! – Wie kann das sein? Ich hatte doch erst eine Laugenstange vor ca.1Stunde? Besteht mein Magen aus einem einzigen gro- ßen Loch, dass immer hungrig ist? Oder sollte ich mir Gedanken machen, dass dieser Hunger noch eine viel tiefere psychologische Ursache hat? – Mir fällt mein Impfpass wieder ein. In dem Stand, dass ich als Säugling so klein und winzig war, dass man 7 Mahlzeiten am Tag verordnet hatte, damit ich schnellsmöglich auf ein normales Maß wuchs. Bestimmt hat meine Mutter aus Fürsorge und Liebe diese 7 Mahlzeiten streng eingehalten. Also kann ich ja als Säugling oder Kleinkind schon mal nicht verhungert sein, oder? Woher also dieser Hunger? Bestimmt bloß Futterneid. Vielleicht sollte ich mich statt auf industrielle Backwaren doch lieber auf den schönen Sonnenschein konzentrieren und ein paar Sonnenstrahlen sammeln. Macht vielleicht nicht satt, aber glücklich.

Der Rhythmus der Zeit

Nach einem anstrengenden langen Tag voller neuer Impulse, Ideen, interessanter Menschen, die ich kennenlernen konnte, regem Austausch und vielem mehr, entschieden wir uns den Abend mit ein wenig Musik und Party ausklingen zu lassen. Unsere Truppe setzte sich aus ca. 8 Leuten unter- schiedlichen Alters, sozialem Hintergrund und sogar Ländern zusammen, obwohl wir alle Deutsch sprachen – mehr oder weniger. Nur Einer kannte sich in der Gegend aus und wollte uns mal ein bis zwei nette Orte zeigen, die uns vielleicht gefallen könnten. Gesagt, getan, wurde Gruppen-‐ Schwarzfahren in der S-Bahn betrieben. Darüber musste man keine Worte mehr ver- lieren. Alle waren sich einig. – Das kann nur ein guter Anfang sein, dachte ich. Nach viel Umherlaufen in der Stadt und Scherzen über Kuriositäten, die ins Auge fielen, kamen wir mit den nun inzwischen leeren Bierflaschen am besagten Gebäude an. Gleich beim Eingang wurde gefragt, ob wir den Gastgeber kannten oder eingeladen seien, da es vermut- lich so eine Art Privatclub wäre, die Räumlichkeiten sehr eng und somit die Auswahl der Gäste „er- lesen“. Die tollkühnen Frauen unter uns waren flink im Denken und Handeln und meinten, dass sie öfter hier seien und Peter sie eingeladen habe. Ein Lächeln der restlichen Gruppe sollte den Worten der forschen Frau Ausdruck und Glaubhaftigkeit verleihen. Der Türsteher meinte: „Ok, alles klar. Wie viele seid ihr denn?“ – „8“ – und ließ uns gewähren. Der Raum war proppevoll und nicht größer als ein Wohnzimmer. Die Leute waren wie Sardinen in einer Dose zusammengepfercht; nur das Öl fehlte. Trotzdem war eine gute Stimmung in der Luft und der DJ des Hauses legte irgendwas zwischen Electro/Seventies auf. Alle fingen an zu tanzen, wie kleine Kinder, die ein Karussell zum ersten Mal betraten. Die Feierlaune war anscheinend groß, denn man musste mal alles rauslassen, was man am Tag so erlebt hatte. Den Körper mal richtig austoben, von all dem Zeug; ob gut oder schlecht, informativ oder weniger, was man am Tag alles so erlebt hatte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es so viel ist, was man erlebt, dass einem einfach nur die Wor- te fehlen. Das man versucht dem allen Stand zu halten. Die Kontrolle nicht zu verlieren, die man schon lange nicht mehr hat oder noch nie hatte. Das der ständige Informationsüberfluss einen blind macht für die wichtigen Sachen im Leben. Einem eine Richtung suggeriert, die das System vorgibt. Ja, das System, das plötzlich immer größer wird und in dem man selber nur die Schachfigur auf dem Brett ist. Und wenn man das alles verstanden hat, versucht hat es zu ändern, sich Mühe gegeben hat und trotzdem unverstanden bleibt, weil man sich nicht anpassen will – weil man weitergedacht hatte. Ja, was dann? Dann sagt man irgendwann nichts mehr, gar nichts mehr. Dann verliert man die Worte. Dann verliert man sich in seinen Gedanken, man könnte noch irgendwas Gutes tun für die Welt. Vielleicht könnte man helfen. Vielleicht ist das auch alles schon zu viel. Am Ende verstummt man. Dann schaut man sich um und hat nur noch eine Frage: „Tanzen wir?“ – Ich sage: ja. Nach dem ganzen Getanze im „Wohnzimmerclub“ wollten plötzlich alle weiterziehen und meinten, da gäbe es noch eine andere interessante Sache. Irgendwie meinten alle, man müsse nochmal alles für die Nacht rausholen, man müsste an alle Orte dieser Stadt gleichzeitig gehen und alles gleichzeitig erleben. – Ein Leben im Überfluss. Ein Leben im Rhythmus der Zeit. Ich ließ mich überreden, und wir suchten nach anderen Gelegenheiten, anderen Orten, die vielleicht interessant sein könnten. Schließlich gelangen wir mit viel Rumfragen und Verlaufen an einen klei- nen Club mit zwei Etagen in dem Musik unterschiedlichster Art aufgelegt wurde. Von 60er Jahre Soul, über Bob Marley bis deutschem Hip-Hop war alles dabei. Eigentlich fand ich das gar nicht schlecht und fing auch gleich an zu tanzen. Irgendwie schien aber die Einrichtung des Clubs doch eher „loungig“ zu sein, die Besucher eher unter sich zu sein, als neugierig für eine Truppe verrückter Außerirdischer, die nicht aus der Gegend kamen. Komische Situation. Ich schaute mir das Geschehen von der Empore aus an und beobachtete die Menschen. Meine Gruppe, mit der ich gekommen war, schien sich aufzuspalten und ich schaute nach draußen. Dort erfuhr ich, dass sie rausgeschmissen wurden, da sie versucht hatten, etwas zu „rauchen“, doch den Securities entging das keines Falls. Die Meisten von uns entschieden sich endlich nach Hause zu gehen; zumindest an dem Ort, wo wir Unterkunft hatten.Es reichte für heute. Jedenfalls mir. Endlich an der U-Bahn angekommen, musste ich nochmal schauen, wo ich denn eigentlich ge- nau war und wo ich hinmusste. Der einzige Einheimische wusste Bescheid und sagte mir, wo ich hinmüsse. Wir verabschiedeten uns und ich ging zur U-Bahn. Anzeigetext: „40min Wartezeit.“ Sch—- Ich ging wieder nach oben und entdeckte ein kleines Café, das offen war. Verwundert und über- rascht schaue ich hinein und las die Angebote. Ich holte mir einen Kaffee und ein Stück Gebäck, und setze mich an einen der leeren Tische. Zeit hatte ich ja genug.

Der Blick dem Gehöft zugewandt

Die Wartezeit war vorüber und die U-Bahn fuhr endlich ein. Ich sehnte mich nach einem Bett und einer warmen Decke, nach Ruhe, Frieden und Schlaf. Aus der U-Bahn gestiegen, schaute ich mich nach der Straße um, die ich noch im Kopf hatte. Nirgends war sie zu finden, kein Lageplan, keine Idee wo ich den genau war, auch wenn mir mein Instinkt sagte, dass ich in der Nähe war. Ich fand ein Pärchen auf dem Nachhauseweg und fragte nach der Straße. Sie zeigten mir die Richtung. Schließlich fand ich die Straße und suchte nach der Hausnummer, die ich leider nicht aufgeschrieben hatte. Verdammt. Ich versuchte mich zu erinnern. Ich suchte nach einem Hinterhof und einer bestimmten Art von Ge- bäude. Aber als ich so entlang der Straße schritt, schien plötzlich alles im Dunkel der Nacht gleich auszusehen. Gleiche Häuser mit gleichen Hinterhöfen. Gleiche graue Fassaden der Nacht. Mir wurde ein wenig komisch zumute, als ich so voran schritt und plötzlich merkte, wie lang die Straße war und ich noch lange suchen müsste. Verzweifelt versuchte ich Leute zu finden in der fortgeschrit- tenen Nacht, die ich fragen konnte; jemand der vielleicht ein Smartphone hatte, auf dem ich kurz im Internet schauen konnte, dann wüsste ich auch die Hausnummer und ich könnte endlich schlafen. Nach drei Personen, die ich fragte, und die alle kein Smartphone besaßen und das Haus nicht kann- ten, nach dem ich suchte, wurde ich nur noch verzweifelter. Oh je. Schließlich traf ich zwei Menschen gleichzeitig; einen jungen Schwarzen und einen Älteren. Beide waren sie aus der Stadt, aber konnten mir nicht weiterhelfen. Beide hatten sie auch kein Smartphone (Gibt’s das?!). Wir kamen ins Gespräch und schließlich lud mich der Ältere zu sich nach Hause ein, denn er wohne um die Ecke und ich könne dort im Internet nachschauen. Naja, dachte ich, viel zu verlieren hatte ich nicht und es schien mir nicht so, als würde er mich abschlachten wollen, wenn ich zu ihm nach Hause käme. Wir gingen zu ihm in den vierten Stock eines alten Hauses. Die kleine Wohnung, in der er lebte, schien eher nach Studentenbude auszusehen, aber irgendwie schien er mir zu alt dafür zu sein. Er fragte mich, ob ich Lust auf einen Kaffee hätte. Ich bejahte. Beim Blick durch die Wohnung fiel mir die Plattensammlung und der Plattenspieler auf. Wir unterhielten uns über Musik und das er gerade von einem Konzert nach Hause komme. Er selbst habe sogar eine Band. Er zeigte mir eine CD, die sie aufgenommen hatten. Ich schaute mir die Plattensammlung näher an; größtenteils 80er Punk-Geschichten, Pink Floyd (natürlich), Ton Steine Scherben, Ein- stürzende Neubauten, aber auch 70er Jahre-Sachen und ein bisschen Neueres. Beim Kaffee erzählte er mir, dass er in Tübingen studiert hatte und jetzt Studienrat sei. „Studienrat? Nein, nicht wirklich, oder?“ „Ja, meine Wohnung sieht nicht danach aus , ich weiss. Ich wollte nicht so spießig enden.“ Ich fragte ihn, ob er hier ganz alleine wohne und ob er Kinder hätte. Sein Blick sprach Bände – er wollte nicht darüber reden. Der Herr Studienrat bot mir eine Zigarre an. Ich meinte, dass die ganz schön gut und teuer aussehen. „Ja, das sind sie auch. Ich rauche sie nicht so oft. Bediehn dich!“ Wir rauchten und tranken Kaffee. Schließlich fragte er mich, was ich denn in dieser Gegend mache, wenn ich nicht von hier komme. Ich erzählte ihm, dass ich geschäftlich hier sei und etwas mit dem Studentenfestival und Neuen Medien zu tun hätte. Wir unterhielten uns über Filme, Pädagogik und Kunst. Schließlich zeigte er mir eine Malerei, die er als Hintergrundbild für seinen Computer hatte. Die Malerei schien an der Grenze zwischen Biedermeier und Moderne entstanden zu sein. Viel- leicht zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Vielleicht an der Grenze zu den Modernen Zeiten, der Zeit der Erfindung von Eisenbahn und Automobil. Das Bild war in eine 2/3 Ansicht geteilt, oben war der Himmel zu sehen, der Rest bestand zum größ- ten Teil aus Flur und Wiese. Im Hintergrund war am rechten Bildrand ein Gehöft zu sehen, vielleicht ein Bauernhof. Im Vordergrund lag eine junge Frau auf der Wiese in weißer Kleidung. Sie war von der Seite zu sehen und hatte ihren Körper, dem Gehöft gewandt. Die junge Frau stütze sich auf ihre Arme, der Rest des Körpers war eher in einer ruhigen Haltung am Boden liegend. Man sah sie also nur seitlich von hinten, nicht ihre Augen, noch den Ausdruck auf ihrem Gesicht, denn der war dem Gehöft im Hintergrund zugewandt. Somit konnte man nur vermuten, anhand der Körperhaltung, dass sie sich nach dem Hause sehnen könnte. Der Studienrat erzählte mir, dass er dieses Bild ganz außergewöhnlich finde. Er habe nämlich erfah- ren, dass der Maler auf diesem Bild seine eigene Schwester gemalt habe und diese war Zeit ihres Lebens querschnitzgelähmt. Jetzt verstand ich alles! Was für ein Bild. Welche Kraft. (Warum habe ich mich damals nicht nach dem Maler erkundigt, der es malte? Wie kann ich es her- ausfinden? Dieses Bild sprach Bände für unsere Zeit – ) Ich schaute mir die Malerei als Bildschirmhintergrund lange an -und schließlich aus dem Fenster. Es dämmerte schon längst. Der Morgen brach an. Ich schaute im Internet nach meiner Adresse bzw. nach der genauen Hausnummer und fand es auf anhieb. Es lag nur ca. 20 Häuser entfern, von wo ich jetzt war. Ich dankte für den Kaffee, die nette Unterhaltung , die Zigarre und verabschiedete mich. Mein Kör- per schleppte sich mit letzter Kraft in das warme Bett, dass ich seit gefühlten Stunden so sehr er- sehnte und verzweifelt gesucht hatte. Mir ging das Bild nicht aus dem Kopf. Schließlich schlief ich ein.

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