Von Schwankungen und Landungen von Raymond Zoller

Es ist immer wieder ein vergnügen für uns eine der Kurzgeschichtensammlungen von Raymond Zoller bei uns zu veröffentlichen.

Teaser:

An jenem denkwürdigen Tag stiegen plötzlich die Preise. Die Menge staunte. Die Preise stiegen und stiegen, immer schneller stiegen sie und immer steiler. Die Menge staunte immer mehr. Und dann begannen sie plötzlich zu fallen. Schnell fielen sie und immer schneller; noch schneller als sie gestiegen, so schnell fielen sie und so steil, dass das Publikum ganz durcheinander kam und nicht mehr aus und ein wusste. Gemüseverkäufer begannen, ihre Waren zu verschenken; und was nicht rechtzeitig genommen wurde, warfen sie den Leuten hinterher. Von den hinterhergeworfenen Tomaten und Eiern wurden die Passanten ganz bunt; und immer schneller fielen die Preise, immer dichter flogen ...
ISBN: „978-3-96385-024-0“

Die Kurzgeschichten direkt hier lesen:

Preisschwankungen

An jenem denkwürdigen Tag stiegen plötzlich die Preise. Die Menge staunte. Die Preise stiegen und stiegen, immer schneller stiegen sie und immer steiler. Die Menge staunte immer mehr. Und dann begannen sie plötzlich zu fallen. Schnell fielen sie und immer schneller; noch schneller als sie gestiegen, so schnell fielen sie und so steil, dass das Publikum ganz durcheinander kam und nicht mehr aus und ein wusste. Gemüseverkäufer begannen, ihre Waren zu verschenken; und was nicht rechtzeitig genommen wurde, warfen sie den Leuten hinterher. Von den hinterhergeworfenen Tomaten und Eiern wurden die Passanten ganz bunt; und immer schneller fielen die Preise, immer dichter flogen die Tomaten und Eier; auch Bierflaschen flogen und Fotoapparate; und wie die Preise immer tiefere Minuswerte annahmen, da begannen auch die Prostituierten, sich gratis anzubieten und liefen den Männern hinterher. Ein Gemüseverkäufer, der sich soeben seiner fünf letzten Tomaten entledigt hatte, von denen eine den Hinterkopf eines Bischofs unbekannter Glaubensrichtung traf, nahm ganze fünf Stück mit nach Hause; und jener Bischof begann gar, systematisch die Prostituierten einzusammeln und zog schließlich mit einer Herde von etwa fünfzig Stück, die ausnahmslos blond waren und langbeinig, von hinnen. Die Umstehenden ließ er wissen, dass er diese langbeinigen Sünderinnen den Fängen der Sünde entreißen wollte; doch wie sich später herausstellte, trommelte er seine Glaubensbrüder zu einer wilden Orgie zusammen. In einer im Weiteren abgegebenen Stellungnahme wurde betont, dass zwischen erwähntem Kommentar und dem anschließend Vonstatten gegangenen keinerlei Widerspruch bestünde, weilnämlich es ein ganz großer Unterschied sei, ob besagte Sünderinnen ihren sündigen Beruf einfach so ausübten, oder ob sie durch ihr Treiben maßgeblichen Vertretern der einzig wahren Religion Kräfte einflößten – zum würdigen Hinführen der ihnen anvertrauten Menschheit zu den verheißenen lichten Höhen. Zum Moment dieser Stellungnahme hatten sich die Preise wieder normalisiert. Wie eh und je verkauften die Gemüsehändler ihre Tomaten gegen Bares und dachten nicht daran, sie jemandem hinterherzuwerfen; und wenn doch mal jemand einem Passanten eine Tomate, ein Ei oder eine Bierflasche an den Kopf warf, so nur deswegen, weil der Betreffende ihn geärgert hatte oder weil er ihm aus sonst welchen Gründen unsympathisch war. Die genauen Hintergründe dessen, was an jenem denkwürdigen Tage passierte, sind den Wirtschaftswissenschaftlern bis heute ein Rätsel. Sowas habe es bislang noch nie gegeben.

Die Landung

Eine Landung auf dem Mars ist, wenn man zu landen versteht, überhaupt nicht schwierig. Wenn man es hingegen nicht versteht, kann es Probleme geben. Krüggelmeier verstand nicht zu landen, weder auf dem Mars noch sonst wo; und während er mit wachsender Geschwindigkeit die eisglatten Treppenstufen entlang rutschte, gedachte er mit Grausen des harten Bürgersteigs, auf dem er unten am Fuße der Treppe in bälde aufschlagen würde. »Wäre die Treppe weniger hoch, oder wäre ich nicht an ihrem oberen Ende ausgerutscht, sondern weiter unten, so wäre das vielleicht gar nicht so schlimm«, dachte er. »Um sehr vieles schlimmer wäre es dafür, wenn ich am oberen Ende der Treppe eines dieser aztekischen Heiligtümer ausgerutscht wäre oder in Wolgograd oben auf der Treppe, die auf den Mamai-Hügel führt.« Da die Treppe mit einer dicken Schicht aus Schnee und Eis überzogen war, konnten die Kanten der Treppenstufen ihm nicht viel anhaben; aber sie machten sich doch schmerzhaft bemerkbar. »Die Treppe auf den Mamai-Hügel ist, so scheint’s, durch Treppenabsätze unterbrochen,« dachte er. Er war schon lange nicht mehr in Wolgograd gewesen und auch nicht auf dem Mamai-Hügel, und deshalb konnte er sich nicht mehr genau an die Treppe erinnern: Er wusste nur noch, dass sie, ob mit Absätzen oder ohne, ganz schön hoch war. Der Bürgersteig war, wie sich bei der Ankunft herausstellte, zur Straße hin stark geneigt, und zudem, gleich der Treppe, mit einer dicken Eisschicht überzogen; sodass die kinetische Energie, statt in dem befürchteten schmerzhaften Aufschlag, sich in weiterer Fortbewegung entladen konnte. Über den Rand des Bürgersteigs hinweg trug es ihn hinaus auf die Straße; und da auch die Straße spiegelglatt war – er wunderte sich, wie da überhaupt Autos darauf fahren konnten – rutschte er über sie dahin auf die andere Seite, hinein in einen Kanalisationsschacht, von dem man aus unbekannten Gründen den Deckel entfernt hatte. Und weg war er.

Silvia in der Wanne

Neben dem Stuhl, auf dem Silvia saß und las, stand eine Wanne mit Wasser. Warum dort jene Wanne stand und warum Wasser drin war, weiß ich nicht; aber sie stand direkt neben dem Stuhl, auf dem Silvia saß und las, und es war Wasser drin. Als ich den Stuhl umschubste, fiel Silvia hinein. Das Buch, darin sie gelesen hatte, flog, während sie fiel, in hohem Bogen auf den Tisch und warf dort eine Blumenvase um – mit fünf Tulpen drin. Die Vase fiel um, die Tulpen fielen heraus, und das Wasser aus der Vase ergoss sich über den Tisch. Mit einer Ecke über die Tischkante hinausragend und aufgeschlagen auf den Seiten 265/266 blieb das Buch liegen, umspült von dem Wasser der Vase und geschmückt mit zwei roten Tulpen. Und an den Punkten, an denen sich die Kanten des Buches mit der Tischkante schnitten, lief in zwei zarten Rinnsalen das Wasser nach unten auf den Teppich. Doch auch ohne diese unermüdlich nach unten rinnenden Rinnsale war der Teppich bereits außerordentlich nass; denn als Silvia in die Wanne fiel, hatte es ganz furchtbar gespritzt, und alles Wasser, welches dabei die Wanne verlassen hatte, hatte sich über den Teppich ergossen. Auch Silvia selbst war sehr nass. Mit angezogenen Beinen und über den Knien gefalteten Händen saß sie in der Wanne und schaute vorwurfsvoll zu mir hoch. »Warum hast du mich in die Wanne geschubst?«, fragte sie. »Ich weiß nicht, warum ich dich in die Wanne geschubst habe«, antwortete ich. »Es lag mir fern, solches zu tun. Den Stuhl umzuschubsen drängte es mich; wenn auch aus Gründen, die sich meiner Einsicht entziehen. Mein ganzes Sinnen galt dem Stuhl. Ein böses Schicksal aber wollte es, dass genau zu diesem Momente du auf diesem Stuhle darauf saßest, und dass gleichzeitig an seiner Seite eine Wanne mit Wasser stand. Auf solche Weise ergab es sich, dass eine Tat, die einzig und allein dem Stuhle galt, sich derart augenfällig auf deine Ortsbefindlichkeit auswirkte und zudem noch dazu führte, dass du nass wurdest.« So sprach ich zu Silvia, nachdem ich sie in die Wanne geschubst hatte. Sie bat mich, den Raum zu verlassen, auf dass sie unbehelligt von meinen Blicken sich ihrer nassen Sachen entledigen und sich umziehen könne. Diese Bitte gewährte ich ihr; und wie ich dann wieder eintreten wollte, da machte sie nicht mehr auf. Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Ob sie mir am Ende die Sache gar nachträgt?

Der Genius

Wie alle geniale Menschen wurde auch Kant von Jugend auf von unbekannten Mächten gequält und getrieben; und all die, die ihn kannten, waren darob ganz verwirrt und fragten sich, was denn der Kant wohl habe. Als er aber das Ding an sich erfunden hatte, da kam sein inneres Toben zur Ruhe; und fortan fanden alle, die ihn kannten, dass er sehr umgänglich sei und ausgeglichen.

Das Puff

In Königsberg gab es einen Puff, das hatte eine außerordentlich ansprechende Fassade; und jedes Mal, wenn Kant an diesem Puffe vorbeikam, dachte er, wie schön es doch wäre, da hineinzugehen und die Welt zu betrachten, die hinter der Fassade liegt. Doch beließ er es bei diesem Gedanken; und so kam es, dass Kant von jenem Puffe sein Lebtag immer nur die Fassade sah.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!