Rherrys Gartentor von Raymond Zoller

Von Briefträgern, Prinzessinnen und Ameisenbären

Teaser:

Ein Gartentor kann, wenn es geschickt konstruiert ist und sich ohne Quietschen öffnen lässt, eine durchaus angenehme Erscheinung sein, die dem Blicke des Passanten Erquickung bietet und den Händen des die Post bringenden Briefträgers ein Labsal ist. Der Passant aber, der am Gartentor von Rherry Pruck vorbeizugehen hatte, wandte den Blick, sobald er seiner ansichtig wurde, so weit als möglich ab; und der postbringende Briefträger, der es anzufassen sich anschickte, konnte nie im Voraus wissen, ob er einen Stromschlag bekommt oder nicht. Bekam er einen Stromschlag, so konnte er beruhigt das Tor öffnen und Rherry Pruck die Post bringen; denn das bedeutete, dass der Hund an der Kette liegt. Bekam er hingegen keinen Stromschlag, so wusste er, dass er heute gebissen wird; und ganz beklommen wurde ihm darob zumute, und jedes Mal dachte er, dass er, statt Briefträger zu werden, wohl besser die Tochter des Milchmanns geheiratet hätte und mit ihr nach Australien ausgewandert wäre...
ISBN: 978-3-96385-013-4

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Von Briefträgern, Prinzessinnen und Ameisenbären Ein Gartentor kann, wenn es geschickt konstruiert ist und sich ohne Quietschen öffnen lässt, eine durchaus angenehme Erscheinung sein, die dem Blicke des Passanten Erquickung bietet und den Händen des die Post bringenden Briefträgers ein Labsal ist. Der Passant aber, der am Gartentor von Rherry Pruck vorbeizugehen hatte, wandte den Blick, sobald er seiner ansichtig wurde, so weit als möglich ab; und der postbringende Briefträger, der es anzufassen sich anschickte, konnte nie im Voraus wissen, ob er einen Stromschlag bekommt oder nicht. Bekam er einen Stromschlag, so konnte er beruhigt das Tor öffnen und Rherry Pruck die Post bringen; denn das bedeutete, dass der Hund an der Kette liegt. Bekam er hingegen keinen Stromschlag, so wusste er, dass er heute gebissen wird; und ganz beklommen wurde ihm darob zumute, und jedes Mal dachte er, dass er, statt Briefträger zu werden, wohl besser die Tochter des Milchmanns geheiratet hätte und mit ihr nach Australien ausgewandert wäre. Der Hund, der ihn biss oder, wenn er einen Stromschlag bekommen hatte, nicht biss, hatte lustige Schlappohren, war von undefinierbarer Rasse und hieß Bello. – Im Weiteren musste er dann durch einen Kontrollpunkt hindurch, wo er von einem Uniformierten zuerst nach Waffen und anschließend mithilfe einer Wünschelrute nach fluchbehafteten Gegenständen durchsucht wurde. Dabei musste er jedes Mal seinen linken Schuh zurücklassen, weil sich dort, wie der Uniformierte sagte, ein Dämon eingenistet hatte. Und jedes Mal wurde ihm geraten, einen Exorzisten aufzusuchen, um den Schuh in Ordnung zu bringen; und der Briefträger antwortete, er müsse den ganzen Tag Post austragen und habe keine Zeit für Exorzisten. Dann humpelte er weiter ins Sekretariat und überreichte der Sekretärin, die mal blond war, mal rothaarig, die Post; und zwar jeden Tag einen Einschreibebrief, eine Postkarte sowie sieben Briefe in Umschlägen von unterschiedlichster Größe und Farbe. Die Einschreibebriefe kamen aus den verschiedensten Himmelsrichtungen, aber jedes Mal von dem gleichen Absender; die Ansichtskarte kam dafür jedes Mal aus Honolulu und zeigte abwechselnd mal ein Denkmal mit einem grimmig dreinschauenden Recken, mal eine locker und gelegentlich auch gar nicht bekleidete Schöne. Der handschriftliche Text bestand, außer der Adresse, aus eng aneinandergereihten Hieroglyphen, deren tieferer Sinn dem mit fernasiatischen Sprachen nicht vertrauten Briefträger verborgen blieb. – Die Sekretärin studierte jedes Mal aufmerksam diese Hieroglyphen, die sie mal erheiterten, mal nachdenklich machten und ab und zu auch den Kopf schütteln ließen. Gerüchten zufolge handelte es sich bei ihr um eine verwunschene Königstochter, die irgendein böser Zauberer in das Sekretariat von Rherry Pruck verbannt hatte, wo sie nun Tag für Tag einer unverständlichen Arbeit nachging und ihrer Erlösung harrte. Zu gern hätte der Briefträger sie gefragt, was es mit dieser Verzauberung auf sich habe und ob er irgendwas zu ihrer Erlösung beitragen könne; doch verschob er die Frage immer wieder auf das nächste Mal und begnügte sich damit, ihr, wenn sie rothaarig war, in den Ausschnitt zu gucken, oder, wenn sie blond war, ihre Beine zu betrachten. Warum sie mit rotem Haar immer tief dekolletiert hinter dem Schreibtisch saß, wenn er eintrat, und warum sie ihn bei blondem Haar immer mit aufreizend entblößten Beinen auf der Schreibtischkante sitzend empfing, war ein weiteres Rätsel, das dem Briefträger zu schaffen machte. Dafür hielt sie sich als Blondine oben immer züchtig bedeckt, und als Rothaarige trug sie Röcke bis zu den Knöcheln. *** Der Tag, an dem jene merkwürdigen Ereignisse stattfanden, über die im Weiteren nun zu berichten gilt, unterschied sich zunächst durch nichts von anderen Tagen. Der Briefträger stand auf, wusch sich und frühstückte; dann ging er zur Post, holte die Briefe ab und begann, sie auszutragen. Als er an Rherry’s Gartentor kam und es anfasste, bekam er einen Stromschlag; was ihm die wohlige Gewissheit brachte, dass er heute nicht gebissen werden würde. Doch kaum hatte er das Gartentor hinter sich geschlossen, als mit flatternden Ohren und mit dem üblichen Gekläffe Bello auf ihn zueilte und ihn biss. Der Briefträger staunte sehr; denn so was war ihm noch nie vorgekommen. Von Bello verfolgt, lief er zum Kontrollpunkt, wo er diesmal beide Schuhe zurücklassen musste, weil, wie der Uniformierte sagte, nun auch in dem zweiten Schuh ein Dämon säße. Vielleicht hätte der erste ihn angezogen; und der zweite sei noch viel schlimmer als der erste; und der Briefträger hätte besser getan, rechtzeitig einen Exorzisten aufzusuchen. Auch die Socken müsse er diesmal zurücklassen, denn da seien plötzlich auch Dämonen drin; zwar nicht ganz so gefährlich wie die in den Schuhen, aber doch gefährlich genug. Der Briefträger nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit seine Schuhe und Socken entzaubern zu lassen, und stapfte barfuß in den Empfangsraum zu Rherry’s Sekretärin. Die Sekretärin war heute blond und saß, wie in solchen Fällen üblich, mit übereinandergeschlagenen Beinen und hochgerutschtem Rock auf dem Schreibtisch; aber sie trug einen so tiefen Ausschnitt, wie er ihn auch bei rotem Haar nie an ihr gesehen hatte. Sie blickte von einem Buch auf, in dem sie geblättert hatte, und zwinkerte ihm vielsagend zu. – Der Briefträger wusste nicht, wann und womit er sich solche Vertraulichkeit verdient haben könnte; doch er verstand, dass heute ein Tag ist, an dem die Säulen des Gewohnten nicht mehr tragen, und harrte ergeben der Dinge, die da kommen. Wie er der Sekretärin die Post reichte, fiel ihm auf, dass sie einen violetten Büstenhalter trug und dass die Ansichtskarte heute nicht aus Honolulu kam, sondern aus Wladivostok. Die bereits in allen möglichen Phasen des Entkleidetseins vertraute Schöne war diesmal in einen unförmigen verschlissenen Pelz gehüllt, der nur das außerordentlich erstaunt blickende Gesicht freiließ; und der Text bestand diesmal nicht aus fernasiatischen Schnörkeln, sondern aus einem völlig undefinierbaren Gekritzel. Die Sekretärin schien es aber zu verstehen; sie nickte, als sei etwas eingetreten, was sie schon lange erwartet hatte, und schob sich die Karte in den rechten Strumpf. Früher hatte sie solches nie getan. Der Briefträger staunte. „Die Zeit ist reif “, sagte sie und stand auf. – „Hast du noch ein paar Minuten Zeit? Ich wollte dich um eine kleine Gefälligkeit bitten ...“ Der Briefträger verstand, dass sie nun per ‚du‘ waren. – „Für dich tu ich alles“, antwortete er. „Ja?“, staunte die Sekretärin und betrachtete nachdenklich die nackten Füße des Briefträgers. „Womit habe ich verdient, dass du alles für mich tust? Vielleicht meinst du gar nicht mich, sondern meine Beine? Du guckst sie immer so interessiert an ...“ Der Briefträger errötete. „Deine Beine gefallen mir“, murmelte er verlegen. „Aber ich tu’s für dich.“ „Wo du mich doch gar nicht kennst“, lächelte die Sekretärin. „Meine Beine kennst du. Doch ist dies alles nicht so wichtig; wichtig ist, dass du bereit bist, etwas zu tun; ganz egal, ob für meine Beine oder für mich. Du bist also bereit?“ „Ich tu, was in meinen Kräften steht“, antwortete der Briefträger. Die Sekretärin ergriff eine Flasche Wodka, die auf ihrem Schreibtisch stand. „Meine Bitte ist bescheiden. Diese Flasche nimmst du mit nach Hause, und nach genau 33 Tagen tust du sie in ein Paket und schickst sie per Einschreiben an eine bestimmte Adresse.“ „Wenn’s weiter nichts ist“, sagte der Briefträger. „Und wenn du mal Besuch hast und den Gästen was bieten möchtest, so dürft ihr unter Berücksichtigung bestimmter Bedingungen gerne am Inhalt naschen. Ich seh dir an, dass du gerne naschst ...“ „Selbst trinke ich keinen Schnaps“, winkte der Briefträger ab. „Und wenn ich meinen Gästen davon zu trinken gebe, wird die Flasche nach 33 Tagen vermutlich leer sein.“ „Wer sagt, dass ihr Schnaps trinken sollt? Widerliches Gesöff ...“ – Die Sekretärin reichte ihm die Flasche. – „Machst du mal auf?“ Er zog ein Taschenmesser aus der Tasche, klappte den Korkenzieher auf und entfernte den Korken. In der Luft lag feiner Schnapsgeruch. Die Sekretärin nahm ihm die Flasche ab, ging damit zum Fenster, öffnete es. Und goss den Wodka aus dem Fenster. Die Flasche gluckerte, und draußen hörte man es plätschern. Sie schloss das Fenster, stellte die leere Flasche auf den Schreibtisch. „Wo hast du den Korken? Leg ihn neben die Flasche ...“ Sie kritzelte etwas auf einen Notizblock, riss das Blatt ab und steckte es in einen Umschlag. Den Umschlag klebte sie zu und reichte ihn dem Briefträger. „Die Adresse“, sagte sie. – „Aber erst aufmachen, wenn es so weit ist; sonst wirst du in eine Schildkröte verwandelt.“ „Wieso Schildkröte?“ Der Briefträger verstand nicht. „Weiß ich auch nicht“, antwortete die Sekretärin. „Aber das ist so; irgendein Zauberer hat das so eingerichtet ... Riskier es besser nicht ...“ „Ich werd’'s nicht riskieren“, sagte der Briefträger. „Wenn die Flasche neu gefüllt ist, tust du den Pfropfen drauf und nimmst sie mit nach Hause. Dort muss sie bleiben, bis du sie abschickst; also genau 33 Tage. Wer immer sie vor Ablauf dieser Frist aus deiner Wohnung entfernen sollte, ob du selbst oder sonst jemand, wird in ein Känguru verwandelt.“ „Wieso nicht in eine Schildkröte?“, wunderte sich der Briefträger, der sich schon an die Gefahr, in eine Schildkröte verwandelt zu werden, gewöhnt hatte. „Weiß ich nicht“, antwortete die Sekretärin. – „Vielleicht, weil der Zauberer Abwechslung liebt; vielleicht auch aus anderen Gründen. Aber riskiere es besser nicht ...“ „Ich werd’s nicht riskieren“, versprach der Briefträger. „Dafür steht dir, wie bereits angedeutet, während dieser 33 Tage innerhalb gewisser Grenzen und unter bestimmten Bedingungen der Inhalt zu weitreichender Verfügung“, sagte die Sekretärin. „Die Flasche ist leer“, bemerkte der Briefträger. „Aber sie wird voll sein. Wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, brauchst du nur den Pfropfen rauszuziehen, und das Weitere ergibt sich.“ „Was ergibt sich?“ „Das erfährst du später. Du darfst übrigens nicht allein sein, wenn du die Flasche aufmachst; außer heute Abend. An Tagen mit geradem Datum muss die Zahl der Anwesenden, du selbst eingeschlossen, eine ungerade sein, mindestens aber 3; bei ungeradem Datum muss es eine gerade Zahl sein und nicht weniger als 4. Einzig heute Abend darfst und sollst du die Flasche alleine öffnen. Wenn du die Flasche heute Abend öffnest, wirst du Genaueres erfahren. Falls du sie heute Abend nicht öffnest, so wirst du nichts erfahren, und außerdem erlischt dein bedingtes Recht auf Nutzung des Inhalts. Das wäre schade, aber weiter nicht schlimm. Solltest du sie heute Abend jedoch im Beisein von anderen öffnen, so würden sämtliche Anwesenden auf Lebenszeit in Ameisenbären verwandelt.“ „Ameisenbären? Sind die nicht am Aussterben?“ „Durch Entfernen des Pfropfens im Beisein von anderen würdest du dann heute Abend einen Beitrag leisten, dass sie nicht ganz so schnell aussterben“, sagte die Sekretärin. „Ich werd’s nicht riskieren ...“ „Der Inhalt steht jedes Mal für maximal 4 Stunden und 17 Minuten zur Verfügung. Nach Ablauf dieser 4 Stunden und 17 Minuten zieht der Inhalt ganz von selbst sich zurück in die Flasche. Anschließend musst du die Flasche verkorken. Vergisst du, sie zu verkorken, so machst du Bekanntschaft mit dem Ameisenbärdasein.“ „Und die übrigen Anwesenden?“ „Die bleiben ungeschoren. Du wirst als Ameisenbär sehr einsam sein.“ „Ich werd’s nicht vergessen“, sagte der Briefträger. „Doch sag mir, was bedeutet all dies? Vielleicht ist der Inhalt der Flasche gar nicht so interessant, dass es sich lohnen würde, solche Gefahren auf sich zu nehmen? Was wird denn überhaupt drin sein?“ „Das wirst du früh genug erfahren“, sagte die Sekretärin. Sie setzte sich wieder, genau wie vorhin, auf die Tischkante, schlug die Beine übereinander. „Hast du dir alles gut gemerkt?“, fragte sie. „Wenn die Flasche gefüllt ist – verkorken und mit nach Hause nehmen. Wenn du sie heute Abend zu Hause öffnest, wirst du Näheres erfahren. Und vergiss nicht: Du musst alleine sein; sonst machst du Bekanntschaft mit dem Ameisenbärdasein.“ „Ich habe mir alles gemerkt“, antwortete der Briefträger. „Obwohl ich fast überhaupt nichts verstehe.“ „Man kann nicht immer alles sofort verstehen“, tröstete die Sekretärin. Plötzlich ertönte lautes Rauschen, und die Sekretärin verschwand in einer wirbelnden Rauchwolke. Der Briefträger staunte, dass der Rauch von genau der gleichen Farbe war wie ihr Büstenhalter. Schnell und zügig wurde dieser büstenhalterfarbene Rauch von der Flasche aufgesogen, bis nichts mehr übrig war, und die Sekretärin war weg. Der Briefträger steckte den Pfropfen auf die Flasche, legte sie in seine Tasche und ging. Am Kontrollpunkt zog er seine Socken und seine Schuhe an und lief, von Bello verfolgt, zum Gartentor. Im Weiteren trug er dann, wie an anderen Tagen auch, die Post aus; und als nichts mehr auszutragen war, ging er nach Hause. *** Zu Hause stellte er die Flasche auf die Kommode und betrachtete sie nachdenklich. Nimmer hätte man vermuten können, dass da Rherry’s Sekretärin drin saß. „Sicher ist die jetzt völlig beschwipst“, dachte der Briefträger. Er betrachtete den Flüssigkeitsrest auf dem Flaschenboden. „Man hätte sie vorher auswaschen sollen ...“ Der Briefträger dachte an die bestrapsten Beine; und auch an den Blick ins Dekolletee erinnerte er sich, den er riskiert hatte, während er ihr die Post reichte. Noch nie war sie so locker gekleidet gewesen wie heute. „Ob sie immer noch in diesem Aufzug ist?“ dachte er. „Oder ob sie sich inzwischen umgezogen hat?“ Die Flasche aber wird er ausspülen müssen; wenn sie Alkohol nicht mag, muss ihr dieser Gestank unerträglich sein; und zudem haben beschwipste Frauen etwas Unästhetisches an sich. Er packte die Flasche und zog mit einem energischen Ruck den Pfropfen heraus. Und erschrak, dass nichts passierte. „Vielleicht ist sie an den Dämpfen erstickt?“, dachte er. „Ob ich einen Arzt rufen soll? Doch der Arzt wird glauben, ich hätte die Flasche leergetrunken und würde nun halluzinieren. Denn in der Flasche ist nichts zu sehen.“ Er hielt den Flaschenhals ans Auge und schaute wie durch ein Fernglas auf die Deckenlampe. Ja. Eine leere Flasche. Weiter nichts. „Ob ich das alles bloß geträumt habe?“, wunderte er sich. „Vielleicht hab ich wirklich die Flasche leergetrunken? Doch wozu eigentlich? Wozu hätte ich Schnaps trinken sollen? Widerliches Gesöff!“ Er drehte sie um, schüttelte den Flüssigkeitsrest auf den Teppich. Und stellte die Flasche zurück auf die Kommode. „War wohl nichts“, dachte er. Und dann sah er, wie im Inneren der Flasche sich eine senkrechte Säule bildete aus weißem Dampf, die, anfangs zart durchsichtig, immer dichter und dunkler wurde und schließlich schraubenförmig zu rotieren begann. Und schon strömte dichter violetter Rauch aus dem Flaschenhals, der als wirbelnde Windhose eine Weile neben der Kommode schwebte. Plötzlich begann die Windhose weißen Dunst abzusondern, der sie als helle Glocke schließlich völlig verhüllte; und wie diese helle Dunstglocke anfing, sich aufzulösen, erschien darunter die Sekretärin. Sie war diesmal rothaarig, stand in hochgeschlossenem hautengem Kleid neben der Kommode und sagte: „Hallo, da bin ich.“ „Hallo", antwortete der Briefträger. „Ich wollte die Flasche ausspülen.“ „Die Flasche ausspülen? Warum?“ „Damit du nicht die ganze Zeit den Schnapsgeruch einatmen musst.“ „Sehr edel von dir.“ „Außerdem möchte ich wissen, was los ist.“ „Es war ja abgemacht, dass du das heute Abend erfährst. Darf ich mich setzen?“ „Entschuldige, dass ich dir keinen Stuhl angeboten habe. Bitte …“ Mit einer einladenden Bewegung zog er einen Stuhl unter dem Tisch hervor. Sie setzte sich, verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch und forderte ihn auf, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sehr kühl wirkte sie und sachlich. „Beginnen wir mit der Schilderung der zugrundeliegenden Sachverhalte“, begann sie, als der Briefträger Platz genommen hatte. Und sie begann: „Mein Vater ist seinem Status nach König, und ich bin selbst somit das, was man gemeinhin eine Königstochter nennt. Möglich, dass du davon schon mal gehört hast …“ „Es kursieren solche Gerüchte“, nickte der Briefträger. „Nun gut. Aus Gründen, die mir im Einzelnen nicht bekannt sind, hat mein Vater sich mit irgendwelchem Zauberer verkracht und ihn beleidigt; und dieser Zauberer hat mich, als leibliche Tochter seines Feindes, aus Rache dazu verdammt, in Rherry Prucks Büro als Sekretärin zu arbeiten. Und nun ist plötzlich ein Königssohn aufgetaucht, der mich der Gewalt dieses Zauberers entrissen hat.“ „Und warum fährst du nicht gleich zurück in dein Königreich?“ „Weil vorher noch einiges geklärt werden muß. Die Sache ist nämlich recht verworren.“ „Das heißt, der Königssohn hat den Zauberer noch nicht ganz besiegt?“ „Er hat ihn überhaupt nicht besiegt. Er hat mich beim Pokern gewonnen.“ „Er hat mit dem Zauberer gepokert?“ „Warum nicht? Das waren Saufkumpane. Aber der Zauberer hat ihn reingelegt.“ Sie lachte und wirkte schon nicht mehr ganz so sachlich. „Das heißt, er will dich nicht frei geben?“ „Will er schon. Aber er hat dem Prinzen nicht gesagt, dass ich eine Königstochter bin. Der Prinz gewann mich in dem guten Glauben, ich sei eine ganz gewöhnliche Lustsklavin. Und nun muss er mich heiraten. Aber er will mich nicht heiraten.“ „Ich würde dich sofort heiraten“, sagte der Briefträger. „Davon verstehst du nichts“, antwortete die Königstochter. „Wozu heiraten? Das engt nur ein. Der Königssohn hat recht, dass er sich sträubt. Er versucht nun, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Was nicht so einfach ist; wenn er was falsch macht, wird er in ein Känguru verwandelt.“ „Merkwürdig“, sagte der Briefträger. „Als Lustsklavin wollte er dich. Aber als Frau will er dich nicht.“ „Was soll daran merkwürdig sein?“, wunderte sich die Königstochter. „Auch ich wäre lieber Lustsklavin als Ehefrau. Vor allem musst du bedenken, dass wir dann nicht eine einfache Familie sein werden, sondern eine Herrscherfamilie. Ein Leben wie auf dem Präsentierteller. Ich bin so aufgewachsen und weiß, wie das ist. Nein danke. Die Bräuche sind streng. So lang er nicht verheiratet ist, darf er so viele Geliebte und Lustsklavinnen halten, wie er will. Als Prinz darf er das, und auch nach seiner Thronbesteigung, als König darf er es. Aber nur so lange, als er nicht verheiratet ist. Wenn er verheiratet ist, darf er das nicht mehr. Und ich, als seine Frau, darf keine Liebhaber haben.“ „Auch als seine Lustsklavin darfst du keine Liebhaber haben“, warf der Briefträger ein. „Wenn ich seine Lustsklavin bin, wird er mit mir seine Gäste beglücken“, winkte die Königstochter ab. „Wenn ich seine Frau bin, darf er das nicht, weil das sich nicht gehört. Und wenn es zwischen uns nicht mehr funkt, wenn es langweilig wird, wird er mich als Lustsklavin einfach verschenken oder verkaufen. Oder beim Pokern verspielen.“ „Ja, das kann ich verstehen“, sagte der Briefträger. – „Doch bleibt mir unverständlich, warum der Zauberer den Prinzen zwingen will, seinen Gewinn anzunehmen? Oder will er dich loswerden?“ „Wenn er mich loswerden wollte, hätte er dazu ganz andere Möglichkeiten. Vermutlich hat er einfach seinen Plausch daran, den Prinzen zappeln zu lassen. Und der Prinz ist ganz arg am Zappeln.“ „Und was ist das für eine Adresse, wo ich dich hinschicken soll? Da doch noch gar nicht klar ist, was mit dir passiert?“ „Das ist eine Art Treuhandstelle für verzauberte Prinzessinnen; die werden mich so lange aufbewahren, bis die Sache entschieden ist, und mich dann entsprechend der Entscheidung weiterleiten.“ „Und warum läßt du dich nicht sofort an die Treuhandstelle schicken?“, fragte der Briefträger. „Weil man mir gesagt hat, dass eine Übergangszeit von 33 Tagen notwendig ist“, antwortete die Königstochter. „Ob diese Frist sich aus der Natur der Sache ergibt oder ob irgendjemand sie willkürlich festgesetzt hat – weiß ich nicht; um das zu verstehen müsste ich nachforschen. Da sie mir aber als verbindlich vorgegeben wurde und da ich keine Lust habe, nach ihren Hintergründen zu suchen, nehm ich die Sache rein pragmatisch und halte mich dran, ganz egal, wo sie begründet ist. Sowieso find ich es interessanter, neue Leute kennenzulernen und was zu erleben, als in der Treuhandstelle herumzuhängen.“ „Wenn ich recht verstehe, herrscht bei den Esoterikern das gleiche Durcheinander aus in der Sache liegenden Gesetzmäßigkeiten und willkürlich ausgedachten Regeln wie in der exoterischen Welt“, staunte der Briefträger. „Vermutlich meinst du den bürokratischen Bereich der exoterischen Welt …“ – Die Königstocher strich sich eine Locke aus der Stirn. „Bei den Bürokraten schert man sich nur wenig um das, was Sache ist, und klammert sich an willkürlich zusammengestoppelte Regeln. Doch der Esoteriker muss, um nicht sinnlos herumzuschweben, sich auf das konzentrieren, was Sache ist, und ist in dieser Hinsicht wohl am ehesten vergleichbar dem exoterischen Techniker. Neben dem, was Sache ist, bleibt dem Esoteriker wie auch dem Techniker aber immer noch genügend Raum für willkürlichen Schabernack.“ „Und entsprechend diesen, ob in der Natur der Sache liegenden oder willkürlich ausgedachten Regeln wirst du also nun die nächsten 33 Tage bei mir zu Gast sein ...“ „Da du dich auf die Sache eingelassen hast, hast du nur die Wahl, mich zu beherbergen oder verschiedene, sei es willkürlich vorgegebene, sei es in der Natur der Sache liegende Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen“, nickte die Königstochter. „Deine Anwesenheit ist mir in solchem Maße angenehm, dass ich nicht wüsste, wieso ich sie gegen irgendwelche Unannehmlichkeiten austauschen sollte ...“ Der Briefträger zündete sich eine Zigarette an. „Ich fühl mich geehrt“, lächelte die Prinzessin. „Dafür darfst du am Inhalt naschen; nur nicht alleine. Wie bereits gesagt: An Tagen mit geradem Datum muss die Zahl der Anwesenden, du selbst eingeschlossen, eine ungerade sein, mindestens aber 3; bei ungeradem Datum muss es eine gerade Zahl sein und nicht weniger als 4. Maßgeblich ist das Datum, wo du die Flasche öffnest. Bei Zuwiderhandlung werden sämtliche Anwesenden in Kängurus verwandelt.“ „Kompliziert und riskant. Liegt das im Wesen der Sache?“ „Sieht eher nach Willkür aus. Aber egal. Die Bedingungen sind da; besser, du hältst dich dran. Und wichtig noch: neues Entkorken der Flasche frühestens 12 Stunden nach letztem Verkorken. Bei Zuwiderhandlung das gleiche Strafmaß; diesmal aber nur für denjenigen, der den Stöpsel raus zieht.“ „Ich wage zu vermuten, dass es sich bei dem Flascheninhalt um deine Person handelt?“ „Du vermutest richtig. Aber was könnte man aufgrund des bisher Besprochenen auch andres vermuten. Laut den vom Zauberer erlassenen Regeln dürft ihr während der angegebenen Zeit mit mir anstellen, was immer ihr wollt. Erlaubt ist alles, was mich nicht beschädigt.“ „Sehr großzügig. Und wie siehst du das selbst?“ „Deine Frage weist dich aus als zivilisierten Menschen“, lächelte die Prinzessin. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich bin in der Gewalt des Zauberers und hab mich seinen Regeln zu unterwerfen; ist klar. Aber ich unterwerfe mich gern diesen Regeln. Ich mag es, wenn Männer zu ihrem Vergnügen mit mir tun, was sie wollen; und je brutaler man mich anpackt, desto mehr mag ich es. Wenn du ein paar sadistische Berserker in deinem Bekanntenkreis hast – lad sie ein; sie werden ihre Freude an mir haben, und ich an ihnen.“ „Nicht schlecht … In allgemeinen Umrissen habe ich einigen meiner Freunde bereits von dir erzählt.“ „Erste Orgie frühestens 12 Stunden nach Verschließen der Flasche“, lächelte die Prinzessin. Plötzlich ertönte draußen im Flur Stimmengewirr. Jemand riss von draußen die Stubentür auf. „Hürgokh? Wo kommst denn du her?“, rief der Briefträger erschrocken. „Von wo soll ich herkommen? Von draußen natürlich“, antwortete der Mann, der die Tür aufgerissen hatte. Er war so großgewachsen, dass er sich beim Hereintreten bücken musste, um nicht mit der Stirn an den Türrahmen zu stoßen, trug schwarze Motorradkluft und unter der Achsel hielt er einen Motorradhelm. „Du hast vergessen, die Tür abzuschließen; und da kamen wir einfach so rein.“ Er zwinkerte der Königstochter zu „Hallo, freut mich, dich kennenzulernen.“ Hinter ihm drängten sich noch weitere Leute herein, alle groß und breit und in Motorradkluft. „Deine Freunde gefallen mir“ flüsterte die Königstochter. „Genau die richtigen Leute zum Orgien feiern. Aber ich fürchte, das geht schief …“ Der Briefträger antwortete nicht. Langsam, ganz langsam rutschte er vom Stuhl und fiel schließlich krachend unter den Tisch. Der Stuhl fiel um; die Motorradleute guckten erstaunt; und kurz darauf tapste unter dem Tisch ein Ameisenbär hervor. Und dann sanken die Motorradleute, wie vom Blitz getroffen, alle gleichzeitig auf den Fußboden; und kurz darauf wimmelte es in der Stube von Ameisenbären. Den Kopf in beide Hände gestützt saß die Prinzessin am Tisch und schien nachzudenken. Schließlich stand sie auf, öffnete die Stubentür, dann die Eingangstür, und ließ die Ameisenbären hinaus. *** Viele Stunden noch irrte der Briefträger mit seinen Freunden durch die Straßen der Stadt; und wie sie lange genug herumgeirrt waren, fing man sie ein und brachte sie in den Zoo, wo sie alsbald schon zu einer beliebten Attraktion wurden. Was aus der Prinzessin wurde und wer nun die Post austrägt, wissen wir nicht.

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