Wissenschaftliche Teamarbeit von Johannes Wöstemeyer

Die Frage, die sich jedem Leser stellt. Ist die Geschichte wahr? Wir denken die Frage muss sich jeder selbst beantworten.

Teaser:

Irgendjemand war hier gewesen. Er spürte es, auch wenn er nicht ganz sicher war. Das Wochenende
hindurch hatte er im Labor gearbeitet. Erst am späten Sonntagabend war er nach Hause
gegangen. Abgeschlossen waren die Experimente nicht, doch weiter kam er nicht. Ein wichtiges
Messgerät fehlte, das er sich am Montag im Physikalischen Institut auszuleihen erhoffte.
In der Nacht war er trotzdem nochmals ins Labor gegangen, weil er glaubte, ein giftiges Reagens
auf dem Tisch vergessen zu haben. Das war zu riskant, beschloss er; das Putzpersonal könnte es
am frühen Morgen versehentlich umstoßen und sich gefährden.
Zwei Stunden später kam er …

ISBN: „978-3-96385-030-1“

Die Kurzgeschichten direkt hier lesen:

Wissenschaftliche Teamarbeit

Irgendjemand war hier gewesen. Er spürte es, auch wenn er nicht ganz sicher war. Das Wochenende hindurch hatte er im Labor gearbeitet. Erst am späten Sonntagabend war er nach Hause gegangen. Abgeschlossen waren die Experimente nicht, doch weiter kam er nicht. Ein wichtiges Messgerät fehlte, das er sich am Montag im Physikalischen Institut auszuleihen erhoffte.

In der Nacht war er trotzdem nochmals ins Labor gegangen, weil er glaubte, ein giftiges Reagens auf dem Tisch vergessen zu haben. Das war zu riskant, beschloss er; das Putzpersonal könnte es am frühen Morgen versehentlich umstoßen und sich gefährden.

Zwei Stunden später kam er im Labor an. In der Luft lag ein seltsamer, etwas aufdringlicher Duft, der nicht von der chemischen Synthese stammte, leicht nur, aber dennoch eindringlich. Im ersten Moment hatte er an ein fruchtiges Parfum gedacht, doch kam ihm das unwahrscheinlich vor. Die Kolleginnen und Studentinnen, die im Chemischen Institut arbeiteten, verwendeten so etwas nicht, jedenfalls nicht bei der Arbeit. Ein wenig beunruhigte ihn seine kleine Beobachtung, aber dann sagte er sich, dass der leichte Duft von draußen durch das geöffnete Fenster ins Labor gelangt sein könnte. Das Gift hatte er im Übrigen nicht auf dem Tisch vergessen. Himmel hilf, lächelte er über sich selbst, wie oft war er schon wegen irgendwelcher Befürchtungen zurückgekehrt, die sich im Nachhinein sämtlich als haltlos erwiesen hatten.

Inzwischen war es kurz vor Mitternacht; die letzte Straßenbahn hatte er verpasst. Um acht, pünktlich zu seiner Vorlesung über moderne Syntheseverfahren, würde er wieder in der Universität sein müssen. Er fand, der einstündige Marsch nach Hause lohne sich nicht mehr recht. Stattdessen eilte er rasch zum Späti an der Straßenecke, kaufte sich zwei Flaschen Bier, ein belegtes Brötchen und eine Tüte Erdnüsse und setzte sich damit in sein Büro. Er würde das Laborprotokoll fertigmachen, und falls noch Zeit bliebe, sich anschließend mit Country-and-Western-Oldies per Internetradio amüsieren.

Gegen Morgen, nach einem freundlichen Plausch mit der Putzfrau, huschte er dann doch wieder auf einen Kurzbesuch ins Labor, ohne besondere Absicht, nur aus Langeweile. Der Duft war stärker geworden. Bei genauerem Hinsehen fiel ihm auf, dass seine Syntheseapparatur ein wenig verschoben zu sein schien.

Verfolgungswahn gehörte nicht zu seinen Macken, eher schon die ausgeprägte Genauigkeit, die ihn die winzige Änderung des experimentellen Aufbaus spüren ließ. Sorgen mochte er dennoch nicht zulassen, zumal er nicht ganz sicher war. Klar, in weiten Bereichen seines Fachs war die Rede von Industriespionage, und seine ehemaligen Studienkollegen, die nach der Doktorarbeit als Chemiker in die Industrie gegangen waren, hatte man zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet. Auf wissenschaftlichen Tagungen wirkten sie daher eher langweilig, weil sie zwar vieles wissen wollten, jedoch kaum jemals Nennenswertes beitrugen. In aller Regel hatten sie nicht einmal die Möglichkeit, schon überhaupt nicht die Erlaubnis, in der Nacht und am Wochenende zu arbeiten. Solche Anweisungen firmierten unter dem Schlagwort Work- Life-Balance, sollten allerdings zusätzlich ausschließen, dass man den Kollegen ohne Erlaubnis etwas wegnahm oder Know-how abguckte.

Überlegungen dieser Art kümmerten ihn nicht. Universitäten zeichneten sich nach seinen Erfahrungen und zu seinem großen Ärger dadurch aus, dass an der tatsächlichen Arbeit ohnehin niemand Interesse hatte. Auf den Leitungsebenen von Fakultät und Zentraluniversität drehte sich alles nur um die eingeworbenen Finanzmittel, die Mitarbeit in irgendwelchen ranghohen Ausschüssen, das internationale Renommee und um Publikationen in solchen Journalen, die von der Universitätsleitung als hochrangig eingestuft wurden. Dies selbstverständlich auf der Basis irgendwelcher Einflüsterungen aus den besonders geschätzten Forschungsinstituten.

Für seine derzeitige Arbeit interessierten sich weltweit allenfalls ein paar Dutzend Wissenschaftler. Die Synthese einer kompliziert aufgebauten chemischen Substanz mit Hormonwirkung, die einen seltenen meeresbewohnenden Wurm zur Paarung veranlasste, war zwar von der Syntheseplanung her kompliziert und fordernd, doch war das richtige Grundlagenforschung. Man würde folglich zwar in diesem Bereich der Biochemie Klarheit gewinnen, doch kein Industriechemiker brächte dafür jemals mehr als nur höfliches Interesse auf. Die Arbeit war anspruchsvoll, deshalb mochte er sie. Tatsächlich hatte er sie nur begonnen, weil ihn ein Abteilungsleiter am benachbarten Max-Planck-Institut dazu überredet hatte. Dort hatte man die seltsame, paarungsstimulierende Aktivität entdeckt. Gemeinsam war es dann gelungen, ein wenig dieser Substanz aus den Würmern zu extrahieren und die chemische Struktur festzustellen. Das Hormon in den Mengen zu synthetisieren, dass man vernünftig damit experimentieren konnte, war jetzt allein seine Sache. Am Max-Planck-Institut hatte man dazu weder das Know-how noch die technischen Möglichkeiten. Er grinste mit tiefer Befriedigung, wenn er daran dachte, dass seine kleine Arbeitsgruppe dieses Mal die besseren Möglichkeiten hatte. Das kam selten genug vor.

Das von der Bedeutung her überschaubare, aber intellektuell fordernde Ziel beschäftigte ihn schon fast ein ganzes Jahr und verschaffte ihm nun, kurz vor der Vollendung, erhebliche Befriedigung. Auch die wöchentlichen Kooperationsbesprechungen mit den Partnern vom Max-Planck-Institut gefielen ihm. Mit großer Freude berichtete er dort über seine experimentelle Planung und die erfreulichen Ergebnisse, zu denen man ihn immer wieder beglückwünscht hatte. Lediglich ein paar physikalische Größen der in seiner Apparatur wartenden Vorstufe des Hormons mussten gemessen werden, um dann in einer letzten, sehr einfachen Reaktion die Substanz fertigzustellen. Nur noch ein paar Tage, dann würde er mit den Kollegen vom benachbarten Forschungsinstitut anfangen, die zugehörige wissenschaftliche Publikation zu schreiben. Er freute sich darauf.

Nach der Vorlesung lief er zu seinen Freunden im Physikalischen Institut und wie immer lieh man ihm bereitwillig das erforderliche optische Messinstrument. Zwischen den Kollegen war es seit Langem üblich, sich gegenseitig zu helfen. Auch der Preis war klar: Man spendierte einen Kasten Bier, den man am folgenden Freitag gemeinsam trank.

Die Messungen am nächsten Tag warfen ihn für Monate aus der Bahn. Schreckensbleich überprüfte er wieder und wieder die Messapparatur. Alles war in Ordnung. Nur die Substanz verhielt sich völlig anders als erwartet. Sie gehörte nicht einmal in die

selbe Stoffklasse und konnte überhaupt nicht das Produkt seiner Synthese sein. Nur winzige Spuren der richtigen Chemikalie waren noch nachweisbar. Alles andere sah nur äußerlich gleich aus. Die genaue Analyse ergab, dass es sich um die Lösung eines banalen, im Chemikalienhandel erhältlichen Fruchtsäure-Esters handelte. Den Geruch kannte er seit der Nachtschicht im Institut.

In der folgenden Woche las er im Wissenschaftsteil der lokalen Tageszeitung:

 

»Aus dem Max-Planck-Institut wird mitgeteilt, dass man in mühevoller, langjähriger Arbeit ein bei ökologisch überaus wichtigen Würmern der Meere der nördlichen Hemisphäre ein Sexualhormon identifiziert hat, das diese selten gewordenen Tiere zur Paarung stimuliert. Besonders stolz ist man, dass es gelungen ist, in einer unvergleichbar aufwendigen chemischen Synthese größere Mengen des Hormons darzustellen. Man ist sich sicher, dass man nunmehr mit Erfolg das ehrgeizige Ziel in Angriff nehmen kann, die Populationen dieser als Folge der Klimaerwärmung selten gewordenen Würmer zu erhöhter Paarungseffizienz zu veranlassen, um auf diesem Wege die Individuenzahl nachhaltig zu erhöhen.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!