Wie Onkel Erwin Tante Paula heiratete von Raymond Zoller

Paula, Friederieke, Jeanne oder doch Christine? – Das ist eine der Fragen, die hier beantwortet bzw. auch nicht beantwortet werden. Meiner Meinung nach eine der lustigsten Kurzgeschichten, die ich bisher gelesen habe.

Teaser:

Das ist nun schon sehr lange her … In den finsteren Labyrinthen der Vergangenheit verwirren sich die Fäden jener Ereignisse; und so sehr verwirren sie sich, dass es uns kaum je vergönnt sein dürfte, sie in entwirrtem Zustand unserer Erinnerung zugänglich zu machen; es sei denn, wir ermannen uns, in freiem Schaffen unerschrocknen Erfindergeistes sie neu zu erfinden und solcherart ihr Dasein der Öde des Nichtseins zu entwinden. Reißen wir denn nunmehr unseren Mut und unseren schöpferischen Kampfeseifer zusammen, auf dass wir Onkel Erwin mitsamt Tante Paula aus den gnadenlosen Krallen der Vergessenheit …
ISBN: 978-3-96385-009-7

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Das ist nun schon sehr lange her … In den finsteren Labyrinthen der Vergangenheit verwirren sich die Fäden jener Ereignisse; und so sehr verwirren sie sich, dass es uns kaum je vergönnt sein dürfte, sie in entwirrtem Zustand unserer Erinnerung zugänglich zu machen; es sei denn, wir ermannen uns, in freiem Schaffen unerschrocknen Erfindergeistes sie neu zu erfinden und solcherart ihr Dasein der Öde des Nichtseins zu entwinden. Reißen wir denn nunmehr unseren Mut und unseren schöpferischen Kampfeseifer zusammen, auf dass wir Onkel Erwin mitsamt Tante Paula aus den gnadenlosen Krallen der Vergessenheit befreien. *** Selbst habe ich Tante Paula nie gekannt. Aus dem wenigen, was man mir von ihr berichtete, muss ich zudem schließen, dass sie nicht Tante Paula geheißen hat, sondern ganz anders; doch wie sie wirklich geheißen hat und warum man sie wider besseres Wissen Tante Paula nennt, konnte ich bislang nicht herausfinden. Sowieso hat außer mir selbst bislang noch nie jemand sie Tante Paula genannt; doch auch von mir wüsste ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wie ich auf solches verfallen konnte. Und dann ist sie – wie man mir erzählte – keineswegs mit mir verwandt oder auch nur verschwägert; sodass sie folglich auch nicht meine Tante sein kann. Aber ich will sie trotzdem Tante Paula nennen; ganz unabhängig davon, warum ich das tue und mit welchem Rechte. Noch schwieriger verhält sich die Sache mit Onkel Erwin. Einen Onkel Erwin hat es, scheint’s, in meiner Familie irgendwann einmal gegeben; jedoch kann man kaum davon ausgehen, dass der mit Tante Paula verheiratet war; nicht zuletzt auch deshalb, weil, wie oben bereits angedeutet, Tante Paula nicht mit mir verwandt oder verschwägert war. Wäre Tante Paula nämlich mit Onkel Erwin verheiratet gewesen, so wäre sie meine Tante und folglich mit mir verwandt beziehungsweise verschwägert; was aber, wie gesagt, nicht der Fall ist. Zudem scheint es erwiesen, dass Tante Paula nie verheiratet war; zumindest nicht bis zu ihrem spurlosen Verschwinden, welches, wie man mir sagte, in ihrem dreiunddreißigsten Lebensjahre vonstattenging. Was darnach mit ihr geschah oder was sie tat – darüber gibt es nur Mutmaßungen. *** Wie man sieht, ist die Angelegenheit äußerst verworren. Um sie nicht unnötig weiter zu verkomplizieren, werde ich zunächst von Onkel Erwin absehen und meine ganze Aufmerksamkeit der Tante Paula widmen. Und wie ich mich denn nun in die Sache vertiefe, ersteht vor meinem inneren Auge eine Gestalt, die eine Mischung darstellt aus Jeanne d’Arc, Friederike Kempner und Christine Keeler; und diese Gestalt ist niemand anders als Tante Paula: jene Tante Paula also, welche nicht mit mir verwandt ist oder verschwägert, die nicht den Onkel Erwin geheiratet hat und die in ihrem dreiunddreißigsten Lebensjahre spurlos verschwand. *** Wer kennt nicht jene beeindruckende Fotoserie, auf welcher Christine Keeler, auf einem Stuhle schaukelnd, sich nackend unsern Blicken darbietet? – Gleich Christine Keeler hat das Schicksal auch Tante Paula auf das Engste mit einem Stuhle verbunden; und auch ausgezogen hat sie sich dabei; wenn auch nicht ganz so sehr wie Christine Keeler. All dies kam daher, dass sie sich eines Tages auf einen Stuhl setzte, der frisch gestrichen oder, wie manche sagen, mit Leim beschmiert war, und dass sie dabei sogleich festklebte. Und so gründlich klebte sie fest, dass alle Befreiungsversuche misslangen und dass ihr zur Befreiung kein anderer Weg übrigblieb, als, unter Zurücklassung ihrer festgeklebten Sachen, selbigen gewaltsam zu entschlüpfen. – Im Gegensatz zu Christine Keeler war sie jedoch keineswegs daran interessiert, dies vor aller Augen zu tun oder sich gar dabei fotografieren zu lassen; im Gegenteil bestand sie darauf, dass während ihrer diesbezüglichen Bemühungen alle Anwesenden bis auf den letzten Mann den Raum zu verlassen hatten. Von draußen schaute man ihr dann, einander abwechselnd, durchs Schlüsselloch zu. Das sei –- wie einer, der dabei war, berichtet – in erotischer Hinsicht zwar völlig unergiebig gewesen, habe dafür aber sehr komisch ausgeschaut. Trotz allen Bemühens sei es ihr nicht gelungen, sich aus dem festgeklebten Kleide zu befreien; und schließlich habe sie die Hinausgeschickten wieder hereingerufen, damit man ihr helfe. Mit vereinten Kräften und mit Hilfe einer Schere habe man das Problem zu guter Letzt dann auch bewältigen können. – Den Stuhl mit den festgeklebten Überresten ihres Kleides habe man dann in eine Vitrine gestellt mit der Aufschrift: „Stuhl, auf dem Tante Paula (oder wie auch immer sie geheißen hat) festgeklebt war“. Der Stuhl ist aber inzwischen verschollen; einzig von der Vitrine blieben ein paar Scherben erhalten; doch selbst die Herkunft dieser Scherben ist nicht eindeutig erwiesen, da manche behaupten, sie stammten von der gläsernen Eingangstüre, die Vater im Suffe einstens kaputt getreten. *** Der Grund aber, weswegen sie sich, gleich Christine Keeler, auf einen Stuhl setzte, bestand darin, dass sie aus ihren Werken vorlesen wollte. Im Gegensatz zu Christine Keeler war Tante Paula nämlich schriftstellerisch tätig; und sie hielt es für allgemeine Bürgerpflicht, die Früchte solcher Tätigkeit vermittels Lesungen auch ihren Zeitgenossen zugänglich zu machen. – Da sie nun in besagtem Fall sich zu einer sehr langen und sehr umfangreichen Lesung anschickte, zog sie es vor, selbige im Sitzen zu absolvieren, weil langes Stehen doch sehr ermüdet. Manches spricht dafür, dass der Stuhl nicht zufällig frisch gestrichen oder mit Leim beschmiert war; man vermutet, dass einer ihrer Zuhörer, der keine Lust hatte, so lange zuzuhören, ihn absichtlich präpariert hatte. In dieser Dichterlesung aber liegt, wie nicht zu übersehen, eine tiefe Verwandtschaft mit Friederike Kempner; obwohl Friederike Kempner – soweit bekannt – kein einziges Mal auf einem Stuhle festgeklebt ist. Einige Gedichte von Tante Paula blieben erhalten; zum Beispiel folgendes: Im Himmel herrscht Geigengetön, und die Luft ist durchzittert von Vögeln. Das Leben ist wirklich sehr schön, weil wir beide uns furchtbar gern mögen. Die meisten ihrer Gedichte aber waren viel länger; und am längsten waren ihre Dramen und ihre Prosa. *** Nach jenem Stuhlereignisse habe sie dann die Dichterlesungen eingestellt; doch etwas später habe sie plötzlich angefangen, den gleichen Personenkreis, den sie früher als Publikum für ihre Dichterlesungen zusammenzwang, als Publikum für Stripteasedarbietungen zusammenzurufen. Man geht davon aus, dass die exhibitionistischen Neigungen, die sich früher im Lesen ihrer Werke auslebten, durch besagtes Ereignis eine gewisse Läuterung durchmachten und nunmehr direkter zum Ausdruck kamen. Dabei hätten – wie man berichtet – ihre körperlichen Gegebenheiten mit dieser neuen Leidenschaft auf das Beste harmoniert; nur sei leider die choreografische Lösung ihrer Darbietungen zu sehr im Stil ihrer literarischen Erzeugnisse gewesen; was manchmal zu gewissen Peinlichkeiten führte und es mit sich brachte, dass die Zuschauer, wo immer es ging, sich von solchen Sitzungen fernhielten Die Metamorphose ihrer exhibitionistischen Neigungen habe dann nach einiger Zeit auch zu einer Metamorphose des Stuhlereignisses geführt; und zwar habe ein unbekannter Übeltäter vor ihrem Auftritt ihre Kleidung solcherart präpariert, dass sie an ihrem Körper festklebte und sich nur mit größter Mühe und unter Zuhilfenahme aller möglichen Chemikalien entfernen ließ. Nach diesem Ereignisse sei sie dann für längere Zeit spurlos verschwunden. Bis man plötzlich erfuhr, dass sie in der Violetten Auster, einem in Insiderkreisen wohl bekannten und hochgeschätzten Künstlernachtclub, zu von ihr selbst verfassten Lautgedichten erotische Tänze aufführte. Wie es hieß, waren ihre Darbietungen von höchster künstlerischer Form; das dichterische und das choreografische Element seien sehr ausgereift und beides auf das Beste aufeinander abgestimmt. Offensichtlich also hatte sie während der Zeit ihres Verschollenseins eine weitere Metamorphose durchgemacht, welche ihre unvollkommenen Einseitigkeiten zu höherer und somit vollkommenerer Einheit vermählte. Leider aber war weit und breit kein Insider in Sicht, der gewusst hätte, wo man diese Violette Auster denn nun finden kann, wie ihre Öffnungszeiten sind, ob man irgendwo Mitglied sein muss, um reinzukommen, oder ob man einfach so reingelassen wird; und es war nicht einmal auszumachen, ob sie überhaupt existiert. Typisch Tante Paula: erst spurlos verschwinden und dann spurlos wieder auftauchen … Wie dem auch sei: Es lässt sich nicht übersehen, dass sie über all diese Ereignisse hinweg eine spürbare Entwicklung durchgemacht hat. Kein Zweifel kann bestehen, dass die beiden Klebstoffaktionen für sie heilsame Schwellenerlebnisse darstellten, die sie jeweils zur Revidierung ihres bisherigen Weges zwangen; und es gab in der Folge nicht wenige, die diese Aktionen für sich in Anspruch nahmen. Bloß handelt es sich bei den Betreffenden durchwegs um Persönlichkeiten, denen es kaum jemals einfallen würde, eine einmal eingeschlagene Richtung in selbstverantwortlicher Tat zu ändern, und die dafür jeden Abweichler auf das Energischste bekämpfen würden und dafür, wenn eine von fremder Hand vollzogene Richtungsänderung sich bewähren sollte, im Brustton der Überzeugung behaupten, sie hätten schon immer so gedacht und seien insgeheim schon immer Vorkämpfer dieses Neuen gewesen; sodass man annehmen muss, dass der wirkliche Täter nicht darunter ist und dass dieser, wie alle wahren Wohltäter, genug damit hat, dass seine pädagogische Tat Früchte bringt und keinen Wert darauf legt, Lorbeeren dafür zu ernten. *** Nach der Violetten Auster blieb sie dann endgültig verschollen. Manche behaupten, sie sei als Christine Keeler wieder aufgetaucht; was ja durchaus möglich und nicht von der Hand zu weisen ist; wie auch eine andere Sichtweise, welche besagt, sie sei zwar nicht selbst Christine Keeler gewesen, habe aber als inspirierende Kraft im Hintergrund gestanden, nicht so ohne Weiteres widerlegt werden kann. Wie dem auch sei: Die Sache wirkt sehr geheimnisvoll. Und noch geheimnisvoller ist ihre Beziehung zu Friederike Kempner. Hierüber kursieren die verschiedensten Theorien, die je nach Weltanschauung ganz spezifische Gesichtspunkte berücksichtigen. Die einfachste Theorie lautet, Tante Paula sei in ihrer früheren Verkörperung Friederike Kempner gewesen; etwas komplizierter veranlagte Naturen behaupten dafür, irgendwelche hinter den Kulissen wirkende Mächte hätten heimlich ihren Ätherleib durch den konservierten Ätherleib von Friederike Kempner ausgetauscht. Wieder andere gehen davon aus, dass Friederike Kempner im Alter von fünfundzwanzig Jahren sich einfrieren und durch eine Doppelgängerin ersetzen ließ, die dann unter ihrem Namen weiterlebte, schließlich starb und auch als Friederike Kempner beerdigt wurde; und dass sie dann, als sie wieder aufgetaut wurde, den Namen „Tante Paula“ (oder wie auch immer) annahm und unter diesem Namen ihr Wirken fortsetzte. Und noch viele andere Theorien gibt es. Ihre Beziehung zu Jeanne d’Arc aber ergibt sich aus der unerbittlichen Konsequenz, mit der sie eine einmal eingeschlagene Richtung bis zum Scheitern weiterverfolgte und aus der Folgerichtigkeit, mit der sie nach Fehlschlägen die jeweils angebrachte neue Richtung finden konnte. Was nun Onkel Erwin betrifft, so hat der, scheint’s, zu großen Wert auf die Unversehrtheit seiner behaglichen bürgerlichen Welt gelegt, als dass die Lebensart von Tante Paula nach seinem Geschmack hätte sein können. Höchstens, dass er ab und zu in irgendwelchen wohlversteckten Winkeln seiner Seele davon träumte, eine solche Frau mal zu treffen; jedoch hätten diese Winkel schon sehr versteckt und unzugänglich den Blicken der „Leute“ sein müssen; genauso versteckt wie die Orte solcher erträumten Treffen. Dass er sie vor aller Augen hätte heiraten können – daran ist nicht einmal zu denken. Sodass man, abgesehen von allen anderen bereits vorgebrachten Einwänden, auch von hier aus an eine solche Verbindung zwischen Onkel Erwin und Tante Paula kaum glauben kann. Der Titel vorliegender Arbeit wird denn wohl für alle Zeiten ein nicht zu lösendes Rätsel bleiben.

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