Niederbayer und Moderlieschen von Thyra Thorn

Beim Angeln lässt sich sehr gut nachdenken. Ob über die Familie, die Politik oder einfach nur über das Leben. Manchmal jedoch vermischen sich die Gedanken zu einer fantastischen Geschichte.

Teaser:

Über der Wasseroberfläche hängt eine kompakte Masse Nebel, die so undurchdringlich scheint, dass man fürchtet, sich den Kopf zu stoßen, wenn man dagegen rennen würde. Der Niederbayer ist sich jedoch sicher, dass sein Schädel fast jedem Aufprall mühelos standhalten könnte. Eine anstrengende, geradezu mörderische Arbeitswoche liegt hinter ihm. Jetzt will er sich beim Fischen vergnügen. Vom Nebel lässt er sich nicht aufhalten und teilt ihn energisch mit dem Bug seines Bootes, fährt aber mit gedrosseltem Motor. Das Wasser der Donau fließt träge, eine graugrüne Oberfläche, nur wenig von …
ISBN: 978-3-96385-008-0

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Über der Wasseroberfläche hängt eine kompakte Masse Nebel, die so undurchdringlich scheint, dass man fürchtet, sich den Kopf zu stoßen, wenn man dagegen rennen würde. Der Niederbayer ist sich jedoch sicher, dass sein Schädel fast jedem Aufprall mühelos standhalten könnte. Eine anstrengende, geradezu mörderische Arbeitswoche liegt hinter ihm. Jetzt will er sich beim Fischen vergnügen. Vom Nebel lässt er sich nicht aufhalten und teilt ihn energisch mit dem Bug seines Bootes, fährt aber mit gedrosseltem Motor. Das Wasser der Donau fließt träge, eine graugrüne Oberfläche, nur wenig von der Strömung gekräuselt. Ein dumpfes Platschen irgendwo im Nebel, wahrscheinlich ein Fisch, der ein vor Nässe taumelndes Insekt erspäht hat und aus dem Wasser gesprungen ist, um es zu fangen. Der Niederbayer ist auf größere Beute aus. Vor ungefähr zwei Monaten saß er an einem sonnigen Altweibersommertag am Ufer des Flusses. Ein breiter Kopf mit langen Barten beidseitig des Maules tauchte auf, schnappte nach einem schwimmenden Brotstück, der breite Rücken wölbte sich noch über die Wasseroberfläche, dann verschwand der große Fisch, offensichtlich ein Waller, wieder in den Fluten. »Dich will ich haben«, hatte er beschlossen. »Dich werde ich kriegen«, denkt er heute und steuert sein Boot in die Mitte der Strömung. »Wirst Du nicht«, meint ein Moderlieschen, das neben seinem Boot sein Köpfchen aus dem Wasser reckt, »außerdem, was willst du mit so einem großen Fisch?« Er antwortet nicht, wer hätte denn je gehört, dass sich ein gestandenes Mannsbild mit einem Moderlieschen unterhalten hätte? »Hey, ich habe dich etwas gefragt.« Der kleine Fisch ist nur neun Komma zwei Zentimeter lang, sein Stimmchen hat jedoch eine derart hohe Frequenz, dass es die Neuronen im oberen Teil seiner Großhirnrinde zum Sirren bringt. Kann er leider nicht ausschalten oder verdrängen. Er sieht sich also um, aber mitten auf dem Strom ist natürlich keiner, der Zeuge seiner Unterhaltung mit einem Moderlieschen werden könnte. »Das geht dich ja wohl einen feuchten Dreck an«, schnauzt er derart unfreundlich zurück, dass ein Neunauge auf der anderen Seite des Bootes acht seiner vielen Augen anklagend gen Himmel verdreht, »Lackel, niederbayerischer«, murmelt und abtaucht. Das Moderlieschen ist schon älter und lässt sich von einem fünfundvierzigjährigen Jungspund nicht so ohne Weiteres aus der Fassung bringen. »Ich kenne den Waller, er ist hier der Chef, ein Despot, ungerecht, manchmal könnte ich ihm auf sein großes Maul hauen.« »Na also, dann passt’s ja.« Der Niederbayer grantelt immer noch, das liegt in seinen Genen. »Den fange ich euch weg und ihr seid frei.« »Frei vom Waller? Du meinst Königsmord, Revolution, gesellschaftlichen Umsturz, Erstarken der breiten Massen des Volkes und ein glückliches Leben in einer Basisdemokratie?« »Ähm.« »Oder meinst du das Erstarken der Oligarchen, dieser blauröckigen, fetten glotzäugigen Karpfen, die jetzt schon immer mit ihm überall im Schlamm gründeln? Die dann seine unsauberen Geschäfte übernehmen?« »Ganz schön verrottet und desolat bei euch da unten, eine durch und durch modrige Angelegenheit.« Er freut sich über sein Wortspiel. »Na Lieschen, modert ihr alle so?« »Tu doch nicht so, als ob es bei euch anders wäre. Dann mach deinen Schmodder eben allein, wirst schon sehen.« Gekränkt dreht der kleine Fisch ab. Dem Niederbayer tut es ein bisschen leid. »Sie hat schon eine sehr dünne Haut«, denkt er sich, platziert einen Angelhaken mitsamt fettem Wurm kurz über dem schlammigen Grund und wartet. Der Nebel lichtet sich etwas, ein Tauchhuhn schwimmt vorbei und stiert ihn an, zeichnet einen Halbkreis und schwimmt an der anderen Seite des Bootes vorbei, betrachtet ihn noch ausführlicher, setzt eine blasierte Miene auf und verschwindet. Zwei Mücken haben ihn entdeckt, fliegen nach Hause und kommen mit ihrer durstigen Großfamilie wieder zurück. Er wartet. Und fuchtelt. Und flucht. Und reibt sich mit Autan ein. Und wartet. Der Nebel wird wieder dichter. Sein Boot gerät leicht ins Schwanken, ein großer Baumstamm ist gegen ihn geprallt, treibt jetzt längsseits und droht ihm mit hochragenden Ästen. »Es ist ein Zeichen, alles hängt zusammen, und alles weist auf etwas anderes«, säuselt eine Flussqualle und treibt mit blassgrünem Leuchten vorbei. Der Niederbayer lehnt sich zurück, wird schläfrig und etwas nachlässig und wäre, von dem plötzlichen Ruck an seiner Angelschnur überrascht, beinahe ins Wasser gefallen. Vermeint, das Moderlieschen kichern zu hören. Der Waller hat angebissen und kann sich nicht mehr befreien. Er will fliehen und zieht – es muss sich um ein sehr großes Tier handeln – das Boot in stetem Zug hinter sich her. Der Angler wartet einfach ab. Dörfer und Städtchen am Flussufer gleiten undeutlich und verschwommen an ihm vorüber, und allmählich lässt die Kraft des Fisches nach. Er taucht ab und die Angelrute biegt sich, als wolle sie brechen. Da nimmt der Niederbayer die Schnur in die behandschuhten Hände und fängt an, den Fisch zu drillen. Lässt dem verzweifelten Tier ab und zu ein wenig Ruhe, gestattet ihm ein paar weitere Kreise und zieht die Leine wieder straff an. Er ist sehr geübt in diesen Dingen. »Kannst du gut, nicht? Jemanden um den kleinen Finger wickeln, dass er nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist?« Das Moderlieschen grinst. »Die schon wieder«, denkt er sich, freut sich aber trotzdem, sie wieder zu sehen. „War nicht so gemeint mit dem Modern.« »Na ja«, antwortet sie. »Hab mir nicht weiter den Kopf zerbrochen. Apropos, was wirst du mit dem großen Fisch machen, schon drüber nachgedacht?« »Ich persönlich mag eher Schweinebraten. Aber die andern werden ihn schon essen. Meine zwei Söhne zum Beispiel, meine Frau oder meine Eltern. Der Rest kommt in die Tiefkühltruhe.« »Du bist also ein Sportfischer und tötest nur aus Vergnügen? Oder weil du dich beweisen willst?« Das Moderlieschen schüttelt den Kopf. »Ihr Männer wollt immer irgendeinen besiegen. Und du willst eben einfach mal einem Riesenfisch eins drauf geben. Je größer der Fisch, desto größer die Ehre.« »Wenn ich ihn erlegt habe, darfst du ihm aufs Maul hauen.« „Echt?« Das Moderlieschen freut sich. Der Waller kommt an die Oberfläche. Sein Schädel ist so groß wie ein Männerkopf, ein gleichwertiger Gegner. Er schlägt mit dem Schwanz gegen das Boot. Der Niederbayer lässt ein wenig Schnur nach, und der Fisch will wieder abtauchen. Die Angelschnur gräbt sich in das Leder seiner Handschuhe. Er packt noch fester zu und hält dem Zug stand. Seine Schultermuskeln verkrampfen. Die alte Sportverletzung im Ellbogen schmerzt wieder. Aber er lässt nicht los. Seine Hände, die so fest zupacken können, dass Keramikfliesen zerbröseln, lassen nicht locker. Der Fisch wird müde. Gegen Ende des unwirklichen Nebeltages hat er die Kraft des Wallers gebrochen. Er zieht ihn an sein Boot, haut ihm mit einem großen Hammer auf den Kopf und versenkt die lange Klinge seines Messers in seinem Brustkorb. Das schöne Tier ist tot, und fast tut es dem Niederbayern leid. »Mir auch«, sagt das Moderlieschen. »Er war schon ein prächtiger Leithammel. Wer weiß, wer von seinen Wadlbeißern jetzt seine Position einnimmt? Vielleicht Kronprinz Goldarsch oder die knochenlose Seegurke mit dem gestutzten Clark-Gable-Bärtchen? Aber du hast gewonnen, und deine Söhne werden Augen machen.« »Willst du ihm immer noch eine aufs Maul hauen?« »Nein, er tut mir leid. Pass auf die Leichenfledderer auf.« Der Niederbayer hat den Fisch nicht in sein Boot zerren können und muss ihn längsseits vertäuen. Ein Zittern durchläuft den toten Körper. Eine Schnappschildkröte, die es in der Donau nicht geben dürfte, die aber irgendein überforderter Tierliebhaber hier ausgesetzt hat, knabbert am weißen Bauch seiner Beute. Der Niederbayer erwischt ihr Hinterbein und schleudert sie weg. Gleich einem flachen Stein prallt die Schildkröte noch ein paar Mal von der Oberfläche ab, bevor sie im Wasser versinkt. »Ein guter Wurf. Immer diese Neozoen.« Das Moderlieschen scheint Fremde nicht zu mögen. »Und die haben hier auch nichts zu suchen.« Es deutet auf die hungrigen Kormorane, die sich auf dem breiten Rücken des Fisches niederlassen wollen. So kämpft der Niederbayer um einen toten Fisch, dessen Fleisch ihm nicht mal schmeckt. Es geht eben ums Prinzip. Tapfer stellt er sich seinen Gegnern, tritt an: Gegen Scharen großer Möwen, die nicht nur Stückchen aus seinem Fisch picken, nein, die dabei auch noch alles vollkacken müssen. Gegen zwei Kaimane, die es in der Donau nicht geben dürfte, die aber irgendein verantwortungsloser Reptilienzüchter heimlich dort entsorgt hat. Gegen einen Schwarm Piranhas, die in der Donau nichts zu suchen haben, die aber irgendein vernebelter Idiot in den Fluss gekippt hat. Und gegen diese amerikanischen Krebse, die es aus irgendwelchen Gründen ebenfalls in die Donau geschafft haben. »Allmählich wird’s albern«, murmelt er. Als er endlich zurück zur Anlegestelle kommt, ist von dem prächtigen Fisch nur noch das Skelett übrig. Allenfalls ein paar winzige Fetzen Fleisch hängen noch an dem knorpeligen Grätengerüst. »Die hatten wohl alle ziemlichen Hunger«, murmelt das Moderlieschen, schmiegt sich an die Hand, die der Niederbayer erschöpft und kraftlos ins Wasser hängen lässt und säuselt:«Inzwischen wurde der Goldarsch zum Nachfolger gewählt. Dem wollte ich schon immer eins aufs Maul hauen. Was meinst du – nächsten Samstag?«

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