Wenn der Drang zur Hölle wird von Michelle Entelmann

Die Geschichte "Wenn der Drang zur Hölle wird" von Michelle Entelmann hat alles was eine gute Kurzgeschichte benötigt. Eine gute Story, Tragik eine plötzliche Wendung und einen fesselnden Erzählstyle.

Teaser:

48, 49, 50. Und mal wieder hat Anna das morgendliche Programm beendet. Es ist gerade mal 06:10. Immer
ist es das Gleiche. Sie steht früher auf, um noch vor dem Frühstück Kalorien zu verbrennen. Seit
einiger Zeit geht es jetzt so. Ihre Eltern bekommen davon nichts mit, denn immer wenn ihr Vater
in ihr Zimmer kommt, um sie zu wecken, legt sie sich kurz vorher ins Bett und tut so, als würde sie
schlafen. Anna ist der Meinung, dass sie es tun muss. Sonst wird sie dick, sagt sie. Alleine der Gedanke
daran, gleich frühstücken zu müssen, macht sie fertig. Jede Kalorie wird gezählt. Am Tag sind
höchstens 300 erlaubt. Wenn es gut läuft, schafft sie es sogar, weniger zu essen. Dann ist sie stolz
und ihre beste Freundin …

ISBN: „978-3-96385-027-1“

Die Kurzgeschichten direkt hier lesen:

48, 49, 50. Und mal wieder hat Anna das morgendliche Programm beendet. Es ist gerade mal 06:10. Immer ist es das Gleiche. Sie steht früher auf, um noch vor dem Frühstück Kalorien zu verbrennen. Seit einiger Zeit geht es jetzt so. Ihre Eltern bekommen davon nichts mit, denn immer wenn ihr Vater in ihr Zimmer kommt, um sie zu wecken, legt sie sich kurz vorher ins Bett und tut so, als würde sie schlafen. Anna ist der Meinung, dass sie es tun muss. Sonst wird sie dick, sagt sie. Alleine der Gedanke daran, gleich frühstücken zu müssen, macht sie fertig. Jede Kalorie wird gezählt. Am Tag sind höchstens 300 erlaubt. Wenn es gut läuft, schafft sie es sogar, weniger zu essen. Dann ist sie stolz und ihre beste Freundin auch.

Ihre beste Freundin ist kein Mensch, auch kein Tier oder ein sonstiges Lebewesen. Ihre beste Freundin ist die Anorexie. Durch sie fühlt Anna sich von Tag zu Tag besser und sicherer. Sie ist froh sie zu haben. Anna hat keine anderen Freunde, verbringt die Pausen meist alleine, denn alle anderen essen. Und genau das kann sie nicht. Einfach so mal eben essen, nein, das geht nicht. Dieser Ekel beim Essen quält Anna von Tag zu Tag immer mehr. Alleine der Gedanke zuzunehmen macht sie fertig. Was die anderen Leute sagen, interessiert sie schon lange nicht mehr. Es ist ihr Leben, ihre Regeln, also auch ihre Kontrolle über ihr Essen.

»Anna aufstehen!«, erklingt eine Stimme im Hintergrund. Es ist ihr Vater. Jetzt ist es gerade mal 06:45 Uhr. Sie hasst es, von ihrem Vater geweckt zu werden. Die ständigen Berührungen kann sie nicht leiden. Seit dem sie die Anorexie hat, kann sie die Berührungen nicht mehr leiden.

Davor war es ab und zu möglich, ihren Vater zu umarmen, aber jetzt hat sie Angst davor, dass ihr Vater etwas merken würde von ihrem jetzigen Körperbau. Natürlich findet sie sich zu dick und hasst es, in den Spiegel zu schauen, aber sie macht es trotzdem immer und immer wieder. Es ist ein Teil der Krankheit, das hat Anna im Internet nachgelesen.

Nachdem sie dann fertig mit dem Schminken und dem Anziehen ist, geht Anna in die Küche. Sie schmiert ihr Brot, was sie jetzt essen und auch mit in die Schule nehmen sollte. Schon jetzt ist ihr klar, dass das Essen im Müll landen wird. Sie überlegt sich jeden Tag aufs Neue, wo sie es denn heute entsorgen kann. Natürlich muss sie vorsichtig sein, schließlich wurde sie dabei schon einmal von Mitschülern gesehen. »Kinder in Afrika haben nichts zu essen und du schmeißt es ohne Wimpernzucken in die Tonne? Dir ist klar, dass Leo nicht mit Knochen spielen will, er ist kein Hund.«.

Leo, Annas Freund. Seit drei Monaten sind sie jetzt schon ein Paar. Nicht einmal Leo weiß davon, wie schlecht es Anna wirklich geht.

Dass es jedes mal eine Qual ist, wenn Anna dann doch essen muss, weiß keiner. Sie lächelt immer. Nicht weil es ihr gut geht, sondern weil sie nicht möchte, dass es andere mitbekommen.

»Anna, kannst du bitte nach dem Unterricht zu mir kommen?«, ruft Frau Schmidt durch die Klasse. Jeder wundert sich, denn Anna ist gut in der Schule. Die letzten Klausuren waren alle gut bis sehr gut.

Als der Unterricht vorbei ist, geht Anna wie besprochen zu Frau Schmidt und redet eine Weile mit ihr. Anna muss sich darüber rechtfertigen, dass sie ihr Essen mehrfach entsorgte. Sie sei öfters bei Lehrern aufgefallen.

»Mist«, flüstert Anna leise. Sie kann nicht verstehen, dass es einer mitbekommen haben soll. Sie war immer so vorsichtig gewesen und achtet genau darauf, dass es keinen in der Umgebung gibt, der das beobachten könnte. Anscheinend lag sie da jedoch falsch. Es muss jemand beobachtet und es dann den Lehren erzählt haben.

Die Lehrerin rät Anna sich professionelle Hilfe zu besorgen und macht ihr klar, dass es nicht gut ist, Essen zu entsorgen.

Im Stillen muss Anna lachen. Professionelle Hilfe, wie sich das schon anhört, denkt sie sich.

Aber na ja – natürlich macht sie ihrer Lehrerin hoch und heilig deutlich, dass sie sich sofort umschauen wird, um sich helfen zu lassen. In Wirklichkeit ist ihr klar, dass sie

genauso weitermachen wird, wie zuvor.

 

Als Anna wieder zu Hause ist, wartet ihr Vater dort auf sie. Natürlich ist das Mittagessen schon fertig zum Servieren, wie sollte es auch sonst sein.

»Es gibt Spaghetti Bolognese, das magst du doch so gerne« , ruft der Vater aus der Küche.

Schon lange mag Anna ihr früheres Lieblingsessen nicht mehr. Wenn sie daran denkt, wie viele Kalorien dort drin sind, kommt der Ekel hoch. Sie überlegt gar nicht, es zu essen oder es sein zu lassen. Diese Entscheidung hat sie schon lange zuvor getroffen. Dies war der Augenblick, als sie die Freundschaft mit der Anorexie einging. Man kann nur mit ihr befreundet sein, wenn man sich an die Regeln hält und das sind eben zwei.

Regel 1: Es wird auf keinen Fall etwas gegessen, was annähernd fettig ist oder überhaupt Kalorien besitzt. Es wird sich ausschließlich von Wasser ernährt.

Regel 2: Wird Regel 1 gebrochen, ist die Freundschaft beendet.

»Ich habe schon bei Leo gegessen. Wir hatten früher Schulschluss und dann war ich noch kurz bei ihm«, antwortet Anna ihrem Vater.

Ohne weiter darüber nachzudenken verlässt sie das Wohnzimmer und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Dort macht sie ihr 2. Training des Tages. Es wird solange Sport betrieben, bis ihr die Luft ausgeht und sie kurz vor dem Umfallen ist. Aber aufhören ist ein Fremdwort für sie. Sie macht kurz eine Pause, in der sie sich umzieht, um dann im Park joggen zu gehen. Ihr reicht keine halbe Stunde, es müssen mindestens zwei Stunden gelaufen werden, bis sie sich damit abfindet, zurück nach Hause gehen zu müssen.

Daheim geht Anna erst einmal duschen. Natürlich möchte sie ihren Schweiß entfernen, aber vor allem duscht sie, um weiter abzunehmen. Sie dreht das Wasser erst auf die heißeste und dann auf die kälteste Stufe. Und das immer im Wechsel. Weil der Körper sich nicht an eine Temperatur gewöhnen kann, verbrennt er dadurch Kalorien. Anna ist es egal, ob es viele oder wenige sind. Ihr ist es wichtig, dass sie abnimmt, ob es heute viel oder morgen viel ist, ist ihr gleichgültig. Obwohl es draußen gerade mal fünf Grad Celsius hat und in der Wohnung zwanzig, zieht Anna sich nach dem Duschen nicht großartig an. Sie schlüpft in ihre Pans und streift sich ein T-Shirt über den Kopf. Das Fenster ist auch geöffnet. Es zieht kalte Luft von draußen herein, aber genau das möchte Anna. Es soll kalt sein, denn sie hat gelernt, dass man auch beim Frieren Kalorien verbrennt. Sie tut alles Mögliche, um Kalorien zu verbrennen. Sie hasst es, dick zu sein, keiner versteht sie, nimmt sie ernst.

Anna ist oft traurig und weint, wenn sie zu Bett geht. Oft ist auch der Hunger ein Grund, warum sie weint. Der Magen schreit, aber sie will weiterhin die Regeln befolgen. Es fällt schwer, nicht zu essen, aber nach der Zeit viel schwieriger wieder zu essen, als es zu lassen. Der Magen gewöhnt sich dran, sagt Anna oft zu sich selbst. Es ist ein Zeichen der Stärke, ein Zeichen der Kontrolle. Es ist ihr Leben, also auch ihre Entscheidungen. Sie hat es satt, immer von ihren Eltern bevormundet zu werden. Anna ist sechzehn und kein kleines Kind mehr.

Zwei Wochen später stellt Anna sich, während ihr Vater zum Bäcker geht, auf die Waage und hofft, dass sie wieder abgenommen hat. Und das hat sie. Im Vergleich zu dem Gewicht vor zwei Wochen hat die drei Kilo weniger. Sie kann ihre Freunde kaum zurückhalten. Jetzt hat sie ein Gewicht von fünfundvierzig Kilogramm bei einer Größe von hunderteinundsiebzig Zentimetern. Sie hat ihr Ziel eigentlich erreicht, aber sie will weiter abnehmen. Es geht nicht mehr anders, ihre Freundin hat die Macht ergriffen.

Und genau dann passiert es. Anna kollabiert in der Schule nach dem Treppensteigen. Sie wollte in den zweiten Stock und schon auf der Treppe wurde ihr komisch. Kurz wird sie bewusstlos, bevor sie den Sanitäter vor sich sieht.

Er wedelt mit seiner Hand vor ihrem Gesicht und versucht ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. »

Anna? Hörst du mich? Hast du schon was gegessen und getrunken? Du schaust blass aus, wir nehmen dich mit ins Krankenhaus, um dich zu untersuchen«, erklärt ihr der Sanitäter.

Anna bekommt nur die Hälfte vom Erzählten mit, hat nur das Wort »Essen« gehört und schon geht es ihr wieder schlechter.

Im Krankenhaus wird sie von oben bis unten auf den Kopf gestellt, damit man feststellen kann, was ihr fehlt. Die Ärzte reden immer davon, dass sie viel zu dünn sein, was Anna aber recht wenig interessiert. Sie lebt in ihrer Welt, hört nicht darauf, was andere sagen. Sie behauptet, heute Morgen etwas gegessen zu haben, was ihr Vater bestätigen könne. Anna versucht aufzustehen und zu gehen.

Da hat sie die Rechnung aber ohne die Ärzte gemacht. »Anna warte!

Wir wollen dich noch weiter untersuchen, bleib bitte hier. Außerdem würden wir gerne deine Eltern herbestellen.«

»Das geht nicht«, sagt Anna. »Die sind arbeiten, und ich muss zurück in die Schule. Ihr könnt mich nicht hierbehalten, wenn ich es nicht möchte.«

Gerade, als sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, steht ihr Vater in der Tür und ist sehr erschreckt über Annas Aussehen. Er erklärt ihr, dass Leo ihn angerufen habe und ihn bat ins Krankenhaus zu fahren. Der steht direkt hinter ihm.

»Papa, die wollen mich nicht gehen lassen, sag was!«

»Anna, Schatz, ich mache mir doch auch Sorgen. Lass dich kurz untersuchen und dann brauchst die nie wieder herzukommen, versprochen«, redet ihr Vater auf sie ein.

Anna findet sich mit der Situation ab und lässt sich untersuchen. Zuerst wird ein EKG durchgeführt, bei dem ihre Herzströme gemessen werden. Danach folgt die Untersuchung der Organe.

Nach langen Warten sind die Ergebnisse endlich da, und Anna freut sich, dass sie wieder nach Hause kann. Da macht ihr der Arzt erneut einen Strich durch die Rechnung.

»Es tut mir leid, aber wir müssen ihre Tochter hierbehalten. Ihre Herzfrequenz und auch die Niere weisen schlechte Werte auf.«

Annas Vater ist zu tiefst besorgt. Er kann sich nicht vorstellen, dass mit seiner Tochter irgendwas nicht in Ordnung ist. Er kann es kaum fassen, genauso wenig wie Anna und Leo. Doch bis sie das realisieren können, liegt Anna schon in ihrem vorübergehenden Zimmer mit zwei anderen Mädchen. Ihr ist klar, dass sie hier nicht lange bleiben und alles dagegen machen wird, hier wegzukommen.

Als ihr Vater erneut kommt, um kurz ihre Sachen zu bringen, steht danach auch schon die Krankenschwester im Zimmer und stellte Annas Essen auf den Tisch.

»Du isst das, bitte. Wenn ich wieder da bin, ist der Teller leer.«

Anna kann nicht anders als laut zu lachen. Sie geht gegen die Krankenschwester an und macht ihr deutlich, dass sie es niemals essen wird. Außerdem erzählt Anna ihr zunächst, wie viele Kalorien eigentlich im Essen stecken. Ihr ist es egal, ob es zweihundert oder vierhundert sind. Sie hält sich an die Regeln, und die besagen, dass sie sich ausschließlich von Wasser ernähren muss. Daraufhin verlässt die Krankenschwester mit Annas Tablett das Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Sofort beginnt Anna die zuvor in den Schrank geräumten Sachen wieder einzupacken. Sie nimmt ihren Koffer, ihre Wertsachen aus der Schublade, ,verlässt zuerst das Zimmer und dann schlussendlich das Krankenhaus. Natürlich hat Anna darauf geachtet von keinen gesehen zu werden.

Nach einigen Metern muss Anna sich überlegen, wo sie jetzt hingeht. Nach Hause kann sie auf keinen Fall und zu Leo auch nicht. Dadurch, dass ihre Freundin keinen Wohnsitz besitzt, ist es nicht möglich zu ihr zu gehen. Andere Freunde hat sie nicht. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als die Nacht draußen zu verbringen. So schlecht findet sie das sowieso nicht, denn dadurch nimmt sie auch ab. Als sie einen abgelegenen Ort gefunden hat, der einigermaßen zum Übernachten geeignet ist, nutzt sie ihren Koffer als Kopfkissen und schläft ein.

Am nächsten Morgen wird sie vom Regen geweckt. Über Nacht hat sich die Temperatur auf unter null

Grad abgekühlt. Anna ist am ganzen Körper blau angelaufen. Ihre Arme und Beine kann sie vor Kälte kaum bewegen, aber es stört sie nicht. Sie ist überlegt, wo sie den Tag über hingeht. Sie fragt sich, ob die Ärzte ihrem Vater schon Bescheid gegeben haben, weil sie abgehauen ist. Ihr Handy hat sie schlauerweise ausgeschaltet und in den Mülleimer direkt am Krankenhaus geworfen, damit sie keiner erreichen kann. Sie vermeidet, viel unter die Leute zu gehen, um nicht besonders aufzufallen. Sie geht in die Nähe eines Sportplatzes, um erst einmal zu Joggen. Die Möglichkeit zum Duschen hat sie danach nicht. Nicht einmal etwas zu trinken hat Anna bei sich. Sie überlegt sich, Wasser zu kaufen, entscheidet sich dann aber um, weil sie der Meinung ist, Wasser wiege auch was. Außerdem hat sie Angst, von irgendwem gesehen zu werden. Noch immer ist Anna nass vom morgendlichen Regen. Sie macht sich unauffällig auf den Weg zu einer öffentlichen Toilette, um sich dort umzuziehen, denn schließlich hat sie in ihrem Koffer genug Klamotten.

Nachdem sie sich umgezogen hat, geht sie zu einem anderen Platz und überlegt, wo sie denn die kommende Nacht verbringen kann. Sie muss nicht lange nachdenken, um zu wissen wohin sie gehen soll, schließlich ist die Stadt groß genug und hat genug unauffällige Plätze.

Doch plötzlich trifft sie eine Lehrerin ihrer Schule. Anna versucht, ihr aus dem Weg zu gehen, leider ohne Erfolg. Sie wird darauf angesprochen, dass sie in der Schule fehle und wird gefragt, warum sie denn nicht komme.

»Ähm, äh, ja also, ähm«, stottert Anna vor sich hin. Sie findet keine passende Ausrede und das Einzige, was ihr übrig bleibt, ist weglaufen.

Sie rennt, so schnell sie kann, in eine andere Richtung, Hauptsache weg von ihrer Lehrerin. Als sie gerade im abgelegenen Park angekommen ist, sieht sie ein Plakat mit ihrem Bild und ihren Initialen. Es schaut so aus, als suche man sie. Anscheinend wurde ihr Vater vom Krankenhaus benachrichtigt.

Jetzt sind schon mehr als achtundvierzig Stunden vergangen und Anna ist immer noch nicht wieder ins Krankenhaus zurückgekehrt, geschweige denn zu Hause. Seit langer Zeit hat sie nichts gegessen und getrunken. Anna hätte niemals damit gerechnet, dass es ihr doch so viel ausmacht nicht zu essen oder zu trinken. Sie merkt, dass sie von Stunde zu Stunde schwächer wird. Trotzdem kann sie nicht essen, auch wenn sie wollte. Es geht einfach nicht, sie will die Regeln nicht brechen. Sie will ihre einzige Freundin nicht auch noch verlieren. Dann hat Anna gar keinen mehr. Ihre Eltern sind gegen sie und Leo nach dieser Aktion bestimmt auch. Vor allem kann sie keine Freundschaften eingehen, weil sie sich immer nur auf das Thema Essen konzentriert.

Die Temperatur kühlt sich immer mehr ab, sodass Anna sich dazu entscheidet, endlich nach Hause zurückzugehen.

Als sie dort ankommt, wartet ihr Vater schon sehnlichst auf sie. Er kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Zum einen weint er, weil er froh ist, Anna wiederzuhaben, aber zum anderen ist er über ihr Aussehen total geschockt. So abgemagert hat er sie noch nie gesehen. Alles nur noch Haut und Knochen, länger als zwei Tage nichts zu essen und trinken.

»Komm her, Anna! Ich mach dir jetzt einen schönen heißen Kakao, damit du dich aufwärmen kannst und was zu essen. Zieh dir aber bitte zuvor trockene Klamotten an.«

Anna überlegt sich, ob er das wirklich gerade mit dem Essen gesagt hat. »Papa,du verstehst es nicht oder? Ich möchte keinen Kakao und noch weniger etwas zu essen. Verdammt, warum bin ich wohl aus dem Krankenhaus abgehauen? Weil ich nichts essen wollte und genau das bietest du mir jetzt an. Du kannst mich mal«, schreit Anna ihren Vater wütend an und geht ins Zimmer. Dort schließt sie sich ein und fängt an Sport zu betreiben. Es ist eine neue Variante, ihren Frust abzubauen. Über etwas anderes hat sie gar nicht erst nachgedacht. Nach dem Training geht Anna wieder duschen. Natürlich zuerst kalt und dann heiß. Sie kann kurz vor dem Erfrieren sein, trotzdem denkt sie nur an das eine: Abnehmen. Und das wird sich nicht ändern, solange sie noch mit der Anorexie befreundet ist.

Als Anna fertig ist verlässt

sie das Badezimmer. Davor fängt ihr Vater sie ab und stellt sie zur Rede. Er kann nicht verstehen, warum sie nichts isst.

»Verdammt Anna, was soll das? Kannst du mir jetzt endlich mal erklären, was mit dir los ist? Seit Wochen geht es jetzt so, ich habe kein Bock mehr darauf!«

»Und ich habe kein Bock mehr auf dich und deine ständigen Vorträge, die du hältst. Es reicht doch irgendwann auch mal. Ich bin sechszehn Jahre alt und keine fünf mehr. Es ist mein Leben, also misch dich nicht immer ein und jetzt geh mir aus dem Weg, ich will in mein Zimmer!«, entgegnet Anna ihrem Vater wütend.

Stillschweigend geht er aus dem Weg, um sie in ihr Zimmer zu lassen. Er ist mit den Nerven völlig am Ende und weiß nicht mehr weiter. Er gibt sich die Schuld daran, dass Anna so komisch geworden ist. Schließlich hat er die Beziehung zu ihrer Mutter beendet. Wäre es vielleicht besser für sie, zur Mutter zu ziehen? Käme sie besser an Anna heran? Diese Fragen stellt sich der Vater nur noch.

Es ist ziemlich spät geworden, und bevor der Vater ins Bett geht, versucht er, nochmal mit Anna zu reden. Diese schläft jedoch schon, und er verlässt wieder leise ihr Zimmer. Als Anna die Tür ins Schloss fallen hört, steht sie auf und beendet ihre Liegestützen. Von all dem weiß ihr Vater nichts, aber er hat einfach Vertrauen in sie und hofft, dass alles gut bei Anna ist. Er kann es, wie jeder andere Vater, nicht ertragen, wenn es seinem Kind nicht gut geht.

Am nächsten Tag muss Anna wieder in die Schule. Sie ist noch sehr müde, als sie dort eintrifft, schließlich hat sie gerade mal vier Stunden geschlafen und den Rest der Nacht Sport getrieben. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass sie heute ihre Klausur in Geschichte schreibt. Dafür hat Anna wenig Begeisterung und gibt die Klausur ab, nachdem sie ihren Namen und das Datum oben rechts platziert hat. Sie nimmt ihre Sachen und geht. Als sie gerade zur Tür hinaus will, ruft die Lehrerin hinter ihr her. Anna interessiert es recht wenig und geht einfach. Sie weiß, dass die Lehrerin ihr nicht folgen kann, denn die anderen Mitschüler schreiben die Klausur weiter. Doch da irrt sich Anna. Die Lehrerin kommt hinterher und packt Anna am Arm.

»Verdammt Anna, was ist los mit dir? Seit Wochen bist du so komisch und deine Leistungen lassen extrem zu wünschen übrig. Rede doch mal, alle machen sich Sorgen. Dein Vater rief hier an und fragte, ob du hier auch so komisch seist.«

Darauf antwortet Anna nicht und geht weiter. Sie hört zwar die Lehrerin noch einmal rufen, aber Anna ist es egal.

»Es ist mein Leben, und jetzt lasst mich doch alle mal in Ruhe, versteht das keiner? Sie können mich alle mal«, ruft Anna, als sie gerade die Schule verlässt. Sie kann das ständige »Wir-machen-uns-doch-nur-Sorgen-um-dich« nicht mehr hören. Sie steckt ihre Kopfhörer in ihr Handy und hört dann Musik, um auf andere Gedanken zu kommen.

Jetzt ist es 22:28 Uhr und Anna ist noch immer nicht zu Hause. Ihr Vater macht sich Sorgen. Er benachrichtigt die Polizei, muss sich aber damit abfinden, dass Anna für eine Vermisstenanzeige noch nicht lange genug weg ist. Er fährt traurig nach Hause und wartet dort. Er bleibt die ganze Nacht wach, in der Hoffnung Anna würde wieder kommen. Er wartet vergeblich. Sie kehrt in dieser Nacht nicht zurück, genauso wenig wie in den nächsten drei folgenden.

Als der Vater die Hoffnung schon aufgegeben hat, ruft die Polizei bei ihm an. Sie bitten ihn, auf das Revier zu kommen. Dort muss er erfahren, dass es eine weibliche Leiche im Alter zwischen fünfzehn und achtzehn gibt. Sie sei sehr abgemagert und ihre Körpertemperatur betrug beim Fund nur sechzehn Grad Celsius. Darauf lässt sich schließen, dass das Mädchen mehrere Tage nicht in einer warmen Umgebung war.

Der Vater bricht in Tränen aus, als er diese Nachricht erfährt. Er kann es nicht

glauben und möchte es einfach nicht wahrhaben. Er fragt sich, was er falsch gemacht hat. Die Schuld kann ihm keiner nehmen. Er macht sich Vorwürfe und ist der Meinung, dass alles seine Schuld sei.

Er fährt nach Hause und geht sofort in Annas Zimmer. Er sucht nach einem Tagebuch. Früher verfasste Anna jeden Tag einen neuen Eintrag. Nach ungefähr zwanzig Minuten wird er fündig. Er findet das Tagebuch, was er ihr vor zehn Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Er hat Glück, das Schloss ist geöffnet. Er blättert das ganze Tagebuch durch, bis er zu dem Datum vor drei Wochen ankommt. Seine Traurigkeit wird immer stärker, als er die Einträge liest.

»Heute habe ich fette Kuh wieder viel zu viel gegessen. So werde ich niemals abnehmen. Und mein Vater versteht auch echt gar nichts. Er will, dass ich esse. Aber als ob ich dieses fettige Zeug immer essen würde! Dann sehe ich nachher noch so aus wie er. Ich wünschte einfach, dass ich tot wäre. Einfach so dünn sein, dass man nicht mehr da ist. Ja, das ist mein größter Wunsch und dafür werde ich arbeiten! Anna, du schaffst das!!«

Ihr Vater weint, bis die ganze Tinte verschwommen ist. Er fragt sich, warum Anna nie etwas gesagt hat. Er kann einfach nicht ohne sie leben. Anna ist sein einziges Kind. Und jetzt hat er noch Mitschuld daran, dass sie tot ist. Ein Leben ohne Anna kann und möchte sich ihr Vater nicht vorstellen. Er fährt mit dem Tagebuch zu Annas Mutter. Sie wohnt vierhundert Kilometer entfernt, in der Nähe von Berlin. Auch sie muss erfahren, dass Anna tot ist. Sie hat ein Recht darauf es zu erfahren, schließlich ist es auch ihre Tochter. Die Eltern von Anna verstehen sich trotz ihrer Trennung vor vielen Jahren sehr gut.

Nach sechsstündiger Autofahrt kommt er bei seiner geschiedenen Frau an. Er weiß gar nicht, wie er ihr das erklären soll. Wie soll er ihr sagen, dass ihre einzige Tochter tot ist und er daran wahrscheinlich schuld ist? Er bittet sie erst einmal, sich setzen zu dürfen. Sie bringt ihm ohne Aufforderung ein Glas Wasser und fragt, was los sei, dass er so eine weite Strecke herkommt ohne vorher Bescheid zu sagen. Er weiß nicht, wo er anfangen soll und gibt ihr deshalb zuerst das Tagebuch von Anna.

»Lies es dir durch. Dann weißt du, warum ich da bin.« , sagt der Vater mit Tränen in den Augen. Sie wundert sich, warum er das Tagebuch von Anna besitzt. Natürlich kann sie sich an das Buch noch erinnern. Anna hat es jedes Mal, wenn sie ihre Mutter besucht hatte, mitgenommen, um es auch dort anständig führen zu können.

Sie wartet kurz, beginnt dann aber nach weiterer Aufforderung ihres Mannes, das Tagebuch zu lesen. Auch sie bricht in Tränen aus, als sie fertig ist. Sie kann es nicht fassen, was darin steht. Trotzdem begreift sie nicht, warum er zu ihr gekommen ist.

»Das ist alles sehr traurig, und mich wundert es, dass Anna nie ein Wort darüber verloren hat. Sie kann doch immer mit uns über ihre Probleme reden. Aber du warst bestimmt zu viel unterwegs und hattest mehr mit der Arbeit zu tun, als dich um deine Tochter zu kümmern, typisch Mann!«, wirft sie ihm vor.

Der Streit eskaliert, bis ihm die Hand ausrutscht. »Ella, ich wollte es nicht, es tut mir leid.« Vergebens wartet er darauf, dass die Entschuldigung angenommen wird. Er weiß selbst, dass es auf keinen Fall eine Rechtfertigung dafür gibt, dass er sie zu geschlagen hat.

»Geh, und komme nicht mehr wieder. Am besten sage ich dem Jugendamt, was gerade hier vorgefallen ist. Kein Wunder, dass Anna nicht mit dir redet, du Schläger! Und jetzt verlass mein Haus und wage es nicht, auch nur ein einziges Mal wieder herzukommen. Ich rufe sonst die Polizei. Ich frage Anna, ob sie zu mir ziehen möchte. Hier hat sie es sowieso viel

besser.«

»Verdammt, du kannst Anna gar nichts mehr fragen. Der Grund, warum ich hier bin, ist nicht dieses Tagebuch. Sie haben Anna tot gefunden. Verstehst du? Anna ist tot. Tot. Ich mache mir Vorwürfe und jetzt bestätigst du die. Einmal müssen wir zusammen halten, aber du

schmeißt mich lieber aus deinem Haus. Ich schicke dir eine Einladung zur Beerdigung.«

Daraufhin rutscht der Frau die Hand aus. Sie kann es nicht ertragen, was sie gerade gehört hat. Sie kann nicht glauben, dass es wahr ist. Anna kann nicht tot sein. Sie ist gerade einmal sechszehn, da stirbt man nicht so einfach. Ihre Werte waren beim Arzt doch immer gut.

Die Mutter ist fast am Verzweifeln, als sie ihrem gerade wegfahrenden Mann hinterherruft. »Bleib bitte hier. Erkläre es mir, bitte. Es kann nicht sein, dass Anna tot ist. Du musst dich irren!«

Nachdem sich beide Gemüter wieder beruhigt haben, reden die beiden in Ruhe über die geschehenen Ereignisse. Er erklärt ihr, dass er bei der Polizei war, weil Anna abends nicht nach Hause kam. Kurze Zeit danach hatte die Polizei angerufen und Bescheid gegeben, dass sie ein Mädchen gefunden hatten.

Als er gerade das letzte Wort ausgesprochen hat, fängt sie an zu schreien. Sie kann es nicht wahrhaben. Sie bricht in Tränen aus und bekommt kaum noch Luft. Ihr geht es so schlecht, dass ein Rettungswagen kommen muss, um sie abzuholen und auf die Intensivstation zu verlegen.

»Hallo Tagebuch, der Tag heute war gut. Ich war mit Noah spielen. Das war gut. Bis morgen Tagebuch.« Das liest Annas Vater, als er auf der Intensivstation wartet. Es waren die ersten Worte in Annas Tagebuch. Er kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Diesmal sind es Freudentränen, die ihm in die Augen schießen. Er ist so in Annas Tagebuch vertieft, dass ihn der Arzt mehrere Male auffordern muss, mitzukommen.

»Ihrer Frau geht es etwas besser, jedoch müssen wir sie zur Beobachtung ein paar Tage hierbehalten«, erklärt er ihm. »Es wäre gut, wenn sie ein paar Klamotten für ihre Frau vorbeibringen könnten.«

Vor dem Krankenhaus bleibt er noch einige Zeit im Auto sitzen und liest Annas Tagebuch weiter. Jede einzelne Seite liest er gründlich durch, bis er zu einem Punkt kommt, der einen Hinweis auf ihren Tod geben könnte.

»Hallo Tagebuch, der Tag war heute wieder sehr anstrengend. Papa hat sich nur um seine Arbeit bemüht und mich nicht wirklich wahrgenommen. Es geht jetzt schon einige Zeit so, dass ihm die Arbeit wichtiger ist, als ich. Ich ertrage es einfach nicht mehr, ich möchte auch einmal wahrgenommen werden.

Seitdem er sich von Mama getrennt hat, hat er nichts anderes mehr zu tun, als nur zu arbeiten. Ich kann es nicht mehr ab. Es muss doch eine Möglichkeit geben, dass er mich wieder sieht und mich liebt. Wenn ich die ganzen Models in meinen Zeitschriften betrachte, wird man schon neidisch.

Überall liest man, dass es alle schaffen, so viel abzunehmen und dann berühmt werden. Das möchte ich auch, dafür gehe ich so weit es geht. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich möchte wieder wahrgenommen werden.«

Diese traurigen Sätze liest Annas Vater, ist sich jetzt jeder Schuld bewusst und kann verstehen, warum Anna sich zum Schluss so komisch verhalten hat. Er macht sich schlimme Vorwürfe, dass alleine er am Tod seiner Tochter Schuld sei. Mit Wut und Traurigkeit im Magen fährt er jedoch zu Annas Mutter, um dort Klamotten zu holen.

Als er dort ankommt, geht er zuerst in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Danach setzt er sich mit einem Foto von Anna, was auf der Kommode stand, auf das Sofa und fängt erneut an zu weinen. Das letzte Mal habe ich so geflennt, als mir im Kindergarten mein Spielzeugauto geklaut wurde, denkt er sich still und fängt durch diesen Gedanken an, noch extremer zu weinen, weil er die beiden Sachen nicht gleichstellen möchte. Nachdem er sich einigermaßen erholt hat, stellt er das Foto wieder auf die Kommode, verlässt das Wohnzimmer und begibt sich auf den Weg ins Schlafzimmer, um endlich die Klamotten zu holen. Er holt den schwarzen Koffer vom Schrank und öffnet ihn. Dort findet er einen Brief seiner ehemaligen Frau und liest ihn durch.

Der Brief war sogar für ihn gedacht gewesen. Zunächst schaut er auf das Datum und muss feststellen, dass der Brief erst vor kurzem verfasst wurde. Es geht darum, dass sie ihnen als Paar nochmal eine Chance geben möchte. Sie schreibt über die Sachen von früher, über ihr erstes Treffen und über den ersten Kuss. Besonders rührend findet er die Stelle, wo sie schildert, wie er die Schwangerschaft mit Anna erfährt.

Genau an diesem Tag wollte er seiner Frau einen Antrag machen. Es passte so perfekt, beide waren noch glücklicher, als sie zuvor schon waren. »Jetzt habe ich so viel geschrieben und hoffe, dass du UNS noch eine Chance gibst. Ich habe dich immer geliebt und werde dies auch immer tun, auch wenn du dich damals von mir getrennt hast. Du hast dich nur noch um die Arbeit gekümmert und Anna und mich alleine gelassen. Alles war dir wichtiger, als wir. Von morgens bis abends bist du unterwegs gewesen und als du dann wieder zu Hause warst, warst du so erschöpft, dass du nur noch schlafen wolltest. Na gut, ich hoffe einfach, dich wieder an meiner Seite zu haben. Ich liebe dich!«

Das ist der letzte Absatz, den er liest. Nachdem er den Brief noch ein zweites Mal gelesen hatte, packt er ihn zurück in den Koffer und nimmt den anderen, der direkt daneben liegt, um endlich die Sachen einzupacken und ins Krankenhaus zu bringen.

Dort angekommen, fängt der Chefarzt ihn ab und bittet ihn um ein Gespräch, wozu er mit in das Büro kommen soll. Ihm wird ein Glas Wasser angeboten, was er aber dankend ablehnte.

»Ich habe leider sehr schlechte Nachrichten für Sie. Bei weiteren Untersuchungen haben wir bei ihrer Frau einen Tumor im Bereich der Niere feststellen können. Er hat sich schon so weit ausgebreitet, dass es leider keine Operation mehr geben wird, um ihr zu helfen. Mit Glück bleiben ihr noch zwei Wochen. Im Allgemeinen geht es ihr ganz gut, wir geben ihr regelmäßig Schmerzmittel, jedoch werden Sie schnell bemerken, dass sie sehr schwach wird. Es tut mir wirklich sehr leid.«

Er kann kaum glauben, diese Worte gerade wirklich gehört zu haben. Er sitzt wie angenagelt auf dem Stuhl im Büro des Arztes und bekommt kaum ein einziges Wort raus. Als er sich wieder etwas gefangen hat, verlässt er stillschweigend das Büro und begibt sich zu Ella auf die Station. Im Zimmer angekommen sieht er sie in ihrem Bett schlafen. Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich zu ihr ans Bett. Er hält ihre Hand, bis sie schließlich erwacht. Sie wundert sich, was er hier macht. Er erklärt ihr, dass er gerade von ihrem Tumor erfahren hat und über ihre Gesundheit Bescheid weiß.

»Ich habe es auch vorhin erst gehört. Jetzt sehe ich Anna wieder. Pass bitte auf dich auf. Ich habe dich geliebt und werde dies auch immer tun.«

Dies sind ihre letzten Worte, bevor sie die Augen für immer schließt. Er versucht sie noch wachzuhalten, jedoch vergeblich. Er schreit sie an, aber Ella ist nicht mehr da. Sie ist schon auf dem Weg zu Anna. Jedenfalls denkt sie das.

In den letzten drei Tagen hat sich sehr viel ereignet. Zuerst verlor ein geschiedener Familienvater seine sechzehnjährige Tochter und wenige Tage später seine Ex-Frau. Alles steht Kopf, er weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Er ist verzweifelt und kommt mit dieser Situation alleine nicht zurecht, weshalb er vorübergehend bei einem Freund eingezogen ist. Er denkt nur an Anna und Ella. An nichts anderes kann er denken. Tagsüber verlässt er die Wohnung nicht, hält stundenlang ein Foto seiner Familie in den Händen. Und nachts kann er sich von dem Gedanken nicht trennen, dass er Schuld am Tod seiner Tochter hat. Sein Freund, versucht ihn aufzumuntern und bittet ihn, etwas zu unternehmen. Er kann verstehen, dass es schwierig sein muss, die Familie zu verlieren, aber trotzdem ist er der Meinung, dass es nichts mehr an der Situation ändert, wenn er nur noch Bilder anschaut oder heulend zu Bett geht.

»Das ist gerade nicht dein Ernst oder? Es kann doch nicht sein. Ich dachte, du bist ein Freund von mir. Wie kannst du bloß so

über Anna und Ella reden? Du weißt gar nicht, wie es sich anfühlt seine Familie zu verlieren. Lass mich einfach in Ruhe! Ich packe jetzt meine Klamotten zusammen und gehe wieder zu mir nach Hause. Hier kann ich es nicht mehr mit dir aushalten!«

Als er wieder daheim ist, hat er schon lange einen Entschluss gefasst. Er möchte bei Anna und Ella sein. Und diese sind nun mal nicht mehr am Leben. Er geht in die Garage und sucht sich ein dickes Tau. Als er das passende gefunden hat, geht er in das anliegende Waldstück und sucht sich einen Baum. Einen Baum, an dem er sich sein Leben nehmen wird, um wieder bei seiner Familie zu sein. Er schnürt eine Schlaufe, befestigt das Tau am Ast und schließlich an seinem Hals.

»Papa, bist du es? Was machst du da? Papa bitte sag doch was!« Anna rettet im letzten Moment ihrem Vater das Leben, indem sie das Tau mit einem Messer, was sie zufällig dabei hatte, durchtrennt. Sofort ruft sie einen Rettungswagen, damit dieser ihren Vater ins Krankenhaus bringen kann. Annas Vater kommt langsam wieder zu Bewusstsein, kurz bevor der Rettungswagen

eintrifft.

»Anna, Liebling, bist du es wirklich? Du bist doch tot, du kannst es nicht sein. Wo bin ich?«, fragt der Vater Anna, bevor er ins Krankenhaus gebracht wird.

Nach wenigen Stunden hatte sich der Vater wieder erholt und ist ansprechbar. Anna sitzt jetzt vor dem Zimmer und wartet darauf, dass ihr Vater endlich mit den Untersuchungen fertig ist. Als er dann schließlich den Raum verlässt und Anna vor sich sieht, kann er seinen Augen wieder kaum trauen.

»Anna? Du bist doch tot. Du kannst es nicht sein!«

Anna beginnt sofort zu weinen, als sie diese Worte hört.

»Warum tot? Ich weiß, dass es falsch war, nicht wieder zu kommen, aber ich war so genervt von dir, es ging einfach nicht anders. Du hast dich kein bisschen um mich bemüht, noch hatte ich den Anschein, dass ich dir in irgendeiner Weise wichtig bin und du mich liebst. Als sogenanntes Ventil habe ich dann eine neue Freundin kennengelernt. Ich hatte viel bzw. habe viel Spaß mit ihr und fühle mich von ihr akzeptiert. Es war mir egal, meine Gesundheit dabei aufs Spiel zu setzen und irgendwann habe ich die Kontrolle verloren, das habe ich jetzt auch eingesehen. Ich werde eine Therapie machen und mich versuchen zu ändern.«

Ihr Vater erklärt ihr, dass die Polizei ein junges Mädchen, was sehr abgemagert und vermutlich längere Zeit als vermisst galt, tot aufgefunden wurde. Dadurch, dass Anna auch weg war, ging er davon aus, dass sie es sei.

Aber wenn er genau darüber nachdenkt: Der Name der Toten wurde nie genannt.

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