Sankt Jakob und Frau Frostig von Edelgard Gründer

Auch am Lebensabend kann man sein Glück noch finden. Das beweist Edelgard Gründer in Ihrer Kurzgeschichte St. Jakob und Frau Frostig.

Teaser:

Sie nannten ihn Sankt Jakob, den heiligen Jakob, das wusste er. Aber es störte ihn nicht. Er übte seinen Beruf gerne aus. Auch wenn er nicht mehr im städtischen Krankenhaus, sondern zurück in seinem Heimatort in einer Seniorenbetreuung tätig war. Dies mit festen Arbeitszeiten und einem übersichtlichen Dienstplan. Nicht mehr Überstunden und Doppelschichten und keinerlei Aussicht auf Besserung. Seine Ehe war darüber in die Brüche gegangen. Sie trennten sich im gegenseitigen Einvernehmen. Er war nur etwas erstaunt darüber, wie schnell er in ihrem Leben, beinahe von einem Tag auf dem nächsten, keinerlei Rolle mehr spielte. Als wären sie nicht viele …

ISBN: „978-3-96385-031-8“

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Sie nannten ihn Sankt Jakob, den heiligen Jakob, das wusste er. Aber es störte ihn nicht. Er übte seinen Beruf gerne aus. Auch wenn er nicht mehr im städtischen Krankenhaus, sondern zurück in seinem Heimatort in einer Seniorenbetreuung tätig war. Dies mit festen Arbeitszeiten und einem übersichtlichen Dienstplan. Nicht mehr Überstunden und Doppelschichten und keinerlei Aussicht auf Besserung. Seine Ehe war darüber in die Brüche gegangen. Sie trennten sich im gegenseitigen Einvernehmen. Er war nur etwas erstaunt darüber, wie schnell er in ihrem Leben, beinahe von einem Tag auf dem nächsten, keinerlei Rolle mehr spielte. Als wären sie nicht viele Jahre verheiratet, sondern nur flüchtige Bekannte gewesen.

In seinem Heimatort zurück, kaufte er günstig ein kleines Häuschen. Fast am Ortsausgang gelegen, mit einem dazugehörigen Garten war es genau das, was er gesucht hatte.

Er richtete sich gemütlich ein, verbesserte hier und da etwas. Aber die nicht allzu großen, niedrigen Räume veränderte er nicht. Nachdem er mit dem Ergebnis zufrieden war, begann er im Garten zu werkeln.

Die Hecke an der Straßen- und Stirnseite des Gartens ließ er stehen. Schnitt sie nur etwas in Form. Aber jene, die den Garten zum Feld hin begrenzte, stutzte er, um einen freien Blick bis hin zum Feldrain zu haben. Er legte Beete an, pflanzte Blumen, Bohnen und Kräuter. Schnitt den Rasen und reparierte den kleinen Schuppen für die Gartengeräte.

Im zweiten Gartenjahr entstand eine kleine Sitzecke im hinteren Teil des Gartens. Vor neugierigen Blicken geschützt, konnte er nicht nur seinen Garten, sondern auch das Feld einschließlich der Hecke betrachten. In dieser blühten bereits die Heckenrosen und Schlehen. Vereinzelte, alte Obstbäume standen im Garten. Er hörte den Vögeln zu und dachte zum wiederholten Mal darüber nach, wie seine Ehe verlaufen wäre, hätte er sich nur eher entschließen können, seinen Dienst zu quittieren. Und zum wiederholten Male kam er zum gleichen Schluss: Das Ende wäre trotzdem gekommen. Vielleicht etwas später, aber eben doch. Denn für seine Frau stimmte das Haushaltsgeld nur mit den entsprechenden Schichtzuschlägen. Doch nun war er hier und mit seinem Leben ganz zufrieden.

Solang es das Wetter zuließ, verbrachte er seinen freie Zeit im Garten. Aber jeden Werktag verließ er sein Haus pünktlich um sieben Uhr und fuhr mit dem Rad in südlicher Richtung zu seiner Arbeitsstelle.

Sie wurde von ihren Nachbarn Frau Frostig genannt. Es störte sie nicht und verleitete sie auch nicht

dazu, sich zu ihnen zu gesellen und zu tratschen.

Nach der Arbeit ging sie ab und zu noch einkaufen und anschließend meist auf dem schnellsten Weg nach Hause. Am liebsten saß sie in der Küche und ließ ihren Blick über das Feld bis zum Feldrain schweifen.

An die Pappel direkt vor dem Fenster hatte sie ein Vogelhäuschen aufgehängt und freute sich, wenn Finken, Meisen und Sperlinge sich einfanden.

Selbst beim leisesten Windhauch hörte sie die Blätter rascheln, und oft saß sie am Fenster und lauschte ihrer Zitterpappel.

Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, war ihr die Wohnung zu groß. Sie putzte die Zimmer, benutzte sie aber kaum.

Am Wochenende ging sie allein in den kleinen Wald, der an einer Seite an das Feld grenzte. Oder sammelte Schlehen und Hagebutten von den Sträuchern am Feldrain.

Ansonsten war sie mit ihrer kleinen Welt zufrieden, wenn sich die Kinder nur ab und zu mal meldeten. Ihre Arbeitskollegen meinten, die vielen Jahre, die sie mit den Kindern und dann allein seit ihrer Scheidung verbracht hatte, wären genug. Sie solle sich nach einem Partner umsehen. Aber sie winkte nur ab. Nein, das nicht. Nie wieder so ein Leben. Immer ein flaues Gefühl im Magen und nie richtig frei und glücklich. Immer jemand, der nur an ihr herumnörgelte. Jetzt war sie ihr eigener Herr und konnte tun und lassen, was sie wollte. So wie es jetzt war, war es gut. Außerdem lebte sie schon viel zu lang allein und meinte, sich nicht mehr ändern, geschweige denn, sich jemandem anpassen zu können.

Einen Mann, wie sie ihn gern hätte, gab es sicher nicht. Und wenn doch, musste er verheiratet sein. Denn er war ja ein Traummann.

So verging die Zeit und sie fuhr pünktlich jeden Werktag sieben Uhr früh in nördlicher Richtung auf Arbeit.

Ein weiteres Jahr war verronnen. Die alten Obstbäume, die Schlehen und die Heckenrosen hatten geblüht.

Das Laub begann, sich zu färben, die Hagebutten waren rot und an den Apfelbäumen hingen kleine rote Früchte an den Zweigen.

Wie jedes Jahr ging sie, um Hagebutten zu pflücken. Der Morgen war neblig. Schwaden stiegen über dem Feld auf. Die Stoppeln des abgeernteten Feldes waren weich von der Feuchtigkeit. Kaum ein Tier war zu hören. Die Welt schien noch zu schlafen.

Ihr war es gerade recht. Tief atmete sie die kühle, feuchte Luft ein. Vorsichtig begann sie, die ersten Früchte abzuzupfen, als sie ein Knacken vernahm.

Dann trat aus einer kleinen Öffnung im Gebüsch ein Mann und sah sie entschuldigend an. »Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber hier ist die einzige Stelle, wo man durchkommt.« Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, und schon in diesem Moment war er sich sicher. Sie ist die Frau, nach der er sich gesehnt hatte. Helle Augen, ein offenes Gesicht ohne Lippenstift, ohne Make-up. Das Haar kurz und ungefärbt.

»Sie haben mich nicht erschreckt. Aber es ist wohl das erste Mal, dass ich hier nicht allein bin.«

»Kann ich Ihnen zur Wiedergutmachung etwas helfen?«, fragte er und deutete auf den kleinen Korb, in dem ein Apfel und einige Hagebutten lagen.

»Besser nicht«, sagte sie. »Die Hagebutten würden Sie nicht wieder loslassen.«

Er sah an sich herab. Sie hatte recht. Steppjacke mit Strickärmeln. Das ging sicher nicht.

»Dann halte ich den Korb und passe auf, dass Sie hier nicht hängenbleiben«, sagte er und wunderte sich über sich selbst. Ja, das Gefühl, sie zu betrachten, während sie mit ernstem Gesicht vorsichtig zwischen den hängenden Zweigen die Beeren abzupfte, ließ sein Herz hüpfen. So lernten sich Sankt Jakob und Frau Frostig kennen. Und natürlich kam es, wie es kommen musste und wie es sich Jakob vom ersten Moment an gewünscht hatte.

Sie trafen sich öfter. Zuerst nur am Feldrain. Gingen gemeinsam spazieren. Dann lud er sie zu sich nach Hause ein und freute sich, wie sie mit glänzenden Augen alles betrachtete und sich vor Entzücken kaum fassen konnte, als er ihr den Garten mit der kleinen Sitzecke zeigte.

Für sie anfangs unmerklich floss seine Liebe in kleinen Rinnsalen in ihr Herz. Erst bedeckte sie die tiefen Narben, welche ihr das Schicksal geschlagen hatte. Doch bald wurde der Fluss stärker und füllte ihr zerklüftetes Herz auf, bis es voll und glänzend war. Man sah es an ihren Augen, ihrem Lächeln, ihren ruhigen, anmutigen Bewegungen. Sie war wieder heil.

Aber nicht nur das. Auch von ihr ging ein unsichtbares Band aus, welches sich an sein Herz gehängt hatte. Es sanft umschloss, nährte und hielt, ohne es einzuengen. Denn er war jener Mann, der sie so nahm, wie sie war.

Jakob wünschte sich sehr, sie immer bei sich zu haben. Sie kam ihm vor wie ein kleines Kätzchen das scheu und vorsichtig ein neues Zuhause suchte. Er wollte es ihr bereiten. Sie zufrieden in ihrem gemeinsamen Heim wissen. Und eines Abends sollte sie ihn nicht mehr verlassen.

Er lud sie in sein Zimmer ein, in dem nach ihren ersten Besuchen ein zweites Bett, gleich dem ersten, dazugekommen war. Auch der Kleiderschrank hatte einen Zwilling bekommen. Sie sah es wohl.

»Mein Kätzchen«, sagte er sanft, und eng umschlungen verbrachten sie die Nacht.

Still vergnügt saßen sie am nächsten Morgen gemeinsam am Frühstückstisch. Ihre Welt war für beide nicht viel größer geworden, aber vollkommen ausgefüllt. Watteweich schloss sie beide ein.

Wie vorher auch fuhren sie, er nach Süden und sie in nördlicher Richtung, jeden Werktag pünktlich auf Arbeit. Jedoch mit einem sanften Ziehen im Herzen, welches erst wieder nachließ, wenn sie sich abends wieder in ihrem gemeinsamen Heim trafen.

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